Tomeo, Javier: Das Verbrechen im Orientkino

Bild: Clker.com/Freepics

Das Kino als Ort der schmuddeligen Erotik, der Träume und eines Mordes – Javier Tomeo erzählt meisterlich vom Verbrechen im Orientkino. Und uns stockt der Atem.

Kino als Ort der Erotik

An Maria beißt sich Juan, der hinkende und trinkende Kartenabreißer im Kino Oriental, die Zähne aus. Am Ende ist er tot. Das Kino ist hier ein Ort der Erotik, als Ort der Hoffnung auf ein anderes Leben: Die Prostituierte Maria sucht Zuflucht bei dem Kartenabreißer und Platzanweiser Juan, mit dem sie ihren Traum von einem einfachen Leben in der kleinen Wohnung über dem Kino verwirklichen möchte. Das „traute Glück“ der beiden steuert am Ende unaufhaltsam auf ein Verbrechen zu … Die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe als psychologischer Kriminalroman.

Kein Märchenprinz

Juan: Ein Säufer, ebenso geil wie impotent, ein Großmaul, ein Spanner. Der hin und wieder seine Filzlatschen anzieht, damit ihn die Liebespaare im Kino nicht hören, wenn er angeschlichen kommt, um deren Liebesmüh‘ zu begaffen. Ausgerechnet so einen sucht sich Maria aus, die immer noch auf ihren Märchenprinz hofft. Und sich deshalb die Karten legen lässt.

Aber, die Träume nutzen sich ebenso ab wie das Leben uns Zurecht schleift. Eine wie Maria, die in einer Bar als Liebesdame anschaffte, muss ihre Ansprüche flach halten. Da tut es also schon Juan, der sie in einer Regennacht in seinem Kino aufgabelt. Und weil Maria gerade ihren Lover hinter sich und aus der anrüchigen Bar herausgeflogen ist, nistet sie sich bei Juan ein, der über dem Kino wohnt.

Marias Schnoddrigkeit

Der Spanier Janvier Tomeo erzählt die Geschichte aus Marias Sicht. Mit der nötigen Portion Schnoddrigkeit, die auch rustikale Wörter nicht meidet. Wie man es eben von einer ehemaligen Professionellen erwartet. Eine Kostprobe gefällig? Gerne: „Er sah mich an und gähnte, dass ihm beinahe die Tränen kamen. Ich konnte ihm fast bis in den Magen sehen und meinte, es schickte sich nicht, vor einer Frau, mit der man gerade mal drei Nächte im Bett verbracht habe, das Maul so weit aufzureißen.“

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Und Tomeo gelingt das Kabinettstückchen erstaunlich gut; nicht weniges Schriftsteller scheitern daran, sich ins andere Geschlecht zu versetzen.

Maske des Hagestolzes

Schicht für Schicht trägt Maria die Maske des Hagestolzes und Großmauls Juan ab. Bis nur noch das übrig bleibt, was er wirklich ist: ein armes Würstchen. Einem Latin Lover (und sei er auch noch so morsch) schmeckt das natürlich nicht, wenn frau so etwas entdeckt. Vielleicht ist das der Grund, warum Juan all die kleinen IiebevoIlen Aufmerksamkeiten Marias schroff zurückweist.

Traum und Wirklichkeit

Die arbeitet bald Kartenverkäuferin im Kino und schaut sich die Filme an. In ihrer Fantasie verschwimmen Film und triste Wirklichkeit; aber nach den Tagträumen wirkt die Realität, die Juan heißt, umso schaler.

Aber sie wird ihn los; auf ebenso zufällige wie makabere Weise. Nach ganzen acht Nächten und sieben Tagen des Zusammenlebens, als der schwelende Streit zum offenen Kampf wird.

Zwei verlorene Seelen, auf der verzweifelten Suche nach Zärtlichkeit – sie streifen sich kurz, und eine verbrennt daran. Ein gutes Buch.

Javier Tomeo, Das Verbrechen im Orientkino, 160 Seiten, Wagenbach Verlag, Berlin, ISBN-10: 3803131219, ISBN-13: 978-3803131218, 18,50 Euro.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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