Spinnerte Geschichten: Wilde Abenteuer im Schrank

Bild: pixabay.com/Hans Benn

Die Geschichte von Leberwurst und Spinnenbein ist reichlich versponnen und so richtig unwahrscheinlich – ich gebe es zu. Aber gerade deshalb gehört sie hier her.

In der kleinen Stadt lebte ein Abenteurer mit Namen Eusebio Leberwurst. Der hatte seine Abenteuer in ein schwarzes Buch niedergeschrieben, das er dem Historiker Spinnenbein versprach. »Ich muss nur noch das letzte Abenteuer schreiben, wie ich den Indischen Ozean zusammen mit dem weißen Hai durchquerte. Am Schluss wollte der Hai tatsächlich frech werden, da habe ich ihn mit einer Hand aus dem Wasser gezogen«, berichtete der Abenteurer.

Der Historiker war beeindruckt

Der Historiker Spinnenbein war beeindruckt. Immerhin war Eusebio Leberwurst um die ganze Welt gezogen und hatte wunderbare Geschichten erlebt, zumindest konnte er gut erzählen. Der Historiker rechnete sich schon aus, wie toll es sein würde, wenn er die Erzählungen auf großen Tafeln in seinem Museum aufstellen würde, versehen mit schönen Zeichnungen eines befreundeten Künstlers. Das würde seinem Museum einen schönen Umsatz bringen.

Ein Schrank kommt dazwischen

Aber es kam anders: Es war nämlich so, dass Eusebio Leberwurst einen alten Schrank von seiner Großmutter geerbt hatte. In dessen mittlerer Schublade, die eigentlich keine war, sondern nur eine Holzblende, die nur aussah wie eine Schublade, legte der Abenteurer jeden Abend das schwarze Buch hinein. Er wusste ja nicht, dass es keine Schublade war. Es war ein verzauberter Geheimeingang in den Schrank. Den hatte der Zauberer Hermann Blaustich gelegt, der in dem Schrank wohnte – damit Eusebio sein Abenteuerbuch genau dort hineinlegte.

Zauberer Blaustich braucht das Abenteuerbuch

Denn der Zauberer hauste nicht allein in dem Schrank, sondern zusammen mit der lieblichen Gespenstin Amanda Tausendgrün und ihren elf Gespensterkindern. Und weil die kleinen Gespenster jede Nacht neue Abenteuergeschichten hören wollten, kam dem Zauberer Blaustich das schwarze Buch des Abenteurers und Geschichtenerzählers Eusebio Leberwurst gerade recht. Der Zauberer nahm sich jede Nacht zur Geisterstunde das Buch und las seinen Gespensterkindern daraus vor.

Das schwarze Buch soll weg!

Jetzt aber wollte der Abenteurer das schwarze Buch dem Historiker Spinnenbein schenken! Das hatte der Zauberer im Schrank genau gehört. Woher sollte dann aber der arme Zauberer die Geschichten für seine Kinder nehmen? Sie würden ihm jede Nacht auf der Nase herumtanzen, vor allem zur Geisterstunde. Undenkbar. Es musste etwas geschehen. So lauerte der Zauberer, der sich klein und unsichtbar gemacht hatte, am Abend in der Schublade, die keine war, auf Eusebio. Er wollte beide, den Abenteurer und das Buch, in die Schublade reißen und die Schublade für alle Zeit versiegeln, damit niemand das Buch mehr aus der Schublade holen konnte.

Der Zauberer packt zu

Was er mit dem Abenteurer im Schrank anstellen wollte, darüber dachte er eigentlich nicht nach. Als Eusebio Leberwurst am Abend sein Abenteuerbuch in den Schrank legen wollte, packte ihn der Zauberer Blaustich, der noch in der Schublade saß, am Kragen und griff nach dem Buch – doch der Abenteurer wehrte sich, und das Buch fiel zu Boden. Der Zauberer zerrte den Abenteurer in die Schublade hinein, die keine war – nicht, ohne Eusebio Leberwurst mit einem Zauberspruch zu schrumpfen. Erst war der Zauberer wütend über sein Missgeschick und das verlorene Buch, schnell aber tröstete er sich mit dem Gedanken, dass er zwar nicht das Buch, wohl aber den Erzähler hatte.

Tolle Geschichten waren angesagt

Von da an waren jeden Abend tolle Geschichten beim Zauberer Blaustich angesagt. Der Abenteurer erzählte sie einfach seinem Publikum im Schrank. Und weil Eusebio Leberwurst seit seiner Entführung selbst ganz klein gezaubert war, erlebte er tolle Abenteuer in dem riesigen Schrank. Schließlich war für ihn jede Wanze so groß wie ein Schäferhund und jede Spinne riesig wie ein Pferd. Nun, nachdem der Abenteurer seit Tagen spurlos verschwunden war, ließ der Historiker das Haus des Abenteurers polizeilich öffnen – sie fanden, zu Spinnenbeins Entzücken, keine Spur vom Eusebio Leberwurst – aber sie fanden, zum noch größeren Entzücken des Historikers, das schwarze Buch vor dessen Schrank.

Das Buch kam ins Museum

Hocherfreut stellte er das Buch in seinem Museum aus und seine Geschichten schrieb er auf Tafeln. Die Leute strömten auch tatsächlich in hellen Scharen ins Museum der kleinen Stadt. Vor allem, weil die Tafeln jeden Freitag um 13 Uhr – wie von Geisterhand – ihre Texte änderten. Und immer wieder fanden die Leute die wildesten Abenteuer vermerkt. Etwa so: Wie ich, Eusebio Leberwurst, den Hunnenkönig Schaschlik Waschlapp in einem Senfglas besiegte. Oder: Wie ich, Eusebio Leberwurst, dem dicken Kaiser von China gründlich den Appetit verdarb. Wenn ihr bedenkt, dass es damals noch keine Radios oder Fernseher gab, dann könnt ihr euch vorstellen, wie toll die Leute die Tafeln im Museum der kleinen Stadt fanden, die jede Woche neue wilde Abenteuer schilderten. Das Schönste aber war, dass es unendlichen Nachschub gab – denn jede Geschichte, die der Abenteurer Eusebio Leberwurst im Schrank erzählte, kam bald am Freitag darauf wie von selbst ins schwarze Buch. Bald schon stand es, wie von selbst, auf einer der Tafeln im Museum.

Das Glück der Sieger

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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