Winter, Leon de: Zionoco

Bild: Clker.com/Free Images

In seinem Roman Zionoco zeigt sich Leon der Winter seltsam lustlos – trotz des vielen Sex‘ in diesem Buch.

Lüsterne Klischees

Machen wir ein Experiment: Nehmen wir einen jüdischen Schriftsteller im besten Alter. Leon de Winter etwa ist 43 Jahre aIt – das passt. Wir wollen dem Schriftsteller nichts Böses tun – doch ein wenig Schütteln muss sein. Dann stellen wir ihn auf dem Kopf und sehen nach, was so alles aus seinem Hirnkastel aufs Papier purzelt, das wir ihm vorher unterschoben: Ein Sack voller Talmudsprüche, ein Berg lüsterner Klischees und eine drittklassige Geschichte.

Die Ehe ist erkaltet

Was für uns nur Ergebnis des Gedanken-Experimentes war, verkauft Leon de Winter allen Ernstes als Roman. Und der geht so: Sol Mayer, Sohn eines niederländischen Rabbi und selbst spätberufener Rabbi in den USA, schliddert in eine Krise. Seine Ehe zu Naomi erkaltet, als sich beide daran abquälen, Nachwuchs zu zeugen (ein Rabbi in der Samenbank). Naomi erinnert Sol mehr und mehr an eine Zuchtstute. Er müsste sich von solchen Gedanken frei machen, doch das kann er nicht.

Krise des Lebens

Eine weitere Facette seiner Krise ist das Ringen des Rabbi mit Gott, der ihm fremder und wird. Und schließlich greift er einen einflussreichen orthodoxen Juden an – in einem Artikel für die Zeitschrift ,,Shalom“. Das mag für den Reformjuden Sol Mayer intellektuelle wie moralische Pflicht sein, für die Leitung der Synagoge ist es das nicht. Der ist das mehr als peinlich, sie distanziert sich von Sol.

Die richtige Würze

Die richtige Würze bekommt die Sache mit Naomis stinkreicher Familie – denn die besitzt besten Einfluss in der Schul (der Synagoge) und ebnete Sol eigentlich den Weg zu einer glänzenden Karriere.
Eigentlich – denn Sol Mayer stellt sich fortwährend selbst ein Bein. Alleine schon, wie er sich – medienwirksam – mit einen wilden Horde Chassiden prügelt; und zunächst den Sieg davonträgt, weil er den Chassiden-Häuptling mit einem Bibelvers in moralische Duldungsstarre versetzt.

Das alles wäre schon verwickelt genug; doch in Sols wirres und geworfenes Dasein platzt die große Liebe: D., eine junge Astrophysikerin und Tochter des bekannten demokratischen Politikers Hogart.

Rockende Astrophysikerin

Ab und zu singt sie auch in einer Rockband oder sie kellnert, um sich nicht zu sehr im Wissenschaftsbetrieb zu verheddern. Da gelingen Leon de Winter ganz nette Szenen, wenn die beiden sich unterhalten. Sie zitiert im Restaurant pulvertrockene Fakten über das Weltall, er rezitiert still für sich Schlüpfrigkeiten aus biblischen Psalmen.

Den geistig-moralischen Fangschuss bekommt der Rabbi, als die rachsüchtigen Chassiden ihn und Miss Hoggart beim Sex filmen und das Videoband veröffentlichen.

Schlüpfrige Geschichte

So weit eine ganz nette, wenn auch recht schlüpfrige Geschichte – nach dem Strickmuster ,,Moral ist’s, wenn man’s trotzdem macht“. Da sind wir ja auch schon auf Seite 305; genug eigentlich für ein Buch. Vielleicht mit dem ein wenig märchenhaften Schluss: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kellnert der Ex-Rabbi immer noch in seiner eigenen kleinen Spelunke; und die Ex-Astro-Tante singt dazu. Oder umgekehrt.

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Jetzt wird’s wild

Aber das reicht Leon de Winter nicht. Er muss unbedingt noch den an Gott zweifelnden Sohn auf die Suche nach seinem vermeintlich ertrunkenen Vater schicken. Vielleicht hat de Winter instinktiv gemerkt, dass die Szenen, die in Sols Kindheit spielen, die besten des ersten Teils sind. Nun befinden wir also auf Seite 305; und Sol hat mühsam seine singenden Astrokellnerin gekriegt. Schwupp sind wir ein Jahr später und in Surinam. Und Sol hängt völlig an der Flasche, erzählt vom den bösen Video-Chassiden, hat was mit einer dritten Frau (die auch prompt schwanger ist von ihm) und findet seinen Vater. Auf dem Berg Zionoco.

Der Sohn als Messias

Der jetzt wirklich sterbende Vater hält seinen Sausohn für den Messias, was ja auch eine nette Geschichte ist. Noch zwei oder drei kleine Witze dieser Art weist das Buch auf. Dann ist der Leser davon erlöst. Manche der Geschichten, die Leon de Winter erzählt, sind nicht schlecht – aber sie sind zu verwirrend und schlecht gemischt. Weniger schlecht verarbeitete Ambition hätte dem Buch gut getan. Der höchst lustlose Schluss, der alles auf den Kopf stellt, zeigt eines: Der Autor hatte keine Lust mehr am Schreiben.

Vielleicht sollte er weniger schreiben.

Leon de Winter, Zionoco, Diogenes Verlag, Zürich, Taschenbuch: 414 Seiten, 9.90 Euro, ISBN-10: 3257230176, ISBN-13: 978-3257230178.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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