Zunke, Alexandra: Der Hausarzt

Bild: pixabay.com/Dirk Fuhlert

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Die Zutaten zu diesem Kriminalroman sind gut – allerdings bleiben die Personen seltsam verwaschen. Und der ständige Wechsel der Erzählperspektive stört.

Gute Chancen für einen Krimi

Was hätte das für ein Buch werden können. Ein alter, angesehener Arzt wird ermordet. Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, dass er der Arzt gar nicht so honorig ist. Die Ermittler finden DVDs mit kinderpornografischem Material bei ihm. Doch das ist nur die erste Stufe beim Abstieg in die zwischenmenschliche Hölle. Wir erfahren mit dem ermittelnden Kommissar Kramer, dass der Mediziner zwei seiner Patientinnen missbrauchte, als diese noch Mädchen waren. Und siehe da: Beide scheinen hinter dem Mord zu stecken; ebenso wie der missratene Sohn des Arztes, der ein Freund der beiden jungen Frauen ist.

Ein Mord und mehr

Bei einem Mord bleibt es nicht: Auch die junge Lebensgefährtin des Ermordeten, eine der mutmaßlichen Täterinnen und deren Freund müssen sterben. Damit ist ein Panorama geschaffen, das sich wunderbar geeignet hätte, die Grenzen zwischen Täter und Opfer, Mördern und Ermordetem zu verwischen. Doch darin versagt der Roman – wir bekommen zwar im Laufe der Zeit das Motiv für den ersten Mord präsentiert und verzeihen fast der Täterin. Aber die drei anderen Morde kommen unvermittelt und werden erst spät erklärt.

Durcheinander in der Perspektive

Hinzu kommt ein schreckliches Durcheinander der Erzählperspektive: Warum müssen wir einmal aus der Sicht der Mörderin ein Stück der Geschichte erfahren, dann wieder aus der Sicht von Kommissar Kramer und kurz darauf aus der einer dritten Person? Das verwirrt und trägt nicht dazu bei, die Spannung zu erhöhen.

Zu schneller Wechsel der Perspektive

Der Wechsel der Perspektive kommt manchmal in einem Kapitel, nach einem Absatz gar. Eben wird noch der mit Kramer befreundete Kommissar in München niedergeschlagen, weil er den Tätern auf die Spur kommt (ohne es zu wissen. Der letzte Satz dieser „Einstellung“ lautet: „…dann wurde es dunkel und es herrschte nur noch Stille.“
Absatz. Weiter geht es so: „Er hätte nicht so aus der Haut fahren sollen, aber jetzt konnte er auch nichts mehr daran ändern.“

Völlig verwirrt

Da kommt der Leser scher ins Stocken. Was soll denn das? Ist der Niedergeschlagene auch noch aus der Haut gefahren, der arme Kerl? Der Leser muss auf der anderen Seite noch bis zur Hälfte lesen, ehe er merkt. Dass beim zweite „er“ nicht der niedergeschlagene Kommissar gemeint ist, sondern Kramer.

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Unausgegoren

Der bleibt ähnlich unausgegoren und verwaschen wie alle Personen. Als Kommissar ist Kramer eher mit seiner Abneigung gegen Kollegen Marxx beschäftigt, mit seiner innerlichen Unbehaustheit, seiner Weinerlichkeit, dem Stress mit dem Vorgesetzten und seinem Schwulsein – als er sich um den Fall kümmerte. Ein Wunder, dass er der Mörderin auf die Spur kommt. Und als sie dann endlich gesteht, ist Kramer so erschüttert, als hätte er noch nie in menschliche Abgründe geschaut.

Ein komischer Kommissar

Nein, das Buch gefällt nicht. Wenn es schon mit der Perspektive der Mörderin anfängt und wir gleich deren Motive erfahren – wenn auch noch nicht sofort deren Identität –, dann hätte die Geschichte von ihr aus aufgebaut gehört. Ihre Verletzungen in der Kindheit, ihr Kampf darum, normal zu werden, ihr Blick auf den angesehenen Arzt und so weiter. Bis sie ihn umbringt. Oder wir hätten uns die Perspektive des Kommissars gewünscht, der allmählich lernen muss, dass der Arzt so honorig nicht war; und wir hätten seine zähe Ermittlungsarbeit und dann sein Erstaunen über die Abgründe der menschlichen Natur miterlebt. Oder die feine Gesellschaft wird geschildert, in die das Verbrechen und dann das Grauen hereinbricht.

Wie dem auch sei – alles wäre besser gewesen als so ein Durcheinander. Schade um die gute Geschichte. Am besten nochmal schreiben!

Alexandra Zunke, Der Hausarzt, gebundene Ausgabe: 218 Seiten, Schweitzerhaus Verlag, 1. Auflage (1. Dezember 2009), ISBN-10: 3939475807, ISBN-13: 978-3939475804, 15,50 Euro.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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