pixabay.com/Alexandra / München

Was ein tumber Bürgermeister alles anrichten kann! Die  Sache mit der Unterhose jedenfalls ging gründlich in die Hose.

Eines Tages bekam die kleine Stadt Besuch. Vor der Stadtmauer hielt eine Kutsche, die sieben weiße Pferde zogen. Die Kutsche war weiß-blau und hatte goldene Zierleisten. Auf dem Dach war eine goldene Krone angebracht. Hinten auf der Kutsche war eine Menge Gepäck gestapelt. Und vorn auf dem Kutschbock saßen ein adrett gekleideter Kutscher und ein piekfein ausstaffierter Diener, der steif und sehr aufrecht neben ihm saß.

Kutsche vor den Toren der Stadt

Die Kutsche hielt an einem frühen Junimorgen vor den Toren der kleinen Stadt. Der Diener räusperte sich, aber das Tor blieb zu. Ferdinand und Wolfram, die am Stadttor gerade Wache standen, standen nämlich nicht Wache, sondern sie lagen in der Wachstube. Sie schliefen, wie das jeder tat, der Wache schob.

Nun war es so, dass es auch damals schon keine Kutschen, Könige und Wachen mehr gab – aber die kleine Stadt war berühmt für ihr märchenhaftes Erscheinungsbild. So hatte der Stadtrat beschlossen, das hintere Stadttor zu schließen und dort die ganze Nacht über Wachen zu postieren. So wie früher, als es noch Kutschen und Könige gab und allerlei Strauchdiebe, die die kleine Stadt überfallen wollten. Bürgermeister Schmalzahn versprach sich davon mehr Touristen.

Die Kutsche trug Krone

So stand also an diesem frühen Junitag in der ersten Morgendämmerung die weiß-blaue Kutsche mit der Krone auf dem Dach vor den Toren der Stadt. Die sieben Schimmel scharrten unruhig mit den Hufen, der feine Diener räusperte sich unentwegt – aber alles, was passierte, war der ohrenbetäubende Lärm, der aus dem Wartehäuschen drang und nichts weiter war als das Schnarchen der Wächter. Der Kutscher setzte jetzt seine Trompete an die Lippen und stieß so gewaltig hinein, dass die beiden pflichtvergessenen Schläfer in der Wachtstube mit zwei dumpfen Schlägen aus ihren Betten fielen.

Der Bürgermeister war schnell am Stadttor

Auch der Bürgermeister erwachte. Der war schneller am Stadttor, als sich der dicke Ferdinand angezogen hatte – so sah das Stadtoberhaupt, dass die beiden Spießgesellen sicher keine Wache gehalten hatten. Aber darum würde er sich später kümmern. Der Bürgermeister gab den beiden verschlafenen Wächtern einen Wink, sie öffneten das Stadttor, der Kutscher ließ die Pferde anziehen und lenkte sein weiß-blau-goldenes Gefährt in die Stadt.

Es wird ein König sein

Vor dem Bürgermeister hielt er an und stieg ab. Er verbeugte sich tief, ging dann zum Verschlag der Kutsche, öffnete ihn und verbeugte sich ein zweites Mal und das noch tiefer. Dann trat er zurück. Der Bürgermeister schaute interessiert zu, wer da wohl jetzt aus der weiß-blau-goldenen Kutsche mit der goldenen Krone auf dem Dach steigen würde. Na ja, es wird ein König sein, dachte der Bürgermeister, was durchaus etwas Besonderes war in der kleinen Stadt – denn Kutschen gab es kaum noch und Könige schon gar nicht.

Huch, eine Unterhose

Bürgermeister Schmalzahn versuchte, seine Unsicherheit zu überspielen und so zu tun, als käme jeden Tag ein König in seine Stadt. Aber das gelang ihm nicht – im Gegenteil, er stieß einen erstaunten Seufzer aus, der sich anhörte wie »hach!«. Dann sagte er nichts mehr. Er staunte Bauklötze. Denn der König, der aus der Kutsche mit den goldenen Zierleisten stieg, war eine besondere Erscheinung: Er war nicht nur sehr klein und reichte dem Bürgermeister nur an die Brust – er hatte dazu auch noch eine Unterhose an. Eine sehr große, sehr rosafarbene – und sonst nichts, außer natürlich seiner goldenen Krone und einer Brille. Der kleine König musste die Hose festhalten.
Dennoch sagte er freundlich: »Guten Tag. Bitte verzeihen Sie, dass ich Ihnen nicht die Hand reiche. Aber wenn ich das tue, rutscht mir meine prachtvolle Unterhose, ein Erbstück meiner Großtante, der Gräfin Emilia von Sausewind, bis auf die Knöchel herunter.« Der Bürgermeister machte so etwas wie eine halbe Verbeugung – mehr bekam er nicht zustande. Aber auch diesen ungenügenden, eigentlich unhöflichen Versuch nahm der kleine König gnädig mit einem leichten Nicken entgegen.

Geschichten der kleinen Stadt

Dann fuhr er fort: »Meine Unterhose ist auch der eigentliche Grund meines Besuches in Ihrer reizenden Stadt. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen – denn wie ich hörte, ist Ihre Stadt berühmt für Geschichten.«
»Geschichten? Meine Stadt?« Der Bürgermeister hatte tatsächlich noch nicht mitbekommen, dass die vielen Geschichten des Freiherrn Bock von Wülfingen über seine Stadt diese berühmt gemacht hatten. Das kam daher, weil der Bürgermeister zu sehr mit sich, seinem Regieren und seiner Hasenzucht beschäftigt war und Geschichten gar nicht mochte.
»Wir haben hier keine Geschichten!«, polterte er. »Woher sollen die denn kommen?«
»Na, von Ihnen und Ihren Untertanen, Herr König«, sagte der kleine König.
»Ich bin kein König, ich bin ein Bürgermeister«, antwortete Schmalzahn. »Und Geschichten gibt es hier nicht.«
»Dann verzeihen Sie bitte«, antwortete der kleine König Unterhose, verbeugte sich leicht, ging in die Kutsche zurück und fuhr los. So werden wir nie erfahren, warum der kleine König die Unterhose seiner Großtante trug.

Bild: pixabay.com/Clker-Free-Vector-Images

Drei alte Schachteln oder: Wie alte Damen das Fernsehen besiegten.

In der kleinen Stadt lebte die Kaufmannswitwe Olga Fingerlein. Sie wohnte in einem kleinen, windschiefen Häuschen mitten in der Stadt, direkt am ältesten Theater weit und breit. Ihr Sohn arbeitete in der großen Stadt beim Rundfunk – und als das Fernsehen erfunden wurde, wechselte er dorthin. Beim nächsten Besuch in der kleinen Stadt brachte er einen Fernseher mit: einen großen, schwarzen Kasten, der nur schwarz-weiße Bilder zeigte.

Auf ihm liefen die beiden Fernsehsender, die es damals gab. Rosa Fingerlein schaute sich den klobigen Kasten von drei Seiten an, ließ ihren Sohn ihn anschalten und verließ den Fern- sehsessel nicht mehr, bis das Programm zu Ende ging – was allerdings damals sehr bald am Abend war. Sie schaute gebannt auf den flimmernden Kasten mit seinen schwarz-weißen Bildern. Ihr Sohn fragte sie immer wieder: »Und? Gefällt es dir?« Denn sie war streng und ihr Urteil unbestechlich.

Wortlos ging sie zu Bett

Aber Rosa Fingerlein schwieg, und das bedeutete nichts Gutes. Wortlos ging sie zu Bett. Am nächsten Tag sagte Olga Fingerlein nur: »Nimm’ den Kasten wieder mit. Da wird einem ja schwindelig im Kopf!« Das sagte sie so streng, wie sie nun einmal war – ihr Sohn wagte keinen Widerspruch, es war ja sowieso zwecklos. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, brachte sie niemand davon ab.

Er fuhr beleidigt nach Hause in die große Stadt und besuchte seine Mutter nur noch, wenn es unbedingt sein musste. Etwa zu ihren runden Geburtstagen. Olga Fingerlein hatte für einen Tag den ersten Fernseher der Stadt gehabt. Aber kurze Zeit später stand der zweite beim Bürgermeister, der bis dahin ein Radiogeschäft gehabt hatte – und von da an auch Fernseher verkaufte. Und da er das mit der ganzen Autorität tat, die er als Bürgermeister hatte, gab es bald mehr und mehr Fernseher in der kleinen Stadt.

Unerträglicher Flimmerkasten

Deren Zahl nahm zu – und die Leute gingen immer weniger zu Konzerten und ins Theater. Da rief Olga Fingerlein ihre zwei Freundinnen Berta Hummel und Edith Bienenstich zu sich. »Ist das nicht furchtbar?«, fragte sie, »diese Flachheit in dem Flimmerkasten! Unerträglich«, schimpfte sie.

»Da kann man wohl nichts machen«, antwortete Berta Hummel, »das ist der Lauf der Zeit. Den halten wir nicht auf.«

»Das mag der Lauf der Zeit sein und vielleicht halten wir ihn nicht auf. Aber wir setzen etwas dagegen. Ein Zeichen.«

»Ein Zeichen?«, fragte Edith Bienenstich. »Ja, ein Zeichen gegen den Verfall der Kultur. Wir treten auf«, sagte Olga Fingerlein.

»Wir treten auf? Als was?«, fragte Berta Hummel. »Nun, wir erzählen dem Publikum Geschichten und machen Musik dazu.«

Berta schimpfte wie ein Rohrspatz

»Waaaas?«, fragte Berta Hummel verblüfft und schimpfte eine Weile wie ein Rohrspatz über die eigenartige Idee ihrer Freundin. Aber Edith Bienenstich sagte in einer Pause von Berta: »Naja, sooo dumm ist die Idee wirklich nicht.« Berta Hummel ließ sich überzeugen.

Und so kam es, dass die drei alten Damen jeden Freitag in der alten Mühle nahe der kleinen Stadt auftraten. Sie nannten sich »Die drei alten Schachteln«, sangen voller Inbrunst und manchmal nicht sehr tonsicher, machten Musik und trugen Gedichte und Geschichten vor. Am Anfang hatte der Bürgermeister noch versucht, die Auftritte der drei alten Schachteln zu verhindern, indem er die Gasthöfe der Stadt sperren ließ.

Erfolg in der Alten Mühle

Aber die drei Damen wichen in die alte Mühle aus – und die lag außerhalb der Stadt. Das Publikum war begeistert – jeden Freitag kamen mehr Besucher. Der Verkauf der Fernseher geriet ins Stocken, der Bürgermeister war sauer. Und das Beste: Das Fernsehen brachte bald selbst die Geschichte der drei alten Schachteln, obwohl die ja auftraten, weil sie das Fernsehen schrecklich fanden. Jetzt waren sie berühmt. Aber das störte sie nicht weiter – sie traten ungerührt auf. Kurz darauf entdeckte das Radio die drei alten Schachteln und übertrug ihre Auftritte live. Die Radioapparate im Geschäft des Bürgermeisters gingen plötzlich wieder weg wie warme Semmeln. Da setzte er sich an die Spitze der Bewegung und verbannte die Fernseher aus der Stadt. Von da an interessierte sich das Fernsehen nur noch für den Bürgermeister und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Nach den drei alten Schachteln fragte bald keiner mehr. Aber das war denen herzlich egal – sie hatten ihr Ziel erreicht, die kleine Stadt war fernsehfrei.

Fly high !

Bild: pixabay.com/Kayla Schroeder

Etienne Vogelsand legt sich mit Mecklenburg an. Das hätte sie besser bleiben lassen, denn Mecklenburg ist ein mächtiger Zauberer.

Drei Tage, ehe die Hexe Siebenwurz nach Indien aufbrach, um die Einladung des indischen Prinzen Harappa und seines Zauberers anzunehmen, bekam sie selbst Besuch. Es klingelte an der Haustür, und als die Hexe Siebenwurz aufmachte, stand Etienne Vogelsand vor der Tür, eine Großnichte achten Grades.

Das passte der Hexe Siebenwurz gar nicht, denn sie hatte noch viel zu tun. Am liebsten hätte sie die kleine Hexe wieder nach Hause geschickt – aber Hexen sind gastfreundliche Leute, also bat sie das Hexlein in ihre Hütte. Etienne Vogelsand erzählt ihr atemlos von der Hexenschule, die sie besuchte und davon, dass sie schon ganz toll zaubern könne. Sie wollte es vor lauter Begeisterung ihrer berühmten Verwandten sofort zeigen und schaute sich in der kleinen Hütte der Hexe Siebenwurz um. Sie wollte sehen, was es hier zu zaubern gab.

Leichtsinniger Zauber

Da sah sie den Zauberfisch Mecklenburg, der friedlich in seinem Käfig auf der Stange saß und schlief, den Kopf unter seiner linken Kiemenflosse. Genau den suchte sich das Hexlein Vogelsand aus, um ihre Zauberkunst zu zeigen. Das war dumm. Denn erstens zaubert man sowieso nicht, wenn man es noch nicht so gut kann (und sich das nur einbildet). Zweitens zaubert man schon gar nicht in der Hütte einer berühmten Hexe, ohne dazu eingeladen zu sein – weil da nämlich allerhand Zauber in der Luft liegt und man nie so genau weiß, worauf der eigene Zauber am Ende trifft und welche Wirkung das entfaltet.

Und drittens war es eine höchst dämliche Idee, ausgerechnet dem Zauberfisch Mecklenburg einen Zauber auf die Schuppen zu brennen – denn der war eigentlich kein normaler Fisch, sondern ein mächtiger Zauberer, der sich in der Gestalt eines Fisches am wohlsten fühlte. Welcher Fisch sitzt schon auf einer Stange im Vogelkäfig? Eben.

Der große Zauberer wollte viel lernen

Dem Zauberfisch gefiel es bei seiner Freundin, der Hexe Siebenwurz, ausgesprochen gut. Für ihn war sie die größte Zauberin aller Zeiten und er wollte noch eine Menge Tricks von ihr lernen. Aber er selbst war auch nicht schlecht, wie wir gleich sehen werden. All das wusste das kleine Hexlein Vogelsand nicht, als sie so leichtsinnig in der Hütte ihrer Großtante achten Grades zauberte. Sie hob den Zauberstab, ehe die Hexe Siebenwurz noch eingreifen konnte und murmelte: »Abra Ben Nemsi.«

Das war ein durchaus korrekter Zauberspruch und hätte dazu geführt, einen Papagei in eine Perserkatze mit Hasen-Schlappohren zu verwandeln. Nun war aber der Zauberfisch Mecklenburg kein Papagei, sondern höchstens ein Fisch. Und eigentlich auch kein Fisch, sondern in Wirklichkeit ein mächtiger Zauberer mit ganz unwahrscheinlichen Reflexen. Jeder Zauberer schützt sich für gewöhnlich mit einem Zauber, den er als Schutz um sich zieht: mindestens, wenn er schläft.

Tolle Reaktionen

Der Zauber sitzt fest wie eine zweite Haut und verhindert, dass der Zauberer von einem bösen Zauber überrumpelt wird und Schaden nimmt. Der Zauber schützt ihn für einen Moment oder zwei, bis der Zauberer wach genug ist, um sich zu verteidigen. Nicht so Mecklenburg: Der Zauberer war stolz auf seinen tollen Reaktionen und wohl auch ein wenig eitel. Er verzichtete auf jeden Schutzzauber – sehr zum Missfallen seiner Freundin, der Hexe Siebenwurz, die immer mit ihm schimpfte.

Es war aber vollkommen unnötig. Der Zauberfisch Mecklenburg hatte wirklich tolle Reflexe. Er spürte im Schlaf die Gefahr und lenkte den Zauber des Hexleins im Erwachen an die Wand hinter sich. Von dort zischte der Zauber an die Decke und wieder zurück zu Etienne Vogelsand. Es gab einen lauten Knall und einen Lichtblitz, schwefelgelber Rauch stieg auf.

Aus dem Schlaf gerissen

Als er sich verzogen hatte, sah man das kleine Hexlein Vogelsand: Es hatte den Kopf eines Nashorns auf. Der Zauber hatte nicht nur seine Richtung geändert, sondern auch seine Kraft. »Du Rhinozeros!«, rief die Hexe Siebenwurz, »was machst du da?« Doch dann musste sie herzlich lachen und in ihr Gemecker stimmte der Zauberfisch Mecklenburg ein, der sich von seinem Schrecken erholt hatte, so jäh aus dem Schlaf gerissen zu werden.

»Hübsch«, sagte die Hexe Siebenwurz, die beschlossen hatte, das Hexlein für ihren Übermut ein wenig zu bestrafen. Sie hätte es zwar sofort von ihrem Nashornkopf befreien können, sagte aber nur trocken: »Liebes Kind, dich hat ein Zauber der Kategorie X 1 9 im Fledermausregister getroffen. Den Gegenzauber findest du im blauen Teil.« Damit ließen die beiden das Hexlein in ihre Schule zurückgehen. Ihre Mitschüler lachten sie arg aus, bis sie ihren seltsamen Kopf wieder los war. Aber von dem Tag an lernte die kleine Hexe Etienne Vogelsand wie besessen und wurde schließlich die beste Zaubereilehrerin weit und breit. Sie lehrte ihre Schüler, vor allem sehr vorsichtig mit dem Zaubern zu sein – denn man kann nie wissen, ob ein mächtiger Zauberer in der Nähe ist und wie der sich tarnt …

pixabay.com/cocoparisienne

Wie der große Zauberer Zimpelli verschwindet – und was ein Oberlehrer damit zu tun hat.

In der kleinen Stadt war ein Wanderzirkus zu Gast. Die halbe Stadt ging hin, auch Dr. Knut Schussel tat das, der pensionierte Oberlehrer. Der Zirkus war ganz nett, fand Schussel – doch dann kam der große Zauberer Zimpelli. Der Zauberer suchte sich ausgerechnet der pensionierten Oberlehrer als Assistenten aus.

Der große Zauberer schnarrte: »Hochverehrtes Publikum! Sie werden jetzt die sensationelle Nummer sehen, in der der große Zimpelli, das bin ich, diesen Mann hier vor Ihrer aller Augen verschwinden lassen wird. Jawoll! Und der in Kürze wieder vor Ihrer aller Augen erschienen wird. Kraft meiner Zauberkraft und meines Zauberstabes hier.« Der große Zimpelli nahm sich Knut Schussel und zog ihm in die Mitte der Manege.

Jetzt soll er verschwinda

Dann wedelte mit seinem Zauberstab herum. Er drehte er sich um, sah Knut streng an und murmelte: »Abra Karamba, jetzt soll er verschwinda«. Knut Schussel starrte zurück. Dann sagte er: »Kadabra.« »Wie?«, fragte der Zauberer verdutzt und schaute verdutzt aus seinem blauen Umhang mit den goldenen Sternen heraus. »Kadabra heißt das, mein Herr«, wiederholte der alte Oberlehrer. »Abra Kadabra, um genau zu sein. Wo haben Sie denn das Zaubern gelernt?« Zimpelli hatte schon viel erlebt – aber er hatte noch nie das zweifelhafte Vergnügen gehabt, in der Manege einen Oberlehrer zu haben. Er hasste Lehrer, immer wusste sie alles besser.

Aber es kam noch schlimmer für den armen Zauberer – kurz nachdem der Oberlehrer »Abra Kadabra« gesagt hatte, starrten sich die beiden an. Aber nicht der Oberlehrer löste sich in Luft auf und verschwand, wie es in dem Zauberkunststück geplant war, sondern der große Zimpelli. Der Zauberer wurde immer durchsichtiger und blasser, dann war er weg.

Atemlose Stille

Dem Publikum stand der Mund offen – atemlose Stille herrschte im Zirkuszelt. Dann begann jemand zu klatschen und plötzlich brandete ein Applaus auf, wie ihn der dicke blonde Zirkusdirektor noch nie erlebt hatte. Er war, nach einer Schrecksekunde, in die Manege gestürzt, mit wirr flackernden Augen blickte er im Kreis herum. Nichts. Kein Zimpelli. Statt dessen nur dieser vermaledeite Gast in der Manege, der Glatze trug und verdattert dreinsah.

Der Direktor schaute Knut Schussel in die Taschen seines Anzugs, schaute ihm in den Mund, ließ ihn aufstehen und sah unter dem Hocker nach. Nichts. Das Publikum johlte. Auch die Assistentin hatte ihren Chef nicht unter dem Arm, wie der Zirkusdirektor feststellte. Dann rannte der dicke, blonde Direktor im Kreis herum, immer vor dem Publikum und keuchte ins Mikrophon: »Haben Sie meinen Zauberer gesehen? Los, geben Sie meinen Zauberer wieder her! Zimpelli, Du Trottel!«

Nichts. Schließlich drehte der dicke blonde Mann in der Mitte der Manege ein durchaus elegante Pirouette, ging langsam und sacht zu Boden und keuchte: »Was das wieder kostet.«

Hoher Besuch

Der Zirkus endete vorzeitig. Am nächsten Morgen klingelte die Polizei an Dr. Knut Schussels Türe. Vor Schussels Türe standen ein hagerer Mann mit Hakennase und ein kleiner Dicker mit Knollnase. Der Dicke sprach: »Guten Morgen, Herr Doktor. Dürfen wir kurz herein kommen? Wir sind Plüsch und Strohmann von der Kriminalpolizei. Und wir würden gerne mit Ihnen über das Verschwinden des Zauberers der große Zimpelli reden.«

Doktor Schussel bat die Beamten ins Wohnzimmer. Nachdem sich Plüsch und Strohmann gesetzt hatten, sagte Plüsch, der Dicke: »Herr Doktor. Ich weiß, die Sache ist delikat. Ein Zirkuszauberer will einen Gast verschwinden lassen. Und verschwindet selbst. Einfach so und ohne wieder aufzutauchen. Irgendetwas stimmt da nicht – finden Sie nicht auch?«

»Ja, aber ich kann nicht zaubern, wenn Sie das meinen«, antwortete der Oberlehrer, etwas von oben herab. Die Drei schwiegen. In diesem Augenblick erhob sich Knut Schussel sachte aus dem Sessel, ohne die Beine zu gebrauchen – er hob einfach ab. Er schwankte leicht hin und her und schwebte dann über den Teppich. Der Oberlehrer staunte selbst darüber. Dann segelte er auf das offene Fenster zu, durch es hindurch – und war verschwunden. Vielleicht hatte er im Zirkus ein bisschen zu viel Zauberei abbekommen. Plüsch und Strohmann sahen sich an. »Tja«, sagte Plüsch. »Jetzt schreiben wir den Herrn Doktor mal zur Fahndung aus. Ein paar Fragen hätte ich doch noch an den Herrn Oberlehrer.«
Mehr spinnerte Geschichten

Bild: pixabay.com/OpenClipart-Vectors

Wie ein schüchterner Junge groß rauskommt und dabei einem fiesen Zauberer schwer zusetzt.

Knut war ein dicker Junge mit roten Haaren und Brille. Freunde hatte er wenige. Seine Mitschüler verspotteten ihn, weil er so dick war, eine Brille brauchte und manchmal, wenn er aufgeregt war, zu stottern anfing. Knut hockte am liebsten in seinem Zimmer und las. Zum Geburtstag hatte er ein Zauberbuch geschenkt bekommen. Es war ein altes Buch, das ihm sein Onkel Heiner mitge- bracht hatte. Heiner war ein lustiger Kerl, der sich in der Weltgeschichte herumtrieb und viele Länder bereist hatte.

Menschen und Tiere zauberten

Das Buch enthielt alte, afrikanische Märchen. In jedem Märchen zauberten die Menschen und die Tiere – und immer stand der jeweilige Zauberspruch dabei. Knut gefiel das Buch. Er nahm es mit auf sein Zimmer und las es aufmerksam durch. Immer wieder, von vorn bis hinten. Das ging so ein paar Tage – Knut hörte kaum, wenn seine Mutter ihn zum Essen rief, Fernsehen wollte er gar nicht, spielen auch nicht.

Eine Überraschung

Am Samstag sagte seine Mutter: »Ich habe eine Überraschung für dich: Heute gehen wir in den Zirkus.« Also gingen am Nachmittag Knut, seine Mutter, sein Bruder Egon und Onkel Heiner in den Zirkus. Es war ein kleiner Zirkus mit ganz besonderem Programm: Artisten und Tiere aus dem tiefsten Afrika. Da gab es die gläserne Frau, Löwen, auf deren Rücken Affen ritten und drei dicke Schlangen, die zu feiner Flötenmusik in der Mitte der Manege tanzten. Andere Artisten vollführten einen afrikanischen Tanz mit viel Akrobatik.

Der Zauberer Marimba

Dann kam der Zauberer Marimba. Der hatte ein langes, erdfarbenes Gewand mit blaugelben Sternen darauf an; und er trug einen spitzen, roten Turban auf dem Kopf. Marimba schritt majestätisch in die Manege, breitete die Arme aus, hob das Gesicht Richtung Zirkuskuppel – die Leute auf den Zuschauerrängen, die eben noch Beifall geklatscht hatten, verstummten. Der Zauberer drehte sich mit ausgestreckten Armen langsam im Kreis, dann immer schneller – plötzlich blieb er stehen und er zeigte mit beiden Händen auf Knut.

»Du!«, sagt er, »komm!« Ehe Knut noch verstand, was der Zauberer von ihm wollte, war eine der Assistentinnen des Zauberers zu Knut geeilt und legte ihm lächelnd die Hand auf die Schulter: »Junger Herr, bitte kommen mit, Meister Marimba brauchen deine Hilfe.« Knut stand auf und folgte der Assistentin in die Manege. Es war ihm peinlich, dass ihn alle Zirkusbesucher anstarrten. Am liebsten wäre er sitzen geblieben – aber etwas war stärker als er und zog ihn fort.

Knut ist auserwählt

Dann stand der rothaarige Junge vor dem Zauberer. Der hatte wieder die Arme ausgebreitet und sprach. Knut hörte ihn sagen, dass er auserwählt sei, einen atemberaubenden Zaubertrick zu erleben – und natürlich die Zuschauer im Zirkus. Er, der große Zauberer Marimba, werde Knut in eine Taube verwandeln und wieder zurück. Da geschah etwas Seltsames: Während der große Marimba zu den Leuten sprach, vernahm Knut plötzlich eine leise, zischelnde Stimme, die höhnisch zu ihm sprach: »So, mein Lieber, jetzt hab’ ich dich! Ich werde dich nicht in einen Menschen zurückverwandeln, du bleibst eine Taube. Und dann hole ich mir das alte Zauberbuch, das dein Onkel unserem Volk gestohlen hat. Wenn du in eine Taube verwandelt bist, kann ich es ganz einfach hierher in den Zirkus zaubern. Hahaha!«

Der Zauberspruch

Knut schaute sich um – niemand außer ihm schien die Stimme gehört zu haben. Der Zauberer lächelte bösartig. Knut dachte angestrengt nach, wie er aus dieser Zwickmühle wieder he- rauskommen konnte. Plötzlich fiel ihm ein Zauberspruch ein, den er in seinem Zauberbuch gelesen hatte: »Owimbi, galama pim!« Knut wusste nicht, wofür der Spruch gut war oder warum er ihm gerade jetzt einfiel – aber in seiner Not murmelte er ihn. Und dann geschah es: Der Zauberer Marimba erstarrte, der Zirkus bebte und wackelte, die Leute schrien. Dann gab es einen Blitz, einen Donner – und alle Artisten waren in Tiere verwandelt. Dafür waren die Tiere plötzlich Menschen, afrikanische Menschen. Die bedankten sich überschwänglich bei Knut, weil er den Bann des bösen Zauberers Marimba über ihr Volk gebrochen hatte. Marimba hatte ihren König getötet und sie alle in Tiere verwandelt, die für ihn im Zirkus schuften mussten. Alle feierten ein Fest im Zirkus. Die neuen Artisten, die Besucher und natürlich Knut. Am Ende des Festes wählten die Artisten Knut zu ihrem neuen König – und der rothaarige Junge ging mit ihnen nach Afrika.

www.pixabay.com/Lumpi

www.pixabay.com/Lumpi

Mit Hexen ist nicht zu spaßen. Vor allem, wenn sie von Ehrbarkeit durchdrungen sind. In deren Gegenwart sollte man sich auf jeden Fall benehmen.

In der kleinen Stadt lebten zwei Maler. Der eine malte den Leuten nach dem Geschmack – und hatte Erfolg, obwohl er kein großer Künstler war. Der andere war ein Genie, der sich nicht um den Geschmack des Publikums scherte. Er hatte lange Zeit gar keinen Erfolg und lebte von Tagelöhnerdiensten.

Doch das änderte sich unvermittelt, als sich der neue, kunstsinnige Direktor der Bank, Basilius Nothelfer, dem verkannten Genie ein Bild abkaufte und es in seiner Bank aufhängte. Es war das Porträt von Frau Nothelfer. Der Künstler hatte es sehr modern gestaltet, es erinnert nur entfernt an die Frau des Bankdirektors. Das Bild zeigte arg verrutschte Gesichtszüge und eigenartige Farben – aber vielleicht hatte Herr Nothelfer gerade deshalb das Bild gekauft und in seiner Bank aufgehängt.

Riesenkrach mit Frau Bankdirektor

Er bekam deswegen einen Riesenkrach mit seiner Frau, die sagte, sie sehe aus wie eine explodierende Pfeffermühle, gefüllt mit rotem, grünem und gelbem Paprika. Das aber störte den Bankdirektor nicht weiter – so sehr seine Frau auch sonst die Hosen an hatte, bei Kunst blieb er stur und ließ das Bild hängen.

[inbound_button font_size=“20″ color=“#c8232b“ text_color=“#ffffff“ icon=“heart-o“ url=“https://www.amazon.de/Osswalds-Kosmos-besser-Schnurren-Satiren-ebook/dp/B01LYYK09R/ref=as_sl_pc_tf_til?tag=bruderlustig&linkCode=w00&linkId=&creativeASIN=B01LYYK09R“ width=““ target=“_blank“]Lang ersehnt[/inbound_button]

Der andere Maler, der immer nach dem Geschmack des Publikums malte, war wütend, weil der Bankdirektor seine Bilder verschmäht hatte. Er hatte noch nie in der Bank ausgestellt – überall sonst, aber noch nie in der Bank. Direktor Nothelfer hielt viel auf seinen Kunstgeschmack.

Angriff des Malers

Der verschmähte Maler sammelte eines Tages seine Freunde um sich. Voller Hass standen sie vor dem Bild des anderen Malers. Dann lachten sie schrill. Der Kundenberater kam und fragte, ob er ihnen helfen könnte. Sie lachten nur noch schriller, hielten sich die Bäuche und zeigten mit den Fingern auf das Bild. Der Bankdirektor kam und auch dann lachten sie noch.

Einige Minuten ging das so, die Kunden der Bank waren irritiert. Dann kam die Polizei und bereitete dem Spuk ein Ende. Nun hatte der Maler, der dem Publikum nach dem Geschmack malte, auch sonst ziemlich Pech mit der Aktion: In der Bank war nämlich gerade, als er mit seinen Freunden das Bild seines Konkurrenten verlachte, die Hexe Tintenfleck. Die fand das Bild der Frau Bankdirektor zwar auch eher scheußlich als schön, aber die Lachaktion des Malers und seiner Freunde ging ihr vollkommen gegen den Strich.

Gerechte Hexe

Sie war eine gerecht denkende Hexe. So etwas tat man nicht – und schon gar nicht einem Kollegen gegenüber. Wo kam man denn hin, wenn man sich so aufführte, nur weil man mal nicht zum Zug gekommen war? So etwas war geschmacklos. Also ging die Hexe Tintenfleck ins Haus des verschmähten Malers, als er noch bei der Polizei war und verhexte die Leinwand, auf die er gerade malte. Es war das Porträt des Schuldirektors Rotmoser. Der war ein bedächtiger, ruhiger Zeitgenosse.

Aber als der Maler am anderen Tag das Bild fertig gemalt hatte, war es mit der Ruhe und der Bedächtigkeit des Rektors vorbei: Mit einem Mark erschütternden Schrei sprang das Bild aus der Leinwand heraus und stürzte sich auf den Maler. Der konnte gerade noch die Beine unter die Arme nehmen und Fersengeld geben. Doch der gemalte Schulrektor rannte mit einer affenartigen Geschwindigkeit hinter dem Maler her. Und brüllte dabei wie ein Urwaldaffe. Dem Maler fielen auf seinem Weg weg von seinem Plagegeist sämtliche Pinsel aus der Hand.

Seltsame Jagd

Die Leute in der kleinen Stadt drehten ihre Köpfe und schauten der seltsamen Jagd nach. Schon erstaunlich, wie sich der Rektor plötzlich benahm; er war nicht mehr wieder zu erkennen. Das ging so lange, bis die wilde Jagd an einer Schulklasse vorbeikam, die Wandertag hatte – es war ausgerechnet die Klasse von Schuldirektor Rotmoser. Der machte ein entsetzlich dämliches Gesicht, als er sein Abbild an sich vorbeijagen sah.

Der Maler keuchte ihm zu: »Kein Problem, kein Problem, das Bild kommt später!« Seitdem hieß Rektor Rotmoser bei seinen Schülern nur »Kein Problem, kein Problem!« Ein paar Meter weiter bog der Maler rechts in eine Gasse und das Bild links – warum auch immer. Damit war der Spuk vorbei. Am nächsten Tag hatte der Maler einen Brief von der Hexe Tintenfleck im Briefkasten. Darin schrieb sie, das Bild könnte aus dem Rahmen gesprungen sein, weil er das Bild seines Kollegen verlacht hatte. So könnte es gewesen sein, vermutete die Hexe in ihrem Brief. Das sollte er nicht mehr tun. Der Maler war nicht dumm – er tat, was die gute Hexe ihm empfahl. Denn damit fährt man immer besser.

Mehr spinnerte Geschichten …

Elefant

Bild: pixabay.com/André Santana

Mit einer Hexe sollte man sich eben nicht anlegen – das lernt schließlich auch Bürgermeister Reißwein. Wenn auch ein wenig spät. Fast wäre er geblieben, wo der Pfeffer wächst.

Eines Morgens erwachten die Bewohner der kleinen Stadt von seltsamen Geräuschen. Es trompetete vor ihren Mauern. Und wie. Verwundert rieben sie sich den Schlaf aus den Augen und liefen zur Stadtmauer. Davor stand eine kleine Gruppe höchst eigenartiger Gestalten: zwei graue, dicke Tiere mit unglaublich langen Nasen – ein großes und ein kleines. Erst der Lehrer der kleinen Stadt wusste: Das sind Elefanten. Auf dem großen saß ein seltsam angezogener junger Mann mit Fez, einer runden Kopfbedeckung mit Schnur und Bommel. An seiner Kleidung glitzerten Gold und Edelsteine.

Elefant mit indischem Prinzen

Der kleine Elefant stand ohne Reiter daneben. Bald war klar, wer der Fremde war und was er wollte: Der Lehrer konnte ein bisschen Englisch. So kam heraus, dass der Fremde Malik Harappa hieß und ein indischer Prinz war. Und der wollte mit seinen Begleitern in die kleine Stadt zu Besuch. Die Leute freuten sich über den hohen Besuch und baten den Prinzen und sein Gefolge (die beiden Elefanten) in die Stadt. Sie gaben dem Prinzen das schönste Zimmer im ältesten und gediegensten Gasthaus (die Elefanten kamen in einen edlen Stall).

Der Prinz bekam erlesene Speisen und die besten Getränke (Himbeersaft mit Vanilleeis). Die besten Blasmusiker der Stadt spielten den ganzen Tag auf. So wollten die Leute in der kleinen Stadt dem Prinzen seinen Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Nach dem Essen machte Bürgermeister Reißwein seine Aufwartung. Der Prinz Harappa bedeutete ihm, dass der Bürgermeister eine Versammlung aller Bürger einberufen sollte – der Prinz wollte zu ihnen sprechen.

Der Hofzauberer will zaubern lernen

Am Nachmittag kam das Volk auf dem Platz vor dem Rathaus zusammen. Prinz, Bürgermeister und ein paar Ratsherren und der Pfarrer standen auf dem Balkon. Und der Lehrer natürlich, der übersetzen musste. So erfuhren die erstaunten Bürger der kleinen Stadt, dass Prinz Harappa gekommen war, damit sein Hofzauberer die Zauberkunst der kleinen Stadt kennenlernen konnte. Denn bis nach Indien war die Kunde gedrungen, dass bei der kleinen Stadt eine der besten Hexe der Welt lebte.

Die Bürger auf dem Rathausplatz schauten sich verblüfft an, der Bürgermeister starrte den Pfarrer an. Eine der besten Hexen? Nun ja, ein paar Hexen und Zauberer gab es in der kleinen Stadt, aber sie waren eher gefürchtet und geduldet als geliebt. Die Bürger ignorierten sie, so weit sie konnten. Und jetzt war ein indischer Prinz extra zu ihnen gekommen, um eine ihrer Hexen zu besuchen.

Ein Missverständnis?

»Äh«, fragte der Bürgermeister, »liegt da nicht ein Missverständnis vor? Wer sollte bei uns zu den besten Hexen der Welt gehören?« Die Hexe Siebenwurz, erfuhren die erstaunten Bürger aus dem Mund des Lehrers, der die Antwort des Prinzen übersetzte. Sie murmelten laut, der Bürgermeister schaute wie ein begossener Pudel – ausgerechnet die Hexe Siebenwurz, seine per- sönliche Feindin. Sie war gar nicht bei der Versammlung erschienen, typisch.

Der Bürgermeister schickte einen berittenen Boten zur Hexe in den Wald, die widerwillig mitkam. Die Hexe Siebenwurz hörte sich alles an, lächelte ein wenig und sagte dann mit einem schiefen Seitenblick auf den Bürgermeister: »Schlauen Leuten bleibt halt nichts verborgen.« Der Prinz bat die Hexe Siebenwurz um eine Kostprobe ihrer Kunst. Sie lächelte böse und schaute den Bürgermeister Reißwein schelmisch an. »Äh«, sagte der, »dadas, ist dodoch nicht nötig …« Aber ehe er noch zu Ende stammeln konnte, hatte er zwei Elefantenohren und einen Rüssel mitten im Gesicht. Er war ein Elefant geworden, der Platz auf dem Balkon war plötzlich zu eng.

Der Bürgermeister segelt davon

Aber kurz darauf begann der bürgermeisterliche Elefant davonzusegeln – er flog dabei mit den Ohren. Die Leute auf dem Rathausplatz lachten Tränen. Besonders laut trötete der kleine Elefant unten am Rande der Menge – dann gab es einen kleinen Blitz und einen peitschenden Knall – und der kleine Elefant verwandelte sich auch: In einen Zauberer, den der Prinz als seinen Hofzauberer Pasternak vorstellte. Auf Bitten des Prinzen holte die Hexe Siebenwurz den Bürgermeister zurück und gab ihm seine alte Gestalt wieder.

Der Hofzauberer Pasternak begrüßte die Hexe Siebenwurz freudig. »Liebe Hexe«, übersetzte der Lehrer die Worte des Prinzen, »wir würden dich gerne zu uns nach Indien einladen. Damit du die Kunst unseres Hofzauberers Pasternak vervollkommnest. Elefanten kann bei uns keiner fliegen lassen.«
»Oh ja, gerne«, mischte sich der Bürgermeister freudig ein. »Vielleicht sollten wir darüber bei einem guten Mahl nachdenken – ich danke dem Bürgermeister für seine Einladung und freue mich, dass er das ganze Volk an Speis und Trank teilhaben lässt. Bringt Tische und Bänke herbei!«, rief die listige Hexe – und der Bürgermeister ärgerte sich grün und blau, dass er alle einladen musste.

Spät am Abend waren sich Prinz, Hofzauberer und Hexe einig: Siebenwurz ging mit nach Indien. »Aber ich komme wieder«, sagte sie, mit einem Blick auf den Bürgermeister. »Und ich lasse etwas da«, ergänzte sie genüsslich, »meinen Zauberfisch Mecklenburg.« Das war hart, denn der Fisch war äußerst gerissen, wie der leidgeprüfte Bürgermeister wusste.

Schatz

Bild: pixabay.com/Rondell Melling

Heute lernen wir Susanne kennen, die einen großen Schatz hat … doch der ist nicht von dieser Welt.

In der kleinen Stadt lebte eine junge Frau, die hieß Susanne. Ihre Eltern hatten sich in mühevoller Arbeit eine Wäscherei aufgebaut und dafür Tag und Nacht geschuftet. Susanne half ihnen gerne – für sie waren Geschäft und Eltern ihr einziger Schatz.

Dann machten die Eltern, nach vielen Jahren, ihren ersten Urlaub und fuhren mit der Eisenbahn. Das war die große Mode, weil es sie erst seit wenigen Jahren gab. Und obwohl die Eisenbahnen damals nur sehr langsam fuhren, verunglückte der Zug, in dem Susannes Eltern saßen – und die Eltern starben.

Reiches Mädchen

So erbte also Susanne die Wäscherei ihrer Eltern und arbeitete auch Tag und Nacht. Bis sie eines Tages den jungen Ritter Ferdinand von Harprecht traf, der vor Kurzem in die kleine Stadt gekommen war. Der Ritter sah schneidig aus in seiner schicken blauen Uniform und dem weißen Pferd, auf dem er saß. Doch Ritter Ferdinand von Harprecht hieß eigentlich Thomas Müller und war ein Hallodri und hatte nicht einen Knopf am Rock, der ihm gehörte – auch das Pferd war geliehen. Aber das ahnte Susanne nicht.

Und wenn Ferdinand von seinen vielen weißen Pferden erzählte, die angeblich in seinem prächtigen Schloss nicht weit von der kleinen Stadt standen, dann hörte er sich wirklich nach einer guten Partie für ein fleißiges, etwas spätes Mädchen an, wie Susanne eines war. Der Ritter Ferdinand von Harprecht versprach, Susanne zu heiraten, und Susanne war glücklich. Sie war die glücklichste Frau in der ganzen Stadt – denn niemand ging mit so einem schicken jungen Mann in Uniform. Und niemand ihrer Freundinnen würde einmal in einem schönen Schloss wohnen – nur sie. Und nur sie würde eines Tages auf schönen, weißen Pferden ausreiten.

Ein Ritter in Schwierigkeiten

Allerdings gab es bis dorthin ein paar Schwierigkeiten, wie ihr der Ritter Ferdinand von Harprecht sehr bald eröffnete – er war leider ein wenig klamm. Das Geld, sie verstehe. Es lag dummerweise bei einem unfähigen Verwalter fest – ob sie ihm nicht ein wenig und kurzfristig aushelfen könne. Das tat Susanne gerne – die Wäscherei warf genug ab, und in ihre strahlende Zukunft investierte die junge Frau mit vollen Händen. Zusammen mit seinem Vater, einem Abenteurer, war ihr Ferdinand, der Thomas Müller, um die halbe Welt gezogen und hatte wirklich viel erlebt. Wenn nur das Geld nicht wäre, das ihnen stets entscheidend fehlte.

Und so war das weiße Schlösschen in der besten Wohnlage mit dem geräumigen Park und den vielen weißen Pferden nur ein Hirngespinst – das alles gab es nicht. Die verliebte Susanne aber gab ihm gerne ihr Geld. Und der noble Ritter war sich nicht zu fein, reichlich von der jungen Frau zu nehmen. Erst gab sie es ihm in kleinen Umschlägen direkt in die Hand, ergänzt um einen Liebesbrief, später sagte Ferdinand, sie könnten sich eine Zeit lang nicht miteinander sehen lassen – der Standesunterschied, sie verstehe doch. Die Leute munkelten schon …

Susannes Schatz

Daraufhin versteckte Susanne das Geld im Wald – für ihren Schatz, den Ferdinand, sie legte es an einer verabredeten Stelle unter einem Stein. Bis eines Tages ihr Geld doch verbraucht war – und die Bank ihre verschuldete Wäscherei verkaufte. Am nächsten Tag war der Ferdinand weg. Susanne blieb nichts mehr als ein alter Kanten Brot. Sie packte ihn ein und ging in den Wald – an die Stelle, an die sie immer das Geld gelegt hatte. Dort setzte sie sich traurig auf den Stein und dachte darüber nach, wie dumm sie gewesen war.

Da kam eine alte Frau vorbei und lächelte sie an. Dann sah sie sehnsüchtig auf den Kanten Brot, den Susanne in Händen hielt. Susanne brach ihn in der Mitte entzwei und gab der Alten die eine Hälfte. Das Mütterlein dankte und aß das trockene Brot mit Heißhunger. Danach stand sie auf und schenkte Susanne zum Dank drei weiße Kieselsteine. Die junge Frau freute sich sehr über das einfache Geschenk. Auch, wenn es nichts wert war, wie sie dachte. Doch wie staunte sie, als sie in die Stadt zurückkam: Da waren die drei großen Steine aus purem Gold. Damit konnte sich Susanne ihre Wäscherei zurückkaufen und sie richtig ausbauen. Sie blieb fleißig und lebte glücklich und zufrieden in der kleinen Stadt. Nur junge Männer in blauen Uniformen auf weißen Pferden ließ sie von nun an links liegen.
Mehr spinnerte Geschichten …

Scan-150806-0001

Bild: Klaus Krüger

Der Zauberfisch Mecklenburg mag keine Fleischfresser – und verschafft seiner Herrin, der Hexe Siebenwurz, einen Kräuterladen.

In der kleinen Stadt lebte einmal ein Zauberfisch mit dem Namen Mecklenburg. Die Leute in der kleinen Stadt staunten nicht schlecht, als Mecklenburg eines Freitags um 11 Uhr durch die Straßen der kleinen Stadt schwebte und laut rief: »Esst kei-nen Fisch! Lasst die Finger von uns Fischen!« Jeden Freitag kam der Fisch angeschwebt – das fanden die Leute in der kleinen Stadt schließlich nur noch nervig. Und niemand aß mehr Fisch.

Und jetzt: die Schweine

Als er das geschafft hatte, schwebte der Fisch durch die Stadt und rief: »Esst kein Schwein!« Das fanden die Bürger der kleinen Stadt langsam nicht mehr witzig – was bildete sich der komische Fisch eigentlich ein? Sollten sie verhungern? Sie beschimpften den Fisch, manche warfen sogar mit Obst nach ihm. »Oh, esst das Obst und werft es nicht herum, ihr Halunken!«, schimpfte Mecklenburg und schwebte davon. Am nächsten Tag wurde es noch seltsamer: Nicht Mecklenburg, der Zauberfisch, schwebte durch die Stadt, sondern Schweine. Schweine jeder Größe. Eine Menge Schweine. Sie sprachen nicht, das konnte nur Mecklenburg, aber sie schwebten. Stumm, und dabei schauten sie verächtlich nach unten, wo die Menschen standen und nach oben zu den Schweinen gafften.

Mecklenburg grinst dreckig

Noch einen Tag später war wieder Mecklenburg an der Reihe, der ebenfalls nur durch die Stadt schwebte und dreckig grinste. Und weil wieder ein paar wütende Leute mit Obst warfen, spurtete er um die Ecke – was komisch aussah, weil er mit den Flossen ruderte, um schneller voranzukommen. Doch ehe er ganz verschwand, schaute er noch einmal um die Ecke und sagte laut: »Muh!« Den Leuten schwante Übles. Und wirklich: Am nächsten Tag kamen die Kühe angeschwebt. Auch sie glitten ein paar Meter über dem Boden dahin und schauten nach unten. Alle waren einigermaßen erstaunt über das Schauspiel.

Der Stadtrat tagt

Am Nachmittag trat der Stadtrat zusammen. »Wir können schließlich nicht alle zu Vegetariern werden!«, ereiferte sich Hermann Stich, der einen Metzgerladen in der kleinen Stadt hatte. »Aber natürlich können wir das!« rief der Lehrer Abraxas Hinkelbein, der sowieso im Verdacht stand, ein heimlicher Vegetarier und dazu noch ein unheimlicher Lutheraner zu sein. »Das ist immer noch besser, als dass uns das Viehzeug um die Köpfe herumfliegt und uns anglotzt!«, pflichtete ihm die einflussreiche Verlegerin der Kleinstadtpost bei, der einzigen Tageszeitung der kleinen Stadt. Das hört Klaus-Karl Kappes gar nicht gerne, der als Bürgermeister leidvoll hatte erfahren müssen, wie schmerzhaft es war, eine andere Meinung als die Verlegerin zu haben – und die hatte er durchaus. Er wollte weder auf Fisch noch auf Schwein noch auf Rind verzichten, dazu war er viel zu verfressen.

Der größte Bauer der kleinen Stadt

Außerdem war er der größte Bauer der kleinen Stadt und züchtete und verkaufte all diese Tiere. Deshalb freute er sich, als der Malermeister Friedolin Grün an die seltsame alte Siebenwurz erinnerte, die sich vor drei Wochen im Stadtrat vorgestellt hatte, um ein Kräuterlädchen aufzumachen – was aber am Einspruch des Apothekers Schmalenberg gescheitert war. »Ich glaube, das geht alles auf sie zurück. Wenn das mal keine Hexe ist!«, rief der Herr Grün und die Kollegen im Stadtrat rollten vor Angst mit den Augen. Sie hatten erst vor kurzem eine Menge Ärger mit einer Hexe auf der alten Burg gehabt – und den wollten sie nicht noch einmal erleben.

»Und jetzt?«, fragte der Bürgermeister Kappes. »Ganz einfach – wir geben ihr das Kräuterlädchen. Dann hört der Spuk ganz sicher auf«, blieb der Malermeister praktisch. »Und wenn nicht?«, fragte der Metzger Stich. »Dann haben wir einen Kräuterladen in der Stadt – na und? Außerdem ist der Apotheker mittlerweile ein wenig seltsam geworden und hat seine Apotheke geschlossen, wie ihr alle wisst.«

Delegation des Stadtrates – die Niederlage der Fleischfresser

Nun ja, noch an diesem Nachmittag machte sich eine Delegation des Stadtrates mit dem Bürgermeister Klaus-Karl Kappes an der Spitze auf zu Johanna Siebenwurz und unterbreitete ihr untertänigst, dass sie gerne ihren Kräuterladen öffnen dürfe, wenn sie jetzt noch wollte. Das alte Weiblein lächelte huldvoll und dankte, indem sie dem Bürgermeister ihre Hand zu Kuss reichte, was der schaudernd tat. Dabei schaute er irritiert auf den großen Vogelbauer, in dem ein Fisch auf der Stange saß und dreckig grinste; und der Fisch erinnerte den Bürgermeister an jemanden – er wusste nur nicht, an wen, zum Kuckuck!

Als die honorigen Herren gegangen waren, sagte die Hexe Siebenwurz zu dem Fisch im Vogelkäfig: »Gute Arbeit, Mecklenburg.« Der Fisch grinste noch ein bisschen dreckiger und schwamm einen Looping durch die Luft.

Mehr spinnerte Geschichten …

Scan-150808-0002

Zeichnng: klk

Was zwei Jungen mit einer alten Krähe erleben.

In der kleinen Stadt lebte Hansi mit seinen Eltern und drei Geschwistern. Hansi war ein frecher Junge, der gerade das erste Jahr auf das Gymnasium der kleinen Stadt ging. Nun hatte er Sommerferien und freute sich schon auf die zwei Wochen Ferien auf dem Bauernhof im Schwarzwald.

Kein Urlaub

Doch es kam anders: Sein Onkel, dem der Bauernhof gehörte, musste plötzlich selbst verreisen, also konnten Hansi und seine Schwestern nicht zu ihm kommen. Dafür bekam Hansi seinen Cousin Karl-Friedrich aus der Hauptstadt als Besuch verpasst. Schon, als Hansi seinen Cousin am Bahnhof zum ersten Mal seit vielen Jahren wiedersah, mochte er ihn nicht. Karl-Friedrich war groß und dünn und bestimmt einen Kopf größer als Hansi. Er hatte einen Haufen Pickel im Gesicht und schaute sehr hochmütig drein.

Was ist das hier?

Karl-Friedrich blickte sich am Bahnhof abschätzig nach allen Seiten um und rümpfte die Nase. »Was ist das hier? Kleinposemuckel?«, fragte er seinen Cousin. Hansi ärgerte sich sehr über den arroganten Pinsel, der sich kurz darauf vor Lachen kaum noch halten konnte, als er in eine Pferdekutsche einsteigen sollte. »Habt ihr denn hier keine Autos? Oder wenigstens eine Elektrische?«, fragte er von oben herab. In der kleinen Stadt gab es damals nur ein Auto, das Kommerzienrat von Rührmilch fuhr.

Interessante Schurken

Auf der ganzen Fahrt zu Hansis Haus schwärmte Karl-Friedrich von der großen Stadt, in der flitzten viele tolle Autos. Und sogar Züge fuhren auf den Straßen. Die Züge hießen »Elektrische«. Und von den tollen Häusern und den fantastischen Menschen und den vielen interessanten Schurken und überhaupt. Hansi versank immer tiefer in seine Polster. Auch nach dem Essen schwärmte Karl-Friedrich von seiner Hauptstadt, was Hansi immer wütender machte, bis die Großmutter, die bei ihnen wohnte, augenzwinkernd sagte: »Willst du Karl-Friedrich nicht ein bisschen die Stadt zeigen, Hansi?« Großmutters helle Augen schauten ein wenig spitzbübisch. »Geht doch zu Konrad Müller. Du kannst es mir auf die Rechnung setzen lassen.«

Nur Hohn und Spott

Beim anschließenden Gang durch die Stadt am Nachmittag hatte Karl-Friedrich nur Hohn und Spott übrig für alles, was er sah. Aber es machte Hansi jetzt viel weniger aus. Dann kamen sie zum äußeren Stadttor. Hansi sagte: »Du musst dich umdrehen.«

»Umdrehen? Warum sollte ich das?«, fragte Karl-Friedrich hochmütig.

»Ganz einfach, weil du dann ein ganz tolles Abenteuer erleben wirst«, antwortete Hansi möglichst gleichgültig. Das machte selbst Karl-Friedrich neugierig, er drehte sich um. Hansi erklärte die ganze Sache: »Wir müssen die 77 Schritte zum Marktplatz rückwärts gehen. Dann zeig ich dir was Tolles.«

»Rückwärts?«, wunderte sich Karl-Friedrich laut und wollte schon protestieren, da fiel ihm Hansi ins Wort: »Oder kannst du das nicht?«

»Klar kann ich das«, antwortete Karl-Friedrich großspurig, obwohl er ein wenig unsicher war, ob er wirklich 77 Schritte rückwärts gehen konnte.

Rückwärts durch das Stadttor

Also schritten die beiden Jungen rückwärts durch das Stadttor und die verwinkelten Gässchen bis zum Marktplatz – die Leute beachteten sie kaum, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Am Marktplatz angekommen, drehte sich Hansi wieder um, Karl-Friedrich tat es ihm erleichtert nach; das Rückwärtsgehen war doch ein wenig ungewohnt. Sie standen vor einem alten, windschiefen Häuschen, das sich eng an die Stadtmauer schmiegte. Oben, an der Hauswand, sahen die beiden eine Mutter-Gottes-Statue hinter Glas. Zur Haustür führte eine steile Holzstiege hinauf.

Zauberer

Oben war ein Schild angebracht. Dar- auf stand: »Konrad Müller, Zauberer.« Darüber wunderte sich Karl-Friedrich sehr, stand da doch einfach »Zauberer« auf einem alten Messingschild, mitten in der Stadt. Sehr seltsam, das alles. Doch das stand nicht immer da – sondern nur, wenn man die 77 Schritte vom äußeren Stadttor bis zum Häuschen des Zauberers Konrad Müller rückwärts ging. Kam man vorwärts zu dem Häuschen, wie normale Leute das normalerweise immer tun, stand da nur »Konrad Müller, Schustermeister«.

Knarzende Tür

Die beiden Jungs gingen, diesmal vorwärts, durch die knarzende Tür, die nur angelehnt war, dann weiter die ebenso knarzende und steile Holzstiege zu einem düsteren Raum ganz unterm Dach – sonst waren da keine Zimmer. An einem klei-nen Holztischchen saß ein alter Mann, der ganz schwarz angezogen war und ein langes, fahles Gesicht hatte mit einer langen Nase, die aussah wie ein Schnabel. »Nur herein«, krächzte er, »wenn es keine Erwachsenen sind.«

Grüße von der Großmutter

»Sind wir nicht«, antwortete Hansi und bestellte schöne Grüße von seiner Großmutter mit dem Wunsch, Herr Müller möge ihr den Besuch auf die Rechnung setzen. Der Zauberer nickte, erhob sich mühsam, streckte sich und schlurfte dann zu einer dunklen Couchgarnitur, die nahe am Fenster stand. »Eine Runde reicht?«, fragte er. Hansi nickte.

Als Krähe

Nun ging alles ganz schnell: Der Zauberer nuschelte einen Spruch, den Karl-Friedrich nicht verstand und zog dabei die Hand über die Augen. Dann krächzte der Zauberer Konrad Müller drei Mal – und hüpfte als Krähe auf der Lehne des alten Sofas, während er mit den Flügeln schlug. Die beiden Knaben schauten sich an – und auch sie waren Krähen. Noch ehe sie weiter nachdenken konnten, öffnete sich das kleine Fenster wie von Geisterhand und die drei Krähen flogen über die Stadt. Sie schwebten leicht und frei dahin – für die beiden Knaben war das ein wunderbares Gefühl. Und sie sahen Dinge von dort oben, die ihnen als Menschen verborgen geblieben wären. Als sie wieder zu Hause bei Hansi waren, spottete Karl-Friedrich nicht mehr über die kleine Stadt. So etwas wie den Zauberer Konrad Müller gab es nicht ein- mal in der Hauptstadt …

Mehr spinnerte Geschichten …

 

 Page 1 of 2  1  2 »