Yoram Kaniuk, Der letzte Jude und das Wissen eines ganzen Volkes

Der letzte Jude

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In seinem Buch Der letzte Jude begibt sich Yoram Kaniuk auf die Fährten eines uralten Volkes – und versucht, sein Wissen zu erhalten.

Tag der Befreiung

Es sieht nicht so aus, als komme eines Tages noch die Befreiung. Dazu ist die Lage im Konzentrationslager viel zu verzweifelt. Tagein, tagaus Schikanen, Misshandlungen, Tod. Wenn aber einer überleben wird, die Gräuel der Folter und des Hungers und der Gaskammer überstehen wird, dann wird es Ebeneser Schneurson sein. Er ist gerissen genug und hatte immer schon sagenhaftes Glück.

Das alte Wissen der Juden

Also lernt er das jahrhundertealte Wissen der Juden im Konzentrationslager, lernt Dinge auswendig, deren Bedeutung er nicht kennt, nur, damit das Wissen des alten, traurigen Volkes nicht verloren geht mit dessen physischer Vernichtung. Denn wenn er überlebt und das Wissen weiterträgt, wird es nicht sterben – wie so viele seiner Glaubensbrüder und -schwestern.
Es kommt anders, Gott sei Dank, die Nazis verlieren noch rechtzeitig den Krieg, ehe sie alle Juden und Andersdenkende vernichtet und ganz Europa unterjocht haben – und viele Juden wandern aus ins Gelobte Land. Ebeneser ist darunter.

 Geschichte der Juden-Verfolgung: der letzte Jude

„Der letzte Jude“ erzählt nicht nur die Geschichte der Verfolgung und der Zeit danach, als Schneurson mit Schmuel Lipker durch die Bars tingelt und für einen Hungerlohn sein Wissen rezitiert, er schildert auch die Spurensuche nach dem letzten Juden. Auf die macht sich – eher widerwillig – Schneursons Nachbar und ein Schriftsteller aus Deutschland, der dessen Geschichte schreiben will –  das Buch vernetzt die Ebenen.

Manchmal etwas wirr erzählt

Das ist ein toller Plot voll guter Ideen. Allerdings scheinen mir Kaniuks Rückblenden manchmal zu wirr; so, als bemühte er sich ständig darum, ein wenig kryptisch zu schreiben, damit das Ganze hoch literarisch wirkt. Das ist bedauerlich, denn eine Geschichte wie der letzte Jude braucht keine literarische Überhöhung. Sie wirkt alleine mit ihrer brillanten Grundidee und dem Grauen, das sich in der Erzählung ausbreitet – je nüchterner das Grauen erzählt wird, desto brutaler wirkt es. Paradebeispiel, wie das geht, ist etwa Kafkas In der Strafkolonie. Unterkühlter und sachlicher kann man das Grauen nicht schildern.

Der Roman ist eine Perle, das Thema Juden auch

Und dennoch ist Kaniuks Roman eine Perle, erzählt es die Geschichten von vielen, die Vorfahren des letzten Juden sind oder dessen Weg sie kreuzten und in den zahllosen Anekdötchen und Seitenarmen der Erzählung spiegelt sich die reiche Geschichte des Juden wider: All ihre Großartigkeit, ihre Verrücktheiten, ihre Niedergeschlagenheit und es ist manchmal, als schlage man im Alten Testament nach und lese die Geschichten dort.
Kaniuk ist ein begnadeter Erzähler; oft ist es schade, dass er die Geschichten nur andeutet und sie nicht ausarbeitet. Langweilig aber wird er nie.
Yoram Kaniuk, Der letzte Jude, Dvorah Verlag, Frankfurt, 420 Seiten.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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