Erinnerungen an ein hartes Leben: Sylvia Schöningh-Taylors Buch Kinderdiebe

Kinderdiebe

Bild: pixabay.com/skeeze

Das Buch Kinderdiebe ist harter Tobak; mit Erinnerungen an eine harte Zeit. An manchen Stellen ist es mir zu weinerlich.

Sylvia Schöningh-Taylor hat es nicht leicht gehabt. Deutschland und die Deutschen, später England und manche Engländer haben ihr übel mitgespielt. Oder doch nicht? Vielleicht hat sie das alles doch ein wenig zu sehr auf sich bezogen. Und: Wir sollten nicht nur die Schuld bei den anderen suchen. Das hat Sylvia Schöningh-Taylor eigentlich auch gar nicht nötig.

Es ist also ein Buch, das mich mit gemischten Gefühlen zurücklässt.

Was steht drin? Sylvia Schöningh-Taylor wächst an der einstigen Zonengrenze im Werratal auf — die aktuellen Auswüchse eines deutschen Unrechtsstaates (DDR) direkt vor Augen; und der andere deutsche Unrechtsstaat, Nazideutschland, nistet derweil im Schweigen der Erwachsenen. Das ist hart. Aber wenn das reicht, um eine traumatisierte Jugend zu haben, wären so manche Deutschen unserer Generation hart an der Kante zum Wahnsinn gelagert.

Was erlebt die Autorin in England? Das gelobte Land?

Doch für Sylvia Schöningh-Taylor reicht das, sie hat genug von diesem Vaterland und sie wandert nach England aus. Dort kommt es bald schlimmer als zu Hause. Nach den Verheißungen der Roaring Sixties in London und anderswo auf der Insel errichtet irgendwann Maggie Thatcher ihre kaltherzige Herrschaft. Und schon geht es für Sylvia Schöningh-Taylor ganz schrecklich zu, weil sie offensichtlich furchtbar empfänglich ist für politische Großwetterlagen, wie wir das schon im engen deutschen Werratal gesehen haben.

Schlimme Erinnerungen

Die Engländer, und vor allem die Umgebung von Sylvia Schöningh-Taylor, rutschen sozial ab – und wer ist dran Schuld? Diese deutsche Frau, die den Krieg verloren hat. Sylvia Schöningh-Taylor also. Schlechte Karten, um auf der Insel in Frieden zu leben.

Ich war nicht dabei. Ich kann es mir dennoch nicht vorstellen, dass es genau so gewesen ist; zumindest, was die Gründe für die jeweiligen Entwicklungen betrifft. Sylvia Schöningh-Taylor lebt mir einfach viel zu viel Weinerlichkeit, Selbstmitleid und Fremdschuld.

Was sie erlebt hat, war wirklich hart – einschließlich des Verlustes ihrer Kinder, die auf der Insel blieben.

Doch das Wühlen in der Schuld der anderen, es bringt nichts. Und Sylvia Schöningh-Taylor hätte das auch gar nicht nötig, sie hat sich aus der geschlossenen Psychiatrie nach Deutschland bringen lassen und danach ihr Leben gemeistert. Und das ist die wirklich erfreuliche Botschaft dieses Buches: Verlass dich auf dich!

Über Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....