Wolff, Tobias: Jäger im Schnee, Erzählungen

Bild: pixabay.com/skeeze

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Der amerikanische Autor Tobias Wolff entlarvt meisterhaft die Lügen des american way of life und leiht den vielen kleinen Verlierern eine Stimme.

Reisender in den USA

Ein Reisender verlässt Depoe Bay ein paar Stunden vor Sonnenaufgang. Der Nebel an der Küste ist wattedick, und das eintönige Wischen der Scheibenwischer, das eintönige Surren des Automotors schläfert den Reisenden nahezu ein. An einer Tankstelle tankt er nicht nur, sondern wirft sich auch kaltes Wasser ins Gesicht und trinkt einen Kaffee.

Jedenfalls hat er es vor. Da trifft er Bonnie, eine ziemlich reife Frau, die knallengen Nietenjeans trägt und kniehohe Stiefel und deren Haar ein wenig strähnig ist. Und natürlich hat sie lange Zeit in Kalifornien gelebt, einen Gitarrenkasten dabei und reist per Daumenstopp.

Hund als Schicksal

Er nimmt sie mit. Irgendwohin Richtung Norden. Unterwegs macht der Reisende das Fenster ein wenig auf, trotz des Nebels, denn „Sunshine“ stinkt wie ein eingemotteter Pullover. „Sunshine“ ist Bonnis langhaariger Hund und der wird beinahe zum Schicksal des Reisenden. Zuerst pinkelt er in den Wagen, der dem Reisenden gar nicht gehört, dann lässt er den Reisenden und Bonnie fast verunglücken. „Sunshine“ springt auf den Schoß des Fahrers, schlägt dessen Hand vom Lenkrad und stöbert im Fond nach einem heruntergefallenen Tennisball.

Lakonisches Unglück

Und spätestens hier entfaltet die Prosa Wolffs ihr ganze Meisterschaft. In knappen, lakonischen Sätzen, die an Hemingway erinnern, beschreibt der amerikanische Autor, wie das Auto mit Bonnie, „Sunshine“ und dem

Reisenden ins Schleudern gerät, der Nebel die Windschutzscheibe entlang fetzt, das Auto auf der falschen Spur rückwärts fährt, sich wieder dreht und noch immer auf der falschen Spur entlang rollt. Dann stochern fahle, gelbe Lichter aus dem Nebel auf das Auto zu, der Reisende greift endlich wieder ans Lenkrad und bringt den Wagen von der Straße.

Kurz darauf donnert ein Konvoi von Holzlastern mit heulenden Hörnern an ihnen vorbei.
Soweit das.

Das Leben ändern

Danach fasst man schnell den Entschluss, sein Leben zu ändern. Bonnie und der Reisende kommen sich näher, doch der Reisende ist ein Feigling, und so entspinnt sich keine Romanze im Nebel umwaberten Auto. Stattdessen kehrt der Reisende nach Hause zurück, wo sein widerlicher Geschäftspartner das Sagen hat. Der Reisende gesteht ihm nicht den heimlichen Ausflug mit dessen jetzt verunreinigten Auto, sondern verkriecht sich im stockfinsteren Keller und pafft zwei Marihuana-Zigaretten, die Bonnie im Auto hat liegen lassen.

Der Reisende hockt dort, hört seinen Partner fürchterlich falsch singen beim Hemdenbügeln, riecht dessen schwefliges Parfüm und rechnet sich aus, wie lange es dauert, ehe es unbemerkt in sein Bett schlüpfen kann – eine Ewigkeit.

Kleine Verlierer

Der Reisende ist wie alle Figuren Wolffs ein sangloser Verlierer. In bester amerikanischer Tradition, jedenfalls was die Kurzgeschichten betrifft, schreibt der Autor nicht von den großen Siegen, sondern von den kleinen Niederlagen und den schrulligen Typen, die sich gerade noch am Tellerrand einer kaputten Normalität festklammern.

Etwas blutleer

Nur manchmal geht seine Bildung mit ihm durch, nur manchmal geistern seine Personen allzu blutleer durch seine Geschichten. Und dann sieht man wieder, dass zu viel Bildung noch das beste Schreibtalent verderben kann. Wolff fehlt professoral in „Ein Vorfall im Leben Professor Brooks“, er versucht sich zu sehr an Hemingway in „Raucher“, er stürzt tief „lm Garten der nordamerikanischen Märtyrer“ – dünne Abziehbilder großer Erzählungen sind diese drei Geschichten allesamt, zu glänzend deren Oberfläche, unter der weiter nichts ist.

Brillante Novelle

Wie schön, dass es da andere gibt – den „Lügner“ zum Beispiel, eine brillante Novelle. Ein Junge, Salingers Holden Caulfield sehr ähnlich, wächst ohne Vater, aber mit einer Mutter auf, deren kaltes Herz ein erbarmungsloses Regime führt. Ihre puritanische Wahrheitsliebe erinnert an die dünnhäutigen Lügen des „american way of life“. Der Junge wehrt sich und lügt voller Lust und Anarchie. Die Mutter ist entsetzt, doch auch der eilends als Psychoanalytiker ihres Sohnes vergatterte Hausarzt kann ihr nicht helfen.

Und allmählich, als die Lügengespinste des Jungen immer dichter und frecher werden, verstrickt er auch die erlogenen Wahrheiten der Mutter ins Netz der Widersprüche.

Auf einmal wird klar: Selbst die eulenspiegelhaften Aufschneidereien des Jungen sind nichts gegen die vielen kleinen Lügen der Erwachsenen, die sie stets unerbittlich als Wahrheit ausgeben. Und der Autor zieht seine Narrenkappe und verabschiedet sich.

Der Autor:

1945 ist Wolff in Alabama geboren und doziert heute „creative writing“ an der Syracuse Universiry. Den Schreiblehrer spürt der Leser: Die Geschichten sind geschliffen, haarfein beobachtet, inszeniert ohne Schnörkel. Wenn es aber allzu glatt wird mit der polierten Sprache und ihren Bildern, rettet sich Wolff und damit seine Geschichte mit überraschendem Witz über die eisglatte Sprachfläche hinweg.
Das wird belohnt: Immerhin erhielt er bereits den Faulkner-Preis.

Tobias Wolff: Jäger im Schnee, München, Serie Piper, Piper-Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3492111089

 

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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