Chance vertan: wenig Erhellendes über Nabokovs Lolita

Nabokovs Lolita

Bild: pixabay.com/Tummen

In seiner Biografie über Wladimir Nabokov gelingt Boris Nossik nur stellenweise ein Buch, das uns Spaß macht. Dabei wäre Nabokovs eigentlich eine Steilvorlage für jeden Biografen – auch ohne Lolita.

Zuviel Lolita, zu wenig Nabokov

Für manche kam das Buch wohl gerade recht: Lolita, Wladimir Nabokovs provokanter Roman, sorgte beim Erscheinen als Verfilmung für Diskussionen. Gerade, weil der Film schwach ist, möchte man schon einmal im Original blättern. Und sich, darüber hinaus erkundigen, wer denn der Herr Nabokov für einer war. Leider kommt uns Boris Nossik da nicht sonderlich entgegen; seine Biographie verdunkelt mehr als sie erhellt. Zunächst einmal hat Nossik einfach zu viele Seiten produziert – die Biographie auf die Hälfte beschränkt, das wäre lesbarer und informativer gewesen.

Über Wladimir Nabokov müsste mehr in dem Buch stehen

Und wenn ein Autor sein Publikum schon mit 464 Seiten quält, dann muss etwas mehr drin stehen als hier. Bei Nossik finden wir zu viel Nichtssagendes. Zweitens macht es Nabokov jedem Biographen schwer. Der russische Emigrant, der zeitweise in Paris, den USA und der Schweiz lebte, liebte das Spiel der Täuschungen. Denn Lügen, das vergessen wir oft, gehört zum Handwerkszeug eines Schriftstellers. Bei Nabokov ging das bis zu fiktiven (Auto-) Biographien. Das ist Nossik bewusst, er klagt darüber im Vorwort. Es sei schwer, über Nabokov ein Buch zu schreiben. Schließlich sei der ein komplizierter Schriftsteller und ein komplizierter Mensch gewesen. Ja zum Kuckuck: Welcher Schriftsteller ist denn jemals ein einfach gestrickter Mensch gewesen.

Nabokovs Lolita – das arme amerikanische Mädchen

Kommen wir zu Lolita. Auf Seite 351 folgende geht es um das „arme, amerikanische Mädchen“, die Romanfigur Dolores Haze, der Humbert Humbert verfällt, der Ich-Erzähler in Nobokovs Geschichte. Über Lolita ist eine Menge gelehrter Quatsch verfasst worden. Nossik zitiert den Unfug ohne Kommentar. Und lässt den Leser (die Leserin) völlig alleine mit der Frage, was er/sie denn nun glauben soll. Etwa einem Alfred Appel? „So wie sich ein Schmetterling aus der Puppe (Nymphe) entwickelt, so entwickelt sich Lolita aus dem Nymphchen zu einer Frau, und die Neigung Humberts verwandelt sich aus der Geilheit in wahre Liebe.“

Nossik widersetzt sich dem Zeitgeist

Wenn dem so ist, habe ich ein völlig anderes Buch gelesen. Doch es gibt Positives: Zumindest bei der Zusammenfassung von Lolita widersteht Nossik dem augenblicklichen Zeitgeist. Er versucht nicht, das Buch Lolita in die Schablone der politischen Korrektheit zu pressen. In seiner Zusammenfassung wird deutlich, dass Lolita sehr wohl als Nymphe lockt, und nicht nur unschuldiges Opfer eines Wüstlings ist. Ein Gedanke, den sich heute schon niemand mehr zu denken getraut – eben, weil er politisch nicht korrekt ist. Doch Lolita ist Kunst und die ist nie politisch korrekt. Nossiks Verdienst ist es, das zu zeigen und zwar in seinem gesamten Buch. Dazu brauchte es aber wesentlich weniger Seiten, als er geschrieben hat. Zu behaupten, es sei DIE Biographie, das ist frech. Und ziemlich daneben. Nabokovs Lolita ist anders.

Boris Nossik, Nabokov, Die Biographie, Aufbau Verlag, Berlin, 464 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN-10: 3351024509, ISBN-13: 978-3351024505.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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