Menschlicher Irrwitz: Zwei meisterhafte Romane von Camilleri

Menschlicher Irrwitz des Camilleri

Der menschliche Irrwitz: Mit den Büchern Die Mühlen des Herrn und Der unschickliche Antrag setzt der Berliner Verlag Klaus Wagenbach in seiner italienischen Reihe Akzente.
 Und der Wahnsinn kommt einem irgendwie bekannt vor.

Er ist schon ein ganz Ausgefuchster, der Andrea Camilleri. Seine Romane aus Sizilien decken den Wahnsinn Mafia auf – sie führen an die Wurzeln des Systems. Camilleri gelingt dabei ein Kunststück: Er schreibt über die Mafia, ohne sie besonders zu erwähnen und zu personalisieren.

Der Roman entlarvt das korrupte System

Und er zeigt und das ganze korrupte System – und wir wissen, das so die Mafia funktioniert, weil alle korrupt sind. Das ist die Wurzel der Korruption, die sich wie eine Krake über das Land zieht. Die Mafia ist da nur eine besonders harte Clique von Korrupten. Die Mafia – das sind alle, die sich kaufen lassen. Camilleri gönnt uns bei seiner Enthüllungsarbeit ein besonderes Vergnügen: Er leistet sie in Form überaus amüsanter Romane. Und wir lernen: Schon vor Berlusconi war das Land in keinem guten Zustand.

Camilleri unterhält köstlich

Das jüngste Beispiel: Mühleninspekteur Giovanni Bovara bekommt einen neuen Job in Montelusa. Dort soll er dafür sorgen, dass die Mühlenbesitzer die staatlichen Auflagen erfüllen. Was vor allem bedeutet, dass sie ihre Abgaben zahlen. Das tun sie aber nicht, haben sich viel mehr mit den Unterinspekteuern arrangiert und ein ausgeklügeltes System von fingierten Kontrollen und Strafen entwickelt, das die Obrigkeit ruhig stellen soll. Jeder verdient daran, jeder hat seine Finger im Spiel. Vor allem die ganz noblen Herrn im Distrikt sind mit von der Partie.
Der Leiter der Polizei, Giovannis Vorgesetzter im Finanzministerium, der Advokat, der Herausgeber der Zeitung und so weiter. Beste Familien also, ehrenwerte Familien. Als Giovanni unbestechlich bleibt, droht ihm ein ähnliches Schicksal wie seinen Vorgängern, die zwar bestechlich waren, aber dennoch einen jähen Tod starben.


Giovanni ist gewitzt. Und seine Romane voller Irrwitz

Doch Giovanni ist gewitzt – er nimmt den Kampf selbst noch aus dem Gefängnis auf. Und seine Schachzüge sind clever; so clever, dass seine Gegner klein beigeben. Sein Sieg aber ist nicht vollkommen – er verliert immerhin seinen Job. Aber das ist immer noch besser, als sein Leben zu lassen.

Ein zweiter Camilleri-Roman

Ein weiterer Roman vom Schlitzohr Camilleri, der prall voller Leben ist, drastisch und doch zum Schmunzeln einlädt. Und der kein gutes Haar an denen da oben lässt. Wie es sich gehört. 
Übrigens: Camilleri schenkt uns wieder eine kleine Köstlichkeit – die Briefe, die zwischen den Kontrahenten hin und her gehen und die im Wortlaut abgedruckt sind. Sie lassen uns die Entwicklung der Geschichte schnell und gründlich durchschauen. Ein köstliches Buch.


Ein Schürzenjäger in Schwierigkeiten

Und noch eine köstliche Geschichte gibt es auf Deutsch nachzulesen, weil sie der Wagenbach Verlag herausgebracht hat: Im Sizilien des ausgehenden 19. Jahrhunderts beantragt ein gewisser Filippo Genuardi ein Telefon. Das ist zu jener Zeit nicht nur eine höchst seltene Einrichtung – vor allem für einen Privatmann –, das ist auch technisch eine komplizierte Sache. Und wie immer bei solchen Dingen ist die Flut von Anträgen und Briefen, die es braucht, bis ein Telefon genehmigt ist, erheblich. Die Behördenmühlen mahlen langsam, aber umwerfend gründlich.

Italienische Mühlen mahlen gründlich. Der menschliche Irrwitz auch

Nun begibt es sich aber, dass die Obrigkeit an lautere Motive des Genuardi nicht glauben mag. Wieso braucht der Kerl ein Telefon? Ein braver Bürger braucht keinen Anschluss – also muss der Genuardi ein Revolutionär, Umstürzler, Sozialist sein. Und so gerät der Schürzenjäger tief in den Schlamassel aus Verdächtigungen, Intrigen, Gerichtsverhandlungen und Gefängnis. Weil aber auch die Mafia zeitweise die Hand über ihn hält, kommt er wieder frei.

Camilleri zeigt den menschlichen Irrwitz

Das Ende ist dennoch nicht gut – wird aber live am Telefon übertragen. Camilleri, dem römischen Schriftsteller und Theaterregisseur, gelang eine komische Geschichte, die den menschlichen Irrwitz trefflich porträtiert. Sehr unterhaltsam.

Andrea Camilleri, Die Mühlen des Herrn, Roman, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 224 Seiten, 19.50 Euro, ISBN-10: 3803131480, ISBN-13: 978-3803131485.

Andrea Camilleri, Der unschickliche Antrag, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 278 Seiten, 19.50 Euro, ISBN-10: 380313143X, ISBN-13: 978-3803131430.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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