Osswalds Kosmos: 4 Möpse

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Darf man seinem Psychiater von einer Frau mit 4 Möpsen erzählen? Und wenn ja – welche Konsequenzen hätte es?

Seit einigen Nächten hat Osswald einen hartnäckigen Traum. Eine blonde Dame mit vier strammen, nackten Brüsten bewegt sich auf ihn zu. Er sperrt den Mund vor Staunen auf. Gleich wird die blonde Damen ihm eine ihrer großen Brüste in den Mund stopfen – da ruft einer: “Schau mal die Dame mit den vier Möpsen!” Auf dieses Kommando hin verwandeln sich die vier Brüste in Möpse, die mit dem Leib der Blonden verwachsen sind und bellen.

Möpse bellen

Osswald erwacht.
“4 Möpse sind schon schlimm genug an einer Frau”, sagt seine Frau, “aber wenn sie sich in Möpse verwandeln, ist das sehr doppeldeutig.”
“Ich finde das ziemlich eindeutig”, erwidert Osswald.”
“Wie dem auch sei, du solltest es deinem Therapeuten erzählen.”
“Wenn ich das tue, hat er sein Thema für die nächsten drei Jahre. Und ich glaube, das sagt mehr über ihn aus als über mich.”

Osswald denkt dennoch darüber nach, wie er mit dem seltsamen Traum umgehen soll. Am nächsten Tag steht er beim Metzger, als die Fleischfachverkäuferin aufschaut und ruft: “Nein, die Dame, die Möpse bleiben draußen.” Osswald erstarrt. Er fühlt sich verfolgt, von Möpsen, gestalked, von Möpsen, umzingelt.

Leberkäse für die Möpse

“Aber gerne”, erwidert eine Frauenstimme, “ich lasse die Süßen draußen.” Aus den Augenwinkeln sieht Osswald, wie die Dame ihre Süßen an den Haken in der Hauswand der Metzgerei anbindet – es sind tatsächlich vier Möpse. Die Dame lässt sich eine Scheibe warmen Leberkäse in vier Streifen schneiden, stöckelt zu ihren vier Möpsen hinaus und verfüttert den Leberkäse. Dann bricht sie in die Stadt auf.
Osswald wird die Geschichte für seinen Seelenklemptner ein wenig variieren: Die blonde Dame in seinem Traum wird ihre vier Brüste, wenn sie sich in vier Möpse verwandelt haben, mit Streifen warmen Leberkäses füttern. Osswalds Psychiater ist Vegetarier. Mal sehen, was er dazu sagt. Und wie viele Jahre lang. 

Lichtblau

Mehr Satire

Osswalds Kosmos: Drei Damen

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Die Herrschaft der Frau wird kommen – spricht der Herr mit dem Wachturm. Osswald weiß es besser: Die Herrschaft der Frau hat längst begonnen. Das zeigen die drei Damen.

Es ist der letzte samtweiche Tag dieses Herbstes. Die Luft riecht nach Honig, und die Frauen tun es auch. “Ossi”, sagt seine Herzensdame, “ich möchte einen Kuchen. Hol doch mal welchen.”
“Ja, mein Herz, gerne. Welchen Kuchen möchtest du denn haben?” Osswald weiß genau, er darf jetzt keinen Fehler machen. Und verlassen darf er sich auf nichts. Frau Osswald kann sich siebenmal in Folge Käsesahne wünschen, beim achten Mal ist alles anders, da ist es dann Schwarzwälder Kirsch.

“Marzipan! Auf jeden Fall mit Marzipan!”

Also zuckelt Osswald los, genießt die Honigluft und die Frauen, die süß lächeln. Und er beschließt, in die beste Konditorei zu gehen. Nicht ganz billig, aber mit einem Marzipanbelag auf den Kuchen, da schmilzt einem die Zunge am Gaumen.

Ein alter Herr mit Hut

Vor der Konditorei steht ein alter Herr mit Hut und dem Wachturm vor der Brust. Neben jeder Frau läuft er ein paar Schritte her, zieht den Hut und deutet auf den Wachturm. Die Damen schütteln die Köpfe und beschleunigen ihre Schritte. Als Osswald den Eingang der Konditorei erreicht, steht der Herr daneben und lächelt. Osswald schaut auf den Wachturm: “Die Herrschaft der Frau wird kommen!” steht da.

Der Verkaufsraum ist menschenleer, dann ist er’s nicht mehr, weil die ausladende Verkäuferin aus den tieferen Regionen ihrer Verkaufstheke auftaucht. “Guten Tag. Bitteschön.”

Kuchen mit Marzipan

“Ich hätte gerne zwei Stück Kuchen mit Marzipan”, sagt Osswald.

“Den haben wir heute leider nicht”, antwortet die Verkäuferin. Blimmblimm, die Türe geht auf, eine alte, feine Dame betrifft den Verkaufsraum.
“Gut, dann nehme ich sechs Stück andere Torte: Heidelbeer, Schwarzwälder, Frankfurter Kranz, Käsesahne, Maronentorte, Mohntorte.”
“Die lassen Sie bitte alle draußen stehen, die nehme ich auch”, sagt die alte Dame.
“Die sehen lecker aus”, sagt Osswald, “wie ich meine Frau kenne, isst sie die alle alleine, und wir drei Männer müssen das Marzipanstückchen essen. Wenn ich bei der Konkurrenz noch etwas finde.”

Die Damen kichern

Die beiden Damen kichern. Osswald lässt die beiden Damen mit ihren Torten alleine und fährt zu Konkurrenz. Dort gibt es Marzipantorte.
Osswald stellt die Päckchen auf den Tisch, jeder kommt und bedient sich und geht wieder (die Familie ist zu beschäftigt für Familienleben) – und am Ende, als Osswald endlich seine Tortenstückchen holen will, sind nur noch die beiden Marzipanschnitten da. Er hat es gewusst.
“Wieso hast du deinen Marzipan nicht gegessen?”, fragt Osswald. Seine Holde schmatzt noch am letzten Stück Heidelbeertorte: “Da ist kein Marzipan drauf!”

Kein Marzipan drauf

“Aha, aber die Verkäuferin versicherte mir, es sei Marzipan.”
“Pah! Verkäuferinnen!”
Osswald stochert lustlos in der Marzipantorte, weil er Marzipan nicht mag. Und die hier ist voll davon.
Was Frauen alles schaffen – sogar die Umwertung aller Torten. Nietzsche hätte seine Freude daran gehabt. Nun ist jedenfalls Götterdämmerung.
Die Herrschaft der Frau hat längst begonnen.

Lichtblau

Osswalds Kosmos – Wahnsinn des Schenkens

Bild: pixabay.com/OpenClipart-Vectors

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Huch, ist schon wieder Weihnachten? Müssen wir jetzt schenken? Oder kommen wir heuer mal drumherum? Die Osswalds haben so ihre Erfahrungen gemacht … Satire

Weihnachten und Osswald – das ist eine spezielle Geschichte. Spätestens, seit er, kaum 23 Jahre alt, an Weihnachten das alte Fräulein Hebestein tötete, hat er eine gespaltene Beziehung zum Fest. Dabei hatte er sie nicht töten wollen, er kannte sie nicht einmal. Alles, was er tat, war, in der Weihnachtskrippe im Wohnzimmer einer befreundeten Familie ein Holzschaf auf das Hinterteil eines anderen zu bocken – so, als bemühten sich die beiden darum, ein weiteres Holzschaf zu produzieren.

Fräulein Hebestein war, so lange man sie kannte, immer in Schwarz gegangen. Wahrscheinlich trug sie schon als Baby schwarze Kleidung. Sie mochte damals, als sich die beiden Holzschafe in innig licher Zuneigung fanden, 89 Jahre alt gewesen sein. Und das Fräulein war, ebenso lange, wie sie in Schwarz ging, eine glühende Katholikin gewesen. Sie war die zuverlässigste Quelle des Pfarrers, wenn es um die Verfehlungen seiner Schäfchen ging. Fräulein Hebestein schien in jeden Weinkeller und jedes Schlafzimmer kriechen zu können – so wusste alles. Wer mit wem. Wer ohne wen. Entsprechend beliebt war sie.

Auf der Ledercouch knutschen

Jung-Osswald kannte Fräulein Hebestein kaum. Vom Sehen natürlich, und irgendwann hatte seine Mutter auch etwas über das Fräulein erzählt. Aber Jung-Osswald hatte wieder mal nicht zugehört – wahrscheinlich ist das aber für den weiteren Verlauf unserer Geschichte belanglos. Man muss dem jungen Mann zugute halten, dass er damals in schlechte Kreise geraten war: Lehramtsstudenten, Krankenschwestern, Fabrikantensöhne. Sie tranken alle ein wenig zu viel und taten unsinniges Zeug. So kam Jung-Osswald die ausladende Weihnachtskrippe im Wohnzimmer des größten Fabrikanten am Ort gerade recht. Während die Krankenschwestern mit den Fabrikantensöhnen auf der Ledercouch knutschten und der Lehramtsstudent La Paloma auf einem zahnlosen Kamm blies,  stellte Jung-Osswald ungesehen die Holzschafe in die Empfängnis-Position.

Mit dem katholischen Chor

Wer’s dann sah, war anderntags Fräulein Hebestein, die mit dem katholischen Liederkranz Frisch Auf Cäcilia im Wohnzimmer des Fabrikanten singen ließ, während sie dirigierte. Sie sah den teuflischen Frevel in der heiligen Krippe, das sexualisierte Biest, das sich erhob, um die heilige Familie mit seinem Unflat zu beschmutzen. Das Fräulein spürte ein Stechen in der Brust, versuchte Halt zu finden am Weihnachtsbaum, riss ihn um, versuchte, Halt zu finden an der Weihnachtskrippe, riss sie um und schaffte es noch, unter beiden zum Liegen zu kommen.

Ein Herzinfarkt, diagnostizierte der Arzt, und keiner wusste, warum. Es war doch sonst so fidel, das Fräulein.

Kein Wunder, dass Osswald seither bei Weihnachten ein mulmiges Gefühl bekommt, nicht nur wegen des Konsumrausches. Volle Städte, Massen von Menschen, die hetzen, drängeln, rempeln, einen fast umrennen – weil sie unterwegs sind, um zu kaufen. Das ist schlimm genug. Schlimmer ist das Bild, des überaus katholischen Fräuleins Hebestein, das für Osswald über allem schwebte.

An Weihnachten nix schenken

Schauderhaft. Das bringt Osswald auf eine Idee. „Wie wäre es, wenn wir uns endlich mal nichts zu Weihnachten schenken?“, fragt er sein Weib.

„Wer? Wem?“

„Wir. Allen.“

„Neiiiiiin!“, begehrte seine Frau auf, „erinnere dich.“

Das tat Osswald dann auch. Es war alles schon einmal da. Es war alles furchtbar kompliziert, wie die Osswalds erfuhren. Ihre Familie liegt seitdem in Trümmern. Alles begann kurz nach Osswalds Hochzeit. Seine Frau stellte frustriert fest: »Ihr habt ja gar keine Geschenkkultur! Da bekommt man jedes Mal einen Käse geschenkt, unmöglich!« Osswalds Frau war schon immer sehr klar in ihren Ansichten und deutlich in ihrer Ansprache. Sie ist nicht von hier. Und weil Osswalds Frau lieber nichts bekommen wollte an Geschenken als unsinnigen Tand, beschlossen sie: Die Familie schenkt sich nichts mehr. Hätten sie’s nur gelassen.
Osswalds Mutter freute sich – angeblich – unbändig für den Beschluss: „Das wollte ich schon seit Jahren. Vielen Dank!“ In Wahrheit aber war sie entsetzt. Nichts. Schenken. An. Weihnachten! Sie gab es aber niemals zu. Osswalds Schwester lag ihm in langen, konspirativen Telefongesprächen in den Ohren: »Was hat denn deine Frau gegen mich?« »Nix«, versicherte ihr Bruder. Aber das glaubt Osswalds Schwesterchen bis heute nicht, die beiden Frauen meiden jeden überflüssigen Kontakt. Das Nicht-Schenken hielt genau ein Jahr. Dann fing der erste wieder an mit einer »ganz klitzekleinen Aufmerksamkeit, eigentlich ein Nichts«.

Ein Geschenk geht, ein Geschenk kommt

Schließlich kapitulierten auch die Osswalds. Und schenkten. Nur, um wieder das zu erleben, was sie schon zur Genüge kannten: Sie schenkten der Mutter ein Paket zum Fest, nach drei Jahren kam es zurück. Wie Osswald und sein Weib an dem Aufkleber auf dem Geschenkpapier sahen, war ihr Präsent inzwischen von der Mutter an die Schwester gegangen und von der im folgenden Jahr wieder der Mutter zurückgeschenkt worden. »Da wirste doch verrückt!« sagte Osswalds Frau.
»Können wir eigentlich den Eierlikör noch trinken, den du vor drei Jahren für meine Mutter gemacht hast und der heuer von meiner Schwester kam?«, wollte Osswald wissen.
»Um Gottes Willen!«
Und die Mutter? Muss wohl im geschenklosen Jahr eine leichte Delle davongetragen haben. Sie schenkt seitdem den Kindern der Osswalds jedes Jahr dasselbe: Lego- und Duplokästen in allen Variationen. Die einen für Kinder 1+, die anderen für 3+. So alt waren Atlas und Distel vor 15 Jahren, als das Geschenkedrama begann.
Tja, Osswald zieht sich in seine Werkstatt zurück. Vielleicht ist er an der verrohten Geschenkkultur in seiner Familie schuld. Das war die Rache des Fräulein Hebestein. Sicher.

Lichtblau

Mehr Lichtblau, mehr Satire

Lichtblau

Bild: pixabay.com/snrsy, G John

Was lange währt, wird endlich gut: Xaver Leonhard Lichtblau, Autor des vielbeachteten Buches Liebe. Ficken. Tod legt in seinem aktuellen Buch Schnurren und Satiren vor. Das Buch ist nur auf den ersten Blick gefälliger. Beim zweiten zeigt es sich erstaunlich widerborstig.

Zwei Jahre lang hat Xaver Leonhard Lichtblau seine Schnurren und Satiren geordnet, überarbeitet, geordnet und neu geschrieben. Dann hat er noch einmal radikal 2/3 der Geschichten rausgeworfen und nur das wirklich Beste in seinem Buch gelassen. Leserinnen und Lesern unseres Blogs ist der Titel zum Teil vertraut: Osswalds Kosmos – alles wird besser. Osswalds Kosmos kennen sie, seit Lichtblau sich vor drei Jahren entschloss, die Lücke zu schließen, die Blaumilch hinterließ, als er seine Satiren einstellte.

Fremdes Terrain für Lichtblau

Für Lichtblau ein durchaus fremdes Terrain, wiewohl er seit Jahren als Autor arbeitet. Er hat sich in die Schnurren und Satiren mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit eingearbeitet. Und er ist besser und besser geworden. Gerade in den Geschichten des vergangenen Jahres hat er ein begeisterndes Niveau erreicht. Auch deshalb warf er so vieles Ältere wieder aus dem Buch; weil es nicht mehr zu dem erreichten Niveau passte.

Lichtblaus Schnurren und Satiren nehmen uns mit in die Welt von Osswald, einem sympathischen Verlierer. Sympathisch deshalb, weil er sein Scheitern mit Würde trägt und selbst darüber noch lachen kann. Kein Großmaul, kein Ellbogenmensch, kein erfolgreicher Durchsetzer – sondern einer, der ein großes Herz hat. Der mit denen fühlt, die abgerissen sind, die am Rande der Gesellschaft leben. Ihnen setzen diese Geschichten kleine Denkmale. Etwa der Luftgitarrenspieler, der mit Kinderwagen und Ghettoblaster auf Betteltour geht. Oder die alte Gauloisesraucherin, die sich sieben Brötchen mit Fleischkäse kauft und für ihren Sohn noch mal sieben.

Würde der Menschen gesehen

Lichtblau erkennt und ehrt die Würde dieser Menschen. Darin erinnern mich die Schnurren und Satiren stark an sein erstes Buch – doch das hatte einen anderen Ansatz. Es war härter, provokanter und versuchte, nach dem ersten Schock das Einvernehmen mit dem Leser herzustellen. Und seinen Helden eben auch so etwas wie Würde zu lassen. Ein schwieriger Versuch, der des Öfteren scheiterte.

Hier sehen wir die Außenseiter durch die Brille des Außenseiters Osswald. Und das ergibt eine reizvolle Spiegelung.

Alles in allem ein lohnendes Buch.

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Bild: pixabay.com/Alexandra / München

Ohne Bart wird’s hart – das haben wir immer schon geahnt. In dieser Satire bemühen wir zudem eine ziemlich historische Persönlichkeit.

Sie geht eher beiläufig an ihm vorbei, blickt ihn flüchtig an – und erstarrt. Frau Osswald stiert lange Sekunden auf das Kinn ihres Gatten; so, als habe sie dort etwas entdeckt, was sie bisher nicht sah. Oder kannte.

Es ist Osswalds Bart, den er schon seit Wochen trägt. Aber vielleicht hat sie jetzt, im Urlaub, mehr Zeit hat, ihren Gatten zu betrachten. Er ist stolz, sein Gesichtskraut so lange versteckt zu haben. Doch dessen dessen Tage sind gezählt. Das sieht er am Blick seiner Gattin. Und gleich kommt es auch: „Mach den Bart ab!“ herrscht sie ihn an. Wenn’s soweit ist, endet der gemeinsame Weg von Mann und Bart, und alle Hoffnung stirbt. Nach der Hoffnung stirbt der Bart.

Zwei Tage hält Osswald durch

Zwei Tage hält Oswald noch heldenhaft durch. Zwei Tage, in denen ihn seine Gattin mit bitterbösen Blicken verfolgt; und jede Stunde einmal sagt: „Bart ab!“

Plötzlich wird sie zuckersüß. „Schatzi, lass mich doch mal deine Haare schneiden.“ Gut, sie sind etwas sehr lang, und normalerweise wäre Osswald seiner Gattin dankbar für das Angebot. Aber er weiß, was dabei passieren wird. Und hier kommt es schon: „Dann kann ich auch deinen Bart wegmachen.“

Selbst, wenn er sich weigerte, seine Kinnbehaarung zu opfern – seine Gattin würde sicher, gaaanz aus Versehen, beim Haareschneiden mit der Schere abrutschen. Und seinen Bart meucheln.

So verzichtet Osswald schweren Herzens auf seinen Haarschnitt; und beschließt, seinen Bart eigenhändig zu ermorden.

Der Kaiser erscheint im Traum

Der Gedanke ist schwer zu ertragen. In der Nacht vor seiner Gräueltat erscheint ihm Kaiser Barbarossa im Traum. Mit wallend rotem Bart. So wallend war er beim ollen Kaiser zu Lebzeiten nie. „Mach den Bart ab!“, donnert ihn Barbarossa an und funkelt eindrucksvoll mit den Augen.

„Und du? Hast doch auch einen Bart“,  protestiert Osswald.

„Ich bin der Kaiser!“

„Meiner nicht.“

„Doch, auch deiner. Ich bin der Kaiser aller Reußen.“

„Und Ösen.“

„Ösen? Kenn ich nicht. Ein neuer Volksstamm?“

„Ja, und alle mit Bart. Sogar die Frauen“, stänkert Osswald im Traum.

„Bart ab!“, donnert der Kaiser.

„Aber wieso?“

„Das geht dich gar nichts an. Ich bin der Kaiser. Und mein Wort ist Gesetz.“

„Nix Wort, nix Gesetz“, nuschelt Osswald und dreht sich auf die andere Seite.

Da hört er das Rattern eines alten Wählscheibentelefons, das die gewählten Nummern sucht. Dann das Tuuuuten, schließlich das Knacken, als der Hörer abgenommen wird.

„Ja, hier spricht der Kaiser.“

Eine Frauenstimme: „Barba, wo bist du?“

„Ich bin in Höhle sieben.“

„Aha, dachte ich es mir. Mittagessen ist fertig. Und anschließend scheren wir deinen Bart.“

„Ich habe es befürchtet“, antwortet der Kaiser und legt auf.

Bart scheren?

„Du scherst deinen Bart? Du, Barbarossa!“

„Natürlich. Ich komme nicht mehr aus dem Kyffhäuser heraus, der Eingang der Höhle ist zu schmal. Und mein Bart zu dick.“

„Da hast du ja mächtig was zu scheren“, bemitleidet ihn Osswald.  

„Das kannst du laut sagen, Milchgesicht“, antwortet der Kaiser, „vor allem, weil wir hier nur Feuersteine haben. Hast du dir schon mal mit einem Feuerstein den Bart rasiert?“

„Nicht unbedingt.“

„Sei froh.“

„Na dann, gut kratz!“

„Sehr witzig.“

„Und wenn du genug von deinem Bart abgeschabt hast, kletterst du aus dem Kyffhäuser? Und dann?“

„Jawoll! Dann befreie ich Germanien. Einer muss es ja tun.“

„Da hast du recht. Schlimmer als die augenblicklichen Germanien-Beglücker wirst du auch nicht sein.“

„Aber hallo!“, schmettert der Kaiser. „Ich bin der Kaiser!“ Mit einem Plöpp verschwindet das Traum-Bild. Osswald dreht sich auf die andere Seite. Verrückter Traum, denkt er. Kaiser Barbarossa mit wallend rotem Bart, der sich die Pracht mit einem Feuerstein abschabt. Wieder macht es Plöpp, der Kaiser ist zurück.

„Weißt du eigentlich, warum ich am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph ertrunken bin?“

„Du konntest nicht schwimmen?“

„Natürlich konnte ich schwimmen, du Weißbrot! Ich bin gegen Polen gezogen, ich bin sechs Mal gegen Italien gezogen, ich habe Heinrich den Löwen gestürzt.“

„Alleine? Und dann die ganzen Kreuzzüge.“

„Eben. Ich bin der Kaiser, was denkst du, wie viele Flüsse ich in meinem Leben durchquert habe. Ich bin der Kaiser und ich bleibe der Kaiser. Und ich kann schwimmen.“

Wieder das Plöpp, der Kaiser ist weg.

Der Kaiser ist weg

Gleich plöppt es erneut, der Kaiser ist zurück: „Nein, ich hatte einen riesigen Bart, weil ich nicht zum Rasieren kam auf diesem Kreuzzug. Und was geschah? Der verfluchte Bart sog sich voller Wasser, zog mich auf den Grund des Flusses und ersäufte mich. Mich, den Kaiser!“

Plöpp.

Plöpp.

„Rasiere dich, du Weichfrosch!“

Plöpp.

Plöpp.

„Lieber Zartbitter als Bartzitter!“

Plöpp.

Osswald hat zwei Gründe

Jetzt hatte Osswald schon zwei Gründe, sich zu rasieren. Seine Frau. Und den Kaiser. Wobei er nicht wusste, wer mächtiger war. Osswald ist einigermaßen weichgekocht, als er an diesem Morgen aufsteht. So hat seine Frau ein leichtes Spiel. „Ja“, antwortet zu ihrem Erstaunen ihr Gatte, als sie sagt: „Ossi, komm, ich rasier‘ dich jetzt!“

Sie tun es auf der Terrasse. Frau Osswald nimmt die Schere dazu. Das ist ziemlich grob, ein Stoppelwald bleibt stehen – aber Osswald ist das gerade recht. Da kann er sich langsam entwöhnen – und jeder Versuch seiner Gattin, ihn zum Glattrasieren zu ermuntern, verliert sich im Stoppelgeflecht seines Gesichts. Das bekommt er nämlich nicht mit dem trockenen Nassrasierer weg; behauptet er. Trotz der Resthaare fühlt er sich seltsam schwach.

Als er mit den Hunden zum Deich wankt, knickt er ein paar Mal mit seinen Beinen ein. Am blaugewischten Himmel segeln weiße Wolken, die Hunde tollen und kacken, und Osswald packt die Bollen in die Tüten und strebt auf die Abfalltonne zu, die an der Abzweigung steht.

Alter Bauer mit Barbarossa-Bart

Und aus dieser Abzweigung, einem Feldweg, setzt jetzt rückwärts ein Anhänger, beladen mit Holz. Davor hängt ein Mercedes, an dessen Lenkrad ein ganz alter Bauer kauert. Mit mächtigem rotem Barbarossa-Bart. Osswald schätzt ihn auf 87. Der Bauer lenkt, der Mercedes zieht nach links, der Anhänger zieht nach rechts, der Bauer lenkt, der Anhänger zieht nach links. Linksrechtslinksrechts, wie ein Hundeschwanz wedelt der Anhänger.

Und Osswald weicht aus, einmal nach rechts, einmal nach links. Endlich ist er an Anhänger und Mercedes vorbei. “Rasier’ dich!”, keift der Bauer durchs offene Seitenfenster. Mit Schwung befördert Osswald die beiden Hundekackbeutel in die Abfalltonne. Auf dem Rückweg sieht er einen überdimensionierten Kackbollen auf der Wiese. Er ist breitgetreten. Osswald grinst und geht weiter. Er achtet darauf, dass sich die Hunde nicht in dem leckeren Haufen wälzen.

Erst ein paar Schritte weiter dämmert es ihm, er selbst könnte in den Haufen gelatscht sein. Osswald bleibt stehen, hebt den linken Fuß: nichts. Er hebt den rechten Fuß: Scheiße. Sehr viel Scheiße.

Kurz darauf steht Osswald auf der Terrasse und spritzt mit dem Schlauch seinen Schuh ab – in die Rosen. Denen kann ein wenig Dünger nicht schaden, denkt er sich.

„Was machst du da?“, fragt ihn seine Frau, als sie ihn entdeckt.

„Ich entferne das Pech von meinem Schuh.“

„Pech?“

„Ja, Pech. Das mir an den Schuhen klebt, seit du meinen Bart ermordet hast.“

Frau Osswald lacht glockenhell.

„Dein Pech riecht aber eher nach Scheiße“, sagt sie und geht ins Haus.

„Pech, Scheiße“, knurrt Osswald, „ist das nicht dasselbe?“

Frau Seidenstrumpf gurrt

Als er nach dem Urlaub wieder am Schreibtisch sitzt und arbeitet, ruft ihn Frau Seidenstrumpf an. Frau Seidenstrumpf ist eine schöne Frau, die schon einmal bei ihm volontierte.

„Sie haben jetzt einen Bart“, gurrt sie in den Hörer, „ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen.“

„Äh, hatte. Jetzt ist er ab.“

„Oh, schade.“

„Ja, äh, meine Frau konnte ihn nicht mehr ertragen. Sie sagte, der Bart kratzt.“

„Aber das ist doch schön!“, ruft Frau Seidenstrumpf. „Ein Bart muss kratzen. Auf allen Lippen!“

„Äh.“

„Wenn Sie wieder einen Bart haben, können Sie sich ja mal melden, Herr Osswald. Auf Wiedersehen.“

Lieber Bartzitter als Zartbitter!

Lichtblau

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Mehr Satire gibt es in Lichtblaus neustem Buch …

Osswalds Kosmos: Kinder oder Smartphones

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Bild: pixabay.com/Alexas_Fotos (Alexandra aus München)

Osswald ist kein Technikfeind. Aber die Exzesse der modernen Welt rund um das Wischeisen (Smartphone) gehen ihm mächtig auf die Nerven.

Osswald hat einen Traum. Immer wieder. Immer wieder tappt einer der Wischeisen (Smartphone) streichelnden Technikjunkies, vertieft ins Schreiben einer schmalen Textbotschaft, auf die Fahrbahn. Wisch. Und weg. An dieser Stelle war leider ein Bus unterwegs und der war ein bisschen stärker. Und wieder gibt es einen Wischenden weniger. Osswald wacht regelmäßig entnervt auf. Er mag den wischenden Mob zwar nicht, aber ein solches Ende muss er ihnen trotzdem nicht an den Hals träumen. Vor allem, weil es eine ordentliche Sauerei gibt im Traum.

Vater wischt Smartphone. Und die Jugend?

Kommen wir zu etwas völlig anderem – der wischenden Jugend. Die hat es wirklich nicht leicht. Behangen mit Markenklamotten, vollgestopft mit Äußerlichkeiten, gesegnet mit ihrem Wischeisen (Smartphone).  Die jungen Leute sind förmlich hypnotisiert von ihren Smartphones. So sehr, dass sie fortwährend auf das Display starren, darüber wischen und nicht bemerken, was um sie herum geschieht. Egal, ob da nun ein Lastwagen auf der Straße donnert, man dappt einfach weiter (der Traum!). Gut, lassen wir die Horrorszenarien, kommen wir zu etwas viel Schlimmerem. Den Männern und Vätern. Vor ein paar Tagen war Osswald beim Optiker seiner Wahl und musste kurz warten. Am anderen Tisch eine sehr rothaarige Tochter von etwa 15 Jahren. Und ihr Vater. Die Tochter bekam eine Brille, der Vater wischte. Brummte ein paar Mal kurz, wenn die Optikerin ihn direkt ansprach, schaute aber nie vom Phone auf.
Das Ergebnis: Die Tochter suchte sich eine sehr dominante, qietschgrüne Brille zu ihrem flammend roten Haar aus. Modisch der letzte Schrei.

Quietschgrüne Brille, flammend rotes Haar

Nein, nicht der letzte. Der wird der Mutter entfahren, wenn der wischende Vater und die Tochter mit der quietschenden Brille vor ihr stehen. Da sieht man wieder mal, dass Männer zu nichts taugen, wenn sie ein Spielzeug in der Hand haben. Sie können sich eben nur auf eines konzentrieren. Frauen sind da anders, ihre beiden Hirnhälften haben sich im Laufe der Zeit voneinander emanzipiert. Sie können jetzt alles auf einmal: Baby füttern, kochen, telefonieren, Kühlschrank putzen, beruflich erfolgreich sein. Wir können das einfach nicht; also sollten wir die Wisch-und-weg-Teile aus der Hand legen. Aus. Vorbei. Die Evolution hat uns nicht dafür gemacht.
Stellen wir uns nur mal vor, wir Technikjunkies würden mit unseren Kindern zum Friseur gehen. Was da wohl rauskäme? Oder zum Elternsprechtag – wir kämen nach Hause, und die Tochter wäre nicht mehr auf dem Gymnasium, sondern auf der Hauptschule! Nein, nein, so geht das nicht. Wir müssen uns entscheiden: Kind oder Smartphone …

Lichtblau

Mehr Satire …

Bild: pixabay.com/Lindsay Fox

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 „Wie seht ihr denn aus?“ fragt Mutter Osswald, als sie ihre Söhne nach zwei Partys wiedersieht. Jeder der beiden hat seine eigene Antwort darauf. – Satire

Die Söhne waren am Vorabend weg. Atlas (17) hatte bis ein Uhr in der Früh bei Freunden in der Nachbarschaft gefeiert, Distel (14) gar bei seinem Freund übernachtet. Dort gab es eine Geburtstagsfeier. Am späten Vormittag fanden sich alle wieder ein oder stiegen aus dem Bett. Frau Oswald schaute von einem zum anderen: „Wie seht ihr denn aus? Gelb und grün im Gesicht. Ihr habt wohl den ganzen Abend Shisha geraucht und Weißbier getrunken?“

E-Zigaretten sind nicht gefährlich

„Ach Blödsinn, wir haben ein bisschen an einer E-Zigarette gezogen. Aber die ist je nicht gefährlich.“

„So. Nicht gefährlich. Die ist so was von gefährlich! Da ist ein Scheiß drin, von dem keiner weiß, dass er drin ist!“, ereifert sich Frau Osswald.

„Ein unglaublicher Scheiß“, pflichtet Osswald bei, „Vogelfutter, Katzendreck, geraspelte Fußnägel.“

„Und Nikotin. Jede Menge Nikotin“, ergänzt Frau Osswald.

„Und dann erst der Strom“, sagt Osswald, „was denkst du, wie du aussiehst, wenn du an der E-Lulle ziehst und die einen Kurzschluss bekommt? Da bekommst du einen Stromschlag, da verkokeln dir alle Haare.“

Stromschlag von der E-Zigarette?

„Ihr spinnt doch“, antwortet Distel trocken und geht auf sein Zimmer.

Atlas ist nicht so hart im Nehmen wie Distel – als ihm seine Mutter vorhält, er sehe grünkariert aus, weil er gesoffen und Shisha geraucht hat, sagt Atlas verärgert: „Ich rauche nicht, ich bin Sportler.“

„Dafür säufst du umso mehr“, kontert seine Mutter.

„Auch das ist nicht gut bei Leistungssport“, weiß sein Vater.

Ich saufe nicht!

„Unsinn. Ich saufe nicht, höchstens mal ein Bier. Und heute putze ich auch nicht das Treppenhaus. Macht es doch selbst!“ Und damit verschwindet er in seinem Zimmer.

„Hör mal, er schiebt seinen Schrank vor die Tür“, wundert sich Frau Osswald.

„Du hättest ihn halt nicht so reizen dürfen“, sagt Osswald.

„Wieso ich? Das warst doch du! Und überhaupt, wie soll ich jetzt mit meinem Sohn reden?“

„Schreib ihm ne SMS.“

Mehr Satire …

Osswalds Kosmos: Rewind – Satire

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Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

Zurückspulen – das wär’s. Wie einfach wäre doch das Leben … aber am Knopf sitzt halt ein Größerer als wir. Wie bitter – aber darauf kann eine Satire keine Rücksicht nehmen.

Schauen Sie Filme? Hören Sie Musik? Dann kennen Sie die Taste „Rückspulen“. Nein? Neudeutsch heißt das „rewind“.

Diese Rückspultaste ist etwas Feines. Sie können Filmszenen oder Lieder noch einmal von vorne sehen und hören. So oft Sie das wollen.

Wäre das nicht auch etwas Wunderbares für Ihr Leben? So ein Rückspulknopf? Wenn sich Ihr neuer Chef in der neuen Firma als Arschloch entpuppt, dann spulen Sie Ihr Leben so lange zurück, bis Sie an den Punkt kommen, an dem Sie in der alten Firma gekündigt haben – was Sie dann tunlichst unterlassen.

Oder Sie drücken kurz vor der Polizeikontrolle nachts um 2.35 Uhr den Rückspulknopf und verschwinden wieder in der Kneipe, in der Sie fünf Stunden lang gesoffen haben; und das, ohne die Polizei an der Backe zu haben. Und dann lassen Sie, wenn Sie aufbrechen wollen, den Wirt ein Taxi bestellen.

Einfach von vorne anfangen – ohne Satire, aber mit Rewind

Doch, das hätte was.

Ähnlich soll es ja am Ende der großen Reise zugehen, die wir Leben nennen. Wenn der große Zauberer uns Sterbliche zu sich an die himmlische Tafel ruft. Um uns mit Nektar und Ambrosia und Harfenklang zu belohnen. Kurz vor unserem Abgang aus diesem Jammertal drückt der große Zauberer den Rewind-Knopf unseres Lebens, und wir rauschen zurück in unsere Kindheit; bis zum Akt unserer Zeugung. Ehm. Ich vermute, das ist so, weil wir uns mit all dem Bockmist befassen sollen, den wir im Leben gebaut haben. Schließlich müssen wir irgendwann die himmlische Tafel verlassen und wieder ran im Jammertal – gestärkt und wiedergeboren. Da wollen wir doch nicht wieder und wieder dieselben Fehler machen.

Weil wir aber noch nicht so genau wissen, dass uns der große Zauberer und die himmlische Tafel mit Tofuhaxen, Met und sangesfreudigen Engelein verwöhnen, haben wir ein wenig Bammel vor der Himmelsleiter. Wir halten verbissen an unserem irdischen Leben fest.

Reise in unser Leben

Wir würden alles dafür geben, wenn wir den Rückwärtsfilm anhalten könnten – just in dem Moment, in dem wir mit Irene (für die Frauen unter uns: Isidor) in jeder verborgenen Ecke des Stadtparks herumrollten. Wir bräuchten dann auch – danke schön – kein Tofu und keinen Met mehr.

Aber nicht wir haben den Finger am Rewind-Knopf, sondern der große Zauberer, unser himmlischer Vater. Und so lassen wir Irene (Isidor) alleine in jener verborgenen Ecke im Park herumrollen und zischen im gleißenden Lichtbogen weiter in unsere unselige Vergangenheit.

Doch dann ist ausgeschaut, wir machen kehrt und explodieren ins Licht und hoffen, dass der Met nicht zu warm und die Engelein zu kühl sind. Und dass der große Zauberer unsere dummen, kleinen Fehler nicht auf die Goldwaage legt.

Nun ja, dann ist das auch vorbei.

Mehr Satire …

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Foto: klk

Jeder Markt eröffnet Möglichkeiten und bringt zusammen, was zusammengehört. Auch ein Supermarkt. Manchmal aber will es einfach nicht klappen.

Der alte Herr mag 76 Jahre alt sein, vielleicht auch 80. Aber er ist schlank, und bewegt sich geschmeidig. Der Flaschenrückgabeautomaten bedient er mit sicherer Hand, seine Bewegungen sind fließend. Die leeren Plastikflaschen verschwinden wie am Fließband im Schlund des Automaten.

Frau schwebt herein

Da gleiten die beiden Flügel der Glastüre auseinander, und eine Frau weht herein. Auch sie mag um die 80 Jahre alt sein, trägt ihr Haar sorgsam frisiert, dazu eine Perlenkette auf der Kostümjacke. Ihre blauen Augen blitzen lebenslustig in ihrem Gesicht.

Sie lächelt bezaubernd und ein wenig verzückt. Sie hat ein Ziel: den Herrn am Automaten. Dem legt sie ihre Hand auf die Schulter – leicht, elegant, schwebend. Und dennoch fährt der alte Mann herum, starrt sie für einen Herzschlag lang an, sagt dann laut: „Bitte? Oh nein, ich stehe nicht auf Frauen. Ich stehe auf Männer!“ Es ist, als gefriere die Luft um die beiden. Umstehende erstarren, gaffen hinüber, schauen gequält. Die Männer ducken sich langsam weg.

Männer ducken sich weg beim Coming out

Wir schreiben das Jahr 2015 … aber so laut, so direkt von einem so alten Mann; das gehört sich nicht. Sich nicht. Sich nicht.

Die alte Dame zuckt zurück, als habe ihre vornehme Hand etwas glühend Heißes berührt, murmelt etwas von Borofkys (eine Kneipe) und Verwechslung und vielmals Verzeihung und geht. Weit kommt sie nicht, die Glastüre stoppt sie. Die Flügel bleiben geschlossen, sie prallt dagegen.

Für einen Moment steht sie benommen da, dann kommt ihr Osswald zur Hilfe und fragt, ob sie in Ordnung sei (ja, danke) und öffnet ihr die Türe.

Sie schwebt davon, stolz, aufrecht und sieht sich kein einziges Mal mehr um.

 

Eine Satire aus der Serie Osswalds Kosmos von Lichtblau

 

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Bild: pixabay.com/OpenClipartVectors

Frauen und Koteletts hängen irgendwie zusammen. Wie, das erfährt Osswald beim Mittagstisch.

Atlas hat den Blues. Er kommt aus seinem Zimmer zum Essenstisch und ist felsenfest davon überzeugt, er sei zu schlecht für die Damenwelt. Mit seinen 186 Zentimetern, dem durchtrainierten Körper und seinem charmanten Lächeln.
Weil seine Angebetete ihn wieder mal hat abblitzen lassen. Atlas: „Einmal so, einmal so.“
Seine Mutter macht ein paar schräge Witze, alle lachen, selbst der waidwunde Teenager.
„Du bist zu ernsthaft“, sagt Frau Osswald.
„Genau“, fährt der Vater fort, „die Anne verarscht dich doch jetzt schon ein Jahr lang. Wolltest du sie nicht schon lange auf den Mond geschossen haben?“

Anne gehört auf den Mond geschossen

„Naja.“
„Tu es. If you can’t be with the one you love, love the one you’re with. So hieß das früher bei uns. 68, Crosby Stills Nash & Young und so.“
„Was ist das? Crosby Stills Nash & Young? Eine Bank?“, fragt Atlas erstaunt.
Frau Osswald prustet los: „Eine Bank! Dein Vater hat doch nur Kontakt zu Banken, wenn die ihm schreiben, dass er ihnen Tausende von Euros schuldet und ihn fragen, wie er sie wieder zurückzahlen will!“
„Aha.“
„Und überhaupt, 68, summer of love. Da warst du gerade mal zehn!“
„Aber schon ganz schön alt für mein Alter! Außerdem haben wir uns damals auf Großes vorbereitet. Und uns vom Geist der 68er anstecken lassen.“
„Soso.“

Frauen und Koteletts eben

Atlas mault: „Aber warum sind Frauen so? Warum einmal so, einmal so. Ist das die Pubertät?“
„Nein, mein Sohn“, sagt Osswald, „Frauen sind eben so. Immer. Nicht nur in der Pubertät. Das ändert sich bei denen nie. Sie wissen nie, was sie wollen. Deswegen ist es völlig wurscht, welche du dir nimmst. Sie sind alle gleich. Schnapp dir die Erstbeste, die du bekommen kannst. Und bleibe bei ihr. Du ersparst dir so eine Menge Ärger und Enttäuschung.“
„Aha. If you can’t be with the one you love …“
„…love the on you’re with. Du hast es kapiert.“

Frau Osswalds tödliche Blicke

Frau Osswald feuert tödliche Blicke ab, schweigt aber überraschend. Wahrscheinlich hat sie vor der luziden männlichen Logik kapituliert.
Den Rest des Essens verbringen sie schweigend. Danach lehnt sich Osswald zufrieden zurück und lässt den Blick über Frau Oswalds Teller schweifen. Er stutzt, schaut zu Atlas’ Teller, stutzt wieder und bei Distel Teller ist er endgültig bedient.
„Äh, es gab Koteletts?“
„Offensichtlich.“
„Wenn der Papa mal was merkt“, spottet Distel.
„Aber leider erst nach dem Essen.“
„Jeder hat ein Kotelett gehabt?“
„Jeder.“

Wo sind die Knochen?

„Äh, aber – ich bin Vegetarier. Außerdem: wo ist mein Knochen hin?“
Jetzt schaut alles auf Osswalds Teller. Er ist blitzblank, ohne jeden Essensreste. Und ein Knochen findet sich auch nicht darauf.
„Ich sag ja immer, du bist verfressen“, sagt ausgerechnet Atlas, den Osswald für ausgesprochen verfressen hält.
„Ja aber, ein Knochen. Den esse doch nicht einmal ich.“
„Offensichtlich doch. Das belastet wenigstens den Abfalleimer nicht.“
„Und ich? Wer denkt an mich? Und meinen Bauch?“
Tja, das hättest du dir früher überlegen müssen“, sagt Distel.

„Viel Spaß beim Verdauen“, wünscht Atlas.
Und Osswalds Gattin ergänzt: „If you can’t eat the one you love, eat the one you’re with.“

Lichtblau

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