Bild. pixabay.com/Foundry Co

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Nichts für zarte Gemüter ist Leopoldo Azancots Roman »Verboten«. Wer ihn liest, der wird mitunter versucht sein, sich in einem Eierbecher voller Eiter zu ertränken. Ein scheußliches Gebräu ist dieses Buch – höchstens etwas für bevorzugte Feinde.

»Neue erotische Literatur« will der Frank­furter Verlag mit der Fliege in seiner neuen Reihe präsentieren; das eigentlich macht neugierig, ha­ben ja gerade wir Deutschen ein gequältes Verhältnis zur Erotik und zurerotischen Literatur allemal. Die Reihe »Neue erotische Literatur« vereinigt dann auch nur spanische Autoren und Autorinnen.

Kardinaler Purpur

Was sich aber so vollmundig ankündigt und schön gestaltet ist in kardinalem Purpur und Violett, das hält sein hohes Versprechen nicht. Leopold Azancot hat mit der kurzen Ge­schichte keinen Roman geschrieben und einen erotischen schon gar nicht. Sondern ein schauderhaftes Elaborat literarischer Verblasenheit. Und die Sprache ist auch eher dürftig.

[inbound_button font_size=“20″ color=“#c8232b“ text_color=“#ffffff“ icon=“heart“ url=“https://www.amazon.de/Osswalds-Kosmos-besser-Schnurren-Satiren-ebook/dp/B01LYYK09R/ref=as_sl_pc_tf_til?tag=bruderlustig&linkCode=w00&linkId=&creativeASIN=B01LYYK09R“ width=““ target=“_self“]Lang ersehnt[/inbound_button]

Die Story ist simpel: Ein junger Student und sein Freund werden von der Polizei verfolgt, ihr Auto erleidet Totalschaden und der Freund ein jähes Ende; der Student flieht. Und weil an einer Straßenecke gerade eine junge Hure herumsteht, tarnt sich der Ver­folgte mit ihr und folgt ihr nach Hause. Beide erzählen sich ihre Geschichte, in etlichen neuen Anläufen. Er wird als Terrorist ge­sucht, und der so Ausgestoßene ergeht sich in Rhapsodien auf die verrottete spanische Ge­sellschaft.

Verrottete Gesellschaft

Sie ist eigentlich als Junge geboren worden, fühlte sich aber immer als Mädchen und als Frau. Nun, nach einer Hormonbe­handlung, ist sie Transvestitin, die ihr Geld auf dem Strich verdient – die doppelte Ver­werflichkeit stößt auch sie gründlich aus der Gesellschaft aus. Beide sind sich fremd, kom­men sich näher, wenigstens wächst ihr Begeh­ren. Sie aber fühlt sich von ihm nicht als Frau akzeptiert; als sie ihn tuntig in Frauenklei­dern überrascht, ist das Maß ihrer Demüti­gung voll: sie vergewaltigt ihn und verrät ihn an die Polizei.

Nein, keine Angst, die Geschichte ist jetzt aus. Es reicht ja auch …

Ein »Roman«, den man wirklich und wahr­haftig nur seinen bevorzugten Feinden schen­ken sollte.

Alles Liebe – Lichtblau !

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Bild: pixabay.com/Damon Nofar

Oft Gesehenes neu gesehen: Die Geschichten der Carson McCullers im Buch Der Nomade sind Miniaturen der Außergewöhnlichkeit.

In Carson McCullers Geschichten begegnen wir Menschen, die wir schon oft gesehen haben. Aber wir betrachten sie plötzlich mit ganz anderen Augen, erkennen Neues, Anderes. Wir sind fasziniert von der leise tropfenden Trauer in den Kurzgeschichten.

Ein Unbehauster, ein Nomade

Nehmen wir den Nomaden, den Unbehausten. John Ferris heißt er und ist einer von ihnen. Ferris ist aus Paris nach New York herübergekommen zur Beerdigung seines Vaters. Da sieht er seine geschiedene Frau Elisabeth auf der Straße, ruft sie später an, sie lädt ihn ein. Der Nomade nimmt an, sein Flug nach Paris geht erst am nächsten Tag. Ferris dringt in ein völlig fremdes Leben mit dem aktuellen Ehemann von Elisabeth ein und den Kindern. Das Treffen kommt uns irgendwie surreal vor, durchsetzt mit den Erinnerungen Ferris’.

Brüchiges Leben

Als Ferris vom Flughafen mit dem Taxi durchs nächtliche Paris fährt, erkennt er das Unstete seines Lebens, die nagende Unbehaustheit. Unbehaust, brüchig, ohne Liebe; so lebt er. Das will er ändern. Und die einzige brüchige Hoffnung für seine Liebe ist das Kind seiner Lebensgefährtin, Valentin.
Diese Liebe könnte den Pulsschlag der Zeit vielleicht nicht beeinflussen – aber vielleicht dem Nomaden so etwas wie eine Stetigkeit verleihen. Denn nur in der Ruhe findet man seine Mitte … gönnen wir’s ihm.

Fantasy: Anke Höhl-Kayser, Ronar, Drei Ähren

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Bild: pixabay.com/AJRMK

Mit dem Buch Drei Ähren ist die Ronar-Trilogie an ihr Ende gekommen. Das dritte Buch hält Überraschendes für uns bereit.

Eigentlich könnte alles gut sein. Ronar, der einst verspottete Junge, lebt geachtet im Volk der Elthen. Aber jeder kann nur so lange friedlich leben, solange es nicht jemanden gibt, der ihm das Leben zur Hölle macht. Und den gibt es – dem mächtigen Zauberer passt die ganze Entwicklung gar nicht. Der hat unglücklicherweise zudem die Macht, die Zeit zurückzudrehen. Und das tut er. Das Reich der Elthen löst sich in Nichts auf, Ronar findet sich am Anfang der Geschichte wieder.

Ronar lebt mit 15 Jahren noch immer bei der Familie des Schmieds und ist wieder der verspottete Einzelgänger; die Elthen hausen unfrei und sind zum Fällen der von ihnen so geschätzten Bäume gezwungen.

Bitter für Ronar

Eine bittere Entwicklung. Das Finale der Trilogie stellt Ronar vor die bisher schwersten Aufgaben. Er ist, ohne Zauberkräfte und Erinnerung an sein wahres Ich, ganz auf sich zurückgeworfen; und hat – anscheinend – die Segnungen und Errungenschaften aus den bisherigen Abenteuern verloren. Es muss ihm gelingen, seine magischen Fähigkeiten zurückzugewinnen, um sich und seinen Freunden zu helfen.

Anke Höhl-Kayser hat sich im Laufe der Trilogie in eine sichere Meisterschaft hineingeschrieben; und sie spielt gekonnt mit den Ingredienzien der Fantasy-Literatur. Dass sie im dritten Band alles wieder auf Null setzt, ist mutig; und verlangt ihr als Autorin noch einmal alles ab.

Sie meistert die Klippen der Erzählung allerdings genauso wie Ronar seine Abenteuer besteht. Lesetipp!

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Bild: pixabay.com/Alexandra

Der satan, äh, der satanarchä… naja, der
satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch von Michael Ende halt – das Buch ist klasse, auch, wenn er einen unaussprechlichen Namen hat.

Ein echter Ende

Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch von Michael Ende ist ein lustiges Buch für Kinder, die Spaß an abgedrehten Geschichten haben – naja, welches Kind hat das nicht?
Und die Geschichte geht so: Was tun, wenn das Jahr sich seinem Ende zuneigt – und das Soll an bösen Taten noch lange nicht erfüllt ist? Nur noch sieben Stunden bis zum Jahresende – und noch soooo viele böse Taten. Tja, da hat der böse Zauberer Beelzebub Irrwitzer ein dickes Problem an der Backe. Denn was ihm blüht, wenn er sein Soll an Schlechtigkeit nicht erfüllt – das weiß er genau. Und davor zittert er mächtig.

Die böse Tante Tyrannia

Da schneit ihm Tante Tyrannia mit der rettenden Idee ins Haus, dem Rezept
für den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch, der jeden Fluch
sofort in Erfüllung gehen lässt. Das sieht auf der ersten Blick wie die Rettung aus. Doch sie ist teuer bezahlt – das gute Tantchen ist ein echter Stinkstiefel und macht dem dusseligen Irrwitzer das leben zur Höllen.
Dennoch legen sich die Hexe und der Zauberer mächtig ins Zeug, um noch möglichst viele böse Taten zu vollbringen.

Zwei Spione

Und noch ein Problem gibt es: Die Hexe und der
Zauberer ihre Rechnung ohne den Kater Maurizio und den Raben Jakob
gemacht. Die beiden Spione des Hohen Rates der Tiere setzen
alles daran, die Welt vor dem drohenden Unheil zu bewahren! Auch, wenn sie eigentlich gar nicht so dolle mutig sind – sie haben eine Pflicht zu erfüllen! Jawoll ….
Tja, da kommen der Zauberer Beelzebub Irrwitzer und seine Tante, die Geldhexe Tyrannja Vamperl, ganz schön ins Trudeln…

Michael Endes tolle Geschichte

Denn der Kater Maurizio und der Rabe Jakob sind gleichwertige Gegner.
Wer gewinnt?
Naja, das ist ja eigentlich klar – aber viel spannender ist, WIE sie das anstellen …

Ein irr-witziger Lesespaß, nicht nur für Fans von Michel Ende. Und wir drücken auch ein Auge zu, dass Michael Ende mitunter ein wenig schwierig erzählt; in diesem Buch. Da musst du dich ein wenig durch den Anfang quälen, bis du durchsteigst … aber dann …

Bernadette Kaufmann

Ende, Michael – Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch …
Kaufe das Buch hier!

Prinz

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In ihrem Märchenbuch Die Suche nach dem verzauberten Prinzen schreibt Irmgard Schertler von einer Welt, die dem Paradies nahekommt.

Ein sanftmütiges, gutes Mädchen

In ihrem Märchenbuch Die Suche nach dem verzauberten Prinzen schreibt Irmgard Schertler von einer Welt, die dem Paradies nahekommt – zumindest ist die Seele der Protagonistin Michaela rein wie Schnee im Himalaya. So viel Güte muss belohnt werden – mit dem Traumprinzen für das gute Mädchen.
Sind wir nicht alle auf der Suche nach dem Traum-Partner? Dem Prinzen oder der Prinzessin, die uns aus den trüben Niederungen des Alltags herausholt? Und deren strahlendes Wesen auch uns erleuchtet?
Natürlich.
 Und auch Michaela geht es so, der Protagonistin aus Irmgard Schertlers Märchen. Denn sie ist anders – und kann mit dem schnöden Alltag nichts anfangen. Mit dem Traumprinzen, der sie liebt und auf Händen trägt, könnte sie schon etwas anfangen.

Michaela ist ein gutes Kind

Und sie erfährt auch bald, wieso sie anders ist. Sie ist sanftmütig, kann keiner Fliege etwas zuleide tun, ist zu allen Lebewesen gut. Und sie sitzt am liebsten unter der jungen Buche und träumt. Hier fühlt sie sich geborgen. 
Und als sie eines Tages auf der Bank einschläft, erscheint ihr der Traumprinz. 
Aber den gibt es, wie im Märchen üblich, nicht geschenkt. Michaela muss etwas dafür tun – wie gut, dass ihr die Aufgabe des Prinzen gelegen kommt: Sie muss zu allen Lebewesen gut sein. Und ihn retten. Das fällt Michaela ja nicht weiter schwer. Allerdings ist der in Michaelas Welt mit einer anderen Gestalt anzutreffen. Und das macht die Sache ein wenig komplizierter.

Tapfere Michaela 


Michaela also muss zu allen Lebewesen gut sein.
Zu allen Lebewesen, ob Pflanze oder Tier. Das ist so recht nach Michaelas Geschmack. Allerdings ist die ganze Angelegenheit ein wenig unübersichtlich – denn auf der Welt leben ja auch so viele Tiere und Pfalnzen. Michaela macht sich dennoch und sofort mit Feuereifer an die Arbeit, die Welt zu retten. Hört als Hilfsköchin auf, heuert als Gärtnerin an – weil sie hier viel Gutes für Pflanzen tun kann. Nur manchmal möchte sie vor der Größe und der Ungewissheit ihrer Aufgabe schier verzweifeln. Aber Michaela ist ein tapferes Mädchen, das ganz hartnäckig und unbeirrbar an ihrer Güte festhält. Die Anfechtungen verfliegen so schnell, wie sie gekommen waren.

Warum wir keine Traumprinzessin finden …


Und allmählich dämmert uns, wieso uns keine Traumprinzessin über den Weg läuft: Weil wir nämlich meilenweit davon entfernt sind, die Welt zu retten.
Gut, wir mögen Tiere. Und Pflanzen auch. Das hält uns Normalsterbliche allerdings nicht davon ab, eine Menge von ihnen jeden Tag zu fressen.
Aber wenigstens wissen wir jetzt, woran es liegt, dass wir so schmählich versagen.
Michaela hingegen schafft das.
Am Ende sind der gerettete Prinz und sie vereint.
Wie wunderschön.


Ein Märchen ohne Anfechtungen

Irmgard Schertler schreibt direkt, ungekünstelt und dennoch mit Emphase.
Das Büchlein ist eine schöne Lektüre für alle, die’s kuschelig mögen. Ohne Anfechtungen, ohne Arg, ohne Gegenspieler (bis auf die bösen Menschen, die den Prinzen in seiner weltlichen Gestalt bedrohen). Und für alle Leser, denen die Märchen der ollen Brüder Grimm zu blutrünstig und die des Dänen Anderson zu traurig sind. 
Wir sind gerührt von so viel blendendweißer Reinheit, wie Michaela sie ausstrahlt. Und wünschen uns den Kinderglauben zurück, der uns auch so vorbehaltlos an das Gute glauben ließ …

Irmgard Schertler, Die Suche nach dem verzauberten Prinzen, Ein Märchen, Engelsdorfer Verlag, ISBN 3937930515.

Der letzte Jude

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In seinem Buch Der letzte Jude begibt sich Yoram Kaniuk auf die Fährten eines uralten Volkes – und versucht, sein Wissen zu erhalten.

Tag der Befreiung

Es sieht nicht so aus, als komme eines Tages noch die Befreiung. Dazu ist die Lage im Konzentrationslager viel zu verzweifelt. Tagein, tagaus Schikanen, Misshandlungen, Tod. Wenn aber einer überleben wird, die Gräuel der Folter und des Hungers und der Gaskammer überstehen wird, dann wird es Ebeneser Schneurson sein. Er ist gerissen genug und hatte immer schon sagenhaftes Glück.

Das alte Wissen der Juden

Also lernt er das jahrhundertealte Wissen der Juden im Konzentrationslager, lernt Dinge auswendig, deren Bedeutung er nicht kennt, nur, damit das Wissen des alten, traurigen Volkes nicht verloren geht mit dessen physischer Vernichtung. Denn wenn er überlebt und das Wissen weiterträgt, wird es nicht sterben – wie so viele seiner Glaubensbrüder und -schwestern.
Es kommt anders, Gott sei Dank, die Nazis verlieren noch rechtzeitig den Krieg, ehe sie alle Juden und Andersdenkende vernichtet und ganz Europa unterjocht haben – und viele Juden wandern aus ins Gelobte Land. Ebeneser ist darunter.

 Geschichte der Juden-Verfolgung: der letzte Jude

„Der letzte Jude“ erzählt nicht nur die Geschichte der Verfolgung und der Zeit danach, als Schneurson mit Schmuel Lipker durch die Bars tingelt und für einen Hungerlohn sein Wissen rezitiert, er schildert auch die Spurensuche nach dem letzten Juden. Auf die macht sich – eher widerwillig – Schneursons Nachbar und ein Schriftsteller aus Deutschland, der dessen Geschichte schreiben will –  das Buch vernetzt die Ebenen.

Manchmal etwas wirr erzählt

Das ist ein toller Plot voll guter Ideen. Allerdings scheinen mir Kaniuks Rückblenden manchmal zu wirr; so, als bemühte er sich ständig darum, ein wenig kryptisch zu schreiben, damit das Ganze hoch literarisch wirkt. Das ist bedauerlich, denn eine Geschichte wie der letzte Jude braucht keine literarische Überhöhung. Sie wirkt alleine mit ihrer brillanten Grundidee und dem Grauen, das sich in der Erzählung ausbreitet – je nüchterner das Grauen erzählt wird, desto brutaler wirkt es. Paradebeispiel, wie das geht, ist etwa Kafkas In der Strafkolonie. Unterkühlter und sachlicher kann man das Grauen nicht schildern.

Der Roman ist eine Perle, das Thema Juden auch

Und dennoch ist Kaniuks Roman eine Perle, erzählt es die Geschichten von vielen, die Vorfahren des letzten Juden sind oder dessen Weg sie kreuzten und in den zahllosen Anekdötchen und Seitenarmen der Erzählung spiegelt sich die reiche Geschichte des Juden wider: All ihre Großartigkeit, ihre Verrücktheiten, ihre Niedergeschlagenheit und es ist manchmal, als schlage man im Alten Testament nach und lese die Geschichten dort.
Kaniuk ist ein begnadeter Erzähler; oft ist es schade, dass er die Geschichten nur andeutet und sie nicht ausarbeitet. Langweilig aber wird er nie.
Yoram Kaniuk, Der letzte Jude, Dvorah Verlag, Frankfurt, 420 Seiten.

 

Blasses Blut

Bild: pixabay.com/kai Stachowiak

Boris Maggionis Buch Blasses Blut lässt einem das eigene Blut in den Adern gefrieren – so sehr geht sein Sujet unter die Haut und lässt dem Leser das Blut stocken.

Bestattungsunternehmer als Mörder

Was für ein Buch! Das Thema ist eklig und faszinierend zugleich. Und es ist konsequent durchgezogen – mit allen wilden Haken, die eine überbordende Fantasie schlagen kann. Paul Neumann (ausgerechnet!) heißt die Hauptfigur, in deren leben wir hineinschauen dürfen. Ein glücklos Liebender, ein einigermaßen erfolgloser Bestattungsunternehmer. Der ist moralisch so verkommen, dass er die beste Freundin seiner Freundin zu ermorden versucht – weil er eigentlich die Freundin seiner Freundin liebt; und so lange die am Leben ist, hat er keine Ruhe. Und kann seine Geliebte nicht lieben. Glaubt er.

Blasses Blut: Innerer Monolog

Wir erfahren davon, weil wir Zeugen werden von dem Mahlstrom des inneren Monologs, der ab und zu in einen Dialog mündet, um dann wieder zu Gedankenstrom zu erden, er ich durchs Pauls Leben zieht; und eben durch unseres, weil wir davon lesen.
Der Anschlag misslingt, so viel sei hier verraten – und dann hat erst recht die Post ab. Paul wird auf die Idee gebracht, die tote Damen  seinem Bestattungsinstitut als  Ladys für gewisse Stunden zu vermieten. Und er staunt selbst, dass sich dafür offensichtlich eine Menge Männer begeistern können.
Eine Geschäftsidee ist geboren – das Bordell mit den toten Damen.

Reichlich seltsam

Hm. Das mag für manche Exoten wie mich, die eher lebendigen Frauen den Vorzug geben, reichlich seltsam erscheinen – aber Boris Maggoni schafft es, unsere Zweifel als Leser zu zerstreuen. Weil er nämlich seinen Paul genau diese Zweifel haben lässt, die uns bewegen. Paul bekommt sie zerstreut, worüber er sich selbst am meisten wundert.
Der versuchter Mord an einer Freundin und das Bordell mit den toten Damen wäre an sich schon Wahnwitz genug für ein normales Buch – aber Blasses Blut ist nicht normal. Ganz und gar nicht. Boris Maggioni setzt immer noch einen Treppenabsatz auf der Stiege in das absolute Irresein drauf.

Überforderte Pschychiater

Da dürfen natürlich auch die Psychiater nicht fehlen, die von so etwas reichlich überfordert sind. Oder selbst zu Freiern werden in dem seltsamen Bordell – allerdings bevorzugen sie selbstverständlich die toten Männer denn ein Psychiater, der etwas auf sich hält, fickt keine Ladys, sondern Kerle; und mögen sie noch so tot sein.
Gut, um nicht zu viel zu verraten: Wir bekommen es in diesem Roman mit einer mächtigen Organisation skrupelloser Frauen zu tun, die Pauls Unternehmen eher befeuern als verhindern. Mit viel Abhängigkeitserotik (nicht nur mit den toten Damen, sondern auch den Freundinnen der Hauptfigur). Einem bösen Mord (dann doch) in seinem Umfeld. Und schließlich dem Massaker in der Zentral der Frauenorganisation.

Bin ich ein Frauenhasser?

Was mir daran gefällt? Bin ich vielleicht doch ein heimlicher Nekrophiler? Blutrünstig? Ein Frauenhasser? Ein Psychiater-Verächter? Ich glaube nicht.
Ich mag das Tempo des Romans Blasses Blut – er ist erkennbar durchgezogen, ohne dass der Autor viel nach rechts oder link geschaut hätte. Das ist in diesem Fall geglückt, weil auch das Tempo der Handlung und des eskalierenden Irrseins mit diesem atemlosen Schreibstil aufs feinste korrespondiert. Und doch sind die Personen, soweit sie für die Handlung tragend sind, von einer passgenauen Stimmigkeit. Es passt. Und zu dem sich steigernden und übertreffenden Wahnwitz (es kommt noch viel schlimmer als bisher – auch, wenn wir das kaum für möglich halten) gehört die Quintessenz des Ganzen: Crime DOES pay; der Mörder kommt ungeschoren davon.

Mit der Mordlust spielen

Auch das gefällt mir, weil davor immer noch viele Krimiautoren zurückschrecken. Weil sie zwar mit unser aller Mordlust spielen und die Gier befriedigen, lechzende Zaunzeugen fremden Leids und fremde Bluttaten zu sein – aber bitte schön mit dem schlussendlichen Purgatorium, dass sich Verbrechen doch nicht auszahlt. Das ist etwa so, als glaube ein eifriger, verheirateter Bordellgänger im richtigen Leben, das sei alles nicht so schlimm, weil er anschließend zur Beichte geht.

Maggioni ist anders

Maggioni ist anders – er gönnt uns in Blasses Blut auch dieses Schlupfloch nicht. Wir müssen schon dazu stehen, dass wir eine Menge menschlichen Mülls ertragen haben, ohne am Schluss die Absolution für unsere Geiferei und unser Spannertum zu bekommen. Blasses Blut – wir machen es erst möglich. Da ist er ähnlich konsequent wie der Existenzialist Boris Vian einst war. Auch deshalb gefällt mir das Buch.
Alles klar also? Fast. Vielleicht sollte sich der Autor bei anderen Romanen, die eine langsamere Gangart anschlagen,  ein wenig mehr Zeit lassen. Aber hier, wie gesagt, passt das wunderbar!

Regentage-Buch

Bild: pixabay.com/Hans Braxmeier

R. D. V. Heldt hat Kindern ein ganz besonderes Buch geschenkt – eines, das die gute alte Zeit ein bisschen wieder aufleben lässt. Es ist ein Buch für Regentage; und gegen Langeweile. Köstlich.

Was machen bei Regen?

Was machen Kinder heute, wenn es regnet? Den Fernseher an, die Spielkonsole in Betrieb nehmen! Das muss aber nichts sein. R. D. V. Heldt zeigt mit ihrem Büchlein von 84 Seiten, dass es auch anders geht; kreativer, spannender, so, wie es früher war.
Das Buch ist ein wenig wie ein Stück Treibholz aus der guten alten Zeit – aber genau das macht es mir so sympathisch.

Gegen Langeweile: das Regentage-Buch

Das Regentage-Buch gegen Langeweile ist für Kinder ab 6 Jahren gedacht und enthält viele Rätsel, Geschichten, Wissensfragen und Ausmalbilder; denn es ist ein Taschenbuch. Und kein eBook. Dieses Ausmal- und Rätselbuch mit Geschichten der Brüder Grimm sollen Kinder sich gemeinsam mit Freunden vornehmen, Rätsel lösen, Spiele spielen, Fragen beantworten und natürlich auch Bilder ausmalen! „Durch die Rätsel und Wissensaufgaben, sowie Ausmalbilder ist dieses schöne Buch so vielseitig, dass es durchaus auch für ältere Kinder geeignet ist.
Einige Aufgaben sind sogar erst von Kindern ab 8 Jahren zu lösen. Auf jeden Fall haben aber die Kleinen jede Menge Spaß mit diesem Buch“ – heißt es im Klappentext.
Begleitet werden die Kinder von Schnecke „Hörnchen“.
Das Buch ist ein echtes Kleinod.

ISBN 978-1481871044 

Jansen, Ulrike: In Liebe verzeihen

Liebe

Bild: pixabay.com/Hebi B.

In Ulrike Jansens Buch In Liebe verzeihen zieht sich die Autorin bis auf die Seele aus.

Ein Mensch zieht sich aus.

Warum tut er das? Weil er sich exhibitionieren will? Manchmal. Das ist dann unangenehm für den Betrachter, denn da wird in Tagebuchmanier voller Selbstmitleid bejammert, wie tragisch das Leben ist, wie schlecht man weggekommen ist. Es wird ein Fähnchen der Tapferkeit dem Leser entgegengehalten und Bewunderung fürs schlimme Schicksal erheischt.

Ulrike Jansen zieht sich aus

Warum tut sie das? Weil sie eine großartige Person ist und damit anderen beweist, dass das Leben großartig sein kann, wenn man überlebt hat, was im Allgemeinen zur Traumatisierung und Abtötung der Seele führt. Oft überaus humorvoll, nie selbstmitleidig, berichtet die Autorin davon, wie es ist, als Baby „weggeworfen“ zu werden, wie es ist, in der Lieblosigkeit, der Übergriffigkeit eines Heims aufzuwachsen. Und in diesem Fall ist die Großmutter eindeutig der Wolf, denn diese Person hat das Baby Ulrike der jungen, ohnmächtigen Mutter weggenommen.

Und Wölfe sind sie alle

in diesem Kinderheim unter dem Schafffell der Nonnenkluft. Macht ausüben ist die Devise; wer nicht funktioniert – denn es geht nur ums Funktionieren, nie um Liebe, wie Jesus Christus predigte – wird verprügelt, gequält, ihm wird die Ehre abgeschnitten, bis er gedemütigt am Boden liegt. So erging es der Autorin in der frühesten Kindheit.
Auch später dann während der Ausbildung war es kaum anders, denn die Autorin musste 18 werden, um dieser Hölle auf Erden zu entkommen.
Statt zu hassen lieben
ist die Devise von Ulrike Jansen. Sie, die beinahe zum seelischen Krüppel geworden ist, verzeiht einfach. Als ob das so einfach wäre! Sie ist eine der Guten, das muss ich neidlos eingestehen. Sie hat das „Rache-Gen“ jedenfalls nicht in sich, Hut ab vor so viel Nächstenliebe!

Schmerz und Glück

Zuerst ein Schmerzbuch, dann ein Glücksbuch.
Ganz ohne Wichtigtuerei beschreibt die Autorin ihren Weg aus der Eiswüste in die Liebe. Statt im Hass zu ersticken, in der Verletzung zu erstarren, sich in eine Psychose zu begeben oder als Amokläuferin Vergeltung für das Angetane zu üben, steigt Ulrike Jansen wie Phoenix aus der Asche und widmet ihr Leben der liebevollen Betreuung und Pflege.

Die schlichte Botschaft

der Ulrike Jansen an alle Kinder dieser Welt: Gebt niemals auf! Was euch auch angetan wurde, ihr habt es überlebt. Macht das Beste daraus. Verzeiht, vergebt. Nur dann besteht die Chance, ein erfülltes Leben zu haben. Und ich muss sagen, ja, recht hat sie, die Ulrike Jansen. Denn wer stets hadert, Rachegedanken wälzt, die schlimmen Erinnerungen an der Brust nährt, wird schließlich darin untergehen.

Elsa Rieger

Die Autorin:

Ulrike Jansen wurde 1961 in Wattenscheid geboren, wuchs dort bis 1979 in einem Kinderheim auf. Seit fast 30 Jahren ist sie nun schon in einer Universitätsklinik als Krankenschwester auf der gynäkologischen Station tätig.

 
Ulrike Jansen, In Liebe verzeihen, 235 Seiten, Preis: 13.90 €, Wagner Verlag, ISBN: 978-3-86279-073-9

Zeitschrunden

Bild: pixabay.com/Gerd Altmann

Es geht also ums Verstehen, also Nicht-Verstehen, also um die Berührung, wenn man etwas anders schreibt. So wie es Norbert Sternmut in seinem neuen Werk „Zeitschrunden“ tut.

Bei diesem Wort, dem Schrunden, das noch lange nachhallt, wenn man es einmal ausgesprochen oder sich auf der Zunge zergehen lässt, denkt man vielleicht zunächst einmal an zerschunden. Doch man merkt sehr schnell, dass man über ein fast unscheinbares kleines „r“ stolpert: Und dieses kleine „r“ fordert einen auf, weiter zu denken, weiter zu fühlen und weiter zu lesen.
Aus dieser kleinen Irritation herauskriechend (wie aus einem Riss, einer Schrunde) stösst man spontan auf eine Zeile aus dem Gedicht „Lichtkörper“, in dem es heißt: „Du schaust und denkst//dir Sinn in die Stunde“ – und man fragt sich, warum es nicht heisst: … und fühlst dich als Sinn in die Stunde? Um doch gleich darauf eine Antwort zu erhalten: „Wirst du ihn nicht finden, suchst du//ins Schädelinnere,//wo das Himmelsblatt//bricht.“
Ein Blatt bricht, wenn es gefroren ist. Vielleicht ist es dann sogar blau und nicht grün. Blau wie der Himmel an wolkenlosen Tagen. Und gebrochen wie ein Herz, auf das man unbedacht, mit einem unbedachten Wort, einer ebensolchen Geste oder einer Lüge getreten ist.
Um es kurz zu machen: Sternmuts Worte offenbaren nicht insgeheim Zärtlichkeiten. Und sie zeigen uns auch nicht nur, wie er mit sich selber spricht. Nein, er eröffnet sogleich ein Gespräch in alle möglichen Richtungen: in die Scham eines Selbstgesprächs oder des Sinn bzw. Unsinn des Lebens oder den Klang seiner eigenen Stimme, die man manchmal hört, wenn man mit einem anderen Menschen spricht.

Melancholie im Blick

„Du weißt, ich kann fliegen,//wie ein alter Maikäfer,//der auf Fingerkuppen abhebt.“ Die Melancholie im Blick beim Beobachten des davonschwebenden Käfers (er hätte ja noch etwas dableiben können) schwingt zart in Sternmuts Gedichten mit, überall, doch auch, dass daraus ganz schnell ein Gefühl von Freiheit werden kann.
Nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Leben spielt sich immerzu in einem unendlichen Austausch von Zeichen und Gefühlen ab. In Sternmuts Zeilen darf man sich mithin nie sicher fühlen. Und irgendwann will man es auch gar nicht, sondern „im schiefen Wind“ behutsam aus der manchmal längst geschlossenen eigenen Sinnlichkeit herausfliegen – in eine neue.
Schreiben heisst leidenschaftlich sein. Das wird in „Zeitschrunden“ mehr denn je klar. Denn nur leidenschaftlich überlebt man den Tag, die Nacht, die existenzielle Langeweile, die sich in jedem von uns hin und wieder breitmacht. Ironie bleibt also als Überlebensmassnahme da nicht aus. Sternmut also „hielt die Liebe hoch in die Luft, zuweilen//in einem Schwall.“
Man ist froh, hier in diesem Büchlein von einem solchen Schwall oder dem Gesabber, das allenthalben zu hören und zu lesen ist, verschont zu bleiben.

Willi van Hengel (inspiriert)

ISBN: 978-3-86356-045-4

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