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Die Ouvertüre des schmalen Bändchens italienischer Liebesgeschichten setzt Giorgio Manganelli – wer sonst. Eignet sich doch der Auszug aus den »Irrläufen«, jenen Romanen in Pillenform, ganz famos dazu, die 13 Geschichten auf den Punkt zu bringen: Oft haftet ihnen ein Zug ins Grotes­ke an, und Manganelli ist ein Meister der schnoddrig dahinerzählten Ungeheuerlich­keiten. Also: Ein Herr liebte eine junge Dame drei Tage lang wie wahnsinnig. Seine Ange­betete liebte ihn zurück, gar 20 Minuten länger. Und aus dieser Konstellation spinnt Manganelli nun ein Feuerwerk von Aber­witz, das sich genau an jenen 20 Minuten entzündet.

Eine Jugendliebe

Wer das übertrieben findet, der schaue sich einmal an, worüber in Partnerschaften ge­meinhin gestritten wird. Auch hier nur Unge­heuerlichkeiten. Nach Geschichten von An­tonio Tabucchi, Luigi Malerba und Natalia Ginzburg setzt Goffredo Parise einen ersten Höhepunkt. Sein »Cuore: Herz« thematisiert eine Jugendliebe. Sie hatten sich geliebt, als das Mädchen 12 Jahre alt war und nun flammt sie, eher durch Zufall, wieder auf. Das Mäd­chen ist nun eine Frau und seit langem verhei­ratet. Einen wunderschönen Satz lesen wir hier: »Sie redeten, vor allem sie, sehr intelli­gent und naiv, wie im Märchen, in einfacher und sehr klarer Sprache.«

Doch alles, was menschlich ist, taucht auf und verschwindet – so lieben sie sich vier Jahre lang und dann kommt sie nicht mehr zu ihm und er hört nichts mehr von ihr. Eine Geschichte von heiterer Melancholie.

Zu wissenschaftlich-philosophisch gibt sich Italo Calvinos »Mitose«. Es geht ums Spiel der Chemie und des Protoplasma bei der Liebe. Die ganze chemische Kakophonie – über 13 engbeschriebene Seiten getrieben – endet in einem einzigen Satz von Gewicht: In dem nämlich Priscilla Langwood auftritt, der Autor könnte sich schließlich in sie verlieben, wie er mutmaßt.

Erzähler der Ebenen

Gianni Celati, der Erzähler der Ebenen, und seine Geschichte einer Rad­fahrerin, ist ein weiterer Glanzpunkt des Buches. Mit welcher Beharrlichkeit der abgewiesene Verehrer die Rennfahrerin verfolgt, und wie lakonisch Celati darüber schreibt, das ist meisterhaft. Eine Novelle im besten Wortsinn schließlich liefert Gesualdo Bufa-Jino ab: Was sich der Rückkehr Eurydikes tatsächlich in den Weg stellt, verraten wir nicht. Die italienischen Autoren, wie sie hier versammelt sind, neigen zur moralischen Be­trachtung nach der eigentlichen Erzählung – auch, wenn das ein wenig erstaunt. Leider sind entschieden zu wenig weibliche und jüngere Autoren in dem schmalen Bändchen versammelt. Antonio Tabucchi ist der jüng­ste und der ist 1943 in Pisa geboren. Wagen­bach hätte hier ruhig ein wenig wagemutiger sein können und nicht nur auf große Namen setzen sollen, deren sonstiges Werk er oft selbst verlegt.

Doch trotz der kleinen Mängel: Salto versam­melt ganz exquisiten Lesestoff – für Herz und Hirn.

Klaus Wagenbach (Hg.): Ita­lienische Liebesgeschichten –
Berlin: Verlag Klaus Wagen­bach (Reihe Salto); 95 Seiten.   

Estnische Erzählungen

Bild: pixabay.com/Petra

In diesen Erzählungen verwischen sich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Ein Streifzug durch eine uns unbekannte Literatur.

Die kleinen Leute zahlten die Zeche

Mit der politischen Götterdämmerung im Osten Europas brechen an allen Orten nationale Eiferer zu den alten Ufern auf. Was politisch einen Rückschritt bedeutet mag, bedeutet kulturell oft eine Neubesinnung. Hatte der Vielvölkerstaat Sowjetunion über 70 Jahre lang den sozialistischen Realismus gepredigt und nur – je nach politischen Tauwetterlage – Nuancen an Abweichungen davon zugelassen, so erheben jetzt die verschiedenen Völker ihre eigene Stimme.

Trugbild sozialistischer Realismus

In der Literatur ist das besonders zu begrüßen. Was den Leser an moderner estnischer Literatur geboten bekommt, kann sich allemal mit der modernen Literatur messen. Auch experimentelle Literatur ist vertreten. Und doch behalten die Geschichten es einen wohltuend eigenen Zungenschlag.

Bedächtiges Volk, porträtiert in den estnischen Erzählungen

Die Esten sind, so scheint es, ein bedächtiges Volk, für das die Vergangenheit noch lange nicht Geschichte ist, wenn plötzlich neue Zeiten angebrochen sind. Das mag man mit Unsicherheit erklären – natürlich halten wir lieber an Bekanntem fest; und wenn es verschüttet und verboten war, dann umso eher. Doch diese Geschichten sind nicht rückwärtsgewandt. Sie arbeiten auf: Die Autoren machen sich Luft, denn offensichtlich sind die Verletzungen tief und die Autoren wollen sich jetzt erst einmal Luft schaffen in ihrer Trauer und ihrer Wut.

Die kleinen Leute zahlten die Zeche

Jedenfalls finden sich in etlichen Erzählungen kleine Leute, denen das untergegangene Regime böse mitgespielt hat. Was hatten sie nicht auch zu erdulden im 20. Jahrhundert: Die Besetzung durch die Sowjetunion, die „Befreiung” durch die Nazis, die “Befreiung” durch die Sowjets und jetzt den Aufbruch in den eigenen Staat. Unvermittelt, eruptiv – und am Anfang so freudig begrüßt. Die Probleme kamen später.

Greuel der Deutschen, Greuel der Sowjets

Natürlich mischen sich da die Themen; die Greuel der Deutschen sind ebenso vorhanden wie die Jahrzehnte der Unterdrückung durch den Kommunismus. Eine mögliche Antwort eines kleinen Volkes darauf ist die Satire, reichlich vorhanden in dem schmalen Buch.

Trugbilder – voller Schwermut

Nein, diese Literatur ist nicht licht, sie wirkt an vielen Stellen beklommen, düster, geplagt von Ängsten, denen man selbst nicht so recht glaubt. Fatalismus und eine gewisse Schwermut gesellen sich hinzu. Der Titel „Trugbilder“ ist durchaus Programm; hier verwischten sich die Grenzen.

Lyrische Züge der estnischen Erzählungen

Zu spüren ist überall die Wertschätzung, die Lyrik in der estnischen Literatur genießt; die Erzählungen weisen nicht selten lyrische Züge auf. Der schmale Band ist ein erster gelungener Einstieg in eine unbekannte Literatur Europas; hoffentlich leisten noch manche Verlage in dieser Hinsicht Pionierarbeit. Ergänzt wird das Buch durch eine bebilderte Biographie der Autorinnen und Autoren und eine kleine Einführung in die estnische Literatur und den estnischen Sprachraum, gewürzt mit geschichtlichen Fakten. Für Leser in Deutschland ist das eine löbliche Pioniertat. So lernt man auch seine Nachbarn kennen – indem man ihre Geschichten liest.

Grönholm/Hasselblatt, Trugbilder, Moderne estnische Erzählungen, dipa Verlag, Frankfurt, 142 Seiten, August 1996, ISBN-10: 3763801561, ISBN-13: 978-3763801565, derzeit nur noch gebraucht zu haben.

Simone Edelberg versammelt in diesem Band wunderschöne Kurzgeschichten zu einem grauenvollen Thema – den Untoten. Das setzt sie beeindruckend um … ein schauderhaft schönes Buch!

Friss deinen Psychiater!

Die Lage ist bedrückend: Die Untoten kommen; sie schleichen sich allmählich ins Münchener Leben ein, sind plötzlich überall. An überraschenden Orten gibt es blutige Rendezvous mit ihnen, ihr Hunger nach frischem Fleisch, direkt von den Knochen der zuckenden Opfer gerissen, ist gewaltig. Und ihr Hunger nach frischen, pulsierenden Herzen sowieso.
 Es ist eine bedrückende Welt, in die Simone Edelberg uns da vertraut macht. Eingeleitet wird das Ganze mit einem entsprechenden Zeitungsbericht – so wirkt alles noch ein bisschen realistischer.

Der einzige Pferdefuß

Ein wenig schade ist nur, dass die Autorin die Zeitungssprache ein wenig frei gestaltet. Hätte sie sich streng an Sprache, Aufbau und nachrichtlichen Duktus gehalten, wäre alles vielleicht noch ein wenig realistischer geworden.
Doch das ist der einzige Pferdefuß an diesem Buch. Außer vielleicht, dass Edelberg hier lustvoll mit dem Grauen spielt. Und es schon starker Tobak ist, was sie ihren Lesern vorsetzt. Man sollte dieses Genre mögen, das nach der amerikanischen Comic- und später Fernehserie The walking Dead derzeit einen ungeahnten Boom erfährt.

Spaß mit Zombies

Aber auch Leser, die nicht unbedingt Zombies brauchen, um die Welt als teilweise ungemütlichen Ort zu begreifen, können durchaus ihren Spaß an dem Buch haben. Denn Edelbergs Geschichten sind famos. Die meisten zeigen novellenhafte Überraschungsmomente, perfekt inszeniertes Grauen, ein Alltag, der uns allzu vertraut ist – und der dann, leise orchestriert und angedeutet, ohne Gnade ins Grauen umschlägt.

Verschiedene Perspektiven

Dabei inszeniert Edelberg ihre Geschichten aus den verschiedensten Perspektiven: Einmal aus der eines Zombies – und wie empfinden fast so etwas wie Mitleid mit ihm. Denn auch ein Untoter ist nur ein Mensch; zumindest ein ehemaliger, der ein Herz hat und Gefühle. Oder wir erleben alles aus der Perspektive der menschliche Opfer, die unvermittelt den Angriffen der Untoten ausgesetzt sind. Klar, dass hier unser Mitgefühl noch größer ist.

Friss deinen Psychiater!

Ein Beispiel möge das belegen: Es ist herrlich beschrieben, wie in der Geschichte Geteiltes Grab, halbes Glück das Zombie-Ehepaar beim Psychiater sitzt und heftig streitet, weil sie ihn mit dem Untoten auf dem Friedhof betrügt; und sie das ganz normal findet, denn erstens hat er selbst ja – noch als Mensch – fleißig mit seiner Sekretärin gevögelt hat. Außerdem habe sie ihm nur die Treue versprochen, bis dass der Tod sie scheide. und der Tod habe sie hat nun geschieden. Als der Psychiater fragt, ob es denn gar nichts gebe, was sie gerne gemeinsam gemacht haben – oder machen würden – da rotten sie sich unversehens zusammen und fressen den Kerl.

Schleichende Entwicklungen

Es sind diese schleichenden Entwicklungen, die wir alle schon ahnen, und diese Wendungen, die uns ins Glück versetzen, zwar nicht überrascht, so doch wohlig bestätigt zu werden. Nach ein paar Geschichten rechnen wir einfach damit – aber es ist immer wieder schön zu beobachten, wie Zombieexpertin Simone Edelberg das in den einzelnen Geschichten anstellt.

So ist das Büchlein ein starker Lektüretipp – für alle Freunde drastischer Geschichten.
Die Anthologie ist Teil einer Reihe von Büchern zum Thema Zombies. In Kürze erscheint der zweite Band.

Die Autorin:

Simone Edelberg ist 1969 in Dortmund geboren und lebt in München. Als Autorin und Journalistin hat sie bereits mehrere erfolgreiche Sach- und Fachbücher sowie Lernprogramme auf CD-ROM veröffentlicht. Sie ist Mitherausgeberin verschiedener Anthologien und gestaltet und moderiert Lesungen. Als Verlegerin widmet sich die leidenschaftliche Wortküsserin Nischenliteratur in Form von Anthologien, Ratgebern und anderen originellen Büchern. Aktuell arbeitet sie an einer Reihe fantastischer Werke.

Die Illustratorin

Kristina Ruprecht ist 1968 in Stuttgart geboren. Sie absolvierte ein Studium der Germanistik und Politikwissenschaft und arbeitet seit 1995 als freie Journalistin in den Bereichen Wirtschaft und IT. Sie schreibt und zeichnet mehr oder weniger realistische Geschichten. Die schrägen Sachen, die dabei entstehen, haben ihr unter anderem zu einigen Ausstellungen und der Nominierung zum Kärntner Krimipreis 2006 verholfen. Ihre Kurzgeschichten sind in zahlreichen Anthologien zu finden. Zurzeit schreibt sie an einem historischen Roman, der in ihrer Wahlheimat, dem hessischen Bad Schwalbach, angesiedelt ist.


Simone Edelberg und Kristina Ruprecht (Illustratorin), Herausgeber: Martin E. Alfred, Auch Zombies brauchen Liebe. Zwölf vermoderte Geschichten, broschiert, ISBN 978-3-942026-00-0.
Preis: 9,80 Euro. Seit dem 16. September 2011 ist die Anthologie für 1,99 Euro auch als E-Book erhältlich! Medium: Kindle Edition. ASIN: B005NRFQAY. ISBN-13: 978-3-942026-16-1, 1,99 Euro.


Tokarjewa Viktorija: Der Pianist, Erzählungen

Bild: Clker.com/Free Pictures

Faszinierende Lektüre: Sprachliche Kleinode finden sich in dem Erzählband Der Pianist von Viktorija Tokarjewa.

Tokarjewa als begnadete Erzählerin

Welch eine begnadete Erzählerin die Tokarjewa doch ist. Mit welch feinen Beobachtungen sie Menschen fischt und wie klar ihre knappe Sätze sind, mit denen sie Universen entwirft. Ihre Geschichten treffen den richtigen Ton – eher leise, aber eindrucksvoll.

Sprachliche Meisterschaft der Tokarjewa

In ihrem Erzählband beweist sie ihre Meisterschaft an zwei von drei Geschichten. Es sind sprachliche Kleinode, an denen sie erkennbar lange feilte. Jedes Wort sitzt, jeder Satz, der ganze Rhythmus. Die Geschichten der Tokarjewa zeigen deutlich: Manche gute Erzählung schlägt einen Roman um Längen. Gerade weil da keine Silbe zu viel drinstehen darf. Das setzt harte Arbeit voraus. Brecht sagte einmal, ein Roman wird mit dem Hintern geschrieben. Man ergänze: Und eine Erzählung mit dem Kopf.

Etwas holzschnittartig

Tröstlich für uns Normalsterbliche: bei all der Perfektion in den ersten beiden Stories – die dritte gelang der Autorin weit weniger. Sie ist fahrig, unausgegoren, holzschnittartige Sätze finden wir darin. Etwa: „Ein paar Worte über Julia.“ Das darf sich eine Schriftstellerin in der Rohfassung ihres Skriptes erlauben, vielleicht an den Rand notiert. Aber das gehört in keine Erzählung; jedenfalls in keine, wie die Torkarjewa sie schreibt.
Vergessen wir die dritte also geschwind; obwohl das schade ist, denn von der Psychologie her ist sie ähnlich brillant wie die anderen beiden.

Genau aufgeteilte Geschichten

Die anderen beiden: Da wäre einmal Der Pianist zu nennen. Igor Nikolajewitsch Mesjazew lebt in seiner eigenen Welt. Er gibt Konzerte, genießt seinen ausgezeichneten Ruf und ist solide verheiratet. Sein Gefühlsleben teilt er auf: Hier seine Frau, dort die Musik, die seine wirkliche Ehefrau ist. Seine Tochter macht ihm fast nur Freude, sein Sohn beinahe nur Kummer.
Der Pianist ist zufrieden.

Nüchterne Sicht

Doch es schleicht sich die nagende Frage ein, ob das alles war; ob es im Leben nicht doch den Kick gibt, im Leben eines Künstlers zumal. Seine Frau sieht das pragmatisch: „Das ist das Leben … Der Vogel fliegt, der Fisch schwimmt, und du spielst Klavier.“

Klare Gedanken in einfachen Sätzen sind das; aber sie erreichen das Herz des Pianisten nicht mehr. Der Mantel der Schwermut sinkt auf ihn. War da nicht noch was? Und dann stirbt seine einst schone Nachbarin Tatjana am Suff. Mesjazew kommt dermaßen ins Grübeln, dass er ein Sanatorium aufsucht, um sich zu erholen. Dort springt ihn die Liebe zu einer jungen Frau an, die alles umwirft. Sein ganzes Leben. Bis – ja, bis Mesjazew erbittert Rückschau hält.

Mitleid mit den Lügnern

Nicht weniger ausgefeilt ist die zweite Geschichte, die von der Liebe erzählt. Zwischen dem Fotografen Jelissejew, einem verheirateten Säufer mit Geräuschhalluzinationen und der zarten Witwe Lena entwickelt sich wenige Tage lang eine glühende Liebe. Bis Lena erkennt, welch ein Blender der Fotograf doch ist. Sie sieht ihn bald darauf wieder – und wundert sich, wie sie so einen begehren konnte.

All das beschreibt die Tokarjewa mitfühlend; selbst über die Lumpen des Alltags bricht sie nicht den Stab, immer schwingt Verständnis mit. Für die Betrüger, die Lügner, die Hurenböcke – die immer männlichen Geschlechts sind, so nüchtern sieht sie die Sache durchaus.

Zauberhafte Geschichten

Die Tokarjewa zaubert – ihre Geschichten sind nicht nur gut erzählt (was schon eine Menge ist); sie sind auch tief. Russische Schwermut schwingt in ihnen, abgeklärte Philosophie. Gerade einmal soviel, wie für eine Erzählung gut ist. Kein aufdringliches Räsonieren also, sondern Einsichten in manchmal atemberaubend klaren Sätzen. Ihre Profession, das Erzählen, vergisst die Tokarjewa nie. Und das hält ihre

Geschichten wunderbar in der Schwebe zwischen Melancholie und Heiterkeit.

Viktorija Tokarjewa, Der Pianist, Taschenbuch, 167 Seiten, Diogenes Verlag, Zürich, ISBN-10: 3257233140, ISBN-13: 978-3257233148, 7,90 Euro.

Wachtmeister

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Wunderschöne Geschichten hat Klas Ewert Everwyn geschrieben – das bergische Dorf lebt darin eindringlich auf. Dabei ist egal, ob sie nun wahr sind  oder wahrgelogen.

Wachtmeister Kies übertreibt es

Eines Tages übertreibt es Wachtmeister Kies. Er tritt an den Tisch seines Gönners Pietsch, dem Chef einer Bande von kleinen Gaunern und Schiebern – und gebietet „Feierabend!“ Nun ist Kies zwar der Feierabend-Gebieter, geht jeden Abend auf Tour durch die Kneipen und lässt die Zapfhähne hochdrehen. Sein Wort ist Gesetz. Doch es ist ein Wort von Pietsches Gnaden. Als er nun in die Kneipe poltert, in der Pietsch residiert, hat er den Bogen überspannt. Und hier „Feierabend“ zu rufen – das ist das Ende des versoffenen Wachtmeisters.

Everwyns Geschichten sind drastisch

So sind sie, die Geschichten des Klas Ewert Everwyn: drastisch, prall, voller Leben und manchmal ziemlich derb. So, wie das Leben im Bergischen nun einmal an vielen Ecken spielt. Und wie es sich für Bergische Dorfgeschichten gehört. Um die Geschichten aus seiner Heimat in allen ihren Facetten zu erzählen, hat Everwyn das kleine Dorf Schmalkotten erfunden. Er lässt seine dichterische Fantasie fliegen.

Ein pingeliger Chronist

Damit fängt er mehr vom Oberbergischen ein, als so mancher pingeliger Chronist auf Hunderten von Seiten. Denn die Fantasie kommt der Wahrheit oft näher als die schnöde Wirklichkeit, sie erfasst die Seele des Oberbergischen genau. Zusammen mit erlebten und gehörten Anekdoten ergeben die erdachten Schnurren eine reizvolle Mischung. Und wenn die Geschichten manchmal nicht so waren, wie wir sie lesen – genau so hätten sie sein müssen. Everwyn flunkert augenzwinkernd, Schmunzeln ist garantiert.

Wahrlügen wie Aragon

Das ist Wahrlügen in bester Tradition. Louis Aragon hat seine Geschichten einmal mit diesem wunderbaren Wort bezeichnet. Everwyns wahrgelogene Geschichten schenken uns die knorrigen Charakterköpfe Schmalkottens. Das alles erzählt der Autor, 1930 im Kölner Süden geboren, in unverwechselbarer Sprache – einfach, unaufdringlich und ebenso sperrig, wie es seine Helden sind. Und manchmal, wenn das Dorfleben bitter ist, schlägt Everwyn auch einen rabenschwarzen Ton an. Gut, dass er und seine Figuren immer ihren Humor behalten. Wir spüren am warmherzigen Erzählton: Everwyns Herz schlägt für seine bergischen Helden. Wer das Bergische kennen lernen oder dessen Charaktere wiedertreffen will – hier besteht beste Gelegenheit dazu. Eine herrlich erfrischende Lektüre.

Klas Ewert Everwyn, Der Tag, an dem Drinhausen seine Frau einsperrte, Bergische Dorfgeschichten, Avlos regional, Avlos Verlag, Linz, 136 Seiten.

 

Suter, Martin, Abschalten

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Manager sind auch nur Menschen – sie arbeite sich blöde; und selbst, wenn sie Urlaub machen, hat sie die Firma voll im Griff. Ein tolles Buch des Schweizer Autors Martin Suter.

Suters herrliche Grotesken

Suter schreibt in seinem Buch Abschalten herrliche Grotesken aus dem Alltag der Schweizer Manager-Elite – so, wie er ihn selbst erlebt hat. Wenn Huber ausspannt, dann passiert vieles – nur stellt sich keine Entspannung ein. Und so geht es den Mosers, Buchsers und Brühwilers auch. Das Schlimmste, das ihre Familie widerfahren kann, ist die Ankündigung, dieses Jahr doch tatsächlich in den Jahresurlaub mitzufahren. Auch wenn Vater nur wenige Tage bleibt – in dieser Zeit schafft er es, die „Quality Time“ mit seinen Liebsten dermaßen straff durchorganisieren, dass sie sich nur eines wünscht: Die eine Woche, in er er bleibt, möge schnell vorübergehen und der Quälgeist bald wieder in seine Vorstandsetage entschweben und dort Kollegen, Vorgesetzte und Untergebene quälen. Dann kann die Familie die restlichen drei Wochen Strandurlaub ungestört genießen.

Suters Destillate des perversen Kapitalismus

Die Geschichte sind kulminierte kleine Höhepunkte aus dem Management unserer Tage. Sie sind Destillate des Nicht-Abschalten-Könnens; weil Denken und Sprechen in den Worthülsen des internationale Kapitals sich schon tief in die Seele gefressen haben.
Von daher sind die kurzen Anekdoten einerseits wohlfeile Giftspritzen gegen eine Gattung Mensch, die unsere Demokratie unterwandert, uns Finanz- und Staatskrisen beschert und dafür nicht gerade stehen muss – weil die Politiker an ihren Marionettenfäden tanzen und sie vor Konsequenzen schützen. Sie sind aber auch so feinsinnig beobachtet, so rund geschrieben, dass wir im Laufe der Lektüre immer mehr die Schadenfreude ablegen; und die Menschen betrachten, um die es hier geht. Und nicht nur Mitleid bekommen, sondern auch uns ein Stückchen in den Managern erkennen, die nicht abschalten können und hinter all dem herhetzen, ohne das angeblich unser Leben nicht lebenswert ist. Das macht die wunderschönen Geschichten, die oft herrlich hinterfotzig und immer technisch brillant geschrieben sind, zu einem wirklich erlesenen Genuss.

Suter, Martin, Abschalten, ISBN 9783257300093

Regina Schleheck, Klappe zu, Balg tot

Bild: Clker.com/Free Pics

Geschichten mit Gruselfaktor – dafür stehen Regina Schlehecks 24 Erzählungen in Klappe zu, Balg tot!

Der praktische Teufel

Der Teufel hat etwas Praktisches: Wir können all das Böse auf ihn werfen, das in unserem Geist und in unserer Seele herumgeistert. Es ist ja der andere, der Böse, der gefallene Engel, der das Böse in unser Leben bringt; und nicht wir. Das hat zudem etwas ungemein Tröstliches: Nicht wir sind böse; wir sind eher vom Bösen verführt.

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Arbeit am Menschwerden

Die eigentliche Arbeit, ein reifer Mensch zu werden, besteht darin, unseren eigenen Schatten zu suchen und uns mit ihm auseinander zu setzen. Wir müssen zu dem Bösen stehen, das in jedem von uns steckt.
Regina Schleheck geht diesen Weg. Sie geht ihn mit uns. Sie zeigt uns all die gefallenen Engel, die Ausgestoßenen, die Verpönten und Ausgegrenzten – und sie zeigt, warum sie sind wie sie sind. Und dass sie Menschen sind wie wir; mit ihren Träumen, ihren Hoffnungen und ihren Wunden. Und sie schafft es, dass wir uns auf sie einlassen, sie am Ende nicht nur bemitleiden, sondern auch verstehen.

Wir sind keinen Deut besser als Schlehecks Figuren

Und dann ist es nur ein ganz kleiner Schritt, bis wir erkennen: Wir mögen uns noch so erhaben fühlen, wir sind keinen Deut besser als die Außenseiter, die Perversen, die Kindsmörder.
Das ist nicht nur hohe Kunst, das ist auch eine verdammt wichtige. Vor allem in Zeiten, in denen die Gutbürger auf Facebook zum Lynchmord gegen mutmaßliche Perverse aufrufen.
Regina Schlehecks Geschichten sind darüber hinaus auch noch literarisch ausgereift und bieten Kurzgeschichten, wie sie sein sollten: sie beleuchten blitzlichtartig und oft unvermittelt eine Situation im Leben der Randfiguren, um sie und uns wieder alleine zu lassen. Manchmal ratlos, immer verstört; aber, was uns verstört, ist der Wind, der unsere Selbstzufriedenheit wegbläst.
Klasse!

Regina Schleheck, Klappe zu, Balg tot, ISBN 978-3940680396

Bild: OCAL, clker.com

Gabriele Hefele wandert mit Mann und Maus nach Andalusien aus – was sie dort erlebt und wie sie mit den Ureinwohnern, vor allem ihrem Gärtner, zurechtkommt, erzählen diese amüsanten Geschichten.

Hefele und ihr Gärtner – herrlich!

Wenn zwei unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen, ist das herrlich – zumindest, wenn beide neugierig genug sind, um voneinander zu lernen. Das ist Gabriele Beate Hefele passiert, als sie Miguel traf, ihren andalusischen Gärtner. Und herausgekommen sind wunderhübsche Glossen, die ihre Leser schmunzeln lassen.
Das alles nahm im Jahr 2000 seinen Anfang, als Gabriele Hefele und ihr Mann nach Andalusien übersiedelten und sich eine Finca zulegten. Den letzten Auslöser, Deutschland zu verlassen, gab übrigens ihr Nachbar, der sagte: „Die Frau Hefele, die lacht immer so viel.“

Frau Hefele lacht viel

Das war ihr ein Graus, in einem solchen Land wollte sie nicht mehr leben  – als lebens- (lusige) Person, die für die Weltwoche, Cosmopolitan und Vogue Glossen schreibt und die wegen ihrer humorvollen Geschichten eine Einladung zum Klagenfurter Publizistikpreis bekam.
Natürlich war die Finca zu groß, um es mit Mann und Maus und dem ganzen Viehzeugs alleine zu bewirtschaften. Zumal Gabriele Hefele und ihr Mann noch eine Firma betreiben, und die Autorin auch weiterhin Autorin bleiben wollte.
Zum Glück heuerte Miguel an. Und seitdem diskutieren die beiden in den Kaffeepausen über Gott und die Welt, die deutschen und die spanischen/ andalusischen Eigenarten.

Andalusisch lernen

Und Miguel und die anderen Spanier helfen die Auswanderern, ihre Kenntnisse der spanischen Mentalität an der Costa del Sol und der andalusischen Sprache zu vervollkommnen. Dabei diskutieren sie wichtige Dinge  – etwa, welches Schimpfwort sich am besten für die dezente Beleidigung von anderen Autofahrern eignet (Ziegenbock).
Entstanden ist ein herzerfrischendes Büchlein, das mit einer Fülle lustiger Anekdoten aufwartet.
Gewürzt ist das alles mit einer Menge hilfreicher Gartentipps von Miguel; als kostenlose Dreingabe.

Alles in allem sehr amüsant und sehr empfehlenswert.

Gabriele Hefele, Mein andalusischer Gärtner, ISBN 978-8496083776

Das rockt!

Bild: pixabay.com/skeeze

Bild: pixabay.com/skeeze

Der amerikanische Autor Tobias Wolff entlarvt meisterhaft die Lügen des american way of life und leiht den vielen kleinen Verlierern eine Stimme.

Reisender in den USA

Ein Reisender verlässt Depoe Bay ein paar Stunden vor Sonnenaufgang. Der Nebel an der Küste ist wattedick, und das eintönige Wischen der Scheibenwischer, das eintönige Surren des Automotors schläfert den Reisenden nahezu ein. An einer Tankstelle tankt er nicht nur, sondern wirft sich auch kaltes Wasser ins Gesicht und trinkt einen Kaffee.

Jedenfalls hat er es vor. Da trifft er Bonnie, eine ziemlich reife Frau, die knallengen Nietenjeans trägt und kniehohe Stiefel und deren Haar ein wenig strähnig ist. Und natürlich hat sie lange Zeit in Kalifornien gelebt, einen Gitarrenkasten dabei und reist per Daumenstopp.

Hund als Schicksal

Er nimmt sie mit. Irgendwohin Richtung Norden. Unterwegs macht der Reisende das Fenster ein wenig auf, trotz des Nebels, denn „Sunshine“ stinkt wie ein eingemotteter Pullover. „Sunshine“ ist Bonnis langhaariger Hund und der wird beinahe zum Schicksal des Reisenden. Zuerst pinkelt er in den Wagen, der dem Reisenden gar nicht gehört, dann lässt er den Reisenden und Bonnie fast verunglücken. „Sunshine“ springt auf den Schoß des Fahrers, schlägt dessen Hand vom Lenkrad und stöbert im Fond nach einem heruntergefallenen Tennisball.

Lakonisches Unglück

Und spätestens hier entfaltet die Prosa Wolffs ihr ganze Meisterschaft. In knappen, lakonischen Sätzen, die an Hemingway erinnern, beschreibt der amerikanische Autor, wie das Auto mit Bonnie, „Sunshine“ und dem

Reisenden ins Schleudern gerät, der Nebel die Windschutzscheibe entlang fetzt, das Auto auf der falschen Spur rückwärts fährt, sich wieder dreht und noch immer auf der falschen Spur entlang rollt. Dann stochern fahle, gelbe Lichter aus dem Nebel auf das Auto zu, der Reisende greift endlich wieder ans Lenkrad und bringt den Wagen von der Straße.

Kurz darauf donnert ein Konvoi von Holzlastern mit heulenden Hörnern an ihnen vorbei.
Soweit das.

Das Leben ändern

Danach fasst man schnell den Entschluss, sein Leben zu ändern. Bonnie und der Reisende kommen sich näher, doch der Reisende ist ein Feigling, und so entspinnt sich keine Romanze im Nebel umwaberten Auto. Stattdessen kehrt der Reisende nach Hause zurück, wo sein widerlicher Geschäftspartner das Sagen hat. Der Reisende gesteht ihm nicht den heimlichen Ausflug mit dessen jetzt verunreinigten Auto, sondern verkriecht sich im stockfinsteren Keller und pafft zwei Marihuana-Zigaretten, die Bonnie im Auto hat liegen lassen.

Der Reisende hockt dort, hört seinen Partner fürchterlich falsch singen beim Hemdenbügeln, riecht dessen schwefliges Parfüm und rechnet sich aus, wie lange es dauert, ehe es unbemerkt in sein Bett schlüpfen kann – eine Ewigkeit.

Kleine Verlierer

Der Reisende ist wie alle Figuren Wolffs ein sangloser Verlierer. In bester amerikanischer Tradition, jedenfalls was die Kurzgeschichten betrifft, schreibt der Autor nicht von den großen Siegen, sondern von den kleinen Niederlagen und den schrulligen Typen, die sich gerade noch am Tellerrand einer kaputten Normalität festklammern.

Etwas blutleer

Nur manchmal geht seine Bildung mit ihm durch, nur manchmal geistern seine Personen allzu blutleer durch seine Geschichten. Und dann sieht man wieder, dass zu viel Bildung noch das beste Schreibtalent verderben kann. Wolff fehlt professoral in „Ein Vorfall im Leben Professor Brooks“, er versucht sich zu sehr an Hemingway in „Raucher“, er stürzt tief „lm Garten der nordamerikanischen Märtyrer“ – dünne Abziehbilder großer Erzählungen sind diese drei Geschichten allesamt, zu glänzend deren Oberfläche, unter der weiter nichts ist.

Brillante Novelle

Wie schön, dass es da andere gibt – den „Lügner“ zum Beispiel, eine brillante Novelle. Ein Junge, Salingers Holden Caulfield sehr ähnlich, wächst ohne Vater, aber mit einer Mutter auf, deren kaltes Herz ein erbarmungsloses Regime führt. Ihre puritanische Wahrheitsliebe erinnert an die dünnhäutigen Lügen des „american way of life“. Der Junge wehrt sich und lügt voller Lust und Anarchie. Die Mutter ist entsetzt, doch auch der eilends als Psychoanalytiker ihres Sohnes vergatterte Hausarzt kann ihr nicht helfen.

Und allmählich, als die Lügengespinste des Jungen immer dichter und frecher werden, verstrickt er auch die erlogenen Wahrheiten der Mutter ins Netz der Widersprüche.

Auf einmal wird klar: Selbst die eulenspiegelhaften Aufschneidereien des Jungen sind nichts gegen die vielen kleinen Lügen der Erwachsenen, die sie stets unerbittlich als Wahrheit ausgeben. Und der Autor zieht seine Narrenkappe und verabschiedet sich.

Der Autor:

1945 ist Wolff in Alabama geboren und doziert heute „creative writing“ an der Syracuse Universiry. Den Schreiblehrer spürt der Leser: Die Geschichten sind geschliffen, haarfein beobachtet, inszeniert ohne Schnörkel. Wenn es aber allzu glatt wird mit der polierten Sprache und ihren Bildern, rettet sich Wolff und damit seine Geschichte mit überraschendem Witz über die eisglatte Sprachfläche hinweg.
Das wird belohnt: Immerhin erhielt er bereits den Faulkner-Preis.

Tobias Wolff: Jäger im Schnee, München, Serie Piper, Piper-Verlag, 184 Seiten, ISBN 978-3492111089

 

 

Saeger, Uwe: Haut von Eisen

Bild: BL

Innenansichten von Verlierertypen aus der zu Ende gehenden DDR gibt Uwe Saeger in seinen Erzählungen Haut von Eisen. Ein wegweisendes Buch.

Versunkenes Land DDR

Mit seinen Erzählungen „Haut von Eisen“ umreißt Uwe Saeger den deutschen Alltag eines versunkenen Landes mit Namen DDR. Die elf Geschichten erzählen vom Leben der kleinen Leute in der Endzeit des surreal existierenden Sozialismus deutscher Prägung. Überall Resignation, eine perfide ausgetüftelte Unterdrückung und kleine Fluchten finden sich da. Das künstliche Leben, von dem sie nichts mehr erwarten, liegt den kleinen Leuten auf der Seele wie eine Haut von Eisen. Kaum eine menschliche Regung dringt herein und kaum eine menschliche Regung dringt nach außen…

Gefrorene Bilder

So sieht es Saeger. Der Autor aus Bellin (nahe Berlin) hat seine Erfahrungen mit der DDR gesammelt und sie in Erzählungen, Romanen und Theaterstücken veröffentlicht. 1987 erhielt er in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seine Geschichten sind gefrorene Bilder aus einer toten Zeit: Keine Hoffnung haben die Menschen, unbehaust sind sie, gelangweilt vom selbstgeschaffenen, kleinen Glück, das sie doch eigentlich verachten. Und obwohl sie ins Netz der SED-Diktatur hoffnungslos verstrickt sind, die bei Saeger nie direkt, sondern manchmal nur durch ihre subalternen Geister aufscheint, haben die Menschen sich darin eingerichtet. Von Aufbegehren keine Spur.

Rebellion war da

Heute wissen wir es besser: Die Menschen haben rebelliert, sie haben aufbegehrt; sachte erst, beharrlich dann, schließlich immer selbstbewusster.

Das Salz dieser Bewegung aber waren wenige – wie immer in der Geschichte – und von ihnen erzählt Saeger nicht. Aber von Micha erzählt er: Der dickliche l9-Jährige fährt eine offene Lok, Tag für Tag, bei jedem Wetter, und seine Lok zieht die Loren aus der Kupfergrube, und ihr alter Diesel schnauft und ächzt. Kein Leben ist das, das spürt Micha genau, auf dem Kaff, wo er wohnt, ist’s nur noch öd und fad. Raus will er, der Micha, nur weg. Aber wohin? Und wie?

Öder Trott im Sozialismus

Nun, so geht alles seinen Trott, und Micha trottet mit: Die nächtlichen Besäufnisse mit der Clique, deren Hanswurst er ist, das tägliche Zetern seiner Mutter über den missratenen Sohn, die stumpfsinnige Arbeit. Nichts weiter.

Eines Tages ist es anders bei Saegers Helden

Vieles an Saegers Micha erinnert an das „Unding der Liebe“, das Ludwig Fels vor einigen Jahren schuf. Doch eines Tages ist’s doch anders: Da steht der Robert auf den Schienen, die Michas Lok entlangschnaubt.

Micha hält an und Robert, 91 Jahre alt, erzählt von seiner Tochter, die ihn heute mit Kind und Mann besuchen kommt. Wie sich der Alte freut: Tochter Irmeken hat er schon lange nicht mehr gesehen, die ist tatsächlich weg aus dem Dorf. Jetzt endlich lernt der alte Robert auch ihren Mann und den Balg kennen. Seine 91 Jahre sieht man ihm gar nicht an, so sprüht er vor Energie.
Ach, dem Micha ist das egal, er ist fertig mit sich und der Welt: „Bin neunzehn, sagt Micha, neunzehn und hab alles so satt, ich könnt mich a’n nen Baum hängen, und nischt wär anders.“

An einem Baum

Doch dann: Irmekens Mann ist ein Schwarzer, das Kind eher schwarz als weiß, und für Robert bricht eine Welt zusammen.

Während Micha noch auf seiner Lok von Irmeken träumt, in die er mal verliebt war als Junge und es vielleicht immer noch ist, hängt sich der Alte an eine Birke, nahe den Schienen.
Wie Micha ihn findet, hat Saeger großartig beschrieben. Und auch, wie sich kurz vorher Michas Wut über alles so verdichtete, dass er vielleicht wirklich aus seinem toten Leben aufbricht. „Mitten im Wald ein Baum“ heißt die Erzählung, sie ist eine der gelungensten in dem Buch. Weniger gelungen sind Saegers Dialoge über weite Strecken. Das ist bedauerlich für einen Autor von Theaterstücken. Sie durchwühlen die Texte, oft als Dialoge unkenntlich, vom Autor verschämt versteckt – ohne Anführungszeichen. Das ist unnötig atemlos.

Bleierne Zeit

Die Geschichten sind im Herbst 1990 erschienen. Da feierte das deutsch vereinigte Land schon im Hochzeitsbett, die Braut DDR hatte mit dem Brautkleid auch den sozialistischen Schleier abgelegt – wen interessierte damals noch die Zeit vor der Hochzeit? Die bleierne Zeit mit der Haut von Eisen? Erst später wechselten Braut und Bräutigam verstohlene Blicke, misstrauisch und ein wenig lieblos zuweilen. Doch da war es zu spät.

Uwe Saeger, Haut von Eisen, München, Piper-Verlag, 263 Seiten, 978-3492030878