Thomas/Shapard, Plötzliche Geschichten – ein wunderbares Lesevergnügen!

Tom Shapard Kurzgeschichten

Bild: pixabay.com/skeeze

Amerikanische Short Stories in bester Manier finden sich in diesem schön aufgemachten Band. Eine Sammlung zum lustvoll Schmökern. Dazu der geniale Titel: plötzliche Geschichten!

Wunderbare kurze Geschichten!

Jeder, der Kurzgeschichten mag, genießt vor allem amerikanische Short stories – sie vereinen mit das Beste, das in diesem Genre geschrieben wurde: Knapp, präzise, schnörkellos. Und die Sammlung „Plötzliche Geschichten“ versammelt beste amerikanische Kurzgeschichten.

Mitten rein in die Geschichte

Es beginnt plötzlich, mitten in der Geschichte, dass die Leser Zeugen werden, in die Erzählung hineingezogen werden und nur für ein paar Takte dabei bleiben. Das reicht meist schon, um blitzlichtartig ein Leben beleuchtet zu bekommen und dann geht jeder wieder seines Weges: Der Leser, im besten Fall um ein Aha-Erlebnis reicher; und die Personen der Geschichte, die heillos und unrettbar in ihr Schicksal verstrickt bleiben. Denen kann der Leser auch nicht helfen; auch, wenn er es manchmal allzu gerne täte.
So geht das jede der 70 kurzen Geschichten. Da brauchen Autor wie Autorin schon die hohe Kunst der Verdichtung, um in wenigen Zeilen ein kleines Universum aufscheinen zu lassen, das Rückschlüsse zulässt auf des Leben der Geschilderten.

Abstruse amerikanische Leben

Der Leser hätten keine amerikanischen Geschichten vor sich, wenn das Leben darin nicht an sich schon abstrus genug wäre. Das Blitzlicht erhellt nun einmal die dunkelsten Winkel – und schneidet scharf eine Menge Eigentümlichkeiten heraus.
Beinahe alles kommt vor, was wie immer schon gewusst, aber nie so recht zu denken gewagt hatten: Mord und Totschlag, stille Verzweiflung, Glück, Hass und bodenlose Langeweile. Erzählt ist das mit einem typisch amerikanischen Stilmittel – dem Understatement.

Leichtigkeit der Formulierung

Allerdings sollte die Leichtigkeit der Formulierung nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier jedes Wort sitzt, ja sitzen muss, kippte die kleine Geschichte vollkommen aus den Fugen. Da genügte schon ein einziges unnötiges Wort. In dieser Dichte und spartanischen Konstruktion aber sind die Geschichten wirklich hohe Kunst. Was im Roman vielleicht noch durchgeht, die Kurz-Kurzgeschichte verzeiht keine Schlampigkeit. So sind die Texte Perlen für die Minutenlektüre, aber auch für einen gemütlichen Abend alleine mit einem Buch. Dieses hier liest man immer wieder gerne von vorne.

Wahrer Zauber mit seinen plötzlichen Geschichten

Sicher entfaltet die Anthologie ihren wahren Zauber aber erst, wenn die Geschichten hinter einander zur Wirkung kommen, ohne, dass lange Pausen dazwischen liegen.

Die Stars des Sammelbandes

Stars des Sammelbandes sind Hemingway, Boyle, Updike und Oates. Doch auch andere Perlen finden sich darin – Autorinnen und Autoren, die hierzulande weniger bekannt sind.

Wunderbare kurze Geschichten und plötzliche Geschichten

„Plötzliche Geschichten“ zeigen wieder einmal, dass niemand so gute kurze Geschichten schreibt, wie die Amerikaner – zumindest in der Regel. Ein Grund darin liegt in den jahrzehntelang hervorragenden Produktionsbedingungen: Eine Fülle von Magazinen und Zeitschriften, die ein großes Forum für Schriftsteller boten – sowohl, was die Bezahlung betrifft, also auch vom Renommee her. Das ist auch nicht mehr so, die junge Generation amerikanischer Schriftsteller hat schwer zu kämpfen. Viele Zeitungen sind vom Markt verschwunden, etliche Zeitungen drucken keine Kurzgeschichten mehr. Das alles ist dem Internet geschuldet. Möglich, dass damit auch eine junge, namhafte Kunst schon wieder ihr Ende findet.

Geld verdienen im Internet?

Eine Alternative böte wohl das Internet – aber nur, wenn es endlich einen vernünftigen Schutz des Urheberrechtes gewährleisten würde; und die Möglichkeit eröffnete, dass Kurzgeschichtenautoren auch mit Veröffentlichungen im World Wide Web ihr Geld verdienen könnten. Sonst sind Bücher wie „Plötzliche Geschichten“ plötzlich nicht mehr möglich – weil es an Qualität mangelt, die es zu versammeln lohnte.

Robert Shapard, James Thomas, Plötzliche Geschichten, Fischer Verlag, 978-3100744074

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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