Bierbrauer

Bild: pixabay.com/StockSnap

Ein Bierbrauer bleibt standhaft und wird von Gott belohnt. Das ist selten.

In der kleinen Stadt gab es zwei Brauereien. Beide gehörten Brüdern, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der eine war faul und unausstehlich – aber seine Brauerei lag auf der Sonnenseite der Stadt und braute das beste Bier. Er verdiente mit seinem Bier ein Heidengeld. Der andere Bruder war bescheiden und fleißig – aber seine kleine Brauerei lag in der dunkelsten Gasse der kleinen Stadt. Sein Bier war wässrig und schal, so sehr sich der fleißige Mann auch mühte. Von seinem Gerstensaft verkaufte er kaum etwas. Er hieß Alois Bierbichler.

Eines Tages kam ein feiner Herr mit Spitzbart in die kleine Brauerei des Alois Bierbichler. Er kostete das Bier, schüttelte sich kurz und sagte. »Brr! Ich glaube, ich kann Ihnen helfen, ein besseres Bier zu brauen und bessere Geschäfte zu machen.« Alois Bierbichler hörte zu, was ihm der Fremde zu erzählen hatte. Nichts anderes als das: Dass er nämlich das Wundermittel Alkohol in sein Bier zaubern, und es damit zu einem Verkaufsschlager machen könne. Niemand wolle jemals wieder etwas anderes trinken, denn nichts versetze die Zecher in gehobenere Zustände als der Alkohol.

Ein Bierbrauer sagt nein

Hier grinste der feine Herr anzüglich. Er verlange nicht viel dafür – nur die Seelen der armen Säufer. Der Bierbrauer Alois Bierbichler wusste von diesem Moment an: Das war der Teufel, mochte er auch einen feinen Anzug tragen. Er sagte mit Nachdruck: »Nein. Ich glaube, Sie gehen jetzt lieber.« »Wie Sie wünschen«, antwortete der feine Herr, verbeugte sich, lächelte hintergründig und verließ die kleine Brauerei. Zwei Wochen später kündigte die Brauerei des Bruders von Alois Bierbichler eine ganz neue Sorte Bier an. Und die Leute in der kleinen Stadt stürzten sich auf den neuen Gerstensaft – denn er war tatsächlich völlig neuartig.

Der Alkohol und seine Wirkung

Er enthielt Alkohol, was bis dahin nie der Fall gewesen war; bis zu diesem Tag schmeckten die Biere in der kleinen Stadt und anderswo wie eine leicht bizzelnde Limonade. Doch mit dem Alkohol fielen bei den Leuten alle Schranken. Sie betranken sich maßlos, sie logen, sie stahlen, sie raubten, sie verloren in jeder Beziehung ihre guten Sitten – und selbst der Pfarrer Anselm Fürchtegott Huss war machtlos, mochte er auch noch so wortgewaltig von seiner Kanzel predigen und abends in die Kneipen gehen und eigenhändig das Bier der Trinker aus deren Maßkrügen schütten.

Sie lachten ihn aus und tranken weiter. Niemand wollte mehr etwas anderes trinken als das Bier mit dem Alkohol. Am tollsten trieb es der faule und unausstehliche Bruder des Alois Bierbichler. Er trank von morgens an, er war eigentlich nie mehr nüchtern. Und abends schlief er einmit dem Kopf in der Bierwanne. Das muss man sich vorstellen: Der Bierbrauer schlief tatsächlich mit dem Kopf unter Wasser, oder vielmehr unter Bier. Wie er das schaffte, wusste niemand.

Am nächsten Morgen war er natürlich völlig betrunken. Von der Brauerei in der kleinen Stadt startete der Alkohol seinen Siegeszug um die Welt – und der hält, wie wir wissen, bis heute an. Der arme Bierbrauer Alois Bierbichler hatte wieder einmal das Nachsehen: Hatten bis dahin kaum irgendwelche Leute in der kleinen Stadt sein Bier getrunken, so trank jetzt niemand mehr seinen Gerstensaft. Denn nichts anderes war es – Gers- tensaft.

Ein Mordsrausch

Die Leute lachten über sein Bier. Bei seinem Bruder holten sie sich einen Mordsrausch; das war zwar nicht besonders gesund, machte aber die Zecher auf seltsame Weise glücklich. Zumindest, so lange der Rausch anhielt. Der arme Bierbrauer Alois Bierbichler machte sieben Wochen, nachdem sein Bruder das Bier mit Alkohol herausbrachte, seine Brauerei dicht. Sein Bruder kaufte sie auf, auch Alois Bierbichlers Frau verließ ihren Mann und zog zu seinem erfolgreichen Bruder.

Alois Bierbichler war gar nicht mal traurig darüber. Er schnürte sein Ränzel mit den wenigen Dingen, die ihm geblieben waren – und wanderte los. Nun – und jetzt half ihm der liebe Gott, der nicht vergessen hatte, dass der arme Alois Bierbichler der Verlockung widerstanden hatte, viel Geld zu verdienen, indem er arme Seelen ins Verderben stürzte. Er führte Alois Bierbichler in ein Kloster, um dort zu übernachten. Die Mönche hatten vor langer Zeit ihren Abt verloren – und der liebe Gott hatte ihnen bedeutet, sie sollten auf einen wirklich großen Mann warten. Als Alois Bierbichler, der gescheiterte Bierbrauer, kam, sahen die Mönche: Das war ein gottgefälliger Mann. Sie machten ihn zu ihrem Abt. Und er führte das Kloster zu einer einzigartigen Blüte.

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