Elefant

Bild: pixabay.com/André Santana

Mit einer Hexe sollte man sich eben nicht anlegen – das lernt schließlich auch Bürgermeister Reißwein. Wenn auch ein wenig spät. Fast wäre er geblieben, wo der Pfeffer wächst.

Eines Morgens erwachten die Bewohner der kleinen Stadt von seltsamen Geräuschen. Es trompetete vor ihren Mauern. Und wie. Verwundert rieben sie sich den Schlaf aus den Augen und liefen zur Stadtmauer. Davor stand eine kleine Gruppe höchst eigenartiger Gestalten: zwei graue, dicke Tiere mit unglaublich langen Nasen – ein großes und ein kleines. Erst der Lehrer der kleinen Stadt wusste: Das sind Elefanten. Auf dem großen saß ein seltsam angezogener junger Mann mit Fez, einer runden Kopfbedeckung mit Schnur und Bommel. An seiner Kleidung glitzerten Gold und Edelsteine.

Elefant mit indischem Prinzen

Der kleine Elefant stand ohne Reiter daneben. Bald war klar, wer der Fremde war und was er wollte: Der Lehrer konnte ein bisschen Englisch. So kam heraus, dass der Fremde Malik Harappa hieß und ein indischer Prinz war. Und der wollte mit seinen Begleitern in die kleine Stadt zu Besuch. Die Leute freuten sich über den hohen Besuch und baten den Prinzen und sein Gefolge (die beiden Elefanten) in die Stadt. Sie gaben dem Prinzen das schönste Zimmer im ältesten und gediegensten Gasthaus (die Elefanten kamen in einen edlen Stall).

Der Prinz bekam erlesene Speisen und die besten Getränke (Himbeersaft mit Vanilleeis). Die besten Blasmusiker der Stadt spielten den ganzen Tag auf. So wollten die Leute in der kleinen Stadt dem Prinzen seinen Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Nach dem Essen machte Bürgermeister Reißwein seine Aufwartung. Der Prinz Harappa bedeutete ihm, dass der Bürgermeister eine Versammlung aller Bürger einberufen sollte – der Prinz wollte zu ihnen sprechen.

Der Hofzauberer will zaubern lernen

Am Nachmittag kam das Volk auf dem Platz vor dem Rathaus zusammen. Prinz, Bürgermeister und ein paar Ratsherren und der Pfarrer standen auf dem Balkon. Und der Lehrer natürlich, der übersetzen musste. So erfuhren die erstaunten Bürger der kleinen Stadt, dass Prinz Harappa gekommen war, damit sein Hofzauberer die Zauberkunst der kleinen Stadt kennenlernen konnte. Denn bis nach Indien war die Kunde gedrungen, dass bei der kleinen Stadt eine der besten Hexe der Welt lebte.

Die Bürger auf dem Rathausplatz schauten sich verblüfft an, der Bürgermeister starrte den Pfarrer an. Eine der besten Hexen? Nun ja, ein paar Hexen und Zauberer gab es in der kleinen Stadt, aber sie waren eher gefürchtet und geduldet als geliebt. Die Bürger ignorierten sie, so weit sie konnten. Und jetzt war ein indischer Prinz extra zu ihnen gekommen, um eine ihrer Hexen zu besuchen.

Ein Missverständnis?

»Äh«, fragte der Bürgermeister, »liegt da nicht ein Missverständnis vor? Wer sollte bei uns zu den besten Hexen der Welt gehören?« Die Hexe Siebenwurz, erfuhren die erstaunten Bürger aus dem Mund des Lehrers, der die Antwort des Prinzen übersetzte. Sie murmelten laut, der Bürgermeister schaute wie ein begossener Pudel – ausgerechnet die Hexe Siebenwurz, seine per- sönliche Feindin. Sie war gar nicht bei der Versammlung erschienen, typisch.

Der Bürgermeister schickte einen berittenen Boten zur Hexe in den Wald, die widerwillig mitkam. Die Hexe Siebenwurz hörte sich alles an, lächelte ein wenig und sagte dann mit einem schiefen Seitenblick auf den Bürgermeister: »Schlauen Leuten bleibt halt nichts verborgen.« Der Prinz bat die Hexe Siebenwurz um eine Kostprobe ihrer Kunst. Sie lächelte böse und schaute den Bürgermeister Reißwein schelmisch an. »Äh«, sagte der, »dadas, ist dodoch nicht nötig …« Aber ehe er noch zu Ende stammeln konnte, hatte er zwei Elefantenohren und einen Rüssel mitten im Gesicht. Er war ein Elefant geworden, der Platz auf dem Balkon war plötzlich zu eng.

Der Bürgermeister segelt davon

Aber kurz darauf begann der bürgermeisterliche Elefant davonzusegeln – er flog dabei mit den Ohren. Die Leute auf dem Rathausplatz lachten Tränen. Besonders laut trötete der kleine Elefant unten am Rande der Menge – dann gab es einen kleinen Blitz und einen peitschenden Knall – und der kleine Elefant verwandelte sich auch: In einen Zauberer, den der Prinz als seinen Hofzauberer Pasternak vorstellte. Auf Bitten des Prinzen holte die Hexe Siebenwurz den Bürgermeister zurück und gab ihm seine alte Gestalt wieder.

Der Hofzauberer Pasternak begrüßte die Hexe Siebenwurz freudig. »Liebe Hexe«, übersetzte der Lehrer die Worte des Prinzen, »wir würden dich gerne zu uns nach Indien einladen. Damit du die Kunst unseres Hofzauberers Pasternak vervollkommnest. Elefanten kann bei uns keiner fliegen lassen.«
»Oh ja, gerne«, mischte sich der Bürgermeister freudig ein. »Vielleicht sollten wir darüber bei einem guten Mahl nachdenken – ich danke dem Bürgermeister für seine Einladung und freue mich, dass er das ganze Volk an Speis und Trank teilhaben lässt. Bringt Tische und Bänke herbei!«, rief die listige Hexe – und der Bürgermeister ärgerte sich grün und blau, dass er alle einladen musste.

Spät am Abend waren sich Prinz, Hofzauberer und Hexe einig: Siebenwurz ging mit nach Indien. »Aber ich komme wieder«, sagte sie, mit einem Blick auf den Bürgermeister. »Und ich lasse etwas da«, ergänzte sie genüsslich, »meinen Zauberfisch Mecklenburg.« Das war hart, denn der Fisch war äußerst gerissen, wie der leidgeprüfte Bürgermeister wusste.

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Bild: Klaus Krüger

Der Zauberfisch Mecklenburg mag keine Fleischfresser – und verschafft seiner Herrin, der Hexe Siebenwurz, einen Kräuterladen.

In der kleinen Stadt lebte einmal ein Zauberfisch mit dem Namen Mecklenburg. Die Leute in der kleinen Stadt staunten nicht schlecht, als Mecklenburg eines Freitags um 11 Uhr durch die Straßen der kleinen Stadt schwebte und laut rief: »Esst kei-nen Fisch! Lasst die Finger von uns Fischen!« Jeden Freitag kam der Fisch angeschwebt – das fanden die Leute in der kleinen Stadt schließlich nur noch nervig. Und niemand aß mehr Fisch.

Und jetzt: die Schweine

Als er das geschafft hatte, schwebte der Fisch durch die Stadt und rief: »Esst kein Schwein!« Das fanden die Bürger der kleinen Stadt langsam nicht mehr witzig – was bildete sich der komische Fisch eigentlich ein? Sollten sie verhungern? Sie beschimpften den Fisch, manche warfen sogar mit Obst nach ihm. »Oh, esst das Obst und werft es nicht herum, ihr Halunken!«, schimpfte Mecklenburg und schwebte davon. Am nächsten Tag wurde es noch seltsamer: Nicht Mecklenburg, der Zauberfisch, schwebte durch die Stadt, sondern Schweine. Schweine jeder Größe. Eine Menge Schweine. Sie sprachen nicht, das konnte nur Mecklenburg, aber sie schwebten. Stumm, und dabei schauten sie verächtlich nach unten, wo die Menschen standen und nach oben zu den Schweinen gafften.

Mecklenburg grinst dreckig

Noch einen Tag später war wieder Mecklenburg an der Reihe, der ebenfalls nur durch die Stadt schwebte und dreckig grinste. Und weil wieder ein paar wütende Leute mit Obst warfen, spurtete er um die Ecke – was komisch aussah, weil er mit den Flossen ruderte, um schneller voranzukommen. Doch ehe er ganz verschwand, schaute er noch einmal um die Ecke und sagte laut: »Muh!« Den Leuten schwante Übles. Und wirklich: Am nächsten Tag kamen die Kühe angeschwebt. Auch sie glitten ein paar Meter über dem Boden dahin und schauten nach unten. Alle waren einigermaßen erstaunt über das Schauspiel.

Der Stadtrat tagt

Am Nachmittag trat der Stadtrat zusammen. »Wir können schließlich nicht alle zu Vegetariern werden!«, ereiferte sich Hermann Stich, der einen Metzgerladen in der kleinen Stadt hatte. »Aber natürlich können wir das!« rief der Lehrer Abraxas Hinkelbein, der sowieso im Verdacht stand, ein heimlicher Vegetarier und dazu noch ein unheimlicher Lutheraner zu sein. »Das ist immer noch besser, als dass uns das Viehzeug um die Köpfe herumfliegt und uns anglotzt!«, pflichtete ihm die einflussreiche Verlegerin der Kleinstadtpost bei, der einzigen Tageszeitung der kleinen Stadt. Das hört Klaus-Karl Kappes gar nicht gerne, der als Bürgermeister leidvoll hatte erfahren müssen, wie schmerzhaft es war, eine andere Meinung als die Verlegerin zu haben – und die hatte er durchaus. Er wollte weder auf Fisch noch auf Schwein noch auf Rind verzichten, dazu war er viel zu verfressen.

Der größte Bauer der kleinen Stadt

Außerdem war er der größte Bauer der kleinen Stadt und züchtete und verkaufte all diese Tiere. Deshalb freute er sich, als der Malermeister Friedolin Grün an die seltsame alte Siebenwurz erinnerte, die sich vor drei Wochen im Stadtrat vorgestellt hatte, um ein Kräuterlädchen aufzumachen – was aber am Einspruch des Apothekers Schmalenberg gescheitert war. »Ich glaube, das geht alles auf sie zurück. Wenn das mal keine Hexe ist!«, rief der Herr Grün und die Kollegen im Stadtrat rollten vor Angst mit den Augen. Sie hatten erst vor kurzem eine Menge Ärger mit einer Hexe auf der alten Burg gehabt – und den wollten sie nicht noch einmal erleben.

»Und jetzt?«, fragte der Bürgermeister Kappes. »Ganz einfach – wir geben ihr das Kräuterlädchen. Dann hört der Spuk ganz sicher auf«, blieb der Malermeister praktisch. »Und wenn nicht?«, fragte der Metzger Stich. »Dann haben wir einen Kräuterladen in der Stadt – na und? Außerdem ist der Apotheker mittlerweile ein wenig seltsam geworden und hat seine Apotheke geschlossen, wie ihr alle wisst.«

Delegation des Stadtrates – die Niederlage der Fleischfresser

Nun ja, noch an diesem Nachmittag machte sich eine Delegation des Stadtrates mit dem Bürgermeister Klaus-Karl Kappes an der Spitze auf zu Johanna Siebenwurz und unterbreitete ihr untertänigst, dass sie gerne ihren Kräuterladen öffnen dürfe, wenn sie jetzt noch wollte. Das alte Weiblein lächelte huldvoll und dankte, indem sie dem Bürgermeister ihre Hand zu Kuss reichte, was der schaudernd tat. Dabei schaute er irritiert auf den großen Vogelbauer, in dem ein Fisch auf der Stange saß und dreckig grinste; und der Fisch erinnerte den Bürgermeister an jemanden – er wusste nur nicht, an wen, zum Kuckuck!

Als die honorigen Herren gegangen waren, sagte die Hexe Siebenwurz zu dem Fisch im Vogelkäfig: »Gute Arbeit, Mecklenburg.« Der Fisch grinste noch ein bisschen dreckiger und schwamm einen Looping durch die Luft.

Mehr spinnerte Geschichten …

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Bild: pixabay.com/Unsplash

Das ist die Geschichte, wie der junge Jan Kasper sein Glück fand; mit seinen Geschichten, die er schrieb.

Die kleine Stadt besuchte ab und zu ein alter Mann, der hieß Jan Kasper. In jungen Jahren war er um die Welt gezogen und eines Tages mit dem Schiff zu einer Insel im Mittelmeer gekommen. Die Insel gefiel ihm – sie war sonnig und warm, die Menschen waren arm und freundlich; und das Meer lud fast das ganze Jahr über zu Schwimmen ein. Jan verdingte sich als Lastenträger, Schafhirte und Bursche für alles. Er hörte den Menschen zu, wenn sie abends an den Lagerfeuern oder auf den Plätzen von ihrem Leben erzählten. Und von früher, als die Insel ein Hort von Piraten war, die Inselbewohner waren alle Nachkommen der Freibeuter – verwegen und stolz.

Jan schrieb Geschichten

Jan schrieb Geschichten vom Meer, von Liebe, von Freiheit und Tod auf – er wollte Schriftsteller werden, und da kamen ihm die Geschichten gerade recht. Obwohl er noch nicht recht wusste, ob er es als Schriftsteller zu etwas bringen sollte – es war ein schwieriges Handwerk. Aber er liebte Geschichten über alles.

Eines Tages hatte er frei und wanderte auf die andere Seite der Insel. Er hatte schon gehört, dass auf dieser Seite die reichen Leute wohnten. Jetzt sah er ihre Häuser. Aufgereiht wie Perlen lagen sie oben an der weißen Küste, direkt über dem tiefblauen Meer. Ihre Anwesen waren groß, die Häuser stattlich, die Gärten reichten direkt ans Meer.

Häuser wie Perlen aufgereiht

Oft gab es noch einen kleinen, befestigten Weg zu einem Steg, wo zwei oder drei Boote lagen und auf den Wellen schaukelten. An der weißen Küste entlang gab es einen kleinen, gewundenen Weg, der sich an den Mauern der Häuser entlang schlängelte. Jan war neugierig und wollte sich die Häuser und Grundstücke der Reichen einmal aus der Nähe anschauen. Er ging vorsichtig den Weg entlang. Es dämmerte.

Über manche der Mauern hingen Kakteen mit großen Blättern, in sie waren Namen und Herzen von Menschen geritzt, die vor Jan hier gewesen waren. Plötzlich stockte der junge Mann – er hörte feurige Musik und ausgelassenes Lachen. Vorsichtig ging er weiter. In der ockerfarbenen Mauer stand eine grüne Türe offen. Der Garten dahinter war dicht bewachsen und wild; das Lachen drang heraus – sehr fröhlich und aufreizend. Und die Musik war voller Leben.

Feurige Musik, ausgelassenes Lachen

In den Garten führte ein gewundener Weg, den Fackeln beleuchteten, die rechts und links im Gras steckten. Jan ging vorsichtig den Weg entlang, die Musik wurde lauter. Jan hörte Geigen seufzen, ein bauchiger Kontrabass gab seinen Teil dazu, klatschende Hände peitschten den Rhythmus weiter und dann wieder dieses Lachen, das Jan verzauberte. Am Ende des Weges sah er eine Terrasse aus Holz, auf ihr stand ein großer Kessel, in dem ein Feuer brannte, das so hoch loderte wie die Finca dahinter.

Um das Feuer herum tanzten ausgelassen junge Leute, braun gebrannt, so weit er das in dem Schein des Feuers erkennen konnte; und offensichtlich arm. Sie hatten einfache, doch bunte Kleider an. Etwas abseits von ihnen saß ein alter Mann mit weißen Haaren. Er saß in eine Decke gehüllt, obwohl es ein warmer Sommerabend war und schaute missmutig dem lustigen Treiben um ihn herum zu. Er trank roten Wein, den ihm eine schöne Frau einschenkte, er nahm hin und wieder einen Bissen vom Tablett, das ihm ein wohl gekleiderter junger Mann reichte. Ansonsten war er muffig in seine grauen Decken versunken.

Die Musik war magisch

Jan war fasziniert, ihn zog die Musik magisch an, die so schön war, wie er sie selten gehört hatte. Sie hob ihn empor, beflügelte seine Seele – und er trat noch einen Schritt vor. Da hörte er ein scharfes »Halt!« in der Sprache der Insel. Die Musik erstarb, die Tänzerinnen und Tänzer erstarrten. Nur der alte Mann im Sessel war noch wichtig: Seine Augen schienen zu glühen, sein gebrechlicher Körper war gespannt. Unwillkürlich ging Jan zu ihm hin, dabei hatte der nur einmal mit seinem rechten Zeigefinger gewunken.

Als der junge Mann vor ihm stand, fragte der Alte: »Wer bist du?« »Jan Kasper«, antwortete Jan Kasper und ihn schauderte es, als er die schwarzen Augen des Mannes sah, die wie ein schwarzes Feuer glühten.

»Und was willst du hier?«, ging das Verhör weiter.

»Ich habe die Musik gehört.«

»Scheußlich langweilig, nicht?«, seufzte der alte Mann.

»Nein gar nicht. Ich finde sie fantastisch.« Der Alte schaute ihn nachdenklich an. »Hm«, war alles, was er sagte. Und dann: »Mich langweilt sie. Ich finde sie scheußlich. Wie den Wein und das Essen und all die Menschen hier.« Wieder schaute der alte Mann Jan Kasper an. »Und was tust du hier?« »Ich sammle Geschichten«, antwortete der junge Mann.

Jan sollte erzählen – spinnerte Geschichten

Die Augen des Alten glühten plötzlich auf in einem unbändigen Feuer: »Erzähl!«, war alles, was er sagte.

Und Jan erzählte, wie er noch nie erzählt hatte. Erst ein wenig zaghaft, dann gewann er an Sicherheit – und am Schluss, als der Alte mit geschlossenen Augen bewegt nickte, wusste er: Er war ein Schriftsteller. Diese Kunst beherrschte er. Jan erzählte die ganze Nacht – alle Geschichten, die er von den armen Leuten gehört hatte. Nach dieser Nacht schickte der Alte die Tänzer und die Musiker weg. Nur Jan Kasper durfte bleiben.

Jan Kasper erzählte dem Alten alle Geschichten, die er auf der Insel gehört hatte – und erfand neue dazu.

Als nach drei Jahren der Alte starb, hinterließ er Jan die Finca und den paradiesischen Garten, der bis zu blauen Meer reichte. Und sein unendliches Vermögen. Jan Kasper lebte auf der Insel, beschenkte die Armen – und manchmal kam er in die kleine Stadt zurück, um dort seine Geschichten zu erzählen. Und auch dort liebte man den Geschichtenerzähler über alles.

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Bild: pixabay.com/takazart

In dieser spinnerten Geschichte erleben wir, wie ein Steinmetz dem Baron Münchhausen eine Lehre erteilt.

In der kleinen Stadt lebte der Steinmetz Heinrich. Er verdiente wenig Geld mit seiner Kunst – aber er war glücklich, die kühlen Steine zu bearbeiten und mit seiner Kunst zu verschönen. Eines Tages fand er in den Aufzeichnungen seiner Großmutter einen Zauberspruch. Und mit dem konnte er Steinkugeln fliegen lassen.

Das hätte Baron Münchhausen auch gerne gekonnt. Zum siebten Mal versuchte er, sich auf eine Kanonenkugel zu schwingen, die unter seinem Hosenboden abgefeuert wurde. Er gab das Kommando »Feuer!« und sprang. Er landete wirklich auf der Kugel, doch ihr Schwung war so groß, dass er sich nur mühsam an ihr festklammern konnte. Der eitle Baron hing in Rückenlage auf dem pfeifenden Ding, hielt sich mit einer Hand daran fest, drückte sich mit der anderen den Dreispitz an den Kopf und ließ ein lang gezogenes »Aaahhh« hören.

Der Dreispitz des Barons Muenchhausen purzelt zu Boden

Dann purzelte sein Dreispitz zu Boden. Den Baron schließlich hielt es auch nicht länger auf seinem Reisemittel, er kippte gurgelnd nach hinten weg und krachte ins Unterholz. Seine Diener hasteten herbei. Der Baron fluchte wie ein Rohrspatz – das mit dem Kanonenkugelflug wollte einfach nicht klappen. Doch am anderen Tag überbrachte ihm ein Bote die Nachricht von Heinrich und seinem Zauberspruch. Der Baron witterte seine Chance und brach in die kleine Stadt auf.

Bald darauf pochte es mächtig an Heinrichs Türe. Und gleich standen struppige Männer, die nach Schweiß und Pferdedung rochen, in seiner Werkstatt. Doch ehe sie etwas sagen konnten, drängte sich ein kleiner Geck mit bunten Federn am Hut an ihnen vorbei.

Die Soldaten suchen die Kugel

»Wo ist die Kugel?«, fragte der Baron ohne Umschweife – denn er war es. »Hier. Und hier. Und hier«, antwortete Heinrich und zeigte auf die Kugeln, die in seiner Werkstatt herumlagen. Der Kleine mit den bunten Federn am Hut sah sich verwirrt um, dann brüllte er mit seiner hellen Stimme los: »Er will mich wohl für dumm verkaufen! Wo ist die Kugel, wo ist der Zauberspruch?«

Der Kopf des Gecken sah aus wie eine reife Tomate, die jeden Augenblick zu platzen drohte. Münchhausen ließ ein paar kleine Münzen auf die Werkbank rollen: »Nehme er das als Anzahlung. Ich will, Er versteht, die Kugel erst einmal Probe fliegen.« Heinrich sah die Gier in den Augen des Gecken und er wusste: Der bezahlte das Geheimnis des Steinmetzen nicht, auch wenn er jetzt mit ein paar Goldmünzen klimperte. Also sann er sich eine List aus.

Sonst wird der Fall tief

»Meine Herren«, sagte er, »meine Großmutter verriet mir auf dem Sterbebett jenen Spruch, der Steinkugeln fliegen lässt …« »… wie lautet er, Kerl?« unterbrach ihn der Baron grob. Heinrich beugte sich vor und flüsterte dem Baron Münchhausen den Spruch ins Ohr. Der Geck wollte schon auf die nächst beste Steinkugel zustürzen, da zupfte ihn Heinrich am Rock: »Herr Baron!« »Was ist denn?« »Gebt Acht, Herr! Nur, wenn Ihr reinen Herzens seid, setzt Euch die Kugel dort ab, wo Ihr es wünscht. Sonst aber wird Euer Fall tief.«

»Äh, wird schon schief gehen«, antwortete der Edelmann verschlagen. Der Baron wollte wirklich Spruch und Kugel stehlen. Er schwang sich auf die Kugel und sprach den Zauberspruch:

Merse. Merse. Lieg –

mach wohl, dass ich flieg!

Und hui brausten beide, Baron und Kugel, zur Werkstatt hinaus. Heinrich lächelte.

Baron Muenchhausen rauscht durch die Luft.

Bald rauschte es über ihnen in der Luft. Es waren Baron und Kugel. Mit einem Arm fuchtelte er wild, Bart und Haare verfilzt und über und über mit kleinen Eiszapfen bedeckt, während in den Rockschößen der Wüstensand klebte. Die Augen des Herrn Baron waren Schreck geweitet. Er konnte gerade noch etwas brüllen, was sich anhörte wie »runter!« – dann war er über den Kamm des Waldes verschwunden.

»Du«, knurrte der Hüne, »lass sofort meinen Herrn herunter, ja!« »Das geht aber nur sehr ruppig«, wandte der Steinmetz ein. »Egal, Kerl, er ist es gewohnt.« »Gut, ich warte aber, bis er wieder hier ist, sonst fällt er vielleicht noch einem Untier in den Rachen.«

Und so geschah es. Bald pfiff es wieder in der Luft, und Baron Münchhausen erschien, samt Kugel, jetzt beinahe selbst zum Eiszapfen erstarrt und er winkte müde nach unten, eine Spur Wüstensand hinter sich herziehend. Heinrich rief:

Merse. Merse. Ginster –

hol mich die Gespinster.

Und fast augenblicklich war die Steinkugel verschwunden. Der Baron flog noch ein kleines Stück weiter, ehe auch sein Flug zu Ende ging und er in den nahen Stadtpark prasselte. Seit dieser Zeit ließ der Baron keine Steinkugeln mehr fliegen. Und den Steinmetz ließ er auch in Ruhe.

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Das unbekannte Land deiner Träume

Bild: pixabay.com/Silvia

Mit Band 3 ihrer Amora-Saga bringen die Fantasy-Autorinnen Katharina Ende und Kerstin Surra ihre Heldin Susi in Nöte: Sie muss zwischen zwei Männern wählen. Und gleichzeitig entwerfen sie ein Fantasyland, in denen der Leser seine Träume erkennt.

Susis spannende Abenteuer

Eine gute Nachricht gibt es für alle Amora-Fans. Im Herbst 2010 kam der dritte Band der Saga aus dem Feenland heraus. Und es wird wieder spannend, welche Abenteuer Susi, ihre Familie und ihre Freunde im Feenland erleben. Diesmal geht es gleich mitten rein – eigentlich sind die menschlichen Besucher von ihrem vergangenen Abenteuer immer noch vom Feenland und starten gar nicht erst von zu Hause aus. Sie haben – im zweiten Abenteuer – den Dämonen Mantander besiegt, doch Samonaia, Menhirs Schwester und ihre Gefolgsleute sind verschwunden.

Tiefe Liebe zum Prinzen und zum Waldmenschen

Am Anfang steht eine Prophezeihung: Wenn Susie in tiefer Liebe mit dem Prinzen des verlorenen Volkes der Ahuner verstrickt ist, kann sie den Prinzen, sein Volk und sein Land retten. Eigentlich ist das ein willkommenes Thema für ein 16-jähriges Menschenkind – doch so einfach ist es nicht. Denn in den ersten Abenteuern hat sich Susi in den Waldmenschen Menhir verliebt. Es ist eine zarte Jungmädchenliebe, die noch ganz tief geht, weil es auf dem Schlachtfeld der Liebe noch keine Schlachten und Verwundungen gegeben hat.

Das unbekannte Land – aufgewühlter Teenager im Feenland

Und so gerät Susi, als sie durch das Tor der Zeit schreitet und in das unbekannte Land stolpert, in arge Gewissenskonflikte. Eigentlich eine ganz normale Situation in diesem Lebensalter, die beiden Autorinnen wissen offenkundig, wie das Innenleben eines Teenagers aufgewühlt ist, der sich zwischen zwei Lieben nicht entscheiden kann. Dazu kommt aber die außergewöhnlich spannende und fantasievolle Geschichte vom Feenreich. Das alles schreiben sie in poetischen, gefühlvollen Bildern und in einer schönen Sprache, die einen streckenweise träumen lässt.

Geheimnisvolle weiße Stadt – voller Zauber, voller Träume

Im Palast der geheimen-geheimnisvollen weißen Stadt, mitten im unbekannten Reich, muss Susi ihrem Prinzen erst einmal einen Namen geben. Er war so lange alleine, sehnt sich nach Gesellschaft, bleibt dabei eigenartig verschlossen – und will sie zu seiner Prinzessin machen und setzt sich zur gleichen Zeit gefangen. Doch Susi wehrt ab, die Rolle der Prinzessin ist zu groß für sie. Dann beginnt sie, zu weben; und am Webstuhl entsteht nach und nach das Land des Prinzen und seine unsichtbaren Leute, die Ahuner.

Das Land des Prinzen neu erschaffen

Sie ist nur die bescheidene Weberin, die das alles wieder lebendig werden lässt – einschließlich der großen Liebe des Prinzen. Dadurch aber hat sie ihre Aufgabe erfüllt, muss den Prinzen gar nicht mehr selbst lieben und kann zu Menhir zurück, der ihr vergibt. Der erfährt von allem durch ein Buch, das Susi schreibt. Menhir rettet Samonaia, seine Schwester, Susi bezwingt ein weiteres Mal den bösen Mantander; und kommt hinter das Geheimnis des Rosenturms. Und hinter ihr eigenes Geheimnis. Denn sie ist eine andere, als sie bislang von sich dachte.
Das unbekannte Land ist ein wunderschönes Buch.

Kerstin Surra und Katharina Ende, Amora, Das unbekannte Land, Schweitzerhaus Verlag, Erkrath, 132 Seiten, ISBN 978-3-939475-32-3, 12,50 Euro.