pixabay.com/Alexandra / München

Was ein tumber Bürgermeister alles anrichten kann! Die  Sache mit der Unterhose jedenfalls ging gründlich in die Hose.

Eines Tages bekam die kleine Stadt Besuch. Vor der Stadtmauer hielt eine Kutsche, die sieben weiße Pferde zogen. Die Kutsche war weiß-blau und hatte goldene Zierleisten. Auf dem Dach war eine goldene Krone angebracht. Hinten auf der Kutsche war eine Menge Gepäck gestapelt. Und vorn auf dem Kutschbock saßen ein adrett gekleideter Kutscher und ein piekfein ausstaffierter Diener, der steif und sehr aufrecht neben ihm saß.

Kutsche vor den Toren der Stadt

Die Kutsche hielt an einem frühen Junimorgen vor den Toren der kleinen Stadt. Der Diener räusperte sich, aber das Tor blieb zu. Ferdinand und Wolfram, die am Stadttor gerade Wache standen, standen nämlich nicht Wache, sondern sie lagen in der Wachstube. Sie schliefen, wie das jeder tat, der Wache schob.

Nun war es so, dass es auch damals schon keine Kutschen, Könige und Wachen mehr gab – aber die kleine Stadt war berühmt für ihr märchenhaftes Erscheinungsbild. So hatte der Stadtrat beschlossen, das hintere Stadttor zu schließen und dort die ganze Nacht über Wachen zu postieren. So wie früher, als es noch Kutschen und Könige gab und allerlei Strauchdiebe, die die kleine Stadt überfallen wollten. Bürgermeister Schmalzahn versprach sich davon mehr Touristen.

Die Kutsche trug Krone

So stand also an diesem frühen Junitag in der ersten Morgendämmerung die weiß-blaue Kutsche mit der Krone auf dem Dach vor den Toren der Stadt. Die sieben Schimmel scharrten unruhig mit den Hufen, der feine Diener räusperte sich unentwegt – aber alles, was passierte, war der ohrenbetäubende Lärm, der aus dem Wartehäuschen drang und nichts weiter war als das Schnarchen der Wächter. Der Kutscher setzte jetzt seine Trompete an die Lippen und stieß so gewaltig hinein, dass die beiden pflichtvergessenen Schläfer in der Wachtstube mit zwei dumpfen Schlägen aus ihren Betten fielen.

Der Bürgermeister war schnell am Stadttor

Auch der Bürgermeister erwachte. Der war schneller am Stadttor, als sich der dicke Ferdinand angezogen hatte – so sah das Stadtoberhaupt, dass die beiden Spießgesellen sicher keine Wache gehalten hatten. Aber darum würde er sich später kümmern. Der Bürgermeister gab den beiden verschlafenen Wächtern einen Wink, sie öffneten das Stadttor, der Kutscher ließ die Pferde anziehen und lenkte sein weiß-blau-goldenes Gefährt in die Stadt.

Es wird ein König sein

Vor dem Bürgermeister hielt er an und stieg ab. Er verbeugte sich tief, ging dann zum Verschlag der Kutsche, öffnete ihn und verbeugte sich ein zweites Mal und das noch tiefer. Dann trat er zurück. Der Bürgermeister schaute interessiert zu, wer da wohl jetzt aus der weiß-blau-goldenen Kutsche mit der goldenen Krone auf dem Dach steigen würde. Na ja, es wird ein König sein, dachte der Bürgermeister, was durchaus etwas Besonderes war in der kleinen Stadt – denn Kutschen gab es kaum noch und Könige schon gar nicht.

Huch, eine Unterhose

Bürgermeister Schmalzahn versuchte, seine Unsicherheit zu überspielen und so zu tun, als käme jeden Tag ein König in seine Stadt. Aber das gelang ihm nicht – im Gegenteil, er stieß einen erstaunten Seufzer aus, der sich anhörte wie »hach!«. Dann sagte er nichts mehr. Er staunte Bauklötze. Denn der König, der aus der Kutsche mit den goldenen Zierleisten stieg, war eine besondere Erscheinung: Er war nicht nur sehr klein und reichte dem Bürgermeister nur an die Brust – er hatte dazu auch noch eine Unterhose an. Eine sehr große, sehr rosafarbene – und sonst nichts, außer natürlich seiner goldenen Krone und einer Brille. Der kleine König musste die Hose festhalten.
Dennoch sagte er freundlich: »Guten Tag. Bitte verzeihen Sie, dass ich Ihnen nicht die Hand reiche. Aber wenn ich das tue, rutscht mir meine prachtvolle Unterhose, ein Erbstück meiner Großtante, der Gräfin Emilia von Sausewind, bis auf die Knöchel herunter.« Der Bürgermeister machte so etwas wie eine halbe Verbeugung – mehr bekam er nicht zustande. Aber auch diesen ungenügenden, eigentlich unhöflichen Versuch nahm der kleine König gnädig mit einem leichten Nicken entgegen.

Geschichten der kleinen Stadt

Dann fuhr er fort: »Meine Unterhose ist auch der eigentliche Grund meines Besuches in Ihrer reizenden Stadt. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen – denn wie ich hörte, ist Ihre Stadt berühmt für Geschichten.«
»Geschichten? Meine Stadt?« Der Bürgermeister hatte tatsächlich noch nicht mitbekommen, dass die vielen Geschichten des Freiherrn Bock von Wülfingen über seine Stadt diese berühmt gemacht hatten. Das kam daher, weil der Bürgermeister zu sehr mit sich, seinem Regieren und seiner Hasenzucht beschäftigt war und Geschichten gar nicht mochte.
»Wir haben hier keine Geschichten!«, polterte er. »Woher sollen die denn kommen?«
»Na, von Ihnen und Ihren Untertanen, Herr König«, sagte der kleine König.
»Ich bin kein König, ich bin ein Bürgermeister«, antwortete Schmalzahn. »Und Geschichten gibt es hier nicht.«
»Dann verzeihen Sie bitte«, antwortete der kleine König Unterhose, verbeugte sich leicht, ging in die Kutsche zurück und fuhr los. So werden wir nie erfahren, warum der kleine König die Unterhose seiner Großtante trug.

Bild: pixabay.com/Kayla Schroeder

Etienne Vogelsand legt sich mit Mecklenburg an. Das hätte sie besser bleiben lassen, denn Mecklenburg ist ein mächtiger Zauberer.

Drei Tage, ehe die Hexe Siebenwurz nach Indien aufbrach, um die Einladung des indischen Prinzen Harappa und seines Zauberers anzunehmen, bekam sie selbst Besuch. Es klingelte an der Haustür, und als die Hexe Siebenwurz aufmachte, stand Etienne Vogelsand vor der Tür, eine Großnichte achten Grades.

Das passte der Hexe Siebenwurz gar nicht, denn sie hatte noch viel zu tun. Am liebsten hätte sie die kleine Hexe wieder nach Hause geschickt – aber Hexen sind gastfreundliche Leute, also bat sie das Hexlein in ihre Hütte. Etienne Vogelsand erzählt ihr atemlos von der Hexenschule, die sie besuchte und davon, dass sie schon ganz toll zaubern könne. Sie wollte es vor lauter Begeisterung ihrer berühmten Verwandten sofort zeigen und schaute sich in der kleinen Hütte der Hexe Siebenwurz um. Sie wollte sehen, was es hier zu zaubern gab.

Leichtsinniger Zauber

Da sah sie den Zauberfisch Mecklenburg, der friedlich in seinem Käfig auf der Stange saß und schlief, den Kopf unter seiner linken Kiemenflosse. Genau den suchte sich das Hexlein Vogelsand aus, um ihre Zauberkunst zu zeigen. Das war dumm. Denn erstens zaubert man sowieso nicht, wenn man es noch nicht so gut kann (und sich das nur einbildet). Zweitens zaubert man schon gar nicht in der Hütte einer berühmten Hexe, ohne dazu eingeladen zu sein – weil da nämlich allerhand Zauber in der Luft liegt und man nie so genau weiß, worauf der eigene Zauber am Ende trifft und welche Wirkung das entfaltet.

Und drittens war es eine höchst dämliche Idee, ausgerechnet dem Zauberfisch Mecklenburg einen Zauber auf die Schuppen zu brennen – denn der war eigentlich kein normaler Fisch, sondern ein mächtiger Zauberer, der sich in der Gestalt eines Fisches am wohlsten fühlte. Welcher Fisch sitzt schon auf einer Stange im Vogelkäfig? Eben.

Der große Zauberer wollte viel lernen

Dem Zauberfisch gefiel es bei seiner Freundin, der Hexe Siebenwurz, ausgesprochen gut. Für ihn war sie die größte Zauberin aller Zeiten und er wollte noch eine Menge Tricks von ihr lernen. Aber er selbst war auch nicht schlecht, wie wir gleich sehen werden. All das wusste das kleine Hexlein Vogelsand nicht, als sie so leichtsinnig in der Hütte ihrer Großtante achten Grades zauberte. Sie hob den Zauberstab, ehe die Hexe Siebenwurz noch eingreifen konnte und murmelte: »Abra Ben Nemsi.«

Das war ein durchaus korrekter Zauberspruch und hätte dazu geführt, einen Papagei in eine Perserkatze mit Hasen-Schlappohren zu verwandeln. Nun war aber der Zauberfisch Mecklenburg kein Papagei, sondern höchstens ein Fisch. Und eigentlich auch kein Fisch, sondern in Wirklichkeit ein mächtiger Zauberer mit ganz unwahrscheinlichen Reflexen. Jeder Zauberer schützt sich für gewöhnlich mit einem Zauber, den er als Schutz um sich zieht: mindestens, wenn er schläft.

Tolle Reaktionen

Der Zauber sitzt fest wie eine zweite Haut und verhindert, dass der Zauberer von einem bösen Zauber überrumpelt wird und Schaden nimmt. Der Zauber schützt ihn für einen Moment oder zwei, bis der Zauberer wach genug ist, um sich zu verteidigen. Nicht so Mecklenburg: Der Zauberer war stolz auf seinen tollen Reaktionen und wohl auch ein wenig eitel. Er verzichtete auf jeden Schutzzauber – sehr zum Missfallen seiner Freundin, der Hexe Siebenwurz, die immer mit ihm schimpfte.

Es war aber vollkommen unnötig. Der Zauberfisch Mecklenburg hatte wirklich tolle Reflexe. Er spürte im Schlaf die Gefahr und lenkte den Zauber des Hexleins im Erwachen an die Wand hinter sich. Von dort zischte der Zauber an die Decke und wieder zurück zu Etienne Vogelsand. Es gab einen lauten Knall und einen Lichtblitz, schwefelgelber Rauch stieg auf.

Aus dem Schlaf gerissen

Als er sich verzogen hatte, sah man das kleine Hexlein Vogelsand: Es hatte den Kopf eines Nashorns auf. Der Zauber hatte nicht nur seine Richtung geändert, sondern auch seine Kraft. »Du Rhinozeros!«, rief die Hexe Siebenwurz, »was machst du da?« Doch dann musste sie herzlich lachen und in ihr Gemecker stimmte der Zauberfisch Mecklenburg ein, der sich von seinem Schrecken erholt hatte, so jäh aus dem Schlaf gerissen zu werden.

»Hübsch«, sagte die Hexe Siebenwurz, die beschlossen hatte, das Hexlein für ihren Übermut ein wenig zu bestrafen. Sie hätte es zwar sofort von ihrem Nashornkopf befreien können, sagte aber nur trocken: »Liebes Kind, dich hat ein Zauber der Kategorie X 1 9 im Fledermausregister getroffen. Den Gegenzauber findest du im blauen Teil.« Damit ließen die beiden das Hexlein in ihre Schule zurückgehen. Ihre Mitschüler lachten sie arg aus, bis sie ihren seltsamen Kopf wieder los war. Aber von dem Tag an lernte die kleine Hexe Etienne Vogelsand wie besessen und wurde schließlich die beste Zaubereilehrerin weit und breit. Sie lehrte ihre Schüler, vor allem sehr vorsichtig mit dem Zaubern zu sein – denn man kann nie wissen, ob ein mächtiger Zauberer in der Nähe ist und wie der sich tarnt …

Pfarrer Husslein

Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

Pfarrer Husslein besiegt den Teufel und seinen Hass – mit einem erstaunlichen Mittel.

Eines Tages kam der Teufel in die kleine Stadt. Das merkte Pfarrer Husslein sofort. Er spürte plötzlich einen kalten Hauch durch die Hauptstraße wehen, obwohl doch Sommer war. Er drehte sich um und sah einen feinen Herren auf sich zukommen, artig den Hut ziehen und an ihm vorbeigehen. Und mit dem feinen Herren zog der kalte Hauch an Pfarrer Husslein vorbei. Am anderen Tag, einem Sonntag, war es auch ungemütlich kalt – der feine Herr saß in der ersten Bankreihe und hörte hintersinnig lächelnd Pfarrer Husslein zu, der auf der Kanzel stand und predigte.

Die Moral geriet aus den Fugen

Pfarrer Husslein dachte nach: Für ihn stand außer Frage, dass der Teufel in die kleine Stadt gekommen war, nur beweisen konnte er es nicht. Allmählich aber geriet die Moral der Leute in der kleinen Stadt aus den Fugen: Die Bäcker nahmen für ihre Brote und Brötchen immer weniger Mehl und immer schlechtere Zutaten – aber sie verlangten jetzt mehr Geld für ihre Waren.

Die Metzger nahmen immer sehnigeres Fleisch und viel schlechtes Fett für ihre dünnen Würste. Die Krämer und Apotheker schummelten beim Abwiegen und manche benutzten sogar falsche Gewichte, die Schneider und Schuster stellten nur noch teuren Pfusch her.

Jeder betrog jeden

Und die Ärzte kassierten erst, ehe sie ihre Patienten behandelten. Jeder dachte nur noch daran, wie er ohne Mühen, aber mit viel List und Tücke, sehr schnell sehr reich werden konnte. Jeder in der kleinen Stadt betrog jeden, so gut er es vermochte.

Und inmitten des Lugs und Trugs ging der fremde, feine Herr herum und lächelte hintersinnig. Pfarrer Husslein ärgerte sich, dass er den Fremden nicht auf frischer Tat ertappen konnte – der lief nur lächelnd durch die kleine Stadt. Und mit ihm zog eine Welle der Kälte. Die Schäflein des Pfarrers gingen sehr wohl noch in die Kirche und beichteten ihre Sünden, aber sie versuchten sich zu rechtfertigen und sagten, ihr Nach- bar betrüge sie auch, sie würden sich nur wehren.

Der Teufel kam zu Pfarrer Husslein

Selbst der feine Herr kam eines heißen Sommertages zur Beichte. Pfarrer Husslein erschrak sehr, als er ihn sah. Wie sollte das gehen, dem Teufel die Beichte abzunehmen? Aber der Pfarrer nahm sich ein Herz und bat den Fremden in seinen Beichtstuhl. Der Fremde beichtete seine Sünde – es war nur eine: Wo immer er hinkam, sagte er, würden die Menschen plötzlich böse. Einfach so, ohne sein Zutun. Und er wisse nicht, warum das so sei.

»Manche halten mich sogar für den Teufel«, sagte der Fremde, und an seiner Stimme hörte Pfarrer Husslein, dass er fies grinste. »Und was können wir dagegen tun?«, fragte der Gottesmann atemlos. »Vielleicht fehlt mir einfach jemand, der mich versteht. Der genau weiß, wer ich bin, und der trotzdem meinen Weg mit mir geht.« Diesmal grinste der Fremde nicht.

Pfarrer Husslein gab dem Teufel die Absolution

Kurz darauf gab der Priester dem Teufel die Absolution, der Fremde ging aus der Kirche heraus, ein eiskalter Hauch folgte ihm. Den ganzen Tag ging der eine Satz des Fremden Pfarrer Husslein nicht aus dem Kopf – man müsste tatsächlich den Weg mit ihm gehen, dachte er.

Da kam ihm eine Idee. Am nächsten Tag folgte er dem Fremden, immer in dichtem Abstand und hartnäckig. Nach einer Weile drehte sich der feine Herr um – er lächelte und ging ungerührt weiter. So schritten die beiden durch die Stadt, der Fremde und Pfarrer Husslein. Den ganzen Tag taten sie das und noch fünf weitere Tage. Der Gottesmann folgte beharrlich dem Weg des Fremden. Die Wirkung war ermutigend: Allmählich hörten die Leute in der kleinen Stadt damit auf, ihre Nachbarn zu betrügen und ihre Kunden übers Ohr zu hauen.

Die Krämer benutzten wieder die richtigen Gewichte und wogen korrekt ab, die Apotheker schummelten nicht mehr und mischten wieder gute Zutaten in ihre Pülverchen und Mixturen, die Metzger nahmen wieder das gute Fleisch und ließen das schlechte Fett weg – und das Sägemehl. Auch die Bäcker waren wieder ordentliche Leute. Selbst die kalte Welle, die von dem Fremden ausging, erschien Pfarrer Husslein immer wärmer zu werden.

Der Fremde lächelte

So war am Ende des sechsten Tages fast alles wieder so wie früher. Die Nacht brach herein, die Sonne versank hinter den Baumwipfeln jenseits der Stadt, und Pfarrer Husslein sah, dass sie mittlerweile am äußeren Stadttor angelangt waren. Der Fremde stand in einem roten Sonnenstrahl, blickte sich um und sah den Pfarrer an. Er lächelte wieder einmal hintergründig. Dann verbeugte er sich leicht – halb dankbar, halb anerkennend. Und ging durch das Stadttor hinaus. Er verließ die Stadt und kam nie wieder zurück. Pfarrer Husslein hatte den Fremden besiegt, den er vom ersten Tag an für den Teufel gehalten hatte. Aber er fühlte sich nicht als Sieger – er hatte nur das getan, was der Teufel ihm geraten hatte. Das fand Pfarrer Husslein nicht weiter schlimm, schließlich ist der Teufel auch nur ein gefallener Engel.
Mehr spinnerte Geschichten

Scan-150806-0001

Bild: Klaus Krüger

Der Zauberfisch Mecklenburg mag keine Fleischfresser – und verschafft seiner Herrin, der Hexe Siebenwurz, einen Kräuterladen.

In der kleinen Stadt lebte einmal ein Zauberfisch mit dem Namen Mecklenburg. Die Leute in der kleinen Stadt staunten nicht schlecht, als Mecklenburg eines Freitags um 11 Uhr durch die Straßen der kleinen Stadt schwebte und laut rief: »Esst kei-nen Fisch! Lasst die Finger von uns Fischen!« Jeden Freitag kam der Fisch angeschwebt – das fanden die Leute in der kleinen Stadt schließlich nur noch nervig. Und niemand aß mehr Fisch.

Und jetzt: die Schweine

Als er das geschafft hatte, schwebte der Fisch durch die Stadt und rief: »Esst kein Schwein!« Das fanden die Bürger der kleinen Stadt langsam nicht mehr witzig – was bildete sich der komische Fisch eigentlich ein? Sollten sie verhungern? Sie beschimpften den Fisch, manche warfen sogar mit Obst nach ihm. »Oh, esst das Obst und werft es nicht herum, ihr Halunken!«, schimpfte Mecklenburg und schwebte davon. Am nächsten Tag wurde es noch seltsamer: Nicht Mecklenburg, der Zauberfisch, schwebte durch die Stadt, sondern Schweine. Schweine jeder Größe. Eine Menge Schweine. Sie sprachen nicht, das konnte nur Mecklenburg, aber sie schwebten. Stumm, und dabei schauten sie verächtlich nach unten, wo die Menschen standen und nach oben zu den Schweinen gafften.

Mecklenburg grinst dreckig

Noch einen Tag später war wieder Mecklenburg an der Reihe, der ebenfalls nur durch die Stadt schwebte und dreckig grinste. Und weil wieder ein paar wütende Leute mit Obst warfen, spurtete er um die Ecke – was komisch aussah, weil er mit den Flossen ruderte, um schneller voranzukommen. Doch ehe er ganz verschwand, schaute er noch einmal um die Ecke und sagte laut: »Muh!« Den Leuten schwante Übles. Und wirklich: Am nächsten Tag kamen die Kühe angeschwebt. Auch sie glitten ein paar Meter über dem Boden dahin und schauten nach unten. Alle waren einigermaßen erstaunt über das Schauspiel.

Der Stadtrat tagt

Am Nachmittag trat der Stadtrat zusammen. »Wir können schließlich nicht alle zu Vegetariern werden!«, ereiferte sich Hermann Stich, der einen Metzgerladen in der kleinen Stadt hatte. »Aber natürlich können wir das!« rief der Lehrer Abraxas Hinkelbein, der sowieso im Verdacht stand, ein heimlicher Vegetarier und dazu noch ein unheimlicher Lutheraner zu sein. »Das ist immer noch besser, als dass uns das Viehzeug um die Köpfe herumfliegt und uns anglotzt!«, pflichtete ihm die einflussreiche Verlegerin der Kleinstadtpost bei, der einzigen Tageszeitung der kleinen Stadt. Das hört Klaus-Karl Kappes gar nicht gerne, der als Bürgermeister leidvoll hatte erfahren müssen, wie schmerzhaft es war, eine andere Meinung als die Verlegerin zu haben – und die hatte er durchaus. Er wollte weder auf Fisch noch auf Schwein noch auf Rind verzichten, dazu war er viel zu verfressen.

Der größte Bauer der kleinen Stadt

Außerdem war er der größte Bauer der kleinen Stadt und züchtete und verkaufte all diese Tiere. Deshalb freute er sich, als der Malermeister Friedolin Grün an die seltsame alte Siebenwurz erinnerte, die sich vor drei Wochen im Stadtrat vorgestellt hatte, um ein Kräuterlädchen aufzumachen – was aber am Einspruch des Apothekers Schmalenberg gescheitert war. »Ich glaube, das geht alles auf sie zurück. Wenn das mal keine Hexe ist!«, rief der Herr Grün und die Kollegen im Stadtrat rollten vor Angst mit den Augen. Sie hatten erst vor kurzem eine Menge Ärger mit einer Hexe auf der alten Burg gehabt – und den wollten sie nicht noch einmal erleben.

»Und jetzt?«, fragte der Bürgermeister Kappes. »Ganz einfach – wir geben ihr das Kräuterlädchen. Dann hört der Spuk ganz sicher auf«, blieb der Malermeister praktisch. »Und wenn nicht?«, fragte der Metzger Stich. »Dann haben wir einen Kräuterladen in der Stadt – na und? Außerdem ist der Apotheker mittlerweile ein wenig seltsam geworden und hat seine Apotheke geschlossen, wie ihr alle wisst.«

Delegation des Stadtrates – die Niederlage der Fleischfresser

Nun ja, noch an diesem Nachmittag machte sich eine Delegation des Stadtrates mit dem Bürgermeister Klaus-Karl Kappes an der Spitze auf zu Johanna Siebenwurz und unterbreitete ihr untertänigst, dass sie gerne ihren Kräuterladen öffnen dürfe, wenn sie jetzt noch wollte. Das alte Weiblein lächelte huldvoll und dankte, indem sie dem Bürgermeister ihre Hand zu Kuss reichte, was der schaudernd tat. Dabei schaute er irritiert auf den großen Vogelbauer, in dem ein Fisch auf der Stange saß und dreckig grinste; und der Fisch erinnerte den Bürgermeister an jemanden – er wusste nur nicht, an wen, zum Kuckuck!

Als die honorigen Herren gegangen waren, sagte die Hexe Siebenwurz zu dem Fisch im Vogelkäfig: »Gute Arbeit, Mecklenburg.« Der Fisch grinste noch ein bisschen dreckiger und schwamm einen Looping durch die Luft.

Mehr spinnerte Geschichten …

Scan-150808-0002

Zeichnng: klk

Was zwei Jungen mit einer alten Krähe erleben.

In der kleinen Stadt lebte Hansi mit seinen Eltern und drei Geschwistern. Hansi war ein frecher Junge, der gerade das erste Jahr auf das Gymnasium der kleinen Stadt ging. Nun hatte er Sommerferien und freute sich schon auf die zwei Wochen Ferien auf dem Bauernhof im Schwarzwald.

Kein Urlaub

Doch es kam anders: Sein Onkel, dem der Bauernhof gehörte, musste plötzlich selbst verreisen, also konnten Hansi und seine Schwestern nicht zu ihm kommen. Dafür bekam Hansi seinen Cousin Karl-Friedrich aus der Hauptstadt als Besuch verpasst. Schon, als Hansi seinen Cousin am Bahnhof zum ersten Mal seit vielen Jahren wiedersah, mochte er ihn nicht. Karl-Friedrich war groß und dünn und bestimmt einen Kopf größer als Hansi. Er hatte einen Haufen Pickel im Gesicht und schaute sehr hochmütig drein.

Was ist das hier?

Karl-Friedrich blickte sich am Bahnhof abschätzig nach allen Seiten um und rümpfte die Nase. »Was ist das hier? Kleinposemuckel?«, fragte er seinen Cousin. Hansi ärgerte sich sehr über den arroganten Pinsel, der sich kurz darauf vor Lachen kaum noch halten konnte, als er in eine Pferdekutsche einsteigen sollte. »Habt ihr denn hier keine Autos? Oder wenigstens eine Elektrische?«, fragte er von oben herab. In der kleinen Stadt gab es damals nur ein Auto, das Kommerzienrat von Rührmilch fuhr.

Interessante Schurken

Auf der ganzen Fahrt zu Hansis Haus schwärmte Karl-Friedrich von der großen Stadt, in der flitzten viele tolle Autos. Und sogar Züge fuhren auf den Straßen. Die Züge hießen »Elektrische«. Und von den tollen Häusern und den fantastischen Menschen und den vielen interessanten Schurken und überhaupt. Hansi versank immer tiefer in seine Polster. Auch nach dem Essen schwärmte Karl-Friedrich von seiner Hauptstadt, was Hansi immer wütender machte, bis die Großmutter, die bei ihnen wohnte, augenzwinkernd sagte: »Willst du Karl-Friedrich nicht ein bisschen die Stadt zeigen, Hansi?« Großmutters helle Augen schauten ein wenig spitzbübisch. »Geht doch zu Konrad Müller. Du kannst es mir auf die Rechnung setzen lassen.«

Nur Hohn und Spott

Beim anschließenden Gang durch die Stadt am Nachmittag hatte Karl-Friedrich nur Hohn und Spott übrig für alles, was er sah. Aber es machte Hansi jetzt viel weniger aus. Dann kamen sie zum äußeren Stadttor. Hansi sagte: »Du musst dich umdrehen.«

»Umdrehen? Warum sollte ich das?«, fragte Karl-Friedrich hochmütig.

»Ganz einfach, weil du dann ein ganz tolles Abenteuer erleben wirst«, antwortete Hansi möglichst gleichgültig. Das machte selbst Karl-Friedrich neugierig, er drehte sich um. Hansi erklärte die ganze Sache: »Wir müssen die 77 Schritte zum Marktplatz rückwärts gehen. Dann zeig ich dir was Tolles.«

»Rückwärts?«, wunderte sich Karl-Friedrich laut und wollte schon protestieren, da fiel ihm Hansi ins Wort: »Oder kannst du das nicht?«

»Klar kann ich das«, antwortete Karl-Friedrich großspurig, obwohl er ein wenig unsicher war, ob er wirklich 77 Schritte rückwärts gehen konnte.

Rückwärts durch das Stadttor

Also schritten die beiden Jungen rückwärts durch das Stadttor und die verwinkelten Gässchen bis zum Marktplatz – die Leute beachteten sie kaum, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Am Marktplatz angekommen, drehte sich Hansi wieder um, Karl-Friedrich tat es ihm erleichtert nach; das Rückwärtsgehen war doch ein wenig ungewohnt. Sie standen vor einem alten, windschiefen Häuschen, das sich eng an die Stadtmauer schmiegte. Oben, an der Hauswand, sahen die beiden eine Mutter-Gottes-Statue hinter Glas. Zur Haustür führte eine steile Holzstiege hinauf.

Zauberer

Oben war ein Schild angebracht. Dar- auf stand: »Konrad Müller, Zauberer.« Darüber wunderte sich Karl-Friedrich sehr, stand da doch einfach »Zauberer« auf einem alten Messingschild, mitten in der Stadt. Sehr seltsam, das alles. Doch das stand nicht immer da – sondern nur, wenn man die 77 Schritte vom äußeren Stadttor bis zum Häuschen des Zauberers Konrad Müller rückwärts ging. Kam man vorwärts zu dem Häuschen, wie normale Leute das normalerweise immer tun, stand da nur »Konrad Müller, Schustermeister«.

Knarzende Tür

Die beiden Jungs gingen, diesmal vorwärts, durch die knarzende Tür, die nur angelehnt war, dann weiter die ebenso knarzende und steile Holzstiege zu einem düsteren Raum ganz unterm Dach – sonst waren da keine Zimmer. An einem klei-nen Holztischchen saß ein alter Mann, der ganz schwarz angezogen war und ein langes, fahles Gesicht hatte mit einer langen Nase, die aussah wie ein Schnabel. »Nur herein«, krächzte er, »wenn es keine Erwachsenen sind.«

Grüße von der Großmutter

»Sind wir nicht«, antwortete Hansi und bestellte schöne Grüße von seiner Großmutter mit dem Wunsch, Herr Müller möge ihr den Besuch auf die Rechnung setzen. Der Zauberer nickte, erhob sich mühsam, streckte sich und schlurfte dann zu einer dunklen Couchgarnitur, die nahe am Fenster stand. »Eine Runde reicht?«, fragte er. Hansi nickte.

Als Krähe

Nun ging alles ganz schnell: Der Zauberer nuschelte einen Spruch, den Karl-Friedrich nicht verstand und zog dabei die Hand über die Augen. Dann krächzte der Zauberer Konrad Müller drei Mal – und hüpfte als Krähe auf der Lehne des alten Sofas, während er mit den Flügeln schlug. Die beiden Knaben schauten sich an – und auch sie waren Krähen. Noch ehe sie weiter nachdenken konnten, öffnete sich das kleine Fenster wie von Geisterhand und die drei Krähen flogen über die Stadt. Sie schwebten leicht und frei dahin – für die beiden Knaben war das ein wunderbares Gefühl. Und sie sahen Dinge von dort oben, die ihnen als Menschen verborgen geblieben wären. Als sie wieder zu Hause bei Hansi waren, spottete Karl-Friedrich nicht mehr über die kleine Stadt. So etwas wie den Zauberer Konrad Müller gab es nicht ein- mal in der Hauptstadt …

Mehr spinnerte Geschichten …

 

sea-690343_1280

Bild: pixabay.com/Unsplash

Das ist die Geschichte, wie der junge Jan Kasper sein Glück fand; mit seinen Geschichten, die er schrieb.

Die kleine Stadt besuchte ab und zu ein alter Mann, der hieß Jan Kasper. In jungen Jahren war er um die Welt gezogen und eines Tages mit dem Schiff zu einer Insel im Mittelmeer gekommen. Die Insel gefiel ihm – sie war sonnig und warm, die Menschen waren arm und freundlich; und das Meer lud fast das ganze Jahr über zu Schwimmen ein. Jan verdingte sich als Lastenträger, Schafhirte und Bursche für alles. Er hörte den Menschen zu, wenn sie abends an den Lagerfeuern oder auf den Plätzen von ihrem Leben erzählten. Und von früher, als die Insel ein Hort von Piraten war, die Inselbewohner waren alle Nachkommen der Freibeuter – verwegen und stolz.

Jan schrieb Geschichten

Jan schrieb Geschichten vom Meer, von Liebe, von Freiheit und Tod auf – er wollte Schriftsteller werden, und da kamen ihm die Geschichten gerade recht. Obwohl er noch nicht recht wusste, ob er es als Schriftsteller zu etwas bringen sollte – es war ein schwieriges Handwerk. Aber er liebte Geschichten über alles.

Eines Tages hatte er frei und wanderte auf die andere Seite der Insel. Er hatte schon gehört, dass auf dieser Seite die reichen Leute wohnten. Jetzt sah er ihre Häuser. Aufgereiht wie Perlen lagen sie oben an der weißen Küste, direkt über dem tiefblauen Meer. Ihre Anwesen waren groß, die Häuser stattlich, die Gärten reichten direkt ans Meer.

Häuser wie Perlen aufgereiht

Oft gab es noch einen kleinen, befestigten Weg zu einem Steg, wo zwei oder drei Boote lagen und auf den Wellen schaukelten. An der weißen Küste entlang gab es einen kleinen, gewundenen Weg, der sich an den Mauern der Häuser entlang schlängelte. Jan war neugierig und wollte sich die Häuser und Grundstücke der Reichen einmal aus der Nähe anschauen. Er ging vorsichtig den Weg entlang. Es dämmerte.

Über manche der Mauern hingen Kakteen mit großen Blättern, in sie waren Namen und Herzen von Menschen geritzt, die vor Jan hier gewesen waren. Plötzlich stockte der junge Mann – er hörte feurige Musik und ausgelassenes Lachen. Vorsichtig ging er weiter. In der ockerfarbenen Mauer stand eine grüne Türe offen. Der Garten dahinter war dicht bewachsen und wild; das Lachen drang heraus – sehr fröhlich und aufreizend. Und die Musik war voller Leben.

Feurige Musik, ausgelassenes Lachen

In den Garten führte ein gewundener Weg, den Fackeln beleuchteten, die rechts und links im Gras steckten. Jan ging vorsichtig den Weg entlang, die Musik wurde lauter. Jan hörte Geigen seufzen, ein bauchiger Kontrabass gab seinen Teil dazu, klatschende Hände peitschten den Rhythmus weiter und dann wieder dieses Lachen, das Jan verzauberte. Am Ende des Weges sah er eine Terrasse aus Holz, auf ihr stand ein großer Kessel, in dem ein Feuer brannte, das so hoch loderte wie die Finca dahinter.

Um das Feuer herum tanzten ausgelassen junge Leute, braun gebrannt, so weit er das in dem Schein des Feuers erkennen konnte; und offensichtlich arm. Sie hatten einfache, doch bunte Kleider an. Etwas abseits von ihnen saß ein alter Mann mit weißen Haaren. Er saß in eine Decke gehüllt, obwohl es ein warmer Sommerabend war und schaute missmutig dem lustigen Treiben um ihn herum zu. Er trank roten Wein, den ihm eine schöne Frau einschenkte, er nahm hin und wieder einen Bissen vom Tablett, das ihm ein wohl gekleiderter junger Mann reichte. Ansonsten war er muffig in seine grauen Decken versunken.

Die Musik war magisch

Jan war fasziniert, ihn zog die Musik magisch an, die so schön war, wie er sie selten gehört hatte. Sie hob ihn empor, beflügelte seine Seele – und er trat noch einen Schritt vor. Da hörte er ein scharfes »Halt!« in der Sprache der Insel. Die Musik erstarb, die Tänzerinnen und Tänzer erstarrten. Nur der alte Mann im Sessel war noch wichtig: Seine Augen schienen zu glühen, sein gebrechlicher Körper war gespannt. Unwillkürlich ging Jan zu ihm hin, dabei hatte der nur einmal mit seinem rechten Zeigefinger gewunken.

Als der junge Mann vor ihm stand, fragte der Alte: »Wer bist du?« »Jan Kasper«, antwortete Jan Kasper und ihn schauderte es, als er die schwarzen Augen des Mannes sah, die wie ein schwarzes Feuer glühten.

»Und was willst du hier?«, ging das Verhör weiter.

»Ich habe die Musik gehört.«

»Scheußlich langweilig, nicht?«, seufzte der alte Mann.

»Nein gar nicht. Ich finde sie fantastisch.« Der Alte schaute ihn nachdenklich an. »Hm«, war alles, was er sagte. Und dann: »Mich langweilt sie. Ich finde sie scheußlich. Wie den Wein und das Essen und all die Menschen hier.« Wieder schaute der alte Mann Jan Kasper an. »Und was tust du hier?« »Ich sammle Geschichten«, antwortete der junge Mann.

Jan sollte erzählen – spinnerte Geschichten

Die Augen des Alten glühten plötzlich auf in einem unbändigen Feuer: »Erzähl!«, war alles, was er sagte.

Und Jan erzählte, wie er noch nie erzählt hatte. Erst ein wenig zaghaft, dann gewann er an Sicherheit – und am Schluss, als der Alte mit geschlossenen Augen bewegt nickte, wusste er: Er war ein Schriftsteller. Diese Kunst beherrschte er. Jan erzählte die ganze Nacht – alle Geschichten, die er von den armen Leuten gehört hatte. Nach dieser Nacht schickte der Alte die Tänzer und die Musiker weg. Nur Jan Kasper durfte bleiben.

Jan Kasper erzählte dem Alten alle Geschichten, die er auf der Insel gehört hatte – und erfand neue dazu.

Als nach drei Jahren der Alte starb, hinterließ er Jan die Finca und den paradiesischen Garten, der bis zu blauen Meer reichte. Und sein unendliches Vermögen. Jan Kasper lebte auf der Insel, beschenkte die Armen – und manchmal kam er in die kleine Stadt zurück, um dort seine Geschichten zu erzählen. Und auch dort liebte man den Geschichtenerzähler über alles.

 Mehr spinnerte Geschichten …

 

Scan-150808-0003

Zeichnung: Ewald Weinald

Was der arme Johann Adam Hasenstab beim dicken König so alles erlebte.

Sie hatten ihn erwischt. Wütend sah sich Johann Adam Hasenstab um: Vor ihm saß der dicke, schielende König auf seinem Thron, daneben stand Vogt Breitbernd, der aussah wie eine Presswurst auf Stelzen. Vor ein paar Wochen noch war Vogt Breitbernd ein armseliger Bauer gewesen und hatte Schmalhans geheißen. Aber dann hatte er dem König ein paar Tipps gegeben, welche Bauern in den königliche Wäldern wilderten und war zum Vogt aufgestiegen. Dummerweise hatte Ex-Bauer Schmalhans auch Johann Adams Vater ans Messer geliefert, den alten Hasenstab.

Der Bauer Schmalhans verpfiff sie

Der war der eifrigste Wilderer – einfach, weil der König beinahe alle Erträge und Ernten von den Bauern als Steuern verlangte, und von irgendetwas musste die Bauern und ihre Familien ja leben. Also holten sie sich einfach das Wild aus den Wäldern des Königs. Und niemand schnappte sie. Bis sie Bauer Schmalhans verpfiff. Die Leute des Königs schnappten sich alle Wilderer, nur Johann Adams Vater entkam. Also ließ der König seinen Sohn abführen. Und hier stand Johann Adam nun, vor dem Thron des Königs und schaute sich wütend um.

»Nun, Bursche, wo ist den Vater? Rede!« fauchte ihn gerade wieder der Vogt an. Johann Adam schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete der Junge trotzig zum siebten Mal.

Der König brüllte

»Jetzt mag ich aber nicht mehr!«, brüllte der König, »werft den Burschen in den Kerker. Vierteilt ihn, kitzelt ihn, bis er wieder weiß, wo sein Vater ist!« Johann Adam schluckte – das hörte sich gar nicht gut an…

Der König beugte sich vor und wollte gerade eine Frage stellen – da splitterte die Glasfront des Saales, in dem das Verhör stattfand. Eine Kuh kam herein geflogen und begrub den Vogt Breitbernd unter sich. Platsch. Johann Adam roch sofort, dass die Kuh schon ziemlich lange tot sein musste.

Breitbernds rechter Arm klatschte dem Hornvieh ein paar Mal müde an den aufgedunsenen Wanst, dann war die Geschichte mit dem Vogt auch schon zu Ende. »Ein Hirsch, seit wann fliegen denn Hirsche freiwillig in meinen Palast?!«, brüllte der König und sprang auf und ab. »Die sollen gefälligst warten, bis ich sie schießen gehe!« Während der König, jetzt mit knallrotem Gesicht, auf und nieder sprang und mit überschnappender Stimme brüllte, hörte Johann Adam einen Ruf: »Die Hunnen!«

Die Hunnen kommen

Der König hatte aufgehört zu brüllen, sprang aber noch ein paar Mal auf und nieder und machte ein verdutztes Gesicht. Die Farbe seines Gesichtes wechselte von puterrot zu kalkweiß. Johann Adam blickte durch das Fenster: Der Palast war umspült von einer wilden Horde Hunnen.

In vorderster Reihe standen die Schleudern, mit denen die Belagerer jede Menge unerfreulicher Dinge in die Mauern des Palastes katapultieren würden. Verwesende Kadaver wie der, dem Breitbernd eben sein unrühmliches Ende verdankte; dazu Gefangene, Bauern aus der Umgebung, Fäkalien.

Der König stand bleich im Saal herum, seine Hände flatterten am samtenen Wams auf und nieder.

Hier ist was los

»Da draußen ist ganz schön was los«, sagte Johann Adam. »Ja?« fragte der König ängstlich. »So viele Soldaten habe ich noch nie auf einem Fleck gesehen«, sagte Johann Adam. »Wirklich?«, fragte der König ängstlich und trat an das von der Kuh zerstörte Fenster. Da hörten sie ein Pfeifen in der Luft, gefolgt von einem schmatzenden Klatschen. »Merde!« brüllte der König, – und wirklich, der Herrscher war über und über mit Fäkalien bekleckert. »Bagage!« brüllte der König, und sofort stürzten Diener herbei, und trugen den König, der der stocksteif war vor Wut, an seinen vier Extremitäten in die Waschküche.

Johann Adam schlich sich aus dem Thronsaal. Vogt und König wäre er losgeworden, jetzt musste er nur noch an den Hunnen vorbei. In der Halle des Schlosses liefen die Leute des Schlosses durcheinander. Plötzlich gab es einen lauten Knall und einen Blitz – und der Zauberer Konrad Müller erschien. Der war zwar in einer völlig anderen Geschichte zu Hause, hatte aber mit ein paar Zaubersprüchen herumgespielt – und war in diese Geschichte geraten.

Hier kommt der Zauberer

»Hallo«, sagte der Zauberer zu Johann Adam und schaute sich um. Und weil er am Fenster stand, sah er auch die Hunnen. »Wer ist das?«, fragte der Zauberer. »Die Hunnen«, antwortete Johann Adam. »Und die greifen den Palast an, nicht wahr?«, fuhr der Zauberer fort. Johann Adam nickte. »Naja, dann lass uns von hier verschwinden«, sagte der Zauberer und schwang seinen Zauberstab. Es gab einen Blitz und einen Knall – und schon waren beide weg.

Mehr spinnerte Geschichten

 

Scan-150808-0004

Zeichnung: klk

Welche eigentümlichen Geschichten der junge Bauer Michael erlebt.

Es war einmal ein Bauer, der hieß Mittelwann und war ein ehrlicher Mann. Seinem König zahlte er pünktlich und auf den Heller genau den Zehnten. Seine vier Mädchen und den einen Sohn erzog er streng und zur äußersten Ehrlichkeit.

Vor allem sein Sohn Michael bekam die Knute seines Vaters zu spüren. Ein Bauer, so fand Vater Mittelwann, musste ehrlich sein. Und Michael sollte einmal Bauer werden und den Hof erben.

Der lange Krieg brach aus

Doch es kam alles ganz anders: Ein langer Krieg brach aus, Soldaten zogen durch das Land. Den wohl versteckten Bauernhof aber fanden sie nicht. Auch allerlei fahrendes Volk war unterwegs wie der Pfeiffer Hanns. Der tauchte eines Tages auf dem Bauernhof auf, und niemand wusste, wie er ihn gefunden hatte. Hanns spielte wunderbar auf einer kleinen, silbernen Flöte. Das gefiel vor allem Michael, der plötzlich den unstillbaren Wunsch verspürte, auch Musiker zu werden. Was den Vater außer Rand und Band brachte.

Eines Tages, Michael hütete gerade die Schafe, da fanden Soldaten den Hof des Bauern Mittelwann. Michael hatte auf der silbernen Flöte geblasen, die ihm der Pfeiffer Hanns geschenkt hatte – das hörten die Soldaten. Und gerade, als seine Flöte schwieg, ritten sie an Michael vorbei, der hinter einem Gebüsch saß.

Kein Bauersmann

Es dauerte nicht lange und Michael mussten kein Bauersmann mehr werden – weil es keinen Bauernhof mehr gab. Doch Michael hörte und sah nichts, er blies auf seiner Flöte.

Kurze Zeit später hetzte ein Mann durch das Gebüsch. Es war der Pfeiffer Hanns. Er brachte den jungen Mann weg aus der Gefahr. Mit ihm zog Michael um die Welt.

Nach vielen Wochen kamen sie ins Morgenland. An einem Mittwoch gelangten sie in eine Stadt am Rande der Wüste. Die beiden wandernden Gesellen quartierten sich bei einem reichen Wirt und Metzger ein. Als der ihnen das Essen auftischte, klagte er sein Leid: »Oh Effendis, ich weiß nicht weiter. Irgend jemand bezahlt mein gutes Fleisch, das ich meinem Geschäft anbiete, regelmäßig mit Falschgeld. Falschgeld, Effendis, welch gottloser Frevel! Dieser gottlose Wicht beraubt mich schamlos. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich und meine Brut ernähren soll.«

Fünf Frauen, zwei Katzen und ein Rollmops

In diesem Moment teilte sich der Vorhang im Hintergrund des Gastraumes und die ganze Familie des Wirtes erschien. Eines nach dem anderen trippelten zehn Kinder, sieben Schwestern, sechs Brüder, fünf Frauen, vier Musiker, drei Hunde, zwei Katzen und ein Rollmops herein. Und jeden einzelnen stellte der Wirt als Mitglied seiner weit verzweigten Familie vor; selbst den Rollmops. Und alle waren sie drall und rund und wohlgenährt.

»Wie soll ich sie alle ernähren?« klagte der gute Wirt, wenn mir ein Bösewicht nur Falschgeld für mein gutes Fleisch in die Kasse wirft! Wir müssen alle verhungern.« Der Pfeiffer Hanns antwortete: »Nimm’ eine Schale mit Wasser und wirf’ das Geld dort hinein, das deine Kunden dir geben«.

Der Metzger brüllt

So geschah es am nächsten Morgen: Kaum hatte der erste Kunde den Metzgerladen betreten, hörten sie den feisten Wirt brüllen. Sie eilten hinzu. Der dicke, reiche Mann hatte einen Kerl am Kragen gepackt, dessen Kleider löchrig waren. Der zappelte und schrie um Hilfe.

»Da!« rief der dicke Fleischverkäufer und Wirt ihnen zu, als die beiden seinen Laden betraten – und wirklich, das vermeintliche Goldstück schwamm oben auf dem Wasser der Schale; es war falsch.

»Ich werde dich dem König übergeben!« brüllte der Metzger und schüttelte den armen Mann. »Der wirft dich seiner Schwiegermutter zum Fraß vor!«

Die Schwiegermutter des Königs musste ein arger Drachen sein, denn der Gefangene begann Herz zerreißend zu wimmern. Dazu jammerte er, wie schlecht es ihm gehe und wie viele Mäuler er zu stopfen habe. Bei den hohen Abgaben, die der König erhob.

Viele zahlen mit falschem Geld

»Außerdem«, sagte er dann und blitzte dem Metzger frech ins Gesicht, »zahlen viele hier mit falschem Geld.«

Wie vom Donner gerührt ließ der dicke Metzger den dünnen Kerl zu Boden stürzen.

»Wie? Viele?« fragte der Dicke verblüfft. Dann bekam er einen roten Kopf und brüllte, dass der Vorbeter des königlichen Tempels von seinem Türmchen fiel:

»Wie! Viele! Was heißt das, viele? Viele, wer ist das? Wenn ich sie erwische, die vielen, dann röste ich sie auf allen Feuern der Hölle! Zum Teufel mit den vielen. Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele!« Der Metzger holte Luft, bis er immer dicker wurde, langsam vom Boden abhob und davon segelte.

Das Goldstück versinkt

»Warum beschummelt ihr den Metzger?«, fragte Pfeiffer Hanns. »Er bekommt das Fleisch billig, behält die besten Stücke und wir müssen das Fleisch teuer bezahlen. Der Metzger ist ein Halsabschneider«, erklärte der dünne Mann.

»So ist das«, sagte der fahrende Musikant. Er nahm ein Goldstück aus seinem Beutel und legte es in die Schale mit Wasser. Es versank.

»Äh«, sagte Michael, »du willst den Strolch bezahlen? Für die Übernachtung in den stinkenden Kissen, für das widerliche Essen und die fetten Töchter, die uns fortwährend angrinsten? Also wirklich.«

Heinrich schüttelte den Kopf.

»Es ist Falschgeld«, antwortete der Musikant und grinste.

»Wie, Falschgeld? Aber es ist doch gesunken?« fragte der Dünne erstaunt.

»Ich habe einen Kieselstein hinein getan«, antwortete der Fremde. Hanns und Michael setzten sich auf die Kamele und ritten davon.

 

Mehr spinnerte Geschichten

cow-306242_1280

Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

Wenn ein staubtrockener und naturwissenschaftlicher Mensch plötzlich einem Gespenst begegnet, ist das ein großer Schreck. Ein sehr großer. Hier erleben wir mit, wie ein Gespenst dem Apotheker Schmalenberg den Rest gibt. Am Schluss ist er ein verrückter Apotheker.

Schauerliches Stöhnen

In der kleinen Stadt lebte ein Apotheker, der hieß Schmalenberg. Er entstammte einer alten Familie von Pillendrehern. Ihre Apotheke hatten sie in einem schmucken Haus am Marktplatz – direkt hinter dem Brunnen. Das Haus war mit Blattgold verziert und mit blauer Farbe geschmückt. Die Schmalenbergs waren ein stolzes Geschlecht von Apothekern. Bis sie eines Tages ihre Apotheke verkauften und die kleine Stadt fluchtartig verließen.

Ein Gespenst, ein Gespenst!

Und das kam so: Eines Abends ging der Apotheker Schmalenberg an der Burg spazieren – da hörte er ein schauerliches Stöhnen in dem alten Gemäuer. Der Mond schien rund durch die verwitterten Fensterbögen, ein Käuzchen schrie, die Kirchenglocke in der Stadt schlug 12 Uhr – Mitternacht. Und gleich darauf hörte der Apotheker Schmalenberg wieder das schauerliche Jammern in der alten Burg. Schmalenberg war ein nüchterner Mensch – Naturwissenschaftler und Kaufmann durch und durch.

Der Apotheker ist neugierig

Das Stöhnen beunruhigte ihn nicht weiter, es machte ihn neugierig. Er ging durch den Torbogen. Plötzlich verwandelte sich die alte Ruine vor seinen Augen in eine stattliche Burg. Schmalenberg schaute sich um – er sah einen prachtvollen Speisesaal mit einer langen Eichentafel und vielen erlesenen Köstlichkeiten darauf … und er sah ein Gespenst, das direkt auf ihn zuschwebte. Gespenster kamen in Schmalenbergs wissenschaftlicher Welt nicht vor – normalerweise hätte er den Gedanken an Gespenster weit von sich gewiesen. Und doch gefror ihm jetzt, als er es sah, das Blut in den Adern.

Der Geist Horstig

»Ich bin Horstig«, grollte der Geist. »Oh, äh«, antwortete der Apotheker Schmalenberg, »Horstig – waren Sie nicht ein Erfinder der Kurzschrift?«

»Genau«, antwortete der geisterhafte Horstig geschmeichelt. Schmalenberg fuhr fort: »Und Sie haben hier auf der Burg, als sie, äh, noch eine echte Burg war, eine Kunstschule errichten wollen. Habe ich Recht?«

»Ja«, knurrte der Geist wütend, »und warum habe ich sie nicht errichtet, he? Nun, warum nicht? Weil Ihr Urgroßvater, der olle Johannes Schmalenberg, die Kunstschule im Stadtrat lächerlich machte! Schmaaaalenberg, ich hasse Schmaaaaaalenberg!«, grollte der Geist gedehnt. Dann fuhr er fort: »So – und jetzt werde ich Sie unterrichten.« Der Apotheker Schmalenberg riss Augen und Mund auf – und schloss den Mund wieder, ohne einen Ton herauszubringen. Das Gespenst fuhr fort: »Beginnen wir mit unserer ersten Lektion«, und warf dem Apotheker einen Zeichenblock und eine Blechschachtel mit stummeligen Zeichenstiften in den Schoß. »Los, zeichnen. Eine Kuh!«

Jetzt wird eine Kuh gezeichnet

»Eine Kuh?«, fragte Schmalenberg verdattert. »Jawohl. Schon mal was von ihr gehört? Ein Tier mit Euter. Und bitte, das Euter peinlich genau zeichnen.« So machte sich der Apotheker an die Arbeit. Das Gespenst schwebte in der Zwischenzeit vor ihm auf und ab. Als Schmalenberg fertig war, riss ihm das Gespenst den Block aus den Händen und schrie: »Liederlich! Unglaublich, was für eine Schlamperei! Los! Von vorne! Und wenn ich noch einmal so ein schlampiges Euter sehe, werfe ich dich sofort die Burgzinnen hinunter!« Was soll ich sagen? Schmalenberg zeichnete die ganze Nacht. Kühe, Kühe, Kühe. Und Euter. Es war zum Verrücktwerden. Das Gespenst Horstig war mit nichts zufrieden – einmal war ihm das Horn zu krumm, ein anderes Mal die Klaue zu schief, aber immer war das Euter nicht genau genug. Am Euter hatte der Geister-Horstig einen Narren gefressen.

Wie geht Marketing?

Gespenst Horstig ist weg

Als es dämmerte, war das Gespenst plötzlich verschwunden. Schmalenberg merkte es allerdings erst eine ganze Zeit später, weil er in die letzte Kuh vertieft war. Der Apotheker erhob sich steif, um seinen Schemel herum lagen eine Menge Zeichenblätter und alle waren mit Kühen gefüllt. Furchtbar.

Eine Kuh!  Der verrückte Apotheker

Seither wachte Schmalenberg jede Nacht um Mitternacht auf und lag dann bis zum Morgengrauen wach. Und dachte ohne Unterlass an Kühe. Er konnte kaum mehr schlafen. Und wenn er auf der Weide eine Kuh sah, rannte er schreiend davon. Es war fürchterlich. Und es wurde immer schlimmer. Schmalenberg wurde wenige Wochen nach dem Erlebnis mit dem Gespenst auf der Burg vollkommen verrückt. Der ehrenwerte Apotheker stand in seiner Apotheke und muhte – wann immer ein Kunde das Geschäft betrat. Seine Familie musste die Apotheke schließen. Der Apotheker Schmalenberg verbrachte seinen Lebensabend glücklich in der großen Stadt, wohin man ihn brachte – dort traf er selten eine Kuh.

Mehr spinnerte Geschichten

animal-89182_1280

Bild: pixabay.com/PublicDomainPictures

Wie ein Greis jung wird und heimkehrt zu seiner Familie und seiner Aufgabe.
In der kleinen Stadt lebte ein Mann mit Namen Jonathan, der wohnte in einem winzigen Haus an der Stadtmauer. Das Häuschen war dunkel, aber trocken. Und im Gärtlein gab es einen Streifen, den beschien ab und zu die Sonne. Dort hatte der alte Mann Rosen gepflanzt, die prächtig gediehen. Jonathan saß oft in seinem Garten unter dem Schatten des Walnussbaumes und freute sich an seinen Rosen. Manchmal hörte er das »Krakra« der Krähen – und spürte ein eigenartiges Ziehen in seiner Brust.

Jonathan war ein Märchendichter

Viele Jahre lang war Jonathan ein Märchendichter gewesen. Er hatte Geschichten geschrieben und sie freitags in der alten Schule erzählt. Die Menschen strömten von weit her in die alte Schule, nahmen auf den harten Bänken Platz und lauschten gebannt den wundersamen Erzählungen des alten Mannes. Die Menschen liebten seine Geschichten. Das hatte Jonathan bekannt gemacht – aber weder reich noch berühmt. Dazu war er zu bescheiden geblieben. Ihm genügte es, in einem Rosengärtlein zu sitzen und an seinem wackeligen Holztischchen mit seinen Bleistiftstummeln wundersame Geschichten auf Papier zu krakeln und sie anschließend so mühsam wie ordentlich auf seiner alten Schreibmaschine ins Reine zu tippen. Und dass seine Zuhörer glücklich waren mit seinen Geschich- ten, das freute den alten Mann. Seinen bescheidenen Lebens- unterhalt verdiente er mit einer kleinen Schneiderwerkstatt unter dem Dach seines Häuschens.

Der alte Dichter schrieb nicht mehr

Nun hatte der Dichter aber das Märchenschreiben ganz aufgegeben. Die Leute der kleinen Stadt bedrängten den alten Dichter, weiterhin seine Geschichten zu erzählen – vergebens. Er wusste, dass er alle Geschichten erzählt hatte, die in ihm steckten – bis auf eine, deren Zeit noch kommen würde. Das spürte er.

Besuch der Krähenkönigin

Eines Tages saß er wieder in seinem Rosengärtlein. Er genoss das Rauschen der Blätter über ihm, lauschte dem Krächzen der Krähen und betrachtete seine Rosen – da flog eine Krähe neben ihn auf die Bank. Sie hatte einen rubinroten Schnabel und weiße Flügel. Die Krähe hielt den Kopf schräg, betrachtete ihn von oben bis unten und sprach: »Ich bin Jolantha, die Königin der Krähen aus dem Ich bin in Not und bitte dich, mir zu helfen.« Jonathan stand mühsam auf, verbeugte sich tief vor Jolantha, denn das gehörte sich so bei einer Königin und fragte: »Wie könnte ich Euch helfen? Ich bin ein alter, schwacher « »Aber du kannst zaubern!«, rief die Krähenkönigin und schlug begeistert mit den weißen Flügeln. »Zaubern? Ich? Davon weiß ich nichts, Ihr müsst Euch täuschen, Majestät«, antwortete Jonathan. »Doch kannst du zaubern – du zauberst mit deinen Geschichten«, erwiderte die seltsame Krähe voller Ernst und fuhr fort: »In deinen Geschichten wohnt der größte Zauber überhaupt!«

Geschichten gesponnen

Jonathan seufzte: »Ach, das ist schon eine Weile her, dass ich Geschichten gesponnen habe. Mir fällt nichts mehr ein.« Die Krähe stolzierte elegant und majestätisch auf der Lehne der Bank hin zu Jonathan, beugte sich vor und krächzte leise: »Ach bitte, erzähle mir eine neue Geschichte. Nur eine. Und du wirst sehen, welchen Zauber sie entfaltet.« Dem alten Dichter wurde warm ums Herz. Dennoch fragte er: »Warum soll ich dir eine Geschichte erzählen?« Die Krähe seufzte traurig: »Weil ein böser Zauberer vor vielen Jahren meinen Mann verhext hat.« Mehr sagte sie nicht, und Jonathan fragte auch nicht weiter.

Schritt für Schritt ins eigene Geschäft …

Jonathan als Krähe

Das arme Tier brauchte bestimmt ein wenig Trost, dachte er und begann zu erzählen. Der alte Märchendichter erzählte, wie er noch nie erzählt hatte – in seiner Geschichte lebte wirklich ein Zauber auf. Kaum hatte er geendet, gab es einen scharfen Knall, ein Wölkchen stieg auf – und der alte Märchendichter Jonathan war eine stattliche Krähe. »Jonathan!«, freute sich Jolantha und schlang ihre weißen Flügel um ihn. Auch Jonathan freute sich, seine Frau wieder zu sehen, die er jetzt erkannte – denn er war niemand anderes als der Krähenkönig, den der böse Zauberer in einen Menschen verwandelt hatte. Jonathan hatte all die Jahre als Mensch gelebt und nicht gewusst, dass er eigentlich eine Krähe war … Im Hexenwald war seitdem die Zeit stehen geblieben.

Mächtiger Magier

Jetzt flogen Jonathan und Jolantha dorthin. Hier warteten auf Jonathan sein Königreich, seine sieben Kinder – und der böse Zauberer Wasili Witschel. Den musste Jonathan erst einmal besiegen, aber er fürchtete sich nicht davor: Denn auch der Krähenkönig war jetzt ein mächtiger Magier – mit den Geschichten, die er sich als Märchendichter Jonathan ausgedacht hatte.

Mehr spinnerte Geschichten …

 Page 1 of 2  1  2 »