Bild. pixabay.com/Foundry Co

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Nichts für zarte Gemüter ist Leopoldo Azancots Roman »Verboten«. Wer ihn liest, der wird mitunter versucht sein, sich in einem Eierbecher voller Eiter zu ertränken. Ein scheußliches Gebräu ist dieses Buch – höchstens etwas für bevorzugte Feinde.

»Neue erotische Literatur« will der Frank­furter Verlag mit der Fliege in seiner neuen Reihe präsentieren; das eigentlich macht neugierig, ha­ben ja gerade wir Deutschen ein gequältes Verhältnis zur Erotik und zurerotischen Literatur allemal. Die Reihe »Neue erotische Literatur« vereinigt dann auch nur spanische Autoren und Autorinnen.

Kardinaler Purpur

Was sich aber so vollmundig ankündigt und schön gestaltet ist in kardinalem Purpur und Violett, das hält sein hohes Versprechen nicht. Leopold Azancot hat mit der kurzen Ge­schichte keinen Roman geschrieben und einen erotischen schon gar nicht. Sondern ein schauderhaftes Elaborat literarischer Verblasenheit. Und die Sprache ist auch eher dürftig.

[inbound_button font_size=“20″ color=“#c8232b“ text_color=“#ffffff“ icon=“heart“ url=“https://www.amazon.de/Osswalds-Kosmos-besser-Schnurren-Satiren-ebook/dp/B01LYYK09R/ref=as_sl_pc_tf_til?tag=bruderlustig&linkCode=w00&linkId=&creativeASIN=B01LYYK09R“ width=““ target=“_self“]Lang ersehnt[/inbound_button]

Die Story ist simpel: Ein junger Student und sein Freund werden von der Polizei verfolgt, ihr Auto erleidet Totalschaden und der Freund ein jähes Ende; der Student flieht. Und weil an einer Straßenecke gerade eine junge Hure herumsteht, tarnt sich der Ver­folgte mit ihr und folgt ihr nach Hause. Beide erzählen sich ihre Geschichte, in etlichen neuen Anläufen. Er wird als Terrorist ge­sucht, und der so Ausgestoßene ergeht sich in Rhapsodien auf die verrottete spanische Ge­sellschaft.

Verrottete Gesellschaft

Sie ist eigentlich als Junge geboren worden, fühlte sich aber immer als Mädchen und als Frau. Nun, nach einer Hormonbe­handlung, ist sie Transvestitin, die ihr Geld auf dem Strich verdient – die doppelte Ver­werflichkeit stößt auch sie gründlich aus der Gesellschaft aus. Beide sind sich fremd, kom­men sich näher, wenigstens wächst ihr Begeh­ren. Sie aber fühlt sich von ihm nicht als Frau akzeptiert; als sie ihn tuntig in Frauenklei­dern überrascht, ist das Maß ihrer Demüti­gung voll: sie vergewaltigt ihn und verrät ihn an die Polizei.

Nein, keine Angst, die Geschichte ist jetzt aus. Es reicht ja auch …

Ein »Roman«, den man wirklich und wahr­haftig nur seinen bevorzugten Feinden schen­ken sollte.

Alles Liebe – Lichtblau !

Scoop – Evelyn Waughs visionärer Roman

Bild: pixabay.com/marianaviolante950

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Der Journalismus ändert sich nie, sagen manche. Wenn die Welt nicht so ist, wie die Journalisten das wollen, greifen ein paar von ihnen zum Mittel des Grauens und passen die Welt ihren Wünschen an. So lautet ein gängiger Vorwurf. Er mag nicht immer stimmen, manchmal aber doch. Wie das geht mit dem Zurechtbiegen der Wirklichkeit, hat der britische Schriftsteller Evelyn Waugh in seinem brillanten Roman Scoop wunderbar beschrieben. 

Scoop ist das, was Journalisten einen Knüller bezeichnen. Und Knüller kommen mehrfach vor. Der satirische Roman zeigt die Abgründe der menschlichen Natur, der Eitelkeit und der Geltungssucht. Gewürzt mit einer Brise englischen Snobismus, leichthändig serviert.

Der Roman unterhält mit einer wohltemperierten Sprache, die ihren Leser an vielen Stellen einlullt. So, als sitze er in einem klapprigen Kahn auf einem träge dahinfließenden Fluss. Aber die Idylle und die Ruhe trügen, der Fluss steckt voller Untiefen, Stromschnellen und schroffen Felsbrocken. Unversehens blickt der Leser in tiefe menschliche Abgründe.

Familie kauziger Landadeliger

Was steht im Buch? Es erzählt die Geschichte von William Boot, geboren in eine Familie kauzigen Landadels. Snobs natürlich. Boot schreibt für die große Tageszeitung Daily Beast die Landkolumne „Üppige Auen“. William Boot ist es ganz zufrieden, er hat, was er will.

Das kann man von John Courteney Boot nicht behaupten. Er langweilt sich. Das darf natürlich nicht sein, so beschließt die einflussreiche Mrs. Algernon Stich, ihm einen spannenden Job zu verschaffen. Auslandskorrespondent wäre schick. Das müsste sich für einen John Boot, immerhin Lieblingsschriftsteller des Premierministers, ja wohl zu machen sein. Also wendet sie sich an ihren guten Freund Lord Copper, seines Zeichens Herausgeber des Beast. Macht der gerne und beauftragt Redakteur Salter mit den Einzelheiten.

Zwei Boot stehen zur Wahl. Eigentlich

Nun will es aber das Schicksal, dass Salter, vielleicht ein wenig unbelesen, nur einen Boot kennt: William Boot, der beim Beast die „Üppigen Auen“ verfasst. Er findet die Auen zwar ein wenig schwülstig, wundert sich also über Lord Coppers Wahl, aber der wird schon wissen, was er tut.

Für Boot geht es nach Afrika. Dort soll ein Bürgerkrieg toben in Ishmaelia. Nichts tobt, alles eine Erfindung von Journalisten, die dann bald in Scharen einfallen. Es ist stinklangweilig, die Journalisten schauen dem Regen beim Fallen zu, blasen alles und nichts zu Riesensensationen auf, schreiben einen harmlosen Bahnschaffner zu einem russischen Spion um.

Und Boot? Sendet Wetterberichte an den Beast, pflegt ein Techtelmechtel mit Kätchen, seiner deutschen Freundin. Evelyn Waugh zeichnet mit ihr seine berührendste Figur, die eine wunderbare Mischung aus Keckheit und Scham ist. Am Ende kehrt sie doch wieder zu ihrem Ehemann zurück, vorher aber verhilft sie Boot zu seinem Scoop.

Karawane der eitlen Journalisten

Denn während die Karawane der Journalisten die Hauptstadt Jacksonburg auf der Suche nach der Sensation verlassen, bleibt Boot dort; und findet seine Sensation. Ganz nebenbei wird er selbst zum Helden. Ein Knüller, eine Seite-1-Geschichte. Und da ist er, der Scoop. Boot reist kurz darauf triumphal zum Beast (der ihn vorher schon rausgeworfen hatte wegen seiner nichtssagenden Berichte).

Boot soll natürlich gebührend ausgezeichnet werden, der Premierminister soll ihn adeln. Plötzlich wird klar: Es gibt zwei Boots, beide sind eingeladen. Was tun? Vielleicht bringt ja ein Onkel von William Boot die Lösung. Wirklich, ein ganz reizendes Buch. Selbst, wenn der Vorwurf nicht stimmt, die Journalisten frisierten sich schamlos die Wirklichkeit zurecht – Scoop bleibt eine exquisite Lektüre.

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Bild: pixabay.com/Damon Nofar

Oft Gesehenes neu gesehen: Die Geschichten der Carson McCullers im Buch Der Nomade sind Miniaturen der Außergewöhnlichkeit.

In Carson McCullers Geschichten begegnen wir Menschen, die wir schon oft gesehen haben. Aber wir betrachten sie plötzlich mit ganz anderen Augen, erkennen Neues, Anderes. Wir sind fasziniert von der leise tropfenden Trauer in den Kurzgeschichten.

Ein Unbehauster, ein Nomade

Nehmen wir den Nomaden, den Unbehausten. John Ferris heißt er und ist einer von ihnen. Ferris ist aus Paris nach New York herübergekommen zur Beerdigung seines Vaters. Da sieht er seine geschiedene Frau Elisabeth auf der Straße, ruft sie später an, sie lädt ihn ein. Der Nomade nimmt an, sein Flug nach Paris geht erst am nächsten Tag. Ferris dringt in ein völlig fremdes Leben mit dem aktuellen Ehemann von Elisabeth ein und den Kindern. Das Treffen kommt uns irgendwie surreal vor, durchsetzt mit den Erinnerungen Ferris’.

Brüchiges Leben

Als Ferris vom Flughafen mit dem Taxi durchs nächtliche Paris fährt, erkennt er das Unstete seines Lebens, die nagende Unbehaustheit. Unbehaust, brüchig, ohne Liebe; so lebt er. Das will er ändern. Und die einzige brüchige Hoffnung für seine Liebe ist das Kind seiner Lebensgefährtin, Valentin.
Diese Liebe könnte den Pulsschlag der Zeit vielleicht nicht beeinflussen – aber vielleicht dem Nomaden so etwas wie eine Stetigkeit verleihen. Denn nur in der Ruhe findet man seine Mitte … gönnen wir’s ihm.

candles-782387_1280 KopieZu den großen Erzählern gehört für mich Carson McCullers. Sie schreibt Geschichten, deren Lakonie und feine Beobachtungen uns für den Hauch einer kleinen Ewigkeit glücklich machen. Mit Carson McCullers startet die Serie Storyteller.

Leichter Atlantikregen

Carson McCullers’ Geschichten sind genügsam und anspruchsvoll zugleich – wie leichter Atlantikregen. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf sich, für eine kurze Zeit, die feinen Striche der Wörter sind erfrischend. Und doch können wir einfach und unbelästigt weitergehen – mit unserem kleinen Alltagsleben. Manche lassen sich selbst von solchen Geschichten nicht berühren.

Wir können uns aber auch von den feinen Regennadeln der Geschichten zum Innehalten anregen. Und zum Nachdenken.

Storyteller. Magisch

Carson McCullers Geschichten ziehen uns, wenn wir es zulassen, magisch in ihren Bann. Wir sind dann ein wenig anders als vor der Lektüre. Ihre Spannungsbögen aus Lakonie und überraschenden Momenten verwandeln uns.

Die Überraschung schleicht sich langsam an, auf leisen Pfoten. Etwa in der zweiten Geschichte des Sammelbandes Meistererzählungen.

Zeitungsjunge und Biertrinker

Der Zeitungsjunge betritt kurz vor Ende seiner Tour am Morgen das Tram-Café. Draußen ist es noch sehr dunkel. Es regnet, es ist kalt. Drei Arbeiter von der Baumwollspinnerei sind da im Café und trinken noch einen vor Schichtbeginn. Zwei Soldaten auch. Und Leo ist da, der verbitterte, alte Besitzer des Cafés ist natürlich auch hinter seinem Tresen.

Von weiter hinten, an der Bartheke, ruft ein Biertrinker den Zeitungsjungen zu sich: „Son! Heda! Son!“.

Der Biertrinker ist dem Jungen nicht geheuer, er geht trotzdem zu ihm. Der alte Mann fasst ihm unters Kinn, dreht das Gesicht des Jungen hin und her und sagt: „Ich liebe dich!“

Das System des Trinkers

Spätestens jetzt hat der Junge genug – aber er bleibt, weil ihm der Alte erklären will, was es damit auf sich hat. Mit Verlassenwerden und sich Wiederfinden. Und der Liebe, die so anfangen sollte: „Ein Baum, ein Felsen, eine Wolke“.

 Wenige Pinselstriche

Carson McCullers schafft es, mit wenigen Pinselstrichen und einer lakonischen Kamerafahrt in einem morgendlichen Café das ganz pralle Leben einzufangen. Und uns davon, höchst unaufdringlich, zu erzählen, was die Welt im Inneren zusammenhält. Ein Baum, ein Felsen, eine Wolke. Geschichten sind das wie Atlantikregen.

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Bild: pixabay.com/Anja Osenberg

Der aktuelle Band der Romanserie Tensistoria ist wohl gelungen. Das Buch ist spannend, die Sprache schlank.

Alles beginnt mit einem Albtraum: Neythen Gallas wollte eigentlich wieder mal nur eine seiner vielen Frauengeschichten erleben – aber dann durchlebt er Horror pur. Er erwacht in einem Körper, der nicht seiner ist. Er bekommt es mit Kreaturen zu tun, denen man eigentlich nicht begegnen will. Nicht in seinen schlimmsten Träumen. Und schon gar nicht in der Wirklichkeit.

Das alles ist hinlänglich spannend und dazu spannend erzählt. Und nach kurzer Zeit fiebert der Leser auch mit dem Helden mit – auch wenn er am Anfang etwas breitbeinig daherkommt, und man ihm zunächst die kleine Strafe dafür gönnt.

Albtraum soll enden

Aber es bleibt ja nicht bei der kleinen Strafe, es wird eine richtig große; und wir drücken bald die Daumen, dass der Albtraum irgendwann endet. Zumal sich Neythen in der Geschichte wandelt.

Jessica Oldachs Sprache passt zu der Geschichte – sie schreibt klare, übersichtliche Sätze, die mal das Tempo erhöhen, mal Fahrt rausnehmen. Und ihr Bemühen, einfach zu bleiben, zeigt, dass sie mit ihrem Werkzeug umgehen kann. Die Autorin hat es gar nicht nötig, auf den Busch zu klopfen.

So ist Tensistoria, Schwarze Spuren ein rundherum gelungenes Buch, das pures Lesevergnügen vermittelt. Und weil sich bereits ein weiterer Band ankündigt, freuen wir uns darauf.

Ivan Klima, Liebe und Müll

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Bild: pixabay.com/Hans Braxmeier

Mit Galgenhumor dem kommunistischen Alltagsterror trotzen: Ivan Klima hat sein autobiografisches Buch „Liebe und Müll“ zu den Zeiten des Eisernen Vorhangs geschrieben. Aber es ist so aktuell wie eh und je.

Die Amerikaner konnten ihn nicht verstehen: Wie war er nur auf die Idee gekommen, aus ihrem gelobten Land nach Hause zurückzukehren, in ein Land, in dem Armut und Unterdrückung herrschen? Der Autor antwortete, Vielleicht ein wenig leichthin, erlebe lieber zu Hause in der (damaligen) Tschechoslowakei und kehre dort die Straße, denn in seinem Land sei er ein bekannter Schriftsteller, in den USA aber nur ein Einwanderer, dem man großmütig und ein wenig von oben herab beim Leben helfe.

Straße kehren in Prag

So kam es dann: Ivan Klima kehrte in sein kommunistisches Heimatland zurück und er kehrte – als namenloses Ich – tatsächlich die Straße und das bringt ihn in Straßen und Gegenden von Prag, in die er sonst nie gekommen wäre; weniger aus Notwendigkeit kehrt er die Straße, als vielmehr, um der staatlichen Gängelei zu entgehen und um nebenbei auch eine Sicht auf den Alltag zu entdecken, die ihm bislang versperrt war. Klima gibt in seinem autobiographischen Roman eine Beschreibung seines Landes vor der Wende; wie er da saß und schrieb, trotz Veröffentlichungsverbot – ohne die Hoffnung, dass seine Texte je gedruckt würden, und wie er dennoch beharrlich blieb. Das Idealbild des Künstlers also.

Die eigene Geschichte ist immer die beste

Literarisch bekennt Klima, warum er autobiographisch schreibt, nach den langen Jahren, in denen er atemlos unterwegs war auf der Suche nach guten Geschichten: ihm war plötzlich klar, dass er wohl kaum eine bessere Geschichte finden würde, als seine eigene.

Die Toten ins Leben zurückschreiben

Dabei war sein eigentlicher Antrieb, in früher Jugend, ein anderer gewesen: als er nach dem Krieg erfahren hatte, dass beinahe alle seine Verwandten von den Nazis vergast worden waren wie Ungeziefer, ließ er sich von seiner Mutter Schreibhefte mitbringen und schrieb Geschichten, in denen die Toten zu neuem Leben erwachten.

Damit war aber auch ein wesentlicher Nutzen für ihn verbunden, auf solche Weise bannte er die Gespenster der Ermordeten, die ihn Nacht für Nacht in seinen bitteren Träumen verfolgten und schließlich krank werden ließen. Ein ähnlich heilsames Schreiben könnte wieder mit dem Buch „Liebe und Müll“ vorliegen; Klima schrieb‘ sich hierin nicht nur die Demütigung niederer Tätigkeit von der Seele, er reflektiert auch sein Privatleben. Und das ist wirr genug; einerseits liebt er seine Frau, andererseits ist er in eine heftige Affäre mit einer Bildhauerin verstrickt.

Schwere Kämpfe des Autors: Liebe und Müll

Das geht nicht spurlos an ihm vorüber und erst nach schweren Kämpfen, die er auch schriftlich austrägt, weiß er, wohin er gehört. „Liebe und Müll“ ist ein seltsames Buch: Klima vermischt die unterschiedlichen Ebenen, zu denen nicht nur die Ebene der beiden Frauen gehört, sondern auch die des Straßenkehrens und Erinnerungen an seinen Vater und an seine frühere Tätigkeit als Redakteur – unvermittelt gehen sie ineinander über. Das mag zunächst einmal verwirrend erscheinen, es erleuchtet aber auch so manche Zusammenhänge und liest sich ausgesprochen reizvoll.

Ende des Fegens, Ende des Kämpfens

Das Straßenkehren ist ihm wichtig als reinigende Tätigkeit in einer Großstadt, als Selbstreinigung und als eine Tätigkeit, die ihm wichtige Ansichten verschafft – und doch hört er eines Tages damit auf und hängt die orangene Narrenjacke an den Nagel.

Klima gibt Einsichten in ein Land, das erstarrt war, in dem die Mittelmäßigkeit und die Willkür regierten und die Intelligenz die Straße kehrte. Wie tragisch für ein Land. Das ist mit de Fall des Eisernen Vorhangs vorbei und könnte als reinigender Rückblick abgehakt werden, wenn die Mechanismen nicht in jedem Regime virulent wären. Und – sind sie das nicht auch in unserer satten Demokratie, die es sich erlaubt, beste Leute in Hartz IV versauern zu lassen?

Liebe und Müll zeigt ein Überleben in einer ungemütlichen Zeit.

Taschenbuch: 224 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Mai 2005), ISBN-10: 3423133309, ISBN-13: 978-3423133302, 9 Euro.

Krüger, Michael: Der Mann im Turm

Bild: pixabay.com/Unsplash/Mann im Turm /

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Michael Krüger hat mit dem Buch Der Mann im Turm eine wunderbare Parabel auf die Kunst geschrieben; und auf das Leben. Krügers Mann im Turm – stark!

Ein Maler lebt in einem Turm. Er hat sich dorthin zurückgezogen, um seinen Auftrag zu erfüllen und Bilder zu malen, auf denen die vier Jahreszeiten Gestalt annehmen. Er braucht dazu Ruhe, muss sich dem hemmungslosen Geschwätz der Leute in der Stadt entziehen. Und er entzieht sich seinem Heimatland – denn der Turm steht in Frankreich, einem freiwilligen Exil für ihn. Gleichzeitig, und das ist eine weitere Skurrilität, die sich Krüger leistet, übersetzt der Maler Dante.

Übermütiger Beginn

Zunächst ist er übermütig und seiner Sache sicher, denn schließlich hat er schon ganz andere Sachen gemalt. Doch die Inspiration ist ein launisches Kind, sie will sich nicht einstellen, die Tage des Malers sind eine einzige Verwaltung der Leere. Erst allmählich kehrt so etwas wie ein tastender Beginn bei ihm ein, und der Maler lernt zögernd andere Menschen kennen. Doch dann wird‘s gleich wieder turbulent: Er verbringt mit einer seltsamen Frau ein paar Nächte und prompt verschwindet die mit seinem Auto.

Dicker Mann mit undurchsichtiger Rolle

Und ein dicker Mann kommt auch noch vor, der eine undurchsichtige Rolle spielt in dem ganzen Drama. Die Erlebnisse werfen den Maler in den langersehnten Schaffensrausch. Krüger hat in seinem kleinen Büchlein eine Parabel geschaffen für den Künstler und seine Kunst – und für die aberwitzigen Situationen, die einerseits den Schaffensdrang lähmen, andererseits ihn beflügeln. Der Turm ist der berühmte Elfenbeinturm, aber auch eine Festung, die von anderen Menschen eingenommen wird. Dass er am Ende abbrennt, ist ebenfalls ein starkes Symbol.

Krügers Schalk bei Mann im Turm

Doch trotz des parabelhaften Charakters und des so würdigen Themas, blitzt immer Krügers ganz eigener Schalk in den Zeilen auf und benetzen die Anekdoten, die ansonsten unerträglich spröder und ein wenig konstruiert wirkte, mit dem feinen Nebel des erzählerischen Humors. ?All die Fehlschläge, die unseren Maler zusätzlich noch mit der Polizei in Konflikt bringen, entmutigen den Maler nicht. Darin erweist er sich als starker Charakter, der noch Nektar für seine Kunst aus Situationen saugt, die andere eher in die Flucht getrieben hätten. Der Maler ist kein Weichling, kein Schöngeist und kein Sensibelchen. Er ist ein Steher.

Der Turm – ein starkes Symbol

Von daher wird der Turm dann nicht nur das Symbol für die Abgeschiedenheit des Künstlers, sondern auch für die Festung – die mag erobert werden und am Ende zuschanden gehen, aber der Herr der Festung hat auch dann noch Mumm genug, de Leben ins Gesicht zu lachen. Der letzte Satz lautet. „Es ist Zeit, mit einem neuen Bild zu beginnen.“

Michael Krüger, Der Mann im Turm, Roman, ISBN 978-3596113897, 7,95 Euro

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Bild: pixabay.com/R. P.

Die Märchen der Indianer sind eine faszinierende Lektüre – wir lernen darin ihre urtümliche und naturverbundene Welt kennen. 

Wenn ein Naturvolk wie die Indianerstämme Nordamerikas sich mit den Mythen der Weltentstehung beschäftigt, dann wimmelt es von Geister, Göttern und Bisons; oder anderen urweltlichen Tieren der amerikanischen Steppen.
Die Indianer waren nun einmal ein höchst naturverbundener Volksstamm. Was ihnen eine ganz eigene Wertigkeit und eine faszinierende Denk- und Fühlwelt erschließt.

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Begeisternde Leseerfahrung

Für uns ist das eine begeisternde Leseerfahrung – unverfälscht und faszinierend.
Diese Märchen gehören zu Weltkulturerbe und sind von Experten Frederik Hetmann kongenial übertragen und erläutert.
Diese einmalige Sonderausgabe vereint Märchen, Mythen und Wissenswertes aus drei Einzelbänden, herausgegeben von Frederik Hetmann: »Büffelfrau und Wolfsmann«, Indianerlexikon«, »Der grüne Vogel«.

So entstehen Indianermärchen

Mit einem Nachwort, in dem der Hetmann die Bedeutung der mündlichen Überlieferungen der amerikanischen Ureinwohner erläutert. „Diese Märchen entfalten das faszinierende Naturverständnis, die schöpferische Kraft und die tiefe Poesie der Indianer Nordamerikas. Damit garantiert dieser Band unterhaltsames Lesevergnügen und erlaubt zugleich einen tiefen Einblick in die indianische Lebensweise und Kultur. Mythen und Märchen sind vielleicht die verlässlichsten Zeugnisse über Leben und Bewusstsein der Indianer, da sie aus einer Zeit herrühren, in der indianische Kultur und Zivilisation noch nicht durch die Weißen ge- oder zerstört worden war.“ (Aus der Verlagsbeschreibung).

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Auch gut: Indian Maiden

Die Liebe war nicht immer das treibende Element der Kirchen.

Bild: pixabay.com/Dagmar Räder

Drei Bücher loten das Leben des Giordano Bruno aus – von seinen Anfängen als Dominikanermönch bis zum Scheiterhaufen der Inquisition. Heilig gesprochen werden in der katholischen Kirche andere …

Ein großer Geist der Renaissance

Giordano (Filippo) Bruno war ein Wanderer zwischen den Welten. Als Dominikanermönch löste er sich vom Diktum der Trinität – und geriet im zarten Alter von 19 Jahren das erste Mal mit der Inquisition aneinander. Deshalb verließ er rasch den Orden, sein geliebtes Nola – und floh schließlich aus Italien. Er zog durch Europa, Paris, London, Prag, Wittenberg waren Stationen seines Arbeitens und Lehrens an den Universitäten.

Giordano Brunos weite Horizonte

Das Wandern weitete Horizonte, war zugleich Ausdruck der Ruhelosigkeit seines Geistes. Der akzeptierte keine Grenzen, auch keine Diktate der Mutter Kirche. Seine ätzende Feder, seine beißenden Kommentare und die Beschäftigung mit zweifelhaften, aber damals wichtigen Künsten wie der Magie besiegelten schließlich sein Schicksal, das vor 400 Jahren auf dem Scheiterhaufen der Inquisition endete.

Philosophie der Renaissance

Brunos Philosophie ist einerseits gefangen in der Renaissance – er beschäftigt sich mit der Individualität des Menschen; und mit der umfassenden Dominanz der Kirche. Doch sein Denken ist auch modern – wenn er sich mit der Frage auseinandersetzt, wann das Bewusstsein in die Welt tritt. Und die Welt ins Bewusstsein. Auch anderes an Brunos Denken ist heute noch aktuell. Von daher ist er eine beachtenswerte Leistung, dass sich der dtv-Verlag einer Neuedition von Brunos Schriften annimmt.

Giordano Brunos wichtige Schriften

Elisabeth von Samsonow präsentiert den deutschen Lesern erstmals wichtige Schriften Brunos, die bislang nur auf Latein zu lesen waren. Eine editorische Leistung, die den Zugang zum Original erleichtert und uns Bruno mit neuen Augen sehen lässt. Das Buch erscheint in der Reihe Philosophie jetzt, herausgegeben von Peter Sloterdijk.

Porträt des Giordano Bruno

Mehr zum Autoren, Religionskritiker und Philosophen Giordano Bruno erfahren wir in Gerhard Wehrs dtv-portrait. Mit vielen Zitaten und Berichten von Zeitzeugen nähert Wehr sich dem Leben des großen europäischen Denkers.

Drewermann lässt Bruno seine Geheimnisse

Von einer ganz anderen Warte versucht es Eugen Drewermann. Der kritische Theologe schreibt Brunos fiktive Autobiografie aus den Kerkern der Inquisition, in der der Denker acht Jahre lang gefangen saß. Ein hochpoetisches Buch, das selbst in seiner Intimität Giordano Bruno noch genug Luft zur Eigenständigkeit und Geheimnisse lässt. Drei gelungene Bücher, um einen wichtigen Denker Europas kennen zu lernen.

Giordano Bruno, ausgewählt von Elisabeth von Samsonow, Reihe Philosophiejetzt!, herausgegeben von Peter Sloterdijk, 498 Seiten, dtv Verlag, München, ISBN-10: 3423306904, ISBN-13: 978-3423306904 – derzeit nur antiquarisch zu bekommen.
Giordano Bruno, dtv-portrait von Gerhard Wehr, 162 Seiten, dtv Verlag, München, ISBN-10: 3423310251, ISBN-13: 978-3423310253, derzeit nur antiquarisch zu bekommen.
Eugen Drewermann, Giordano Bruno oder Der Spiegel des Unendlichen, 412 Seiten, 19.90 Mark, dtv Verlag, München, ISBN-10: 3423307471, ISBN-13: 978-3423307475, derzeit nur antiquarisch zu bekommen.

Bild: Pixabay.com/Frank Liborius Hellweg

Bild: Pixabay.com/Frank Liborius Hellweg

Mit Wortwitz und beißendem Spott beobachtet der Protagonist des Buches die Glitzerwelt der Mondänen – um am Schluss behände die Seiten zu wechseln.

Schillernde Mischung

Es beginnt alles ganz harmlos: Dad, indischer Einwanderer in einem Londoner Vorort, lernt Eva kennen. Ein bisschen Schmusen, ein hektischer Akt auf einer Parkbank, das hätte es sein können und Dad wäre brav zu Mom zurückgedackelt. Wenn da nicht Eva wäre, wie Eva nun einmal ist: eine Frau mit Energie, eine Frau mit Kick, die aus Dad herauskitzelt, was lange in ihm schlummert. Er wird zum Buddha in der Vorstadt, sondert vor wachsendem Publikum eine schillernde Mischung aus Tao, Zen-Buddhismus und ein paar zusammengefühlten Gedanken ab, und sein Sohn klopft sich wiehernd auf die Schenkel.

Toll beobachtet, flapsig beschrieben

Wie sich das mit Dad entwickelt, wie Mom zusammenfällt, dann wieder an Größe gewinnt, wie Dads indische Verwandten und englischen Bekannten mit dem leben zurechtkommen – das alles beobachtet Sohn Karim genau. Zu Beginn der Geschichte ist er 17 Jahre alt. Wir schreiben die 70er Jahre. Was Karim an Beobachtungen zusammenträgt und wie er es beschreibt, ist zunächst durchaus witzig, er ist an etlichen Stellen für eine flapsige Bemerkung gut, auch über sein eigenes Leben. Und das wird turbulent: Aus der Langeweile der Londoner Vorstadt herauskatapultiert, lernt er das große London und die tollen Leute dort kennen – und später auch New York.

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Eva und Dad mittendrin

Eva und Dad sind immer mittendrin, am Schluss wird Karim schreiben, wie chaotisch das alles gewesen ist – und doch genießt er es. Dazwischen erlebt der moderne Hanswurst vieles, einschließlich der eigenen Karriere als Schauspieler. Doch er wird reichlich kalt in seiner Analyse, sein Witz wird gnadenlos. Und das missfällt immer mehr, je länger die Lektüre dauert.

Geld verdirbt den Charakter, wie Buddha weiß

Warum das so ist, macht der Schluss des Buches deutlich: Karim hat jetzt Geld und kann seinen Clan freihalten. Er merkt, wie sehr ihm das gefällt. Er genießt seine Macht und lebt ganz bewusst in dieser Glitzerwelt. Es ist genau die, die er bisher so wortgewandt zu hassen vorgab. Es gewagter Wandel vom Edelhippie zum Yuppie – in atemberaubender Zeit.

Am Schluss passt es nicht mehr

Doch, der Leser hat gelacht über alle, die auf der atemlosen Sucher waren nach Geld, Ruhm, Macht und vielleicht ein bisschen Liebe. Angesichts eines solchen Schlusses bleibt dem Leser allerdings das Lachen im Halse stecken. Karims Faxen waren zu entlarvend, denn der Leser merkt: Man ist eigentlich eng verwandt mit denen, über die er lacht. Das könnte heilsam sein.
Doch wenn sich Karim dann auf die andere Seite schlägt, passt das nicht mehr. Der Hofnarr ist ruhmsüchtiger als der König.

Die Seiten gewechselt

Schade ums Sprachtalent des jungen englischen Autors, Sohn eines pakistanischen Einwanderers. Was für ein wunderbares Buch hätte das werden können. Das zeigen viele Stellen, in denen Kureishi einfühlsam, zärtlich und voller Mutterwitz über die Situation der Einwanderer schreibt.
Buddha und Karim verkommen aber in einer Hanswurstelei, hinter deren Maske nur die Ruhmsucht eines Autors lauert. Der hat seine Anerkennung bekommen, aber, ähnlich wie Karim, schnell die Seiten gewechselt und sich mit denen gemein gemacht, die eigentlich seinen beißenden Spott verdient hätten. We are not amused.

Hanif Kureishi, Der Buddha aus der Vorstadt, rororo, ISBN  978-3499241123.
Lies den Buddha

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