Lichtblau

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Was lange währt, wird endlich gut: Xaver Leonhard Lichtblau, Autor des vielbeachteten Buches Liebe. Ficken. Tod legt in seinem aktuellen Buch Schnurren und Satiren vor. Das Buch ist nur auf den ersten Blick gefälliger. Beim zweiten zeigt es sich erstaunlich widerborstig.

Zwei Jahre lang hat Xaver Leonhard Lichtblau seine Schnurren und Satiren geordnet, überarbeitet, geordnet und neu geschrieben. Dann hat er noch einmal radikal 2/3 der Geschichten rausgeworfen und nur das wirklich Beste in seinem Buch gelassen. Leserinnen und Lesern unseres Blogs ist der Titel zum Teil vertraut: Osswalds Kosmos – alles wird besser. Osswalds Kosmos kennen sie, seit Lichtblau sich vor drei Jahren entschloss, die Lücke zu schließen, die Blaumilch hinterließ, als er seine Satiren einstellte.

Fremdes Terrain für Lichtblau

Für Lichtblau ein durchaus fremdes Terrain, wiewohl er seit Jahren als Autor arbeitet. Er hat sich in die Schnurren und Satiren mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit eingearbeitet. Und er ist besser und besser geworden. Gerade in den Geschichten des vergangenen Jahres hat er ein begeisterndes Niveau erreicht. Auch deshalb warf er so vieles Ältere wieder aus dem Buch; weil es nicht mehr zu dem erreichten Niveau passte.

Lichtblaus Schnurren und Satiren nehmen uns mit in die Welt von Osswald, einem sympathischen Verlierer. Sympathisch deshalb, weil er sein Scheitern mit Würde trägt und selbst darüber noch lachen kann. Kein Großmaul, kein Ellbogenmensch, kein erfolgreicher Durchsetzer – sondern einer, der ein großes Herz hat. Der mit denen fühlt, die abgerissen sind, die am Rande der Gesellschaft leben. Ihnen setzen diese Geschichten kleine Denkmale. Etwa der Luftgitarrenspieler, der mit Kinderwagen und Ghettoblaster auf Betteltour geht. Oder die alte Gauloisesraucherin, die sich sieben Brötchen mit Fleischkäse kauft und für ihren Sohn noch mal sieben.

Würde der Menschen gesehen

Lichtblau erkennt und ehrt die Würde dieser Menschen. Darin erinnern mich die Schnurren und Satiren stark an sein erstes Buch – doch das hatte einen anderen Ansatz. Es war härter, provokanter und versuchte, nach dem ersten Schock das Einvernehmen mit dem Leser herzustellen. Und seinen Helden eben auch so etwas wie Würde zu lassen. Ein schwieriger Versuch, der des Öfteren scheiterte.

Hier sehen wir die Außenseiter durch die Brille des Außenseiters Osswald. Und das ergibt eine reizvolle Spiegelung.

Alles in allem ein lohnendes Buch.

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Der Rocker mit dem Kinderwagen bewegt die Menschen – mehr, als er wohl selbst ahnt. Und sie auch.

Auf der Brücke

Er ist herausgefallen aus seiner Zeit. Und die liegt 47 Jahre zurück. Trägt einen zerschlissenen Cowboyhut aus Leder, lange, verfilzte Haare, eine Lederhose mit Löchern. Jeden Tag sitzt der Rocker auf der Zauberflötenbrücke – dort, wo’s eng wird und sich jeder Passant dicht an ihm vorbeidrücken muss. Das hilft ihm, sein Wegegeld einzustreichen, das die saturierte Bürgerschaft ihm schuldet. Was ihm vielleicht auch hilft, ist die brüllend laute Rockmusik aus dem Ghettoblaster – obwohl man dieser Beschallung eher entfliehen möchte.

Manchmal schmiegt sich ein Weib an ihn, mit kurzem Rock und langen Beinen und Netzstrümpfen und empfindlichen Löchern darin.

Immer mit Kinderwagen

Immer aber begleitet ihn ein Kinderwagen. Ein alter, mit verbleichtem blauem Stoff und dürren Armen und Beinen. Darin sitzt der Ghettoblaster. Und sein kleiner, weißer Hund, der taub sein muss von dem Höllenlärm den ganzen Tag.

Wenn er sein Wegegeld bekommt, bedankt er sich artig beim großzügigen „Kameraden“.

Osswald hat den Rocker am anderen Ende der Stadt getroffen. Da zieht er mit seinem Hund, seinem Kinderwagen und dem brüllenden Blaster durch die Flaniermeile. Morgens um 10.15 Uhr ist er auf dem Weg zur Arbeit. Heute hört er Beatles, die alten Kracher, die Osswald heute noch unter die Haut gehen wie kaum eine andere Musik. Also folgt er dem Cowboy, der schief in sich versunken durch die Stadt geht, durch die sich teilende Menschenmenge; so, als würde er niemanden bemerken um sich herum. Nicht die Menschen, nicht ihre hochnäsigen und verächtlichen Blicke, ihr Grinsen, ihre bedeutungsvollen Gesten. Auch von rechts und links prallen Hohn und Spott auf den Cowboy und seinen Kinderwagen ein – dort sitzen die betuchten Flaneure bei Kaffee, Sekt und Eis.

Der Rocker muss arbeiten

Der Cowboy kann sich darum nicht kümmern, er muss arbeiten. Osswald folgt ihm dicht auf, auch für ihn teilt sich der Strom der Menschen. Er sieht die Blicke und er kann sich für eine knapp bemessene Zeit in der Illusion baden, er sei so ein Außenseiter wie der Cowboy vor ihm. Die Blicke der Bürger treffen ihn, aber sie können ihm nichts anhaben.

Als Osswald den Cowboy schließlich überholt, drückt er ihm 5 Euro in die Hand. Es war ein Vergnügen, ein Ausgestoßener zu sein – aber es nicht bleiben zu müssen.

Xaver Leonhard Lichtblau

Mehr Satiren:

Ercolano – Frage der Lavaleiche

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Bild: pixabay.com/nelson gonçalves

Bin ich schön? Gib zu, ich bin schön. Dein Gesicht zuckt, wenn du mich siehst. Das ist immer so, das verstehe ich. Aber wenn das Gewitter deines Entsetzens über dein Gesicht explodiert ist, wenn deine Augen es längst begriffen haben, während dein Hirn noch arbeitet, dann kommt der Moment, in dem du meine Schönheit zu lieben beginnst. Die Schönheit meines nackten Schädels, meines erstarrten Grinsens; so, als wolle ich dem Tod noch die Zähne zeigen, während er sich schon mit seinem weichen Arsch auf mein Gesicht setzt und mich, genüsslich mit seinen Arschbacken hin und her rollend, erstickt.

Die Masse Mensch – in Ercolano

Da liege ich, vor dir. Du hast dich an mich herangedrängt, hast dich durch die Masse Mensch geschoben, die sich, wie jede Stunde, jeden Tag, an meinen Glaskasten schiebt, um einen Blick auf mich zu erhaschen. Auf die Lavaleiche. Auf den Mann mit der grausamen Kruste. Du hattest die Kamera schon halb erhoben, um mich abzulichten, für eine weitere, kleine Ewigkeit. Dir stockt der Atem. Das liebe ich an euch. Für einen kleinen Augenblick bist du nackter als ich, während dich die Masse um dich herum bedrängt, schwitzt, ausatmet, aus den Jacken riecht, für einen Herzschlag bist du eins mit mir, meinem Leben, meinem Tod, der Ewigkeit. Und der Magie unserer Seelen.

Mein Gesicht ist starr geworden

Hier liege ich, klein, verhutzelt, mein Gesicht ist starr geworden, als der Aschenregen mich erstickte,  mein Schädel ist nackt. Er ist kälter, als du denkst – innen wie außen. Doch es gibt Trost: Schau dir meine Gelenke an, hier bricht der Mensch durch die graue Lava.

Jetzt sind deine Augen klein geworden, du ziehst die Kamera die letzten Zentimeter nach oben, mechanisch, drückst den Auslöser. Es blitzt. Scheußlich, dieses Blitzlicht – aber was will ich machen?

Geh. Lass mich hier liegen in Herculaneum. Es war eine Lust zu leben, vom Meer her wehte uns die Ewigkeit an, der Wein rann zärtlich durch unsere Adern, das Fleisch unserer Frauen war weich und warm.

Geh. Es ist eine Lust, tot zu sein. Hier zu liegen und zu warten, bis ihr meine Schönheit erkennt.

Ich bin Stein geworden, als mein Berg atmete. Das ist lange her, das war gestern. Und dein Berg, atmet er schon?

Xaver Leonhard Lichtblau

Lichtblaus erstes Buch mit atemberaubenden Kurzgeschichten …

Lichtblau: Blonde again

Lichtblau

Bild: pixabay.com/WikiImages

Aus Xaver Leonhard Lichtblaus Zyklus

rage against the tide of madness

präsentieren wir heute das Gedicht:

let the world conquer you

bleach your hair
dim your brain
you have to be
blonde
again and again

Dada lebt: Schöte und Giller …

Foto: Lichtblau

Schöte & Giller
verliebten sich im Wald
Schöte war ein Killer
Und Giller war schon alt
Dann kam Sabiiiiiiiiiiiiin
Und alles war hiiiiiiiiiiiiin
Dada —> lebt!

Xaver Leonhard Lichtblau 

Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

Schwarze Geschichten, die uns schaudern machen – das ist die Sammlung von Kurzgeschichten, die Lichtblau vorlegt. Sie sind zeitlos verzweifelt …  

Die Liebe und der Tod – war da noch was?

Mit seinen Schwarzen Geschichten Liebe. Ficken. Tod. haut uns Lichtblau um. Erstens, weil die Geschichten von einer Brutalität sind, die wir so kaum aushalten können. Es sind Arrangements der Lust – die jäh in Kälte umschlagen. In eisige Kälte. Wenn wir sie lesen, wandern uns langsam die Schauer den Rücken hinunter. Wir versuchen, der nackte Verzweiflung zu entkommen, dem Nichts auszuweichen. Irgend etwas ist stärker, zieht uns magisch in seinen Bann. Wir wundern uns, wie das ein Mensch aushalten kann. Wie jemand so etwas schreiben kann.

Wer ist Lichtblau?

Wer ist Lichtblau? Was ist das für ein leichter, heiterer, unbeschwerter Namen. Und was für eine Kälte ist um den Schreiberling? Uns erfasst ein Strudel der Leere und der Verzweiflung. Schwarze Schatten jagen uns, wir hören das Wolfsgeheul unserer Albträume.
Und dann lesen wir genauer; und sind verblüfft und fasziniert, wie kunstvoll, wie gelungen doch diese Geschichten sind. Wie sie meisterhaft gebaut sind, wie sie ihre ganze Verzweiflung in leisen Sätzen, die sich steigern, offenbaren; und wir schaudern wieder – weil die Sprache so sitzt. So schön ist. So treffend.

Lichtblau lässt uns fast verzweifeln

Wie kann man nur so brillant schreiben – und uns so verzweifelt zurück lassen? 
Was bleibt? Nur Kälte? Nur Verderben? Nun, es bleibt auch ein bacchantisches Lachen am Abgrund der Lust. Müssen wir Lichtblau ernst nehmen? Und ob. Und seine Geschichten? Sie setzen Maßstäbe. Aber, und das verwundert zunächst: Über sie dürfen wir auch einmal schmunzeln – sie stellen das Gefüge unserer Lust auf den Kopf. Lichtblau – das ist hohe Kunst in gut abgehangenen Geschichten. Sie zeigen die Kunst der Kurzgeschichte auf ganz hohem Niveau; ohne künstlich zu sein.

Ein Trost? Erotische Geschichten!

Vielleicht der, dass Lichtblau noch am Leben ist. Wer solche Kälte überlebt, wer eine derartige Leere aushält, der geht nur gestärkt aus der ganzen Sache heraus. Und das ist auch ein Trost für uns – die Geschichten können uns stark machen.
In Liebe. Ficken. Tod liegt die ganze Kälte der Welt
Lichtblau hat einmal gesagt, das er in seine Geschichten die ganze Kälte der Welt gepackt hat, um sie zu überleben. Was ist diese Welt doch für ein grauer, eiskalter Ort. Also haben die Geschichten Lichtblau geholfen, zu überleben. Und das ist ihm manchmal arg schwer gefallen; seit der Jugend quälten ihn Depressionen, die er erst im Laufe der Jahre in den Griff bekam, als er erkannte, was ihm fehlt. Aber er schaffte das.

Etwas Versöhntes mit dieser Welt?

Nun sollten wir nicht denken, Lichtblau litte nur an seiner Psyche – denn seine Psyche litt an der Welt.
Aber er hat, als tapferer Kerl, dem Leben auch seine schönen Seiten abgetrotzt. Das macht die Geschichten doch wieder erträglich. Und uns bleibt die Hoffnung, noch einiges mehr von diesem begabten Schriftsteller zu lesen. Vielleicht auch etwas Versöhntes mit dieser Welt.

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Für Lichtblau-Freaks … das Cover gibt es als Tasse
Lichtblaus Schwarze Erotik
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Wagst du es? Liest du sie?