Trugbilder: Moderne estnische Erzählungen voller Schwermut

Estnische Erzählungen

Bild: pixabay.com/Petra

In diesen Erzählungen verwischen sich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Ein Streifzug durch eine uns unbekannte Literatur.

Die kleinen Leute zahlten die Zeche

Mit der politischen Götterdämmerung im Osten Europas brechen an allen Orten nationale Eiferer zu den alten Ufern auf. Was politisch einen Rückschritt bedeutet mag, bedeutet kulturell oft eine Neubesinnung. Hatte der Vielvölkerstaat Sowjetunion über 70 Jahre lang den sozialistischen Realismus gepredigt und nur – je nach politischen Tauwetterlage – Nuancen an Abweichungen davon zugelassen, so erheben jetzt die verschiedenen Völker ihre eigene Stimme.

Trugbild sozialistischer Realismus

In der Literatur ist das besonders zu begrüßen. Was den Leser an moderner estnischer Literatur geboten bekommt, kann sich allemal mit der modernen Literatur messen. Auch experimentelle Literatur ist vertreten. Und doch behalten die Geschichten es einen wohltuend eigenen Zungenschlag.

Bedächtiges Volk, porträtiert in den estnischen Erzählungen

Die Esten sind, so scheint es, ein bedächtiges Volk, für das die Vergangenheit noch lange nicht Geschichte ist, wenn plötzlich neue Zeiten angebrochen sind. Das mag man mit Unsicherheit erklären – natürlich halten wir lieber an Bekanntem fest; und wenn es verschüttet und verboten war, dann umso eher. Doch diese Geschichten sind nicht rückwärtsgewandt. Sie arbeiten auf: Die Autoren machen sich Luft, denn offensichtlich sind die Verletzungen tief und die Autoren wollen sich jetzt erst einmal Luft schaffen in ihrer Trauer und ihrer Wut.

Die kleinen Leute zahlten die Zeche

Jedenfalls finden sich in etlichen Erzählungen kleine Leute, denen das untergegangene Regime böse mitgespielt hat. Was hatten sie nicht auch zu erdulden im 20. Jahrhundert: Die Besetzung durch die Sowjetunion, die „Befreiung” durch die Nazis, die “Befreiung” durch die Sowjets und jetzt den Aufbruch in den eigenen Staat. Unvermittelt, eruptiv – und am Anfang so freudig begrüßt. Die Probleme kamen später.

Greuel der Deutschen, Greuel der Sowjets

Natürlich mischen sich da die Themen; die Greuel der Deutschen sind ebenso vorhanden wie die Jahrzehnte der Unterdrückung durch den Kommunismus. Eine mögliche Antwort eines kleinen Volkes darauf ist die Satire, reichlich vorhanden in dem schmalen Buch.

Trugbilder – voller Schwermut

Nein, diese Literatur ist nicht licht, sie wirkt an vielen Stellen beklommen, düster, geplagt von Ängsten, denen man selbst nicht so recht glaubt. Fatalismus und eine gewisse Schwermut gesellen sich hinzu. Der Titel „Trugbilder“ ist durchaus Programm; hier verwischten sich die Grenzen.

Lyrische Züge der estnischen Erzählungen

Zu spüren ist überall die Wertschätzung, die Lyrik in der estnischen Literatur genießt; die Erzählungen weisen nicht selten lyrische Züge auf. Der schmale Band ist ein erster gelungener Einstieg in eine unbekannte Literatur Europas; hoffentlich leisten noch manche Verlage in dieser Hinsicht Pionierarbeit. Ergänzt wird das Buch durch eine bebilderte Biographie der Autorinnen und Autoren und eine kleine Einführung in die estnische Literatur und den estnischen Sprachraum, gewürzt mit geschichtlichen Fakten. Für Leser in Deutschland ist das eine löbliche Pioniertat. So lernt man auch seine Nachbarn kennen – indem man ihre Geschichten liest.

Grönholm/Hasselblatt, Trugbilder, Moderne estnische Erzählungen, dipa Verlag, Frankfurt, 142 Seiten, August 1996, ISBN-10: 3763801561, ISBN-13: 978-3763801565, derzeit nur noch gebraucht zu haben.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

Ein Kommentar:

  1. Schön,das es jetzt Literatur hier indeutschland gibt, bin in Estland geboren, 1944 VOR DEN Russen geflohen. Schön wenn man es so aufarbeiten kann

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