Tomeo, Javier: Der Gesang der Schildkröten

Bild: clker.com/Freepics

Eine bittersüße Geschichte, wundervoll erzählt – das ist Javier Tomeos Der Gesang der Schildkröten. Was bringt uns das Buch?

Tameo als Schlitzohr

Javier Tomeo ist ein Schlitzohr – in seinen Büchern führt er die Leser aufs Glatteis, nimmt die Spießer am Geweih und die Besserwisser an der langen Nase und zeigt ihnen, dass das Leben anders ist, als sie bislang dachten. Mit seinem neuen Buch „Der Gesang der Schildkröten“ gelang dem Spanier wieder ein kleines Meisterwerk an Eulenspiegelei.

Tomeos Meisterstück

Der Ich-Erzähler erbt ein Haus auf dem Lande von seinem Onkel, der bei den Dorfbewohnern als seltsamer Kauz galt. Doch sie kannten den Neffen noch nicht: der führt sich sogleich als rechter Narr ein. Ein Schriftsteller, Dichter gar, ein Clown, ein Trinker und einer, der mit Tieren spricht. Und bei weitem nicht nur mit denen, die bei Menschen als edel gelten. Die Tiere, das zeigen seine Interviews, sind weise. Sie verstehen mehr von der Welt als die eitlen Zweibeiner. Wenn die Menschen ihnen nur zuhörten, sehe die Welt anders aus; besser wahrscheinlich. Das ist ein altes Motiv, wir finden es in zahllosen Märchen. Tomeo hat daraus ein freches und frisches Buch gemacht. Nach und nach verstrickt er seine Leser tief in seine Lügengespinste; wir wissen bald nicht mehr: Lügen jetzt die Dorfbewohner, lügen die Tiere oder lügt der Erzähler?

Wer lügt? Die Menschen, die Tiere, der Erzähler?

Der gilt als Narr, weil er sich zum Narren macht. Aber er führt zur gleichen Zeit die Dorfbewohner gewaltig an ihren langen Nasen herum und hält ihnen den Spiegel ihrer eigenen Narretei vor. Am Schluss ist ihnen ganz schwindelig – was die Tiere so alles erzählen. Oder ist es wieder nur der Narr selbst, der seinen tierischen Gesprächspartnern die Worte in die Münder legt? So richtig klar wird das nie, Tomeo hält das in einer wunderbaren Schwebe.

Tomeos Narr rebelliert sanft

Sein Narr rebelliert sanft gegen die Ignoranz der Menschen um ihn herum. Er hält beharrlich an seiner Überzeugung fest, dass der Frühling längst im Kalender steht und wundert sich, dass es immer kälter wird, und dass Schnee fällt. Der Rest der Dorfbewohner bereitet sich derweil auf das Weihnachtsfest vor. Der Höhepunkt der Geschichte findet an einem Tag statt, der nach des Erzählers Kalender der 56. Mai ist. Der Narr reißt der versammelten Dorfprominenz die falschen Masken des Anstands von den Gesichtern, als er den Hengst des Bürgermeisters interviewt. Der Schlag ins Gesicht der Bürger ist so heftig, dass der Narr wenig später das Dorf verlässt.

Anzeige: Mit Werbung verdienen

Eine bittere Geschichte, amüsant erzählt. Und das Gute daran: Javier Tomeo zeigt seine Meisterschaft wieder einmal in der Kürze seines Romans: Er braucht dafür wohltuende 132 Textseiten.

Javier Tomeo, Der Gesang der Schildkröten, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 148 Seiten, ISBN-10:3803131413, ISBN-13: 978-3803131416, 17,50 Euro.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

Kommentar verfassen