Spinnerte Geschichten: Zaubermusik des Geigenbauers

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Bild_ pixabay.com/Huskyherz (Claudia Peters)

Heute erfahren wir, wie sich ein junger Mann unsterblich in eine Prinzessin verliebt, in große Gefahr gerät und sich und seine Geliebte schließlich rettet.

In der kleinen Stadt lebte ein junger Mann, der liebte die Musik über alles. Er hatte Glück – ein alter Geigenbauer nahm ihn in die Lehre. Dort lernte der junge Mann Geigen bauen, wie sie noch niemand gebaut hatte: Die Geigen brachten die Zuhörer zum Weinen, so schön war ihre Musik. Denn der junge Mann hatte Talent. Und was das Talent ihm nicht ermöglichte, schaffte die Liebe zur Musik.

Bald übertraf er seinen Lehrmeister bei weitem. Nach der Lehre richtete er seine Werkstatt in einem alten, windschiefen Haus am Marktplatz ein.

In diesen Tagen herrscht im Land ein König, der hasste Gesang und Musik über alles. Also hatte er Gesang und Musik verboten. Warum, wusste niemand so recht. Der König schickte seine bewaffneten Häscher aus und seine unsichtbaren Spione, die jeden meldeten und gefangen nahmen, der sang oder musizierte. Bald legte eine lähmende Stille über das Land. Selbst die Vögel schwiegen.

Der Geigenbauer baut Geigen

Der junge Geigenbauer baute unverdrossen seine Geigen. Aber sie klangen nicht mehr – jedenfalls nicht sofort. Nur ein großer Künstler, der ein reines Herz hatte, konnte sie spielen. Und große Künstler gab es bald keine mehr in dem kleinen Land, weil sie alle weggingen. Und wer blieb, war bald kein großer Künstler mehr, weil er nicht länger übte.

Aber der junge Geigenbauer lieferte seine Geigen in fremde Länder – dort waren seine Geigen bald berühmt, weil viele Künstler sie spielten; aber nur die besten brachten sie zum Klingen. Entsprechend teuer waren seine Geigen.

Prinzessin Edwina, die Liebliche

Nun hatte der König eine Tochter, die hieß Edwina, die Liebliche. Die war schön, aber lieblich war sie nicht. Sie war wunderhübsch anzusehen, aber ihr Herz war kalt wie Eis. Sie war eingebildet und behandelte alle Welt von oben herab.

Eines Tages fuhren der König und seine Tochter Edwina in ihrer goldenen Kutsche durch die kleine Stadt; voran ritt eine halbe Armee an Soldaten, hinterher die andere Hälfte. Und aus der goldenen Kutsche schauten sich Edwina und der König interessiert ihre Untertanen an. Die Untertanen starrten zurück – keiner winkte. Die Kutsche hielt am Marktplatz, König und Königstochter schauten sich die alten Häuser an, die sich den Berg hinaufschmiegten, auf dessen Spitze ihr Königsschloss stand.

Der Geigenbauer verliebt sich

Der junge Geigenbauer blickte in diesem Augenblick aus dem Fenster seines Hauses. Und das stand, wie wir wissen, am Marktplatz – so sah er die vielen Reiter, die goldene Kutsche, den König – und Prinzessin Edwina, die Liebliche. Und im selben Augenblick verliebte sich der junge Mann in die Prinzessin.

Darüber war er sehr traurig, denn er wusste von dem kalten Herzen der Prinzessin und er wusste, dass sie keine Musik mochte. Und weil er so traurig war, dass er sterben wollte, holte er seine beste Geige, stellte sich ans offene Fenster und spielte. Er war nämlich auch ein großer Künstler, der immer heimlich im Keller übte. Die Geigentöne, ganz ungewohnt in diesem totenstillen Land, wehten zur königlichen Kutsche hinüber, der König erstarrte, Edwina erschauerte. Dann ging alles sehr schnell: der König erwachte aus seiner Erstarrung und befahl den Soldaten, den Frevler, der entgegen seinem Verbot die Geige spielte, unverzüglich zu verhaften und in den tiefsten Kerker seines Schlosses zu werfen.

So geschah es. Nun war der junge Geigenbauer noch trauriger – aber insgeheim hatte er es so gewollt.

Dem Geigenbauer ergeht es schlimm

Es wäre ihm sicher schlimm ergangen, der König hatte ein paar wenig nette und appetitliche Sachen mit ihm vor – doch dann kam alles ganz anders: Die Prinzessin Edwina, die Liebliche, wurde krank. Schwer krank. Kaum war sie nach Hause gekommen, bekam sie Fieber und legte sich ins Bett. Der König ließ die besten Ärzte kommen, aber alle versagten. In ihrem Fieberwahn redete die Prinzessin immer von dem jungen Mann und seinem lieblichen Geigenspiel – so lange, bis der König den jungen Mann aus dem Kerker seines Schlosses holen ließ. Gemeinsam traten sie an das Bett der kranken Prinzessin.

Mehr Zaubermusik!

Der bekam seine Geige ausgehändigt, der König befahl: »Spiel!« Zaghaft begann der junge Geigenbauer zu spielen, sofort kam ein Lächeln auf das Gesicht der Prinzessin. Und bald kam sie wieder zu sich und lächelte den jungen Geigenbauer an. Sein Geigenspiel hatte das Eis um ihr Herz schmelzen lassen.

Als sie wieder ganz gesund war, wurde sie wirklich so lieblich, wie sie hieß. Sie heiratete den jungen Geigenbauer, der eines Tages der König im ganzen Land werden sollte.

Und Musik gab es von diesem Tag an ständig in der kleinen Stadt. Manchmal sogar Zaubermusik.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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