Spinnerte Geschichten: Wie Hubert Stöcklbaur in die Zeit reist

Richter auf Zeitreise

Bild: pixabay.com/Gerd Altmann

Ein Richter auf Zeitreise? Das soll es geben. Zuerst nicht ganz freiwillig, doch dann umso lustvoller. Wir verraten, wie so etwas möglich ist.

In der kleinen Stadt lebte ein ehrbarer Richter mit Namen Hubert Stöcklbaur. Der bekam in seinen letzten Tagen als alter Amtsrichter einen seltsamen Fall vorgelegt: Er sollte entscheiden, ob die Witwe Hermine Halbmond eine Hexe sei oder nicht. »Das ist mir völlig wurscht!«, bellte der alte Amtsrichter, als Staatsanwalt Antonius Schnapphahn ihm die Anklage vorlegte.

»Die alte Halbmond kann zaubern und hexen wie sie will. Das ist doch kein Verbrechen! Aus diesen Zeiten sind wir raus.« Richter Stöcklbaur hatte den Staatsanwalt noch nie so recht gemocht – der stammte aus einer alten, rechthaberischen Familie, die sich für etwas Besseres hielt und am liebsten alle und jeden eingesperrt hätte – einfach, weil niemand so ehrwürdig war wie die Familie Schnapphahn, fand der Staatsanwalt. Und weil das nicht ging, hatte sich Antonius Schnapphahn immer in abenteuerlichen Anklagen verstiegen – die Richter Stöcklbaur meist niedergeschlagen hatte.

Bigotter Kreuzzug

In letzter Zeit aber war der Staatsanwalt auch noch bigott geworden und folgte dem neuen Pfarrer Bernd Blankensee und dessen Kreuzzug gegen die Feinde der Kirche. Blankensee und Schnapphahn hatten sich darauf versteift, dass es Hexerei gebe in der kleinen Stadt und dass die Witwe Halbmond dahinter stecke. »Das ist Unsinn, und Unsinn verhandle ich nicht!«, bellte Richter Stöcklbaur. »Aber wir haben Zeugenaussagen, dass die Witwe Halbmond im Laufe von sieben Jahren sieben ehrbare Männer und Frauen aus der Pfarrgemeinde verschleppt hat.«

»Verschleppt, soso. Das alte Mütterchen hat sieben gestandenen Manns- und Weibsbilder verschleppt. Womöglich noch auf ihrem Buckel, was!« »Nein, mit ihrer Zauberei«, antwortete der Staatsanwalt. »Sie hat ihre Opfer in der Zeit verschickt.« Der Richter hob die Augenbrauen. »In der Zeit? Was soll das? Das verstehe ich nicht.« Der Staatsanwalt reichte ihm ein altes Pergament: »Wir haben sogar das Rezept für den Zauber gefunden. Damit lässt sie die Leute in der Zeit verschwinden. Verschickt sie in die Vergangenheit. Dann sind sie hier weg und stören sie nicht mehr bei ihrem Treiben.«

Ehrbare Frauen und Männer verschleppt

»Warum sollten sie die ehrbaren Männer und Frauen stören?« »Weil sie der Hexe auf der Spur waren«, beharrte der Staatsanwalt. Der Richter nahm das alte Pergament und betrachtete es: »Da stehen ja nur Sachen drauf, die wir in jeder Apotheke bekommen können«, murmelte er. »Umso schlimmer«, antwortete der Staatsanwalt, »umso schlimmer.« Der Richter legte das Papier auf seinen Schreibtisch, blickte auf und sagte zu dem erstaunen Staatsanwalt: »Wissen Sie was, ich lasse die Anklage zu.«

Zwei Wochen später war es soweit. Die Verhandlung gegen die Witwe Hermine Halbmond vor dem Amtsgericht der kleinen Stadt begann. Der Staatsanwalt verlas die Anklageschrift, nach der Hermine Halbmond mit den Mitteln der Zauberei ehrbare Frauen und Männer verschleppt habe, der Verteidiger bezeichnete die Anklage als Unsinn und wies sie zurück, dann kamen die Zeugen und die Gegenzeugen – bis Richter Stöcklbaur die Angeklagte an seinen Tisch bat und ihr das Pergament zeigte, das er vom Staatsanwalt als Beweisstück bekom- men hatte.

»Gehört das Ihnen?« fragte der Richter die alte Dame. Sie nahm es in ihre zitternde Hand, hielt es sich unter die halb blinden Augen und nickte dann. »Gut, der Anklagevertreter behauptet, das sei das Zauberrezept, um in die Zeit zu reisen. Oder, wie in Ihrem Fall, die Opfer in die Zeit reisen zu lassen. Stimmt das?« Die alte Frau sah ihn mit ihren hellen, blauen Augen an und lächelte hintersinnig: »Ganz, wie man es haben will.«

Ein Richter auf Zeitreise

Der Richter schaute einen Moment leicht irritiert, dann zog er ein Fläschchen aus der Tasche und sagte: »Ich habe einen befreundeten Apotheker gebeten, mir nach diesem Rezept ei- nen Trank zu mischen. Ich werde ihn jetzt zu mir nehmen – und dann werden wir sehen, ob es ein Zaubertrank ist.« Die Leute im Gerichtssaal murmelten entsetzt. Der Richter goss sich ein wenig auf einen Löffel, der Saal raunte, als er das Mittel schluckte.

Es geschah nichts. Der Richter lächelte, die Witwe lächelte. Dann legte sie ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Da fehlt noch was: Hempelwisch und hempelwasch!« Und nach diesem Zauberspruch waren die Witwe und der Richter verschwunden. Sie lebten als blutjunges Paar verliebt und glücklich in der Zukunft.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

2 Kommentare:

  1. Sehr schön – besonders das Ende. 😉

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