Spinnerte Geschichte – üble Räuber auf der Burg

Kuss

In dieser spinnerten Geschichte erfahren wir, wie ein  junger Geiger eine ganz neue Erfahrung macht.

Nahe der kleinen Stadt steht eine alte Burg. Die ist ziemlich kaputt – aber sie war einmal ein wirklich stolzes Gemäuer. Mit Zinnen, schmucken Fenstern und vielen bunten Wimpeln. Auf der Burg hatte eine ganze Reihe von interessanten Bewohnern gelebt – Edelmänner, Beutelschneider und Faulpelze. So ist es kein Wunder, dass sich um die Burg eine Menge wilder Sagen rankt – so, wie heute Efeu die verfallenen Mauern empor klettert. Der schlimmste Spitzbube aber, der jemals auf der Burg lebte, war Hans Mannlich.

Mannlich wuchs im nahen Waldgebiet auf, versammelte im zarten Alter von 16 Jahren eine der wildesten Räuberbanden um sich und zog sengend und raubend durchs Land. Einige Zeit hatte Mannlich tatsächlich den Burgherren in der kleinen Stadt gespielt. Mannlich gab sich als Privatgelehrter aus und bewarb sich um das leer stehende Gemäuer der königlichen Zweitburg. Er hatte bei seiner Bewerbung, oh Wunder, ein Patent für einen Webstuhl gezeigt, ausgestellt von einer holländischen Universität. Zwar hielt man wenig von holländischen Universitäten, aber Mannlich hatte auf des Königs Teetisch ein Säckchen mit Golddukaten gelegt, und die beruhigten den König ungemein.

Halsabschneider und Räuber

Eines der Gerüchte in der kleinen Stadt damals sagte, Mannlich halte es mit den Vaganten, Halsabschneidern und Räubern im nahen Wald. Mannlich und seine Bande trieben es tatsächlich wild, und eines Tages liefen einige Räuber den Häschern des Königs auf frischer Tat ins Netz. Dem König platzte der Kragen und schickte seine Soldaten den Burgberg hinauf. So standen eines sehr frühen Morgens die guten Bürger im Tal und hielten Maulaffenfeil. An ihnen vorbei zogen Trommler und Soldaten mit bunten Uniformen und trotziger Angst in den Augen; manche konnten sich vor lauter Branntwein kaum auf den Rössern halten.

Aber der Zug der Soldaten endete an der Burgmauer. Oben stand Mannlich und höhnte die Mauer hinab. Die Soldaten versuchten eine ganze Menge, um die Burg zu stürmen – aber sie hatten keinen Erfolg damit, die olle Burg war in ihrer stolzen Zeit ziemlich uneinnehmbar.

Steinernes Herz

Nun war guter Rat teuer. Aber der König hatte Glück, sein Schwiegersohn war nämlich der ehemalige junge Geiger, dessen wundervolles Geigenspiel die Prinzessin geheilt hatte. Der König fragte seinen Schwiegersohn um Rat und dem fiel seine Geige ein. Mit der hatte er schon das Eisherz seiner Frau, der lieblichen Prinzessin Edwina, aufgetaut. Und was das Eisherz einer Frau zum Schmelzen bringt, dachten der junge Geiger und dann auch der König, der würde sicher das steinerne Herz des Räuberhauptmannes erweichen.

Der junge Geiger zog also als fahrender Musiker den Schlossberg hinauf. Vor den Mauern der Burg begann er zu spielen. Gelangweilt lud ihn der Räuberhauptmann in die Mauern. »Wer bist du?«, fragte Mannlich den jungen Geiger. »Ein fahrender Musikant, der euch ein wenig unterhalten will«, antwortete der junge Mann. »Gut, spiel. Und wenn du mich nicht unterhälst, reiß ich dir den Kopf ab. Aber vorher lasse ich dich noch in dem tiefsten Kerker verschimmeln, den ich in der Burg finde.«

Der Geist erscheint

Der junge Geiger kam in die Burghalle und spielte – aber Mannlich blieb gelangweilt. Sein Herz war noch kälter als das Eisherz der Prinzessin. »Werft ihn in den Kerker!« brüllte er seinen Häschern zu – aber in diesem Augenblick erschien der Schlossgeist; die Musik hatte ihn aus seinem Jahrhunderte langen Schlaf geweckt. Er schwebte in die Halle, schaute den jungen Geiger an, schaute Mannlich an. Dann fragte er den Geiger: »Du hast gespielt?«

Der Geiger nickt. »Sehr schön«, grollte der Geist, »deine Musik ist etwas ganz Besonderes.« Dann wandte er sich an den Räuberhauptmann Hans Mannlich: »Und dir hat es nicht gefallen?« »Gefallen?«, brüllte der Räuber, »diese Katzenjammermusik! Mir ist beinahe das Gesicht eingeschlafen!« »Tja, dann«, sagte der Geist, deutete mit seinem dürren Arm auf Mannlich – dann gab es einen Knall und einen Blitz und der Räuber war ein Gespenst.

»So«, sagte der Schlossgeist, »jetzt habe ich endlich Gesellschaft hier draußen. Und Musiker muss man schließlich gut behandeln«, sagte er weiter und nickte dem jungen Geiger zu.

Und das Ende von der Geschichte? Die Räuber zogen ab, die Burg war wieder frei; bis auf zwei Gespenster, die fröhlich spukten. Und der junge Geiger war um eine Erfahrung reicher: Seine Musik erweichte tatsächlich nicht jedes Herz. Aber die meisten immerhin.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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