Tokarjewa Viktorija: Der Pianist, Erzählungen

Bild: Clker.com/Free Pictures

Faszinierende Lektüre: Sprachliche Kleinode finden sich in dem Erzählband Der Pianist von Viktorija Tokarjewa.

Tokarjewa als begnadete Erzählerin

Welch eine begnadete Erzählerin die Tokarjewa doch ist. Mit welch feinen Beobachtungen sie Menschen fischt und wie klar ihre knappe Sätze sind, mit denen sie Universen entwirft. Ihre Geschichten treffen den richtigen Ton – eher leise, aber eindrucksvoll.

Sprachliche Meisterschaft der Tokarjewa

In ihrem Erzählband beweist sie ihre Meisterschaft an zwei von drei Geschichten. Es sind sprachliche Kleinode, an denen sie erkennbar lange feilte. Jedes Wort sitzt, jeder Satz, der ganze Rhythmus. Die Geschichten der Tokarjewa zeigen deutlich: Manche gute Erzählung schlägt einen Roman um Längen. Gerade weil da keine Silbe zu viel drinstehen darf. Das setzt harte Arbeit voraus. Brecht sagte einmal, ein Roman wird mit dem Hintern geschrieben. Man ergänze: Und eine Erzählung mit dem Kopf.

Etwas holzschnittartig

Tröstlich für uns Normalsterbliche: bei all der Perfektion in den ersten beiden Stories – die dritte gelang der Autorin weit weniger. Sie ist fahrig, unausgegoren, holzschnittartige Sätze finden wir darin. Etwa: „Ein paar Worte über Julia.“ Das darf sich eine Schriftstellerin in der Rohfassung ihres Skriptes erlauben, vielleicht an den Rand notiert. Aber das gehört in keine Erzählung; jedenfalls in keine, wie die Torkarjewa sie schreibt.
Vergessen wir die dritte also geschwind; obwohl das schade ist, denn von der Psychologie her ist sie ähnlich brillant wie die anderen beiden.

Genau aufgeteilte Geschichten

Die anderen beiden: Da wäre einmal Der Pianist zu nennen. Igor Nikolajewitsch Mesjazew lebt in seiner eigenen Welt. Er gibt Konzerte, genießt seinen ausgezeichneten Ruf und ist solide verheiratet. Sein Gefühlsleben teilt er auf: Hier seine Frau, dort die Musik, die seine wirkliche Ehefrau ist. Seine Tochter macht ihm fast nur Freude, sein Sohn beinahe nur Kummer.
Der Pianist ist zufrieden.

Nüchterne Sicht

Doch es schleicht sich die nagende Frage ein, ob das alles war; ob es im Leben nicht doch den Kick gibt, im Leben eines Künstlers zumal. Seine Frau sieht das pragmatisch: „Das ist das Leben … Der Vogel fliegt, der Fisch schwimmt, und du spielst Klavier.“

Klare Gedanken in einfachen Sätzen sind das; aber sie erreichen das Herz des Pianisten nicht mehr. Der Mantel der Schwermut sinkt auf ihn. War da nicht noch was? Und dann stirbt seine einst schone Nachbarin Tatjana am Suff. Mesjazew kommt dermaßen ins Grübeln, dass er ein Sanatorium aufsucht, um sich zu erholen. Dort springt ihn die Liebe zu einer jungen Frau an, die alles umwirft. Sein ganzes Leben. Bis – ja, bis Mesjazew erbittert Rückschau hält.

Mitleid mit den Lügnern

Nicht weniger ausgefeilt ist die zweite Geschichte, die von der Liebe erzählt. Zwischen dem Fotografen Jelissejew, einem verheirateten Säufer mit Geräuschhalluzinationen und der zarten Witwe Lena entwickelt sich wenige Tage lang eine glühende Liebe. Bis Lena erkennt, welch ein Blender der Fotograf doch ist. Sie sieht ihn bald darauf wieder – und wundert sich, wie sie so einen begehren konnte.

All das beschreibt die Tokarjewa mitfühlend; selbst über die Lumpen des Alltags bricht sie nicht den Stab, immer schwingt Verständnis mit. Für die Betrüger, die Lügner, die Hurenböcke – die immer männlichen Geschlechts sind, so nüchtern sieht sie die Sache durchaus.

Zauberhafte Geschichten

Die Tokarjewa zaubert – ihre Geschichten sind nicht nur gut erzählt (was schon eine Menge ist); sie sind auch tief. Russische Schwermut schwingt in ihnen, abgeklärte Philosophie. Gerade einmal soviel, wie für eine Erzählung gut ist. Kein aufdringliches Räsonieren also, sondern Einsichten in manchmal atemberaubend klaren Sätzen. Ihre Profession, das Erzählen, vergisst die Tokarjewa nie. Und das hält ihre

Geschichten wunderbar in der Schwebe zwischen Melancholie und Heiterkeit.

Viktorija Tokarjewa, Der Pianist, Taschenbuch, 167 Seiten, Diogenes Verlag, Zürich, ISBN-10: 3257233140, ISBN-13: 978-3257233148, 7,90 Euro.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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