Zauberer auf Reisen – ein Märchen

Bild: Bruder Lustig

 Lasst mich eine kleine Geschichte erzählen …

In der kleinen Stadt lebte ein Junge mit Namen Jan. Der wünschte sich schon lange Meerschweinchen – doch seine Mutter war eine vorsichtige Frau. Sie ließ sich erst ein paar Wochen lang versprechen, dass Jan auch seine Meerschweinchen gut versorgen und sauber machen würde. Dann schaffte sie sich schon mal den Käfig mit Streu, Häuschen, Futterschale, Heuraufe und Trinkflasche an – doch statt der Meerschweinchen, wie Jan gehofft hatte, bekam er ein Buch über die Tiere in die Hand gedrückt. »Das liest Du erst einmal durch«, sagte seine Mutter, »damit Du weißt, wie Du Deine Meerschweinchen behandeln musst.«
Jan las – und hatte nach zwei Tagen das Buch durch.
»So, und jetzt liest Du es noch einmal langsam durch«, sagte seine Mutter. »Vor Samstag bekommst Du die Schweine sowieso nicht.«
 

Eine Woche auf die Meerschweine warten

Heute war Montag; da musste Jan noch fast die ganze Woche warten. Das war gemein, aber leider nicht zu ändern.
Am nächsten Tag, als Jan ins Wohnzimmer kam, um den Esstisch zu decken, hörte er ein Rascheln im Käfig. Er sah gerade noch, wie ein rot-weiß-schwarz geflecktes Meerschwein im Häuschen verschwand. Prima, dachte Jan, Mama hat mich überrascht. Er ging vorsichtig zum Käfig – und sah das gefleckte Schwein aus dem großen Häuschen spitzen, ein schwarzes aus dem kleinen Häuschen schauen und eines, das rostrot war und Wirbel hatte und ängstlich unter dem Rindentunnel hervorlugte. Drei waren es also. Das war ja besser, als sich Jan jemals erträumt hatte.

Ist hier Mallorca?

»Ob das hier Mallorca ist?«, flüsterte das gefleckte Schwein – und Jan konnte es verstehen! Das gab es doch nicht.
»Nee, glaube ich nicht. Dazu ist es zu trübe«, sagte das schwarze.
»Oh Gott«, jammerte das rote Schwein.
»Aber der Kerl da, das scheint ein Mensch zu sein«, sagte das schwarze Schwein und schielte vorsichtig aus dem Häuschen, Richtung Jan.
Sprechende Meerschweine, das glaubte ihm keiner.
»Ja, aber Menschen gibt es überall auf der Welt, nicht nur auf Mallorca.«
»Echt? Sollen wir den trotzdem mal fragen, ob das hier Mallorca ist?«
»Lieber nicht, sonst grillt er uns vielleicht.«
»Wieso sollte er das tun?«
»Ich habe gelesen, dass Menschen Meerschweine essen.«
»Oh Gott, oh Gott, oh Gott«, quiekte das Rote.
»Aber doch nur in Südamerika«, sagte das gefleckte Schwein – »sind wir hier in Südamerika?«

»Nee«, erwiderte der Schwarze, »so schöne Häuser haben die da nicht.«

»Immer Du und Deine Billigmeierei. Immer ein paar Taler sparen. Jetzt haben wir den Salat«, keifte das dicke, rote Schwein. »Wir mussten ja unbedingt als Meerschweine reisen. Nur, weil es billiger ist.«
»Als Tiere zu reisen, ist immer noch die sicherste Sache«, antwortete das schwarze Meerschwein trotzig.

Menschen fressen Tiere

»Ja, vielleicht«, sagte das Rote, »aber hätten es unbedingt Tiere sein müssen, die von Menschen gefressen werden?«
»Sag mir mal, welche Tiere von Menschen nicht gefressen werden – irgendwo auf der Welt?«, nölte das Gefleckte. »Ich finde, wir hätten gar nicht zu den Menschen reisen sollen. Habe ich von Anfang an gesagt. Zu Leuten, die andere Leute fressen, fährt man nicht.«
»Tiere sind die einzige Möglichkeit für uns, in die Welt der Menschen zu reisen.«
»Ja vielleicht, aber wenn wir eine Reise als Vögel gebucht hätten, wären wir sicherer gewesen.«
»In Italien essen sie Vögel«, sagte das gefleckte Schwein schnippisch.
»Oh Gott«, jammerte das Rote.
»Hast Du mal geschaut, was eine zweiwöchige Pauschalreise als Vögel gekostet hätte? Ein Vermögen, sagte ich euch.«
»Ich finde, man muss gar nicht in die Welt der Menschen reisen. Das haben wir 7000 Jahre lang nicht gemacht, wieso jetzt?«, meckerte das gefleckte Schwein.
»Das kann ich Dir sagen, meine Tochter«, antwortete das rote Schwein, »weil dein Vater auch jede Mode mitmacht. Und derzeit ist es hip, zu den Menschen zu reisen. Aber bei deinem Vater muss es natürlich immer schön billig sein.«
»Jetzt beruhigt euch«, knurrte das schwarze Schwein, »hier ist es für Meerschweine nicht gefährlich. Vertraut mir. Sonst hätte der komische Kerl da längst seinen Kochtopf geholt. Als Meerschweine in die Welt der Menschen zu reisen, ist nicht gefährlich. Stellt euch vor, was sie mit uns machen würden, wenn wir als Zauberer gekommen wären.«

Die Zauberer

»Oh Gott oh Gott oh Gott!«, jammerte das rote, dicke Schwein und rannte vom Rindentunnel ins Häuschen. Dabei schubste es das schwarze Schwein rüde beiseite, musste in dem engen Eingang aber trotzdem ziemlich strampeln, bis es sein dickes Hinterteil ins Häuschen gezwängt hatte. »Als Zauberer in die Welt der Menschen zu reisen, ist verboten«, quäkte das gefleckte Schwein, »seit dem Massaker beim gezackten Haistein im Jahr 1563. Das endete mit empfindlichen Verlusten für die Zauberer – und niemand weiß, warum…«
»Das weiß ich selbst, Auguste«, fauchte das schwarze Schwein, das sich wieder in den Eingang des Häuschens zurückgekämpft hatte. »Deshalb reisen wir auch als Meerschweine. Und damit basta.«
»Ich will hier wieder weg, wenn das nicht die verborgene Schweinebucht auf Mallorca ist«, maulte die Mutter, das rote Schwein, aus der Tiefe des Häuschens.
»Aber diesmal zielst Du besser, klar, Papa«, ergänzte Auguste vorwitzig.
 

Das glaubt Jan niemand

»Jaja«, murmelte der Vater, das schwarze Schwein, »die kleine magische Weltkugel, die sie einem im Reisebüro gegeben haben, ist ziemlich unleserlich. Aber ich denke, jetzt habe ich Mallorca. Fertig?«
Er murmelte etwas, dann gab es drei Mal einen peitschenden Knall – und die drei Meerschweine, die eigentlich Zauberer waren, verschwanden.
Jan rieb sich die Augen. Das glaubte ihm niemand.
Da kam seine Mutter ins Wohnzimmer, gähnte und streckte sich. »Was war das denn für ein Lärm?«, fragte sie. Und, mit einem misstrauischen Blick auf ihren Sohn, »was starrst Du denn den Käfig so an? Du kannst es ja kaum erwarten, bis Du Deine Meerschweine bekommst. Na, bald ist es ja soweit.« Sie strich Jan über den Kopf – und sah dabei gar nicht, dass ihr Sohn ziemlich kariert guckte.

Zauberer auf Reisen ist eine Geschichte aus dem Buch:

Klaus Krüger, Küsschen für die kleine Stadt, 
neu: EUR 10,00, ISBN 9783940582133.

Und als eBook: EUR 7,99

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

2 Kommentare:

  1. You are welcome 🙂 Greetings BL

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