Lichtblau

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Was lange währt, wird endlich gut: Xaver Leonhard Lichtblau, Autor des vielbeachteten Buches Liebe. Ficken. Tod legt in seinem aktuellen Buch Schnurren und Satiren vor. Das Buch ist nur auf den ersten Blick gefälliger. Beim zweiten zeigt es sich erstaunlich widerborstig.

Zwei Jahre lang hat Xaver Leonhard Lichtblau seine Schnurren und Satiren geordnet, überarbeitet, geordnet und neu geschrieben. Dann hat er noch einmal radikal 2/3 der Geschichten rausgeworfen und nur das wirklich Beste in seinem Buch gelassen. Leserinnen und Lesern unseres Blogs ist der Titel zum Teil vertraut: Osswalds Kosmos – alles wird besser. Osswalds Kosmos kennen sie, seit Lichtblau sich vor drei Jahren entschloss, die Lücke zu schließen, die Blaumilch hinterließ, als er seine Satiren einstellte.

Fremdes Terrain für Lichtblau

Für Lichtblau ein durchaus fremdes Terrain, wiewohl er seit Jahren als Autor arbeitet. Er hat sich in die Schnurren und Satiren mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit eingearbeitet. Und er ist besser und besser geworden. Gerade in den Geschichten des vergangenen Jahres hat er ein begeisterndes Niveau erreicht. Auch deshalb warf er so vieles Ältere wieder aus dem Buch; weil es nicht mehr zu dem erreichten Niveau passte.

Lichtblaus Schnurren und Satiren nehmen uns mit in die Welt von Osswald, einem sympathischen Verlierer. Sympathisch deshalb, weil er sein Scheitern mit Würde trägt und selbst darüber noch lachen kann. Kein Großmaul, kein Ellbogenmensch, kein erfolgreicher Durchsetzer – sondern einer, der ein großes Herz hat. Der mit denen fühlt, die abgerissen sind, die am Rande der Gesellschaft leben. Ihnen setzen diese Geschichten kleine Denkmale. Etwa der Luftgitarrenspieler, der mit Kinderwagen und Ghettoblaster auf Betteltour geht. Oder die alte Gauloisesraucherin, die sich sieben Brötchen mit Fleischkäse kauft und für ihren Sohn noch mal sieben.

Würde der Menschen gesehen

Lichtblau erkennt und ehrt die Würde dieser Menschen. Darin erinnern mich die Schnurren und Satiren stark an sein erstes Buch – doch das hatte einen anderen Ansatz. Es war härter, provokanter und versuchte, nach dem ersten Schock das Einvernehmen mit dem Leser herzustellen. Und seinen Helden eben auch so etwas wie Würde zu lassen. Ein schwieriger Versuch, der des Öfteren scheiterte.

Hier sehen wir die Außenseiter durch die Brille des Außenseiters Osswald. Und das ergibt eine reizvolle Spiegelung.

Alles in allem ein lohnendes Buch.

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Oft Gesehenes neu gesehen: Die Geschichten der Carson McCullers im Buch Der Nomade sind Miniaturen der Außergewöhnlichkeit.

In Carson McCullers Geschichten begegnen wir Menschen, die wir schon oft gesehen haben. Aber wir betrachten sie plötzlich mit ganz anderen Augen, erkennen Neues, Anderes. Wir sind fasziniert von der leise tropfenden Trauer in den Kurzgeschichten.

Ein Unbehauster, ein Nomade

Nehmen wir den Nomaden, den Unbehausten. John Ferris heißt er und ist einer von ihnen. Ferris ist aus Paris nach New York herübergekommen zur Beerdigung seines Vaters. Da sieht er seine geschiedene Frau Elisabeth auf der Straße, ruft sie später an, sie lädt ihn ein. Der Nomade nimmt an, sein Flug nach Paris geht erst am nächsten Tag. Ferris dringt in ein völlig fremdes Leben mit dem aktuellen Ehemann von Elisabeth ein und den Kindern. Das Treffen kommt uns irgendwie surreal vor, durchsetzt mit den Erinnerungen Ferris’.

Brüchiges Leben

Als Ferris vom Flughafen mit dem Taxi durchs nächtliche Paris fährt, erkennt er das Unstete seines Lebens, die nagende Unbehaustheit. Unbehaust, brüchig, ohne Liebe; so lebt er. Das will er ändern. Und die einzige brüchige Hoffnung für seine Liebe ist das Kind seiner Lebensgefährtin, Valentin.
Diese Liebe könnte den Pulsschlag der Zeit vielleicht nicht beeinflussen – aber vielleicht dem Nomaden so etwas wie eine Stetigkeit verleihen. Denn nur in der Ruhe findet man seine Mitte … gönnen wir’s ihm.

candles-782387_1280 KopieZu den großen Erzählern gehört für mich Carson McCullers. Sie schreibt Geschichten, deren Lakonie und feine Beobachtungen uns für den Hauch einer kleinen Ewigkeit glücklich machen. Mit Carson McCullers startet die Serie Storyteller.

Leichter Atlantikregen

Carson McCullers’ Geschichten sind genügsam und anspruchsvoll zugleich – wie leichter Atlantikregen. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf sich, für eine kurze Zeit, die feinen Striche der Wörter sind erfrischend. Und doch können wir einfach und unbelästigt weitergehen – mit unserem kleinen Alltagsleben. Manche lassen sich selbst von solchen Geschichten nicht berühren.

Wir können uns aber auch von den feinen Regennadeln der Geschichten zum Innehalten anregen. Und zum Nachdenken.

Storyteller. Magisch

Carson McCullers Geschichten ziehen uns, wenn wir es zulassen, magisch in ihren Bann. Wir sind dann ein wenig anders als vor der Lektüre. Ihre Spannungsbögen aus Lakonie und überraschenden Momenten verwandeln uns.

Die Überraschung schleicht sich langsam an, auf leisen Pfoten. Etwa in der zweiten Geschichte des Sammelbandes Meistererzählungen.

Zeitungsjunge und Biertrinker

Der Zeitungsjunge betritt kurz vor Ende seiner Tour am Morgen das Tram-Café. Draußen ist es noch sehr dunkel. Es regnet, es ist kalt. Drei Arbeiter von der Baumwollspinnerei sind da im Café und trinken noch einen vor Schichtbeginn. Zwei Soldaten auch. Und Leo ist da, der verbitterte, alte Besitzer des Cafés ist natürlich auch hinter seinem Tresen.

Von weiter hinten, an der Bartheke, ruft ein Biertrinker den Zeitungsjungen zu sich: „Son! Heda! Son!“.

Der Biertrinker ist dem Jungen nicht geheuer, er geht trotzdem zu ihm. Der alte Mann fasst ihm unters Kinn, dreht das Gesicht des Jungen hin und her und sagt: „Ich liebe dich!“

Das System des Trinkers

Spätestens jetzt hat der Junge genug – aber er bleibt, weil ihm der Alte erklären will, was es damit auf sich hat. Mit Verlassenwerden und sich Wiederfinden. Und der Liebe, die so anfangen sollte: „Ein Baum, ein Felsen, eine Wolke“.

 Wenige Pinselstriche

Carson McCullers schafft es, mit wenigen Pinselstrichen und einer lakonischen Kamerafahrt in einem morgendlichen Café das ganz pralle Leben einzufangen. Und uns davon, höchst unaufdringlich, zu erzählen, was die Welt im Inneren zusammenhält. Ein Baum, ein Felsen, eine Wolke. Geschichten sind das wie Atlantikregen.

Dorothy Parker, New Yorker Geschichten

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Zugegeben, das Buch hat schon ein paar Tage auf dem Buckel. Und doch ist es frisch wie am ersten Tag. Herrlich, wie Dorothy Parker durch das New Yorker Leben der 30er-Jahre streift und mit spitzer Feder ihre Mitmenschen seziert.

Die New Yorker Geschichten gehören mit zum besten, was wir im Genre Kurzgeschichten zu lesen bekommen; immer noch. Parker galt als unbestechliche, ja mitunter gnadenlose und bösartige Autorin. Bösartig finde ich ihre Geschichten nicht – eher menschenfreundlich. Weil sie ihre Sujets bis auf die Seele entblättern – und wenigstens uns eine Chance lassen, daran zu wachsen. Und oft wird ihr Blick seltsam weich, wenn sie die Helden und Heldinnen ihrer Geschichten entblättert hat. Da erkennen wir plötzlich, dass hinter all dem Glamour, dem Pomp und der Maskerade oft ein verängstigter kleiner Mensch steckt.

Akt der Reinigung: New Yorker Geschichten

Das aufzudecken mag in der Tat gnadenlos sein. Aber es ist eine Art der Karthasis, die es einfach braucht. Denn wollen wir wirklich all diese fremden Leben leben? Oder sollten wir uns nicht darauf besinnen, wir selbst zu sein?

Die Menschen in den Kurzgeschichten sind aber genau das nicht – sie selbst. Sie erzählen sich und uns wortgewaltig von ihren Märchen und Selbsttäuschungen, von ihren kleinen Fluchten und den großen Katastrophen – wie die Einsamkeit unter dem Joch der Erotik, die verzweifelte Verletzlichkeit der Alkoholiker.

Aber New York ist die Stadt, die niemals schläft. Und die ihre Bewohner wohl nicht zu sich selbst finden lässt – so toll ist sie. Wie gut, dass es da eine gab wie die Parker, die mit Stift und Notizbuch dabei war und mitten im Mummenchanz den Clown die Masken abriss.

Das vermisse ich in den Städten von heute schmerzlich …

Wenn der Personaltrainer säuft

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Entspannt und prima informiert – so zeigen sich die Geschichten und Abhandlungen in dieser lesenswerten Anthologie mit 24 Autoren.

Der Personaltrainer säuft

Der Personaltrainer säuft wie ein Loch: Es finden sich darin eine Menge Geschichten zum Thema. So schreibt Dieter Stiewie in der Geschichte „Willensstärke“, wie ein Personaltrainer für die persönliche Willensstärke seiner Klienten selbst raucht und säuft wie ein Loch. Und Martina Bethe-Hartwig beschäftigt sich in „Der Auftrag“, wie sich ein Auftragskiller für seinen ersten bestellten Mord positiv motivieren lässt von einem erfahrenen Kollegen. Auch das ist eine Art von Coaching – und für den armen Killer eine ziemlich wichtige.

Amüsante Geschichten

Was aber beachtlich ist: Die Geschichten sind facettenreich und bei weitem nicht nur Beispiele erfolgreichen Coachens. Ganz im Gegenteil, da geht es ganz schön zur Sache, und vieles in die Hose. Das ist amüsant und lädt zum Schmunzeln ein; und es zeigt: Coachen hat seine Berechtigung, aber bierernst sollte man es nicht nehmen. Denn jedes Training ist nur so gut, wie die Menschen, die es abhalten; und diejenigen, die es genießen.

Die Kraft der Affirmation

Etwas im Gegensatz zu den Geschichten stehen die Abhandlungen über die Kraft der Affirmation und all die anderen Weisheiten positiven Denkens. Motto: Wer sagt, ich kann nicht, will nicht. Das sind die Essenzen erfolgreichen Coachens und in dieser Dichte recht hilfreich. Als Kompendium und Mantra gleichermaßen.

Zwei Welten prallen aufeinander

So stehen aber die beiden Teile etwas unverbunden nebeneinander, und manche Leser mögen verunsichert sein: Sind die Geschichten nun die literarische Brechung allzu ernster Theorie? Um die Theorie nicht allzu dröge werden zu lassen und dem Leser zu signalisieren: Theorie ist eines, das Leben etwas anderes? Oder: Dein Leben ist hoffnungslos, aber nicht ernst? Oder hat Verlegerin Karin Schweitzer einfach den Kräften freies Spiel gelassen – und entstanden ist eben diese höchst widersprüchliche, aber auch höchst reizvolle Mischung.

Turbulentes Leben

Die Verunsicherung sollte nicht allzu ernst genommen werden. Der Leser darf sich intensiv mit dem Wissens- und Trainingsteil befassen und ihn befolgen. Wenn er dazwischen liest, was alles beim Coaching schief gehen kann und wie turbulent das Leben doch ist, dann ist das tatsächlich wunderbar auflockernd. Denn niemand würde ein Buch über Coaching aushalten, das im Anwendungsteil das geballte Wissen transportiert und im literarischen Teil noch einmal den „spirituellen Realismus“ wirken lässt und dem Leser erzählt, wie toll das Coaching im Leben wirkt und welche grandiosen Erfolge es erringt.

Ein ehrliches Buch

Spätestens, wenn sich der Leser in seinem eigenen Leben und dem in seinem Bekanntenkreis umschaut, wird er merken, dass dem nicht so ist.
Von daher ist das Buch ehrlich; und lesbar ist es auch. Es lässt die Leser nachdenklich zurück – und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und so sollte es sein.

Karin Schweitzer, Coaching, Kurzgeschichten und Lebensweisheiten, Schweitzerhausverlag, ISBN 978-3-86332-011-9, 14,90 Euro.

Auf zum Trainer …

Tom Shapard Kurzgeschichten

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Amerikanische Short Stories in bester Manier finden sich in diesem schön aufgemachten Band. Eine Sammlung zum lustvoll Schmökern. Dazu der geniale Titel: plötzliche Geschichten!

Wunderbare kurze Geschichten!

Jeder, der Kurzgeschichten mag, genießt vor allem amerikanische Short stories – sie vereinen mit das Beste, das in diesem Genre geschrieben wurde: Knapp, präzise, schnörkellos. Und die Sammlung „Plötzliche Geschichten“ versammelt beste amerikanische Kurzgeschichten.

Mitten rein in die Geschichte

Es beginnt plötzlich, mitten in der Geschichte, dass die Leser Zeugen werden, in die Erzählung hineingezogen werden und nur für ein paar Takte dabei bleiben. Das reicht meist schon, um blitzlichtartig ein Leben beleuchtet zu bekommen und dann geht jeder wieder seines Weges: Der Leser, im besten Fall um ein Aha-Erlebnis reicher; und die Personen der Geschichte, die heillos und unrettbar in ihr Schicksal verstrickt bleiben. Denen kann der Leser auch nicht helfen; auch, wenn er es manchmal allzu gerne täte.
So geht das jede der 70 kurzen Geschichten. Da brauchen Autor wie Autorin schon die hohe Kunst der Verdichtung, um in wenigen Zeilen ein kleines Universum aufscheinen zu lassen, das Rückschlüsse zulässt auf des Leben der Geschilderten.

Abstruse amerikanische Leben

Der Leser hätten keine amerikanischen Geschichten vor sich, wenn das Leben darin nicht an sich schon abstrus genug wäre. Das Blitzlicht erhellt nun einmal die dunkelsten Winkel – und schneidet scharf eine Menge Eigentümlichkeiten heraus.
Beinahe alles kommt vor, was wie immer schon gewusst, aber nie so recht zu denken gewagt hatten: Mord und Totschlag, stille Verzweiflung, Glück, Hass und bodenlose Langeweile. Erzählt ist das mit einem typisch amerikanischen Stilmittel – dem Understatement.

Leichtigkeit der Formulierung

Allerdings sollte die Leichtigkeit der Formulierung nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier jedes Wort sitzt, ja sitzen muss, kippte die kleine Geschichte vollkommen aus den Fugen. Da genügte schon ein einziges unnötiges Wort. In dieser Dichte und spartanischen Konstruktion aber sind die Geschichten wirklich hohe Kunst. Was im Roman vielleicht noch durchgeht, die Kurz-Kurzgeschichte verzeiht keine Schlampigkeit. So sind die Texte Perlen für die Minutenlektüre, aber auch für einen gemütlichen Abend alleine mit einem Buch. Dieses hier liest man immer wieder gerne von vorne.

Wahrer Zauber mit seinen plötzlichen Geschichten

Sicher entfaltet die Anthologie ihren wahren Zauber aber erst, wenn die Geschichten hinter einander zur Wirkung kommen, ohne, dass lange Pausen dazwischen liegen.

Die Stars des Sammelbandes

Stars des Sammelbandes sind Hemingway, Boyle, Updike und Oates. Doch auch andere Perlen finden sich darin – Autorinnen und Autoren, die hierzulande weniger bekannt sind.

Wunderbare kurze Geschichten und plötzliche Geschichten

„Plötzliche Geschichten“ zeigen wieder einmal, dass niemand so gute kurze Geschichten schreibt, wie die Amerikaner – zumindest in der Regel. Ein Grund darin liegt in den jahrzehntelang hervorragenden Produktionsbedingungen: Eine Fülle von Magazinen und Zeitschriften, die ein großes Forum für Schriftsteller boten – sowohl, was die Bezahlung betrifft, also auch vom Renommee her. Das ist auch nicht mehr so, die junge Generation amerikanischer Schriftsteller hat schwer zu kämpfen. Viele Zeitungen sind vom Markt verschwunden, etliche Zeitungen drucken keine Kurzgeschichten mehr. Das alles ist dem Internet geschuldet. Möglich, dass damit auch eine junge, namhafte Kunst schon wieder ihr Ende findet.

Geld verdienen im Internet?

Eine Alternative böte wohl das Internet – aber nur, wenn es endlich einen vernünftigen Schutz des Urheberrechtes gewährleisten würde; und die Möglichkeit eröffnete, dass Kurzgeschichtenautoren auch mit Veröffentlichungen im World Wide Web ihr Geld verdienen könnten. Sonst sind Bücher wie „Plötzliche Geschichten“ plötzlich nicht mehr möglich – weil es an Qualität mangelt, die es zu versammeln lohnte.

Robert Shapard, James Thomas, Plötzliche Geschichten, Fischer Verlag, 978-3100744074

Verschollen

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Wer Kurzgeschichten mag, der sollte sich die Reihe Mini-Testudos des Schutterwälder Verlages Testudo einmal näher ansehen – zum Beispiel den Band 17. Hier finden Liebhaber eine wohl komponierte Geschichte …

Einfühlsame Geschichte

Kurzgeschichten sind etwas für moderne Leute – die nicht aufs lesen verzichten wollen und dennoch keine Lust haben, sich durch 700 Seiten Roman zu quälen. Oder die dazu gar keine Zeit haben. Solche Leser sind beim Schutterwälder Testudo Verlag bestens aufgehoben. Der hat sich mit seiner Reihe Mini-Testudos nämlich den kurzen Geschichten verschrieben. Die Büchlein sind klein (DIN-A 6) und sehr preiswert. Und sie laufen.

Schöner Band

Ein aktuelles Werk ist von Ulrike Stienen-Hoffmann, „Verschollen“. Anders als in den übrigen Bänden üblich, enthält das Büchlein nur eine Geschichte.

Auf der Suche nach dem Bruder

Es ist die hinreißend geschriebene Erzählung von einer Schwester, die sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Zwillingsbruder macht. Dessen Yacht ist vor Sri Lanka aufgetaucht, und die Schwester fliegt dort hin. Bald findet sie hier mehr als sie erwartet hat …

Einfühlsame Balance in Verschollen

Ulrike Stienen-Hoffmann gelingt es, die Geschichte in der einfühlsamen Balance zwischen der spannenden Handlung und den Gefühlen der Schwester. Und die schlagen plötzlich Purzelbäume, als Mara auf Sri Lanka Ravi trifft, der sich um sie kümmert, in seine Familie aufnimmt und ihr hilft; vermeintlich. Die junge Frau und der junge Mann verlieben sich ineinander, was Maras Gefühlshaushalt kräftig durcheinander wirbelt. Das ist allerdings genauso wohltuend zurückhaltend geschrieben wie alles andere auch. Eine Liebe, die man ihr abnimmt und die in ihren ganzen Verästelungen und Widersprüchen durchleuchtet wird.

Ein selbstloser Helfer?

Aber Ravi ist nicht nur der selbstlose Helfer in der Not – auch er entwickelt Gefühle; und das bringt ihn vollends durcheinander, weil er einen Auftrag hat. Und der deckt sich nicht unbedingt mit der selbstlosen Hilfe der jungen Frau und Geliebten gegenüber.

Nur eine Perspektive

Schön an dem Buch: Es ist nur aus der Perspektive von Mara geschrieben. Der Leser erlebt die Geschichte zusammen mit Mara und erfährt erst allmählich – genau wie sie – die ganze Wahrheit. Das macht den Reiz des Büchleins aus – zusammen mit der unangestrengten Sprache, die trotzdem sehr verführerisch wirkt. Der Leser übergibt sich und seine Fantasie gerne der Parlando und der natürlich der Geschichte, die alle Zutaten einer spannenden und exotischen Erzählung hat.

Die Autorin

Ulrike Stienen-Hoffmann lebt mit ihrer Familie in der Nähe des Chiemsees. Sie hat ein Studium der Rechtswissenschaften und der Romanistik absolviert und eine Ausbildung zur Drehbuchschreiberin durchlaufen. Sie arbeitete als Rechtsanwältin und Mediatorin. Heute schreibt sie Filmproduktionen, am liebsten romantische Komödien.

Ulrike Stienen-Hoffmann, „Verschollen“, Kurzgeschichte, Mini-Testudo Band 17, ISBN 978-3-942024-16-7, 2 Euro.

Der Testudo Verlag aus Schutterwald hat sich den kleinen Bänden verschrieben: Den Mini-Testudos. Mit der Nummer 14 stellt sich Karin Hackbart vor.

Wunderbar leichtes Lesevergnügen

Eigentlich sind Kurzgeschichten eine perfekte Sache für unsere hektischen Tage: Wer kann sich heute schon noch auf ganze Romane konzentrieren? Das ist es sicher gut, wenn es eine gute Auswahl von Kurzgeschichten gibt, die uns jeweils überschaubar in Atem halten.

Gut geschrieben

Doch gut geschrieben sollten die Büchlein sein – und das ist Karin Hackbarts Späte Rache rund herum. So offerieren ihre Geschichten einen exquisiten Lesestoff – leichthändig und stimmig. Sie sind präzise beobachtet, gut durchkomponiert geschrieben und weisen einen Spannungsbogen auf, wie er sein soll – um die knisternde Spannung einer Kurzgeschichte auch zum Tragen kommen zu lassen. Und Karin Hackbart hat distanziert-unterkühlt formuliert – was in tollem Gegensatz steht zu den unerhörten Geschichten, die in dieser Sprache erzählt werden.

Späte Rache

Karin Hackbarts (Band Nr. 14) Büchlein heißt, wie gesagt, „Späte Rache“ wie die starke Titelgeschichte. Darin trifft die Ich-Erzählerin eine seltsame Dame, die ihr zunächst fremd vorkommt und die sich in Venedig an ihren Tisch setzt – obwohl alle anderen Tische frei sind. Sie schaut sie nur an, geht nach dem Essen und die Erzählerin folgt ihr. Sie wird Zeugin ihres Selbstmordes – und die fremde Dame wollte, dass die Erzählerin sie dabei beobachtet; sie gab der Erzählerin immer die Schuld am Tod ihres Sohnes.

Starke Geschichten

Stark auch die beiden anderen Geschichten in dem Büchlein: „Hast Du Schorsch gesehen?“ erzählt von der alten Dame, die auf der Straße leben und nur ein Ziel hat – ihren Schorsch zu finden: das ist nicht etwa ihr Mann, ein Trinker, dessen Tod hat sie nicht so berührt. Schorsch ist ihr Hund und dessen Tod sie nie verkraftet hat. So sucht sie ihn, obwohl sie wissen müsste, dass er längst gestorben ist. Sie hat es ja selbst gesehen. Aber sie ist so erschüttert, dass sie das verdrängt hat – und Schorsch sucht, als gehe es um ihr Leben. Und das tut es auch, wie sich am Ende der Geschichte herausstellt. Dass die Alte so offensichtlich friedlich auf der Parkbank entschläft, ist auch wieder tröstlich; da hat ihre Rastlosigkeit wenigstens ein Ende.

Leicht zu lesen

Das Büchlein ist ein wunderbar leichtes Lesevergnügen, das die Leser dennoch nachdenklich zurücklässt. Die Grundidee, kleine Lesevergnügen zu einem erschwinglichen Preis anzubieten, geht hier voll auf – das Büchlein kostet, wie alle anderen auch, nur 2 Euro. Da muss man nicht lange überlegen, ob man sich das Lesevergnügen gönnt oder ob man die Geschichten gar verschenkt. Willkommen werden sie immer sein …

Karin Hackbart, „Späte Rache“, Kurzgeschichten, Mini-Testudo Band 14, ISBN 978-3-942024-13-6, 2 Euro.

Rumjana Zacharieva

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Rumjana Zacharieva ist eine raumfüllende Frau – zumindest in ihren Geschichten. Kennen lernen können wir sie in zweien ihrer Bücher. Beide lesenswert!

Sieben Kilo Zeit … und Strapse als Dauerleihgabe

Ihre Geschichten sprühen vor Esprit, Witz und ungewöhnlichen Gedanken. Mit ihrem Kurzgeschichtenbuch „Die geliehenen Strapse“ legt Rumjana Zacharieva 14 Geschichten vor, die Spaß machen. Die Zacharieva beobachtet scharf und schreibt auf den Punkt genau; nur ganz selten schleichen sich kleine Längen ein, ansonsten sind das Kurzgeschichten, wie sie sich gehören: Knackig, pointiert, ohne Umschweife.

Schnurren aus Zacharievas Leben

Die Bulgarin, die Deutsch schreibt, erzählt darin kleine Sottisen und Schnurren aus ihrem Leben; die sie mit ihrem Ex-Mann erlebte und mit einigen anderen Ausgaben der Gattung Mann; hinzu kommt der Alltag zwischen ihren russischen Zwergkaninchen, den Kindern und den Zierfische. Zacharievas Geschichten zeigen, wie sie sich aus ihrer Ehe emanzipiert; eine Schlüsselrolle nehmen darin die Strapse ein. Nach ihrer Scheidung verleiht sie die Folterinstrumente der Liebe ihrer Nachbarin – sie braucht sie nicht mehr.

Strapse als Dauer-Leihgabe

Die Strapse entpuppen sich als Dauer-Leihgabe – und die Kurzgeschichten sind liebenswerte Leihgaben an uns, die Leserinnen und Leser. Immer wieder zeigt die Zacharieva außerdem in den Stories, wie wir Deutsche auf unsere Mitbürger wirken, die nicht aus Deutschland stammen. Eine heilsame Erfahrung, vor allem, weil ihr Blick auf uns einerseits distanziert ist, andererseits liebevoll spottend. Verleger Thomas Frahm, der in fünf Jahren als Einzelkämpfer 40 Bücher herausgebracht hat und der darüber am meisten selbst staunt, hatte mit diesem Buch wieder ein kleines Meisterwerk der Öffentlichkeit vorgelegt. Die Liebe zu seinen Autoren merken wir seinen Büchern an. Was schließlich auch eine Verbeugung vor den Lesern ist. Nachdem aber Thomas Frahm mit Rumjana Zacharieva in deren Heimat Bulgarien auswanderte, wurde er merkwürdig still um diesen Verleger – und seinen Avlos Verlag. Schade.

Rumjana Zacharieva lebt und publiziert mittlerweile wieder in Deutschland.

7 Kilo Zeit für die Zacharieva

Rumjana Zacharieva hat ein bewegtes Leben hinter sich: Mit 13 Jahren veröffentlichte sie erste Lyrik in den Zeitungen des sozialistischen Bulgarien. Mit 20 wanderte sie nach Deutschland aus, lernte die Sprache, schrieb Deutsch. Seither hat sie etliche Preise eingesackt, ist auf dem besten Weg zu Erfolg. Und dann kehrte sie wieder nach Bulgarien zurück. Ein bewegtes Leben, wie gesagt.

Erster großer Roman von Rumjana Zacharieva

Mit den 7 Kilo Zeit legt der Horlemann Verlag in Unkel ihren ersten großen Roman wieder auf. Er ist der Rückblick auf Zacharievas Jugend auf dem Balkan. Die alten Frauen, die vor der Türe sitzen und stricken, der Lautsprecher auf dem Dorfplatz, der vom Kalten Krieg erzählt, die Kamille, die sie pflücken muss – um Schulbücher zu bekommen. 7 Kilo, um genau zu sein. An diesen 7 Kilo Kamille hängt eine Menge Zeit. Die Zwölfjährige erlebt eine archaische Welt, spinnt sich ihre eigene zurecht, versinkt in Träumen. Und wir Leser genießen die Sprachmagie der Zacharieva, ihre herrlichen Bilder. „Ich hab seit 1998 keine Zeile mehr geschrieben“, klagte sie im Gespräch mit uns. Und sie hofft nun, mit der Rückkehr in ihre Heimat wieder die Quelle ihrer Inspiration zu finden. Und die Zeit dazu. Wenn es sein muss, 7 Kilo davon.

Rumjana Zacharieva, Die geliehenen Strapse, Kurzgeschichten, 114 Seiten, 25 Mark, Avlos Verlag, Linz, ISBN-10: 3929634171, ISBN-13: 978-3929634174. Das Buch ist nur gebraucht zu bekommen.
Rumjana Zacharieva, 7 Kilo Zeit, 1990, Horlemann Verlag, Unkel, ISBN-10: 3895022314
ISBN-13: 978-3895022319, broschiert, 14,90 Euro.

Der Elch Marcello

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Es gibt Bücher, da spricht der Elch. Der lila Elch, um genau zu sein. Und diese Bücher sind verdammt wichtig.

Hier spricht der Elch

Rimma Nisamis schafft es, gleichzeitig leicht und tiefgründig zu sein. Ihr Buch kommt wunderbar geschmeidig daher. Mit federleichten Sätzen, die sich festhaken. Und weil sie die Seele berühren, vertraut man ihnen blindlings. Das ist gut so, weil sie und tragen. Sie begleiten die Leser ein Stück ihres Lebens, lehren uns, manche Dinge gelassener zu ertragen – und wenn sie langsam verblassen, ist das auch nicht schlimm. Weil sicher etwas von ihnen bleibt. Und das bringt den Leser bald ebenso leichtfüßig durch sein Leben wie die Geschichten geschrieben sind. Das macht Lust auf mehr.
Hier spricht der Elch
Was in dem Buch steht? Nun, alles über Elche.

Alles über Elche

Oder jedenfalls über lila Elche: Ein solch lila Elch mit rosa Schaufeln schreibt Geschichten. Und die Leser merken bald, wie skurril sie sind. Weil ein lila Elch die Welt ein wenig anders sieht als die Menschen. Das öffnet uns die Augen. Hinterher sind wir alle ein bisschen lila. Und das ist gut so. Weil die Welt nicht mehr so bierernst ist. Wer hält denn das auch auf Dauer aus?

Skurril und unterkühlt, einfach Marcello

Aber Marcello, so heißt der Elch, pflegt einen unaufdringlichen Stil. Seine Sätze sind so unterkühlt, dass unsere Skurrilität gleich doppelt scharf hervortritt. In Nisamis Buch erzählen aber zwei Leute: Marcello und seine Gastgeberin. Daraus wird dann ein höchst reizvolles Duett manchmal kaum zusammengehöriger Geschichten. Zumindest auf den ersten Blick passen sie nicht zusammen. Aber sie passen doch; perfekt. Und ergeben einen reizvollen Wechsel der Perspektive.

Nettes Duett an Erzählern

Wenn dann abends Marcello und seine Gastgeberin im Wohnzimmer sitzen und sich Geschichten erzählen, dann würde das Feuer im Kamin am liebsten laut über sie lachen – wie es in einem Brief Marcellos heißt. Und das Lachen ist ansteckend. Selbst, wenn manche Geschichte und mancher Einfall ein wenig schräg sind – das Lachen bleibt.

Was wollen wir mehr?

Es sind kurze, tänzerisch leichte Geschichten – ohne Woher, ohne Wieso, ohne Wohin. Sie atmen ganz Gegenwart. Sind kurz da, bringen die Leser zum Staunen und zum Verwundern; und dann sind sie plötzlich wieder weg. Leichthändig und unprätentiös. Aber immer bleibt etwas von ihnen zurück. Und wenn es das Schmunzeln des Lesers ist.

Deutsch gelernt

Rimma Nisami lernte erst vor ein paar Jahren Deutsch. Wenn sie spricht, merkt man ihr das noch an. Wenn sie schreibt, gar nicht. Ich wünschte mir, jeder deutsche Muttersprachler bekäme solche traumhaft schönen Sätze zustande.

Rimma Nisami, Marcello und ich, Wunderwaldverlag, Erlangen, 2009, 64 Seiten, 8 Euro, ISBN-10: 3940582158, ISBN-13: 978-3940582157.

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