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Foto: klk

Jeder Markt eröffnet Möglichkeiten und bringt zusammen, was zusammengehört. Auch ein Supermarkt. Manchmal aber will es einfach nicht klappen.

Der alte Herr mag 76 Jahre alt sein, vielleicht auch 80. Aber er ist schlank, und bewegt sich geschmeidig. Der Flaschenrückgabeautomaten bedient er mit sicherer Hand, seine Bewegungen sind fließend. Die leeren Plastikflaschen verschwinden wie am Fließband im Schlund des Automaten.

Frau schwebt herein

Da gleiten die beiden Flügel der Glastüre auseinander, und eine Frau weht herein. Auch sie mag um die 80 Jahre alt sein, trägt ihr Haar sorgsam frisiert, dazu eine Perlenkette auf der Kostümjacke. Ihre blauen Augen blitzen lebenslustig in ihrem Gesicht.

Sie lächelt bezaubernd und ein wenig verzückt. Sie hat ein Ziel: den Herrn am Automaten. Dem legt sie ihre Hand auf die Schulter – leicht, elegant, schwebend. Und dennoch fährt der alte Mann herum, starrt sie für einen Herzschlag lang an, sagt dann laut: „Bitte? Oh nein, ich stehe nicht auf Frauen. Ich stehe auf Männer!“ Es ist, als gefriere die Luft um die beiden. Umstehende erstarren, gaffen hinüber, schauen gequält. Die Männer ducken sich langsam weg.

Männer ducken sich weg beim Coming out

Wir schreiben das Jahr 2015 … aber so laut, so direkt von einem so alten Mann; das gehört sich nicht. Sich nicht. Sich nicht.

Die alte Dame zuckt zurück, als habe ihre vornehme Hand etwas glühend Heißes berührt, murmelt etwas von Borofkys (eine Kneipe) und Verwechslung und vielmals Verzeihung und geht. Weit kommt sie nicht, die Glastüre stoppt sie. Die Flügel bleiben geschlossen, sie prallt dagegen.

Für einen Moment steht sie benommen da, dann kommt ihr Osswald zur Hilfe und fragt, ob sie in Ordnung sei (ja, danke) und öffnet ihr die Türe.

Sie schwebt davon, stolz, aufrecht und sieht sich kein einziges Mal mehr um.

 

Eine Satire aus der Serie Osswalds Kosmos von Lichtblau

 

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Osswalds Kosmos, Der Anzug – Satire

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Bild: pixabay.com/RyanMcGuire

Frau Osswald sucht lieber selbst den Anzug für ihren Mann aus – ehe der wieder wie ein Clown daherkommt. Nur diesmal geht es in die Hose …

Frau Osswald ist noch von der alten Schule – zumindest, was Benimm und Etikette betrifft. Sie liebt Männer mit Stil. Die sich zu benehmen wissen, wie der ollen Knigge das vorgeschrieben hat. Osswald wundert sich stets, dass sie ihn zum Mann nahm – wo er doch auf Etikette so wenig Wert legt. Nun ja, um Benehmen bemüht er sich, das gelingt ihm auch hin und wieder. Aber vom ollen Knigge ist er weit entfernt. Und Anzüge sind ihm ein Greuel. Doch genau ein Anzug muss es jetzt sein, Frau Osswald besteht darauf.

Wie ein Halbgehängter

„Du hast keine vernünftige Stoffhose. Und deine Jacketts sehen zum Heulen aus. Wenn du die anhast, läufst du rum wie ein Halbgehängter!“

Zum Glück also, dass Osswald für seinen Job als Freiberufler in den schluffigsten Klamotten rumlaufen kann, die er im Schrank hat; und davon gibt es viele. Immer noch besser jedenfalls als so ein Affenjob mit Anzugzwang, findet Osswald. Aber es gibt auch einige Anlässe, wo das mit dem Schlabberlook nicht sein darf – zumindest meint das Frau Osswald. Die Einladung nach Mannheim, in ein schickes Restaurant, ist so eine. Frau Osswald und ihre Freundin haben sie ausbaldowert, und anders als bei anderen Treffen, sind diesmal die Männer ausdrücklich willkommen. Die Freundin ist nicht nur die Freundin aus Schultagen, sie ist auch die Anwältin von Frau Osswald. Familienrecht, um genau zu sein. Osswald sitzt also der zukünftigen Scheidungsanwältin seiner Frau gegenüber. Wenn er Pech hat. Also muss er gut gekleidet sein und sich zusammenreißen …

Schick ausgehen

Bevor also das schicke Ausgehen angesagt war, musste es erst einmal einen neuen Anzug geben.

Und weil Osswald eh keinen Geschmack hat, besorgt ihm seine Frau Stoffhose und Jackett. Alles passt prima, Frau Osswald kennt die Ausdehnungen ihres Mannes. Anprobieren muss er trotzdem. Als Osswald das Jackett anzieht, knistert etwas in der Innentasche.

Osswald zieht das knisternde Ding heraus. Es ist ein Din-A-4-Blatt, zweimal in der Mitte gefaltet. Dazu eine leere Packung Vivil-Bonbons.
Osswald faltet den Zettel auseinander. Er zeigt eine schlechte, grisselige Fotokopie zweier halbnackter Frauen. So, wie die Frauen in seines Vaters Fotoalben ausgesehen hatten, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – ungekünstelt, rührend naiv und irgendwie antik.

Osswald fragt seine Frau: „Ist der Anzug neu?“

Zwei Mädel, nackig!

„Natürlich!“

Er zeigt seiner Frau die Aktfotografie: „Das war in der Innentasche des Jacketts. Es ist eine Botschaft. Von meinem Vater.“

„Ach Blödsinn! Das ist eine Sauerei.“

Frau Osswald bringt den Anzug zum Händler zurück und holt einen anderen. Der ist völlig langweilig, ohne geheime Botschaften aus dem Jenseits. Und er ist ein wenig überflüssig, zumindest zum Date in Mannheim. Die Scheidungsanwältin kommt nur leicht aufgemöbelt daher, der Mann der Scheidungsanwältin in Pollunder und verbeulter Jeans. Während Osswald aufpassen muss, dass er seinen neuen Anzug nicht bekleckert. Und den Schlips erst …

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Bild: pixabay.com/MrTommy

Manchmal zeigt schon das Wetter, wohin bei unserer Stimmung die Reise geht. Wenn’s nur noch regnet, ist die schlechte Laune nicht weit. Aber Osswald kommt zurück aus seinem Tief – und wie!

Es war ein Tag gewesen, von dem Frau Osswald später sagen würde, selbst Osswald hatte ihn nicht zerstören können. Einfach nur schön. Dabei begleitete sie dieser unaufhörliche Regen, wohin immer sie gingen. Doch Osswald wollte den Tag gar nicht zerstören, er genoss seine Traurigkeit, die sich sanft in den Regen hüllte. Frau Osswald hatte sich auf die Reise in die Vergangenheit aufgemacht und Baden-Baden besucht und ihren Mann dazu mitgenommen. Und dieser Regen gehörte wie selbstverständlich dazu. Er machte traurig auf beschwingte Art.

Gustav Knuts Serie

Die Vergangenheit war die einer Fernsehserie: „Alle meine Tiere“ mit Gustav Knut. Sie suchten die Orte auf, die eine Rolle spielten in der Serie, den Tennisclub TC 1881, die Molkenkur, und Osswald lernte, wie die Räume in den 60ern ausgesehen hatten, wie der Ausblick aus welchem Fenster war. Frau Osswald ist eine gründliche Rechercheurin und sie erzählte ihrem Mann noch vieles mehr.

Später saßen sie im runden Café des Tennisheimes, und die reichen, reifen Damen am Nachbartisch ließen die Zungenspitzen in den Mundwinkeln blitzen und boten ihr mürbes Fleisch Osswalds Blicken dar. Und zu all dem sang unablässig der Regen sein Lied, rann an den Fensterscheiben hinab, zerbarst im Laub. Es schien, als könne sich Osswald nie wieder aus der tiefen Traurigkeit befreien.

Keine Depressionen mehr

Osswald machte das noch trauriger als er sonst schon war. Aber es war in Ordnung, er hatte wenigstens keine Depressionen mehr, ein halbes Jahr vorher wäre er beinahe daran gestorben. Der Regen war das kleinere Übel.

Osswald ist nicht mehr traurig

Ein paar Tage später kam Frau Osswald auf die Fahrt zu sprechen. Osswalds Traurigkeit war mittlerweile verflogen.

„Stell dir vor“, sagte sie zu ihrem Mann, „die Villa Turgenjew muss ein Vermögen gekostet haben. Du erinnerst dich an sie?“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Turgenjew konnte sich gerade leisten, die Villa bauen zu lassen, mit Hilfe seiner Freunde. Und er war wirklich reich. Aber danach ging ihm das Geld aus.“

„Da hat er sich wohl verschätzt“, sagte Oswald, „aber Schriftsteller können nun mal nicht rechnen.“

„Die Inneneinrichtung hat ihm der Nachbar spendiert.“

„Das war aber großzügig.“

„Und dumm. Später hatte Turgenjew ein Verhältnis mit der Frau seines Nachbarn.“

Wer zum Teufel war Turgenjew?

„Deshalb Schuld und Sühne.“

„Das Buch stammt von Dostojewski“, sagte Frau Osswald kalt.

„Äh, hehe, klar. Väter und Schuld meine ich.“

„Väter und was?“

„Äh, Söhne. Väter und Söhne war das. Ist ja vom Thema her dasselbe. Wahrscheinlich hatte Turgenjew mit seinem Nachbarn einen gemeinsamen Sohn, äh, mit der Nachbarin. Und das ist dann Schuld und Sühne. Außerdem fangen sie beide ja mit „D“ an.“

„Wer fängt mit „D“ an?“

„Dostojewski und Durgenjew.“

„Osswald, du schwafelst. Außerdem dachte ich immer, du hast Deutsch studiert.“

„Deutsch ja, aber kein Russisch.“

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Bild: pixabay.com/MrTommy (Tommy Takacs)

Osswald ist schnell verliebt. Das ist zwar alles nichts Ernstes, bringt ihm aber Abwechslung. Und so manche überraschende Erkenntnis.

„Können Sie mir sagen, wohin das Spielwarengeschäft hin ist, nachdem die SPD das Gebäude gekapert hat?“, fragt Osswald die Dame in der Touristinformation. Die lacht hell auf, Osswald gefallen ihre Grübchen und ihr spitzes Näschen. Er steht an der Schwelle des Verliebtseins. Doch die Antwort ist für den verliebten Gockel eine kalte Dusche. Die junge Dame belehrt ihn spitzmündig: „Die SPD ist erst eingezogen, nachdem das Spielwarengeschäft ausgezogen war.“ Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Die Dame scheint die SPD zu mögen – hier, im Hessischen, gehört die SPD zum guten Ton.

„Und wo ist das Spielwarengeschäft hingezogen? Ehe die SPD das Gebäude kaperte?“ Jetzt findet es die junge Dame nicht mehr witzig; und Osswald ihre Zickigkeit nicht mehr süß. Überhaupt ist die Nase viel zu klein und viel zu spitz. Und die Grübchen sind Krater.

„Hat sich eher verteilt. Ein Teil ist in der Buchhandlung Ebersoll bei der NKD. Da arbeitet auch Frau Honigbein, die vorher bei Spielwaren Schweppes beschäftigt war.“

Osswald bedankt sich und geht.

Für Sohn Distel ein Schwert

Nun ja, Spielwaren sind auch nicht schlecht, Sohn Distel wünscht sich schon länger ein Schwert. Aber natürlich nicht irgendeines, sondern eines aus Metall. Das aussieht, als sei es ein echtes Ritterschwert im Kleinen.

„Haben Sie ein Schwert?“, fragt er die weibliche Stimme, die ihn von rechts nach seinen Wünschen fragt. Als sich Osswald zu der Stimme umdreht, hat er welche. Wünsche nämlich. Und was für welche. Denn die weibliche Stimme kommt aus einem ausgesprochen niedlichen Gesicht, dessen Grübchen nicht solche Krater sind wie bei der Dame in der Touristinformation. Und darunter, unter dem Gesicht, trägt die junge Buchhändlerin einen appetitlichen Busen, für den die Bluse kaum reicht und deshalb in seiner ganzen Herrlichkeit zu bewundern ist..

„Ein Schwert?“, lacht die junge Frau glockenhell, „sollten nicht Sie ein Schwert haben?“

Für Osswald – auch ein Schwert? Nein – für Osswald die Liebe

Osswald ist sprachlos – wie meint sie das? Welches Schwert? Doch nicht etwa … Osswald schaut sich nach seinen Söhnen um, aber die sind beschäftigt. Die junge Frau lacht perlend: „Als weißer Ritter“ und zwinkert ihm zu. „Aber ich denke, ich habe etwas für Ihren Sohn. Wenn Sie bitte mitkommen wollen.“ Osswald bemüht sich darum, nicht einzuknicken, so weiche Knie hat er. Aber leider sind es nur Holzschwerter. Mit so etwas gibt sich Distel schon lange nicht mehr ab.

Also wendet sich Osswald den Büchern zu.
„Wollen Sie einen Cappuccino?“
„Ja äh ja“, haucht Osswald, verloren in den dunkelgrünen Augenseen der Buchhändlerin. Osswald hätte auch „ja“ gesagt, wenn sie ihm einen Schnuller angeboten hätte.

Ach ja, Kinderbücher

Um möglichst lange zu bleiben und nach dem Cappuccino nicht mit leeren Händen zu gehen, macht sich Osswald in der Kinderbuchabteilung breit. Und plötzlich ist die Magie wieder da. Sollte er nicht doch wieder Kinderbücher schreiben? Und nicht pornografische Vampirromane? Ja, er sollte. Und er will es wieder, mit aller Macht. Osswald kauft sich zwei Kinderbücher, bedankt sich bei der süßen Buchhändlerin (und heimlich bei ihren geheimnisvollen grünen Augen) und verlässt den Laden zusammen mit seinen Jungs. Er wird nicht mehr zurückkommen, seine Liebe zu der schönen Hessin wird verblassen. Und die Hessin auch. Die Liebe zu den Kinderbüchern aber bleibt.

Lichtblau

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Bild: pixabay.com/jonathansautter

Der Rocker mit dem Kinderwagen bewegt die Menschen – mehr, als er wohl selbst ahnt. Und sie auch.

Auf der Brücke

Er ist herausgefallen aus seiner Zeit. Und die liegt 47 Jahre zurück. Trägt einen zerschlissenen Cowboyhut aus Leder, lange, verfilzte Haare, eine Lederhose mit Löchern. Jeden Tag sitzt der Rocker auf der Zauberflötenbrücke – dort, wo’s eng wird und sich jeder Passant dicht an ihm vorbeidrücken muss. Das hilft ihm, sein Wegegeld einzustreichen, das die saturierte Bürgerschaft ihm schuldet. Was ihm vielleicht auch hilft, ist die brüllend laute Rockmusik aus dem Ghettoblaster – obwohl man dieser Beschallung eher entfliehen möchte.

Manchmal schmiegt sich ein Weib an ihn, mit kurzem Rock und langen Beinen und Netzstrümpfen und empfindlichen Löchern darin.

Immer mit Kinderwagen

Immer aber begleitet ihn ein Kinderwagen. Ein alter, mit verbleichtem blauem Stoff und dürren Armen und Beinen. Darin sitzt der Ghettoblaster. Und sein kleiner, weißer Hund, der taub sein muss von dem Höllenlärm den ganzen Tag.

Wenn er sein Wegegeld bekommt, bedankt er sich artig beim großzügigen „Kameraden“.

Osswald hat den Rocker am anderen Ende der Stadt getroffen. Da zieht er mit seinem Hund, seinem Kinderwagen und dem brüllenden Blaster durch die Flaniermeile. Morgens um 10.15 Uhr ist er auf dem Weg zur Arbeit. Heute hört er Beatles, die alten Kracher, die Osswald heute noch unter die Haut gehen wie kaum eine andere Musik. Also folgt er dem Cowboy, der schief in sich versunken durch die Stadt geht, durch die sich teilende Menschenmenge; so, als würde er niemanden bemerken um sich herum. Nicht die Menschen, nicht ihre hochnäsigen und verächtlichen Blicke, ihr Grinsen, ihre bedeutungsvollen Gesten. Auch von rechts und links prallen Hohn und Spott auf den Cowboy und seinen Kinderwagen ein – dort sitzen die betuchten Flaneure bei Kaffee, Sekt und Eis.

Der Rocker muss arbeiten

Der Cowboy kann sich darum nicht kümmern, er muss arbeiten. Osswald folgt ihm dicht auf, auch für ihn teilt sich der Strom der Menschen. Er sieht die Blicke und er kann sich für eine knapp bemessene Zeit in der Illusion baden, er sei so ein Außenseiter wie der Cowboy vor ihm. Die Blicke der Bürger treffen ihn, aber sie können ihm nichts anhaben.

Als Osswald den Cowboy schließlich überholt, drückt er ihm 5 Euro in die Hand. Es war ein Vergnügen, ein Ausgestoßener zu sein – aber es nicht bleiben zu müssen.

Xaver Leonhard Lichtblau

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Ercolano – Frage der Lavaleiche

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Bild: pixabay.com/nelson gonçalves

Bin ich schön? Gib zu, ich bin schön. Dein Gesicht zuckt, wenn du mich siehst. Das ist immer so, das verstehe ich. Aber wenn das Gewitter deines Entsetzens über dein Gesicht explodiert ist, wenn deine Augen es längst begriffen haben, während dein Hirn noch arbeitet, dann kommt der Moment, in dem du meine Schönheit zu lieben beginnst. Die Schönheit meines nackten Schädels, meines erstarrten Grinsens; so, als wolle ich dem Tod noch die Zähne zeigen, während er sich schon mit seinem weichen Arsch auf mein Gesicht setzt und mich, genüsslich mit seinen Arschbacken hin und her rollend, erstickt.

Die Masse Mensch – in Ercolano

Da liege ich, vor dir. Du hast dich an mich herangedrängt, hast dich durch die Masse Mensch geschoben, die sich, wie jede Stunde, jeden Tag, an meinen Glaskasten schiebt, um einen Blick auf mich zu erhaschen. Auf die Lavaleiche. Auf den Mann mit der grausamen Kruste. Du hattest die Kamera schon halb erhoben, um mich abzulichten, für eine weitere, kleine Ewigkeit. Dir stockt der Atem. Das liebe ich an euch. Für einen kleinen Augenblick bist du nackter als ich, während dich die Masse um dich herum bedrängt, schwitzt, ausatmet, aus den Jacken riecht, für einen Herzschlag bist du eins mit mir, meinem Leben, meinem Tod, der Ewigkeit. Und der Magie unserer Seelen.

Mein Gesicht ist starr geworden

Hier liege ich, klein, verhutzelt, mein Gesicht ist starr geworden, als der Aschenregen mich erstickte,  mein Schädel ist nackt. Er ist kälter, als du denkst – innen wie außen. Doch es gibt Trost: Schau dir meine Gelenke an, hier bricht der Mensch durch die graue Lava.

Jetzt sind deine Augen klein geworden, du ziehst die Kamera die letzten Zentimeter nach oben, mechanisch, drückst den Auslöser. Es blitzt. Scheußlich, dieses Blitzlicht – aber was will ich machen?

Geh. Lass mich hier liegen in Herculaneum. Es war eine Lust zu leben, vom Meer her wehte uns die Ewigkeit an, der Wein rann zärtlich durch unsere Adern, das Fleisch unserer Frauen war weich und warm.

Geh. Es ist eine Lust, tot zu sein. Hier zu liegen und zu warten, bis ihr meine Schönheit erkennt.

Ich bin Stein geworden, als mein Berg atmete. Das ist lange her, das war gestern. Und dein Berg, atmet er schon?

Xaver Leonhard Lichtblau

Lichtblaus erstes Buch mit atemberaubenden Kurzgeschichten …

Elsa Rieger, Wo ich nicht bin, ist das Glück

In ihrer melancholischen Geschichte erzählt Elsa Rieger von verborgenen Wünschen, die plötzlich mit Macht ihren Weg brechen …

Auf der Suche nach dem Glück

Es ist eine traurige Geschichte wie tausend andere auch: Vera lebt nicht das Leben, das sie möchte. Und das sie verdient. Sie hat das Gefühl: Das Glück ist immer gerade da, wo sie nicht ist.
Aber Frauen sind ja geduldig: So erträgt Vera das Leben mit ihrem versoffenen Ehemann Rudi, schluckt runter, steckt ein. Wir wissen ja: Erst muss der Druck so groß werden, dass wir ihn nicht mehr ertragen, dann ändern wir erst die Umstände.
Und wie groß der Druck ist, merkt Vera erst an diesem einen, diesem besonderen Tag. Da geht sie in die Stadt –  und trifft ihn. Den Roma. Den Teufelsgeiger. Er verzaubert sie mit ihrer Musik, sie lässt sich mitreißen von diesem Feuer, dem Klang, dem Rhythmus, der kaum gezügelten Wildheit. Plötzlich reißt ihr Leben entzwei, so, als teilte ein Riss den alten, muffigen Mantel, der alles viel zu lange zudeckte.

Vera spürt die Erstarrung

Vera fühlt auf einmal ihre Erstarrung, spürt aber, dass da noch mehr ist, dass Leben etwas anderes ist als fast erstarrt neben einem lieblosen Mann herzuleben. Das alles schenkt ihr der Roma mit seiner Musik in der Fußgängerzone.
Seine Töne sind Verheißung, seine glutäugige Art, das Feuer in seiner Aura sind es auch. Und so treibt es Vera unvermittelt aus ihrem muffigen Leben heraus. Sie nimmt sich anderntags ein Herz, lädt den Musikanten zu sich nach Hause ein, als Geburtstags-Überraschung für ihren Mann.
Doch eigentlich ist der Roma ja ihr Geschenk an sich. Er ist ihre Hoffnung.

Ihr Mann beleidigt den Geiger

Kein Wunder, dass ihr Mann nicht besonders darauf abfährt, am Ende den Musiker noch beleidigt. Sie fährt den Geiger zurück in die Stadt. Und jetzt hat sie die Gelegenheit, ihr Leben endlich zu ändern … zumindest glaubt sie das.

Aber ihr Traum zerplatzt

Als sie wieder zu Hause ist, und die Verzweiflung sie übermannen will, erkennt sie auf einmal glasklar: Nicht die Umstände oder die anderen sind es, die sie gefangen halten – sie selbst hält sich gefangen. Und die Umstände (oder besser: andere Personen wie der Roma) sind nicht das Rezept für ihr Glück. Der Schlüssel für ein glückliches Leben liegt nur in ihr.
An dieser Stelle bricht die Erzählung ab.

Die richtige Entscheidung

Doch wir sind uns sicher: Vera wird die richtige Entscheidung treffen. Sie wird ihr Leben in die Hand nehmen und endlich ihr Selbst leben. Und dann heißt es nicht mehr: Wo ich nicht bin, ist das Glück. Sondern: Ich sitze mittendrin in meinem Glück. Denn ich verdiene es so.