Geraubte Seele – eine Hurengeschichte der besonderen Art, von Zoe Zander

Hurengeschichte: Geraubte Seele

Bild: pixabay.com/VoThoGraf

Alex, eine begehrte und teure Liebesdame, hat einen spezielle Leidenschaft: Bondage und SM. Dabei überschreitet sie Grenzen.

Liebesdame mit besonderem Service

Harte Kost beschert Zoe Zander ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Roman Geraubte Seele. Sie erzählt von einer Liebesdame, die ganz besonderen Service bietet: Bondage, SM und Rollenspiele, die ganz speziell sind – weil Alex, wie sie heißt, hierbei regelmäßig Grenzen überschreitet. Grenzen, die sie selbst in höchstem Maße gefährden. Und ihre Freier ganz offensichtlich in höchstem Maße entzücken.

 

Begehrt und teuer als Hure

Kein Wunder, dass sie als Hure begehrt und teuer ist. Denn es gibt diese besondere Art von Männern, die Vergnügen daran findet, Frauen zu demütigen und zu peitschen, bis sie selbst zu müde werden, die Peitsche zu schwingen. Oder die Lust darin finden, die ungeliebte Kollegin über die Maßen zu demütigen – sie entführen, missbrauchen, peitschen, foltern, beinahe ertränken. Und weil das natürlich mit gewissen Schwierigkeiten verbunden wäre, das der verhassten Kollegin selbst anzutun, muss Alex herhalten. Sie übernimmt im Rollenspiel die Rolle der Kollegin, die wahrscheinlich nicht einmal ahnt, welche trüben Fantasien sie bei ihren männlichen Kollegen auslöst.

Hurengeschichte: Warum macht sie das?

Nach solchen Sitzungen ist Alex tagelang kaputt und zerschlagen. Und man fragt sich tatsächlich, warum sie sich das antut.
Bei der Lektüre wird allmählich klar, wo die Motive liegen könnten: Ihr Lover, für den sie als 16-Jährige das Elternhaus verließ, hat sie zur Hure gemacht und dann fallen lassen. Seinen größten Lustgewinn hatte er, indem er sie anderen Männern zur Verfügung stellte und zuschaute, wie die Alex entführen, peitschten, folterten und missbrauchten.
Warum macht sie das also, lange, nachdem er aus ihrem Leben verschwunden ist? Will sie ihn demütigen? Will sie sich bestrafen?
Als Alex ihn schließlich wieder trifft, ohne, dass er sie erkennt, nimmt ihre Rache klarere Formen an – obwohl erst einmal nichts darauf hindeutet. Denn bei ihm geht Alex noch einen Schritt weiter über die Grenze des Unwiderruflichen. Und sie überlebt nur, weil er sie immer wieder zurückholt. Sie hasst sich selbst dafür.

Zoe Zanders kühle Sprache

Das alles beschreibt Zoe Zander in einer kühlen Sprache aus der Sicht der Ich-Erzählerin. Sehr detailverliebt, wenn es um die Vorbereitung der Treffen geht. Und durchaus drastisch von den Treffen selbst. Auch das Nachdenken über ihr Handeln nimmt breiten Raum ein.
Dabei ist sie immer so nüchtern wie direkt. Wir nehmen der Erzählerin ab, dass sie erfolgreich Jura studiert. Sie analysiert ihre Situation kalten Herzens und ohne Ausflüchte.

Bezüge zur Geschichte der O

Die Geschichte geht unter die Haut und berührt den Leser. Erinnerungen und Bezüge zur Geschichte der O werden wach. Nur geht Zoe Zander einen Schritt weiter: Einerseits sind die Folterungen härter, andererseits seltsam asexuell. Zumindest für Alex. Mit Sex mag das für die Männer etwas zu tun haben, für sie hat es das nicht. Es ist einigermaßen spannend, das als Mann zu lesen: Man schlägt sie dabei eher auf die Seite der Erzählerin. Sieht, es ist notwendig. Es ist Geschäft. Und es führt sie zum Ziel.
Erotisch ist es nicht. Und pornografisch schon gar nicht; da schreibt die Autorin sehr geschickt im Kopf des Lesers weiter. In ihrem Text deutet sie eher an.

Das Ende schlägt Volten

So detailverliebt die Autorin am Anfang ist, so unvermittelt springt uns das Ende an. Ein Ende, das mehrfache Volten schlägt – und zumindest mich einigermaßen ratlos zurückließ. Die Reaktion ihres Ex-Geliebten wird nicht vorbereitet und bleibt seltsam weit hergeholt im Raume hängen. Die sich am Ende überraschend und sprunghaft anbahnenden Liebesgeschichte mit ihrem WG-Mitbewohner würgt Zoe Zander wenige Seiten weiter und ebenso unvermittelt wieder ab. Und das – vielleicht auch nur fantasierte – Liebesglück mit eben jener Dame, für die sich Alex entführen und foltern ließ, es kommt völlig aus der Luft gegriffen.

Wichtiges Buch

Ein tolles Buch. Ein wichtiges dazu. Eines, das sich süffig liest, trotz der harten Thematik. Und eines schließlich, dessen Charaktere sorgfältig gezeichnet sind und sie stimmig handeln lässt. Umso mehr bricht der Roman am Ende weg. Unvermittelt. So, als hätte die Autorin plötzlich keine Lust mehr gehabt, noch ein Wort mehr zu schreiben. Geschweige denn, ihren Plot logisch aufzubauen.
Vielleicht sollte sie das Ende noch einmal überarbeiten.

Zoe Zander, Geraubte Seele, Zsolt Majsai Verlag 3.0, Bedburg, PDF-ISBN 978-3-943138-14-6

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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