Stillleben. Satire

Bärig! Foto: Klaus Krüger

Als bei Nachbar Himmelsbach die Rollos nieder gingen, spürte Albrecht einen Stich ins Herz. Er wusste: Seine Leidenszeit begann.

Bis zu diesem Tag hatte er seine Abende im dunklen Schlafzimmer zugebracht und durch einen schmalen Schlitz des fast herunter gelassenen Rollos Denise beobachtet. Die 15-jährige Tochter der Himmelsbachs hatte seit einigen Monaten ihre Boy-Group-Phase und brüllte zu den Songs der Backstreet Boys die Texte in ihren Makeup-Pinsel. Sie tanzte. Sie riss sich die T-Shirts vom Leib. Und tanzte. Sie riss sich den BH vom Leib und warf ihn auf eine fiktive Bühne. Und tanzte. Immer wieder auch an den Schrank, wo sie sich neue BHs angelte und neue T-Shirts; nur, um sie wieder mit einem kühnen Schwung loszuwerden.

Abendliche Lehrstunden

Albrecht hatte damals keine Freundin und war froh, um die abendlichen Lehrstunden in Weiblichkeit und der Seele einer Frau.

Aber dann ging drüben, bei den Himmelsbachs, der Rolladen herunter, und niemand wusste, warum, und Denise tanzte und warf einsam ihre BHs, ohne, dass ein Zuschauer ihre Kunst bewunderte.

Leibhaftige Weiblichkeit

Eine Woche später traf er Bea. Eher zufällig, wie er meinte, aber der Himmel schickte sie, damit er wieder eine Weiblichkeit leibhaftig erlebte; und nicht nur durch den Schlitz seines Schlafzimmerollos.

Ein paar Monate später schon fuhren sie zu ihrer Mutter.

Die Susi Bär hat wieder geheiratet, sagte Hilde, seine Schwiegermutter in spe und trug die Spargel auf. Albrecht schaute nach rechts: Über der Anrichte aus der Zeit der Napoleonischen Feldzüge hing ein Bismarck. Der ist noch von Opa, flüsterte Bea. Und den Schrank daneben hat Opa auch gebaut. Er war Schreiner.

Das Glück ist aus Holz

Ja, das Glück ist aus Holz, sagt Hilde. Dann sagte sie ach zu ihrer Mutter und stellte die gebratene Putenbrust auf den Tisch. Albrecht schaute aus dem Fenster auf die Wiese zwischen den Wohnblocks am Rande der Stadt. Draußen ging eine alte Frau mit schlohweißem Haar. Der Wind drückte Ihre ausgebleichten Kleider an den Körper.

Ja, sagte Hilde, die Susi Bär hat lange gebraucht, um den Selbstmord von ihrem Mann zu überwinden.

Hat sie nicht auch Kinder? fragte Bea. Drei, bestätigt Hilde.

Draußen hatte jetzt die Frau die Wäscheleine erreicht. Sie setzte den Korb mit feuchter Wäsche ab, bückte sich mühsam, richtete sich mühsamer auf und hängte die Kleider Stück für Stück an die Leine.

Schüppke ist verrückt

Wer ist das? fragte Albrecht. Was? fragte Hilde und trat neben ihn ans Fenster. Ach, die Schüppke. Die ist verrückt geworden, nachdem ihr Mann gestorben ist vor drei Monaten. Völlig durch den Wind. Hilde ging wieder in die Küche und kam mit der geschmolzenen Butter zurück.

Die Schüppke hätte beinahe das Haus abgefackelt. Hat ein Feuer auf dem Teppich im Wohnzimmer machen wollen; zum Glück kam die Hansert vorbei, die bei ihr aufwartet, fährt sie fort.

Bei euch geht’s zu, sagte Bea.

Löchrige Strümpfe

Die alte Frau hängte klobige Bh, löchrige Strümpfe und Herrenunterhosen auf die Leine.

Die Alte wäscht die Unterhosen von ihrem toten Mann, feixte Albrecht.

Das macht die immer noch? fragte Hilde und verschwand in der Küche.

Jetzt begann die Kirchenglocke zu schlagen; dumpfe Töne legte sie auf die milchige Luft dieses Sonntags im Mai. Die alte Frau draußen erstarrte unter ihrer Wäsche, die sich unschuldig im Frühlingswind wiegte. Ihre Hände krallten sich in eine Unterhose ihres Mannes, die sie vor die Brust hält, ihre Augen starrten ins Leere.

So katholisch

Oh Gott, seufzte Hilde, die aus der Küche kommt und den Salat aufträgt, die Schüppke ist doch so katholisch. Das verzeiht die sich nie, dass sie am Sonntag Wäsche macht. So verrückt ist die. Jetzt kommt, das Essen wird kalt.

Nach dem Dessert trat Albrecht ans Fenster: Die Leine war leer, die alte Frau Schüppke verschwunden.

Am Abend riefen sie bei Hilde an.

Wir sind gut angekommen, sagte Bea.

Die Schüppke ist aus dem fünften Stock gesprungen, antwortete Hilde.

Oh Gott, sagte Bea.

Gang ist rausgesprungen

Und wie war die Fahrt? fragte Hilde.

Der fünfte Gang ist auf der Autobahn immer raus gesprungen, antwortete Bea.

Allmächtiger, sagte Hilde.

Das Glück ist aus Holz, dachte Albrecht. Immerhin.

Über Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....