Carl Hiaasen, Der Reinfall

Carl Hiaasen

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Eine recht durchwachsene Leistung liefert Carl Hiaasen mit dem Buch der Reinfall ab. Vielleicht sollten wir es als Teil der Punk-Kultur begreifen; dann ist es wieder witzig.

Auf Amazon schreibt ein Rezensent, er habe das Buch am Strand auf Thailand gelesen. Das würden wir sicher alle gerne tun. Aber glücklich war er damit nicht. Im Gegenteil, es hat ihn aggressiv gemacht, so schlecht war es.

Ein wenig hat wohl auch eine Rolle gespielt, dass es das einzige Buch war, das er noch nicht gelesen hat. Und dann das – so ein Mist!

Genug Alternativen zu Hiaasen

Ganz so schlimm war es bei mir nicht. Ich war auch nicht auf Thailand, um aggressiv zu werden; sondern auf Fehmarn, um mich zu beruhigen. Zum Glück hatte ich in dem Bücherkorb unseres Ferienhauses noch genug Alternativen.

Ich habe das Buch sogar freiwillig zuende gelesen. Ich wollte einfach wissen, ob es tatsächlich so weiter geht, wie sich das androhte. Es ging. Am Ende war ich einigermaßen ratlos. Ein paar witzige Ideen, eine Menge schräger Figuren. Und ein Mord, der keiner war; aber die ganz große Rache der „Ermordeten“ hervorrief. Noch einmal im Buch kopiert in etwas kleinerer Besetzung. Und dann doch noch, ein echter Todesfall.

Worum geht es? Um den Meeresbiologen Dr. Charles Regis Perrone. Obwohl, den Dr. sollten wir gleich wieder vergessen – Chaz, wie Perrone überall heißt, hat ihn sich erschlichen und erkauft. Und Biologe? Eher weniger. Chaz ist so naturverbunden wie ein Kunstrasenplatz. Und deshalb hat er auch kein Problem damit, sich von  Red Hammernut schmieren zu lassen. Der Großfarmer versucht durch die Abwässer seiner Felder die Evergladessümpfe Floridas, der falsche Doktor bescheinigt dem Wasser beste Qualität. Denn Chaz ist für das Messen der Werte bei der Aufsichtsbehörde zuständig.

Was ist hier eigentlich ein Reinfall?

Irgendwann meint er, seine Frau Joey wäre ihm auf die Schliche gekommen – also lädt er sie zu einer Kreuzfahrt ein. Vorgeblich zum zweiten Hochzeitstag, in Wirklichkeit will er sie ermorden.

Joey überlebt. Und nun beginnt ein irrwitziger Tanz um ihre Rache, die sie nimmt. Das und die schrägen Figuren machen den Reiz des Buches aus. Es kommt immer abstruser. Wer das mag, der wird das Buch lieben. Alle anderen stoßen sich eher an der völlig unlogischen Handlung. Das fängt schon damit an, dass so wichtige Sachen wie Wasserproben nicht einer Gegenkontrolle unterzogen werden. Und hört damit auf, warum Joey ihren Mann nicht einfach anzeigt. Angeblich soll es ja für dessen Mordversuch keine Belege geben – doch das ist Unfug. Joey und ihr Helfer Mick Stranahan, ein Ex-Polizist, wissen sehr bald von des Doktors Treiben in den Sümpfen.

Tröstliche Figur

Was mich ein wenig getröstet hat, war die Figur der Tool. Die war durchgehend stimmig, wenn nicht weniger irre als die anderen. Und Tools stille Hingabe an die alte Lady, die an Krebs stirbt. Wenn Tool auch ein Widerling ist, durch und durch.

Das Ende der Geschichte ist schließlich ähnlich abgedreht, wir dürfen sie nicht mit den Gesetzen der Logik betrachten. Aber stark istes. Vor allem, wenn wir das Buch als Ganzes betrachten. Nehmen wir es als Punk. Dann passt es.

Kirsten Slottke, Rücksichtslos

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Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

Es ist eine finstere Geschichte – Kirsten Slottke erzählt von Frauen, die nach der Geburt ermordet werden und deren Babys sinisteren Versuchen dienen. Schon vorher, zu Lebzeiten der Mütter, war denen entsprechendes Genmaterial gespritzt worden. Eingebettet ist die Geschichte in den aktuellen Krimi der Frankfurter Kommissarin Katharina Berger.

Der Krimi entwickelt sich langsam. Kommissarin Katharina Berger und ihr Team tappen lange im Dunkeln. Sie haben zwar zwei der ermordeten Frauen gefunden – warum sie sterben müssen, und wie die Mörder an sie rankommen, das bleibt lange unklar.

Reizvoll macht den Krimi, dass Autorin Slottke mit verschiedenen Perspektiven arbeitet. Ich bin zwar sonst ein Verfechter der strengen Ein-Perspektiven-Regel, und meisten bringt die einen Schub zusätzlicher Spannung. Aber in diesem Roman steigert eben der Wechsel die Spannung – hier die ratlose, fast schon verzweifelte Kommissarin; dort Kira, eine der Frauen, die ihre Gefangenschaft erlebt und ahnt, was mit ihr geschehen wird.

Die Personen, na, sagen wir, die Hauptpersonen, sind gut gezeichnet und kommen schlüssig daher. Wobei wir gerne ein wenig mehr von Katharina erfahren hätten. Bei den anderen bleibt die Autorin etwas an der Oberfläche. Alles in allem ein lesenswerter Krimi.

Etwas schwerfällig

Was mich allerdings stört: 95 Prozent schleppt sich der Krimis durch den Bodennebel der vergeblichen Fahndung und Suche dahin. Wir bekommen von dem ganzen Fall wenig zu Gesicht – nur von der verzweifelten Suche nach den Frauen. Und dann geht alles sehr schnell, die Ereignisse überschlagen sich, die äußeren Geschehnisse gewinnen an Fahrt. Und in dem Trubel muss uns die Autorin noch erklären,  was das denn eigentlich für ein Fall ist und was die Mörder antreibt.

Etwas gehetzt

Am Schluss ist der Autorin wohl etwas die Zeit davon gelaufen.

Und ob Frau Berger unbedingt so massiv in Gefahr geraten muss? Das ist Geschmackssache. Viel spannender fand ich die medizinische Seite der Baby-Experimente; die wird nur in wenigen Sätzen am Schluss erklärt. Vielleicht hätte hier die Medizinerin Slottke noch viel Faszinierendes entwickeln können.

Aber das sind Kleinigkeiten am Rande, in der Hauptsache hat der Krimi mir viel Spaß gemacht!

Marcus Sammet, Aderlass (Sterbe Wohl)

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Bild: clker.com/ocal

In seinem München-Krimi spielt Marcus Sammet geschickt auf der Klaviatur verschiedener Spannungsbögen. Uns Lesern bleibt nur, dem Autor atemlos zu folgen – und wenn es sein muss, in die schwärzesten Abgründe.

Der Krimi beginnt haarsträubend: Thomas Mattern wacht nach einer durchzechten Nacht auf, als die Polizei an seiner Türe läutert. Sie führt ihn zu einem Tatort mit einer toten Frau. Soweit wäre es eigentlich Albtraum genug – doch Kommissar Burger verdächtigt Mattern, weil alles in der Mail, die vom Täter kommt, auf ihn hindeutet.

Noch dicker

Aber es kommt noch dicker: Das nächste Opfer soll Barbara Stein sein, die Frau, die Mattern liebt.

Deine Chance

Es beginnt ein Wettlauf auf Leben und Tod. Und es beginnt eine aberwitzige Jagd des Mörders nach seinen Opfern. Wir wiederum haben das zweifelhafte Vergnügen, das alles hautnah mitzuerleben.

Frage der Perspektive

Die wechselnden Perspektiven zwischen Mattern, dem Mörder und den Opfern geben uns tiefe Einblicke in die Situation – literarisch wagemutiger und anspruchsvoller wäre allerdings  lediglich eine Perspektive gewesen – die von Mattern nämlich.  Das hätte uns nur immer so viel wissen lassen, wie der Held des Romans; und wir wären mit ihm im Dunkeln getappt. Eine wunderbare Möglichkeit, die Spannung zu erhöhen, wie ich finde. Aber so wäre natürlich Sammets  Jeanny-Variation frei nach Falco nicht so dramatisch in Szene zu setzen gewesen – der Mörder inszeniert hier Falcos Moritat, und uns stockt der Atem, wenn er sein auserwähltes Opfer zur Jeanny werden lässt. Wird er erfolgreich sein? Das geht natürlich nur, wenn wir die Perspektive von Opfer und Täter wechselseitig präsentiert bekommen. Von daher gesehen bringe ich meinen Einwand nach nur einer Perspektive recht zaghaft vor; es gibt gute Gründe dagegen.

Wie dem auch sei – dem Buch tun die wechselnden Perspektiven keinen Abbruch; und spannend bleibt es allemal. Alles in allem ein atemberaubendes Buch, das sich flott liest. Sehr zu empfehlen …

Genieße das Abenteuer Familie!

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Bild: pixabay.com/Liselotte Brunner

Sammelbände der drei ??? haben einen unschätzbare Vorteil: Sie bieten gleich drei Geschichten auf einmal; also Lesestoff satt. Meist zu einem unschlagbar günstigen Preis.

Drei Geschichten aus den Jahren 2002 bis 2005 über das kalifornische Detektiv-Trio versammelt der Band Teuflische Gegner. Los geht es mit einer Geschichte von André Marx mit dem Titel Das Erbe des Meisterdiebes. Ein spannend angelegter Fall für die drei jungen Spürnasen aus Rocky Beach – und es kommt so, wie es in jüngster Zeit oft kommt: Die drei finden ihren Meister, die Geschichte geht höchstens unentschieden aus; wenn wir mal wohlmeinend sein wollen. Aber das ist ok, der Fall bezieht seinen Reiz daraus, dass Justus Jonas eben nicht mehr der zerebrale Überflieger früherer Jahre ist, der alle erwachsenen Schurken mit einen Fingerschnippsen in die Knie zwingt.
Nein, er wird aufs dünne Eis der Versuchung geführt, vergisst sich dabei fast völlig, schrammt selbst hauchdünn am Verbrechen vorbei – und muss am Ende erkennen, dass er hinters Licht geführt wird. Das ist um einiges realistischer als frühere Folgen, es macht mächtig Spaß zu lesen.
Der Meisterdieb, eine meisterhafte Novelle mit Kultcharakter!

Komische Hunde, teuflische Gegner

Panik im Park ist hingegen eher eine Geschichte zum Abgewöhnen – ich hatte sie gelesen, ohne mich über den Autor informiert zu haben. Als ich damit fertig war, wäre ich jede Wette eingegangen, dass sie von Marco Sonnleitner stammt – und so ist es. Sonnleitner neigt leider oft dazu, allzu bemüht zu konstruieren. Das führt bei der Geschichte Panik im Park sogar dazu, dass sich Super-Detektiv Justus Jonas und seine Kollegen Peter Shaw und Bob Andrews über die haarstäubend unlogische Geschichte auslassen und gegen jede Wahrscheinlichkeit an ihrer Ermittlung festhalten. Und weil ein paar Hunde eine wichtige Rolle in dem Fall spielen und ihnen ein ganz bestimmtes Verhalten zugeschrieben wird, habe ich den nächsten Anfall von Kopfschüttelitis bekommen: Einfach hirnrissig. ich finde, auch im Jugendbuch sollten die Autoren ihre Leser nicht verarschen.
Das ist hier leider durchweg der Fall. Also, schnell weiterlesen.
Der dritte Fall ist Gott sei Dank wieder von André Marx und heißt Der geheime Schlüssel. Das Buch endet versöhnlich, weil spannend. Ich rate dringend dazu: selbst lesen!

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Für jeden, der Krimis liebt, die uns tief in die Abgründe der menschlichen Psyche schauen lassen, ist Nebelflut genau das Richtige.

Wenn schon Krimis, dann solche: Bücher also, die gnadenlos und unbarmherig hineinleuchten in die Dunkelheit menschlicher Seele. Und die uns geschickt in die Irre führen – um dann doch ein in sich stimmiges Pschychogramm der Opfer und Täter zu entwickeln.
Das Autorinnen-Duo Nadine d’Arachart und Sarah Wedler hat mit Nebelflut jedenfalls ein Glanzstück der Kriminalliteratur abgegeben.

Der Leser braucht allerdings ein wenig Geduld, um die vielen Fäden der Handlung zu verstehen. Hier der Fall der vor 19 Jahre verschwundenen Amy, deren Schicksal in harten Rückblenden beleuchtet wird. Dort ihre Familie, die sich im Laufe der Geschichte immer mehr in Schuld (und Sühne) verstrickt. Und schließlich ist da noch das Ermittler-Duo Brady und Sean, die unterschiedlicher nicht sein könnte und das sich manchmal eher behindert als die Sache voranbringt.

Blutige Kleider gefunden

Wir stoßen zu der Geschichte, als Amys blutige Kleider aus einem Fluss nahe Dublin gefischt werden – an einem tristen irischen Vorweihnachtstag.
Und sie nimmt uns gefangen bis zur letzten Seite – psychologisch stimmig, von den Charakteren überzeugend und spannend zu lesen.

Kompliment – ich bin entzückt. Wir dürfen auf weitere Werke gespannt sein …

Die drei ??? und das schwarze Monster

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Bild: pixabay.com/OpenClipartVectors

Gibt es so etwas wirklich? Ein furchterregendes Monster, das im Zirkus auftritt? Das wäre für die drei junge Detektive schon spannend genug herauszubekommen. Aber als dann noch Schmuckdiebstähl passieren, ist ihr Hilfe endgültig gefragt.

Alles beginnt mit einem Überfall auf Peter – nun, da ist der Schreck größer als der Schaden; aber es ist nun schon einmal ein guter Start. Wir sind hellwach. Als nächstes sind die drei jungen Spürnasen Justus, Peter und Bob in Mr. Coppers Zirkus eingeladen. Copper ist ein Bekannter von Mr. Jonas, Justus‘ Onkel. Doch ehe sie Dunnerak, das schwarze Monster, in der Manege zu Gesicht bekommen, erhält Peter eine düstere Prophezeihung. Ausgerechnet er dünnhäutigste der drei Detektive.

Chaos in der Manege

In der Manege bricht rund um Dunneraks Auftritt Chaos aus  – weil in der heikelsten Situation ein Stromausfall für eine gefährliche Dunkelheit sorgt.  Den drei Detektiven ist schnell klar: Das war inszeniert, um den Schmuckraub an der Frau des Bürgermeisters zu begehen.
Die Frage ist nur: Wer von den Zirkusleuten hat da seine Finger im Spiel?
Oder sind die Täter doch ganz andere?
Jede Menge Ermittlungsstoff jedenfalls wieder für die drei – und am Ende klärt sich natürlich wieder alles. Vor allem die Frage, wer den das schwarze Monster ist. Oder was …

Eine spannende Geschichte, zu finden als abgeschlossener Roman im Dreifachband Die Stunde des Grauens… 

Hier wird’s gruselig …

Bild: pixabay.com/misterfarmer

Bild: pixabay.com/misterfarmer

Immer, wenn es bei den drei ??? mystisch oder gespenstisch wird, gibt es eine natürliche Erklärung dafür – schließlich spielen die Kriminalgeschichten in den USA. Da ist für vieles Platz – für Geld, Macht, Verbrechen; aber sicher nicht für Übersinnliches. Immer, wenn es also gespenstisch wird, steckt ein Schurke dahinter.

Die Geschichte ist für die drei ??? fast klassisch: Schurke sucht sagenhaftes Gold und inszeniert eine Menge Geisterkram. Diesmal ziemlich wirkungsvoll rund um den Tunnel, durch den eine alte Eisenbahnlinie fährt. Und das nicht mehr lange, weil den Betreibern der Linie und des Eisenbahnmuseums das Geld ausgeht.

Lesen! Die Abenteuer des faulen Paul

Justus ermittelt in Sachen Geisterzug

Wie gut, dass Justus‘ Onkel, der Schrotthändler, beides aufkaufen will – so bekommt Justus Wind von der Sache. Und er und seine Freunde und Detektivkollegen Peter und Bob kümmern sich um die seltsame und verzwickte Angelegenheit.
Klar, das Gespenstern im Tunnel rührt nicht von Geistern her.
Und für Eisenbahnlinie und Museum gibt es am Ende auch eine Lösung – Happy ending also auf der ganzen Linie. Zuvor aber dürfen die Leser eine spannende Geschichte erleben, die von immer neuen Wendungen begeistert.

Unbedingt lesenswert!

Das Geheimnis lüften!

Fein ziselierter Krimi

Bild: pixabay.com/PublicDomainPictures

Karin Schweitzer und Klaus D. Bornemann, zwei meisterliche Autoren, haben einen ungewöhnlichen Krimi geschrieben, der unter die Haut geht.

Ein ziselierter Mord

Ein fein ziselierter Mord am Anfang eines Krimis ist an sich nichts Ungewöhnliches. Viele Autoren verwenden darauf viel Energie und Schreiblust, die Leser danken ihnen das spannende Introidus, indem sie weiter lesen. Das Eingangsgemälde ist oft allerdings so gut gesetzt, dass der weitere Text dagegen abfällt; eine herbe Enttäuschung. Nicht so im Roman Cappuccetto. Hier beginnen Karin Schweitzer und Klaus D. Bornemann fulminant und steigern sich eher noch – was man zunächst gar nicht für möglich hält.

Brutaler Mord, detailreich garniert

Gleich in der Eingangssequenz kommt es knüppeldick: Der Mord am Schönheitschirurgen Dr. Wunder wird in allen Details und fast genüsslich zelebriert. Very shocking! So, als hätten sich die Autoren ihn erst dann schreibend begangen, als für sie feststand: Wunder ist ein Schwein und verdient dieses Ende. Das auch noch recht viele Bezüge zu seiner Tätigkeit und seinem Lebenswandel hat. Denn nur, wer ihn das Opfer sieht, der kann ihn auch mit so viel Lust am brutalen Mord abschlachten lassen; mit so vielen Details ausgeschmückt.

Nichts für zarte Gemüter

Nichts also für zarte Gemüter – aber das ist der ganze Roman auf seinen 371 Seiten nicht. Was aber nicht bedeutet, dass sich der Kriminalroman in billige Effekte flüchtet – ganz im Gegenteil. Die beiden Autoren schaffen es, über weite Strecken wirklich gute Literatur abzuliefern. In diesem Sex- &-Crime-Feuerwerk ziehen die beiden Autoren viele Register aus der üblichen Kriminalschriftstellerei. Aber sie mixen sie neu, erfinden manche Versatzstücke neu und beglücken die Leser so mit einem ganz eigenen Lesereiz.

Intrigen und Perversionen

Nach dem Mord braust der Roman durch eine Achterbahn an Perversionen, Intrigen, Lügen und Falschheiten. Und die Leser müssen schwer mit den falschen Spuren kämpfen. Am Tatort wird die schillernde Chloé vorgefunden, die ehemalige Geliebte des Dr. Wunder – dazu Autorin, Journalistin und undurchschaubare Sphinx. Natürlich fällt der Verdacht gleich auf sie. Aber hat sie die scheußliche Tat wirklich begangen? Welches Geheimnis birgt sie? Was steckt überhaupt hinter dem Mord? Und wie kommen beide, Tat und mutmaßliche Täterin, zusammen?

Die Ermittlerinnen

Marina und Elisa machen sich auf, das Rätsel dieses Mordes zu entschlüsseln – die Kriminalpolizei ist ja augenscheinlich zu dumm dazu. Sie stoßen auf immer neue, verblüffende Entdeckungen und geben dem Fall immer wieder eine unerwartete Wendung. Die Welt der Schönen, Schön-Operierten und Reichen ist verlottert bis ins Mark. Nachdem die Leser durch dieses Milieu gereist sind, wünschen sie sich eigentlich, dass es bitte nicht so schlimm ist, wie es aussieht.
Cappuccetto Rosso heißt auf Italienisch Rotkäppchen – und damit hat auch dieser Fall ein wenig zu tun; zumindest trägt die Hauptverdächtige gerne rote Hüte. Ob sie auch gleichzeitig der böse Wolf ist, müssen die Leser selbst herausbekommen – indem sie einfach dieses empfehlenswerte Buch lesen …

Karin Schweitzer, Klaus D. Bornemann, Cappuccetto, Roman, Broschiert, 371 Seiten, Schweitzerhaus Verlag; Auflage: 1., Aufl. (1. September 2010), ISBN-10: 3939475033, ISBN-13: 9783939475033, 16,50 Euro.

Schnapp den Mörder

Svea Andersson

Bild: clker.com/ClkerFreeVectorImages

Im zweiten Krimi der Svea-Andersson-Reihe hat es die 14-jährige Schülerin mit einer gefährlichen Bande zu tun – die ihr Unwesen an ihrer Schule treibt.

Junge Detektivin

Die Geschichte beginnt für Svea, die junge Detektivin, direkt in der Zeit nach ihrem ersten Fall. Darin musste sie den Tod ihrer Freundin Mikaela verkraften – und konnte ihr zumindest soweit helfen, dass sie den Mörder überführte. Noch hat Svea die Ereignisse kaum verarbeitet. Mikaela fehlt ihr immer noch, das junge Mädchen meidet erst einmal den Wald, in dem alles geschah.

Seltsames geschieht

Als sie aber in einen anderen Teil des Waldes unterwegs ist, sieht sie Seltsames: Eine Band kleinerer Jungs wirf am Haus einer alten Frau ein Kellerfenster ein – und kokelt ein Gebüsch an. Svea glaubt, einen der Jungs aus ihrer Klasse bei der Bande zu entdecken – was eigentlich gar nicht sein kann, weil der schüchtern, zurückhaltend und eigentlich ein Streber ist.
Aber kaum hat sich Svea, die junge Detektivin, versehen, ist sie selbst schon unter Verdacht, die Untaten am Haus der alten verübt zu haben und später deren Schmuck geklaut zu haben.

Svea unter Verdacht

Und so geht es weiter – eigentlich unscheinbare Klassenkameraden verhalten sich immer seltsamer, verängstigt, unter Druck. Sie machen höchst eigenartige Dinge. Und Svea, die ermittelt, gerät immer mehr in Verdacht, hinter vielem zu stecken – bei den Lehrern. Außerdem bezichtigt sie die Nachbarin der alten Frau des Diebstahls – denn bei der ist Schmuck geklaut worden; und Svea findet einen Teil des Schmucks in ihrem Schulranzen.

Im Fadenkreuz der Bande

Und sie gerät ins Visier der Bande. Die Bedrohung steigert sich allmählich, für Svea, junge Detektivin, wird es unangenehm. Aber die junge Frau gibt nicht auf, sie ermittelt beharrlich. Eine gute Voraussetzung für ihren Berufswunsch: Polizistin.
Mit Mut, Schlauheit und Beharrlichkeit bekommt sie immer Unglaublicheres über die Bande heraus, die an der Schule ihr Unwesen treibt. Die schüchtert die Kinder ein, indem sie deren Haustiere bedroht – und im Fall, sie weigern sich, mitzumachen, sogar qualvoll tötet. Auch Svea bekommt Drohungen unglaublicher Art – und sie weiß: Ihre Hundedame Wuff ist in höchster Gefahr.

 Junge Detektivin, auf sich allein gestellt

Viele Verbündete hat Svea nicht. Aber wenigstens hat ihr Vater jetzt eine Arbeitsstelle in der Nähe ihres Hauses angenommen und ist während der Woche zu hause. Und er gehört diesmal nicht zur Gruppe der Verdächtigen, was das gute Verhältnis von Vater und Tochter wiederherstellt. Doch Linus, der hübsche Nachbarjunge, in den Svea so verliebt ist, enttäuscht sie gleich zweifach; und er spielt eine fast schon finstere Rolle.

Was ist mit Linus?

Am Ende der Geschichte wendet sich Svea von ihm ab – zumindest schlägt sie die andere Richtung ein, als Linus mit ihr spazieren gehen will. Ob dieser Riss zwischen den beiden von Dauer sein wird, zeigt wohl eher der nächste Band der Reihe.
Ritta Jacobsson ist wieder ein wunderbarer Schwedenkrimi für Jugendliche gelungen – voller Spannung und Nervenkitzel, der sich von Seite zu Seite steigert und einen schier alles andere vergessen lässt.

Sehr realistisch

Was die Svea-Reihe zudem so lesenswert macht: Die junge Frau ist in weiten Strecken ein ganz normaler Teenager – mit problematischen Verliebtheiten, zickigen Freundinnen, doofen Lehrern, ätzendem Stoff in der Schule und verständnislosen Erwachsenen. Das Leben nimmt wieder einen ganz normalen Raum ein und ist schön durchdekliniert und stimmig beschrieben. Der Fall wuchert da so langsam ins Leben hinein; ohne jemals wirklich die gesamte Kontrolle über alles zu übernehmen.
Das ist sehr realistisch; auch, dass Svea, die junge Detektivin, nicht mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet ist. Sondern nur mit Mut, Zähigkeit und einem klaren Verstand – aber das ist auch schon ziemlich wertvoll. Ein erstklassiger Krimi für Jugendliche!

Ritta Jacobsson, Gefährliches Schweigen, ein Sea-Andersson-Krimi, Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-12376-8, 10,95 Euro.

Muse des Mörders

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Ein Mörder treibt sein Unwesen in Wien – in einem brillant geschriebenen Kriminalroman; der nur manchmal ein wenig unverständlich ist …

Ein spannendes Buch

Ich muss nicht alles verstehen. Und wenn ich nicht versuche, dieses Buch zu verstehen, dann ist es richtig gut. Es ist spannend, es ist mystisch, es führt uns in die Untiefen Wiens und der menschlichen Seele gleichermaßen. Es rührt uns an mit zarten Liebesgeschichten, es verstört wegen des Ausbruchs plötzlicher Perversionen und Gewalt.
So, wie jeder gute Albtraum. Und wir liegen da und können nicht entkommen. Die Gefahr, die auf uns einstürmt, ist bitter, überwältigend, unentrinnbar. Wir lassen uns treiben durch die Kaskaden schöner Worte und starker Bilder. Aber die Geschichte ist nicht logisch. Wir verstehen sie nicht.

Die Muse des Mörders: Brillant geschrieben

So geht es mir mit diesem Buch: Brillant geschrieben, voller verschlungener Geschichten, die ich nicht entwirren kann. Gut, wenn ich sie vom Ende her sehe, finden sie sich alle zu einem großen Strom zusammen. All die vielen kleinen munteren Wildbächlein der Nebengeschichten vereinen sich am Ende zu einer einzigen Geschichte.
Aber bis dahin lese ich das Buch als Geschichtensammlung.

Kaleidoskop von Traum-Sequenzen

Als ein auseinander fallendes Kaleidoskop von Traumsequenzen.
Das mag Absicht sein, das mag hohe Literatur sein, das mag einen intellektuellen Geist erquicken. Aber ich bin kein Intellektueller. Ich bin ein hart arbeitender Mann mit einem begrenzten Horizont. Vor allem abends, wenn ich im Bett liege und noch ein paar Seiten lese, ist mein Horizont vom Tagwerk doch sehr eingeschränkt. Und da kapiere ich solche hochartifiziellen Bücher nicht mehr.
Mein Wunsch, eine stringente, verständliche und gleichwohl spannende Geschichte zu lesen, mag altmodisch sein. Oder an Blasphemie grenzen, weil ich der reinen Schönheit wohlgesetzter Worte nicht abgewinnen kann. Aber für mich ist eine Geschichte nur Vehikel für die Botschaft. Und die fehlt mir hier. Es mag sie geben, sie geht aber unter in der Kaskaden schöner Worte und brillanter Sätze, die über Selbstbespiegelung kaum hinauskommen.

Wien ist mein Schicksal

Es mag aber auch daran liegen, dass ich in diesem Buch schon wieder auf Wien treffe. Die Stadt ist wohl mein Schicksal.
Und vielleicht wird sich, mit den absehbaren Aufenthalten in dieser Stadt (weil da muss ich jetzt einfach hin!), mein Verständnis wachsen für die Wiener Literatur. Aber vielleicht ist das hier auch keine Wiener Literatur, denn die beiden Schreiberinnen studierten in Bochum und leben in Hattingen.
Was meine Verwirrung noch steigert: Ist das alles  nun eine Pseudo-Literatur aus Wien? Haben sich zwei Damen aufgemacht, so zu schreiben, wie sie sich die Literatur Wien wünschen? Die Sache wird immer komplizierter.

Dumme männliche Logik

Eine zweite Erklärung könnte es geben: Die beiden haben ihre jeweiligen Erzählstränge nicht energisch genug aufeinander abgestimmt. Bei manchen Büchern wundern wir uns, dass mehrere Autoren sie geschrieben haben sollen – so sehr sind sie aus einem Guss. Hier wundern wir uns, dass auch dem mäandernden Strom der Geschichten ein einzigen Buch zusammengeflochten wurde. So sehr fallen die Geschichten auseinander.
Aber, wie gesagt – das mag alles an meinem fehlenden geistigen Horizont liegen. Ich bin nun mal nur ein dummer Mann. Damit muss ich leben.
Und wir können das Buch, jenseits der Logik, auch lesen wie einen Albtraum: Schillernd schön und brandgefährlich, atemberaubend morbide und in Maßen grotesk. Und einfach gut – ohne die dumme männliche Logik. Dann ist es durchaus in Ordnung wie es ist.

Die Autorinnen:

Sarah Wedler, 25, und Nadine d’Arachart, 26 erhielten als Autorinnenduo zahlreiche Auszeichnungen und Preise und schafften es unter anderem ins Finale des Berliner Open Mike 2011. Die beiden veröffentlichten Kurzgeschichten in Anthologien und Jahrbüchern. Neben Prosa schreiben sie unter anderem auch Drehbücher. Beide studieren Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und leben in Hattingen. „Die Muse des Mörders“ ist ihre erste eigenständige Publikation.

Nadine D‘Arachart und Sarah Wedler, Die Muse des Mörders, Kriminalroman, Labor Verlag, ISBN 978 3 902 8000 39.

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