Spinnerte Geschichten: Wie Tönchen sein Glück findet

Bild: pixabay.com/Kalle H.

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Nur Auserwählte hören den Schrei des Schmetterlings. Und dann müssen sie auch noch verdammt aufpassen, dass ihnen kein Schaden daraus erwächst. Wie Tönchen Wolke.

In der kleinen Stadt lebte ein junger Mann mit Namen Tönchen Wolke. Das war ein komischer Name, aber seine Mutter, eine Kriegerwitwe, hatte ihn nun einmal Tönchen genannt – wahrscheinlich, weil der Junge immer eine Menge verschiedener Töne von sich gab, aus allen Ecken seines Körpers. Eigentlich hieß er Tony und bewunderte seinen toten Vater, den Kriegshelden, maßlos.

Tönchens Vater war kein Held

Der Vater war zwar durchaus kein Held gewesen, aber Mutter Wolke erzählte immer von dessen Heldentaten im Krieg. Tönchen Wolke wollte auch ein Held sein – und sehnte sich nach Abenteuern. Er schoss mit seiner Erbsenschleuder in der Schule auf den dicken Karl, der ein arger Raufbold war – aber er traf seine Lehrerin Fräulein Backpfeife. Das Ergebnis war fatal. Oder er warf einen Schneeball auf Brutus. Das war die riesenhafte Dogge des Nachbarn, des Metzgermeisters Wetzstein – aber er traf Pfarrer Neuntöter. Auch diese Folge war fatal.

Strafen waren wenig abenteuerlich

Die Strafen, die Tönchen Wolke bekam, fand er nicht besonders abenteuerlich. Also langweilte er sich zu Hause – und er beschloss, ein Abenteurer zu werden und mit der Kutsche ins Nachbardorf zu fahren, um seine Tante Magdalena Habicht zu besuchen; heimlich natürlich, sonst wäre es kein Abenteuer gewesen. Er setzte sich in die Postkutsche – doch die fuhr nach Hamburg in den Hafen. Und weil er schon mal dort war, heuerte er an Bord eines Schiffes an – das im Saragossameer von Piraten überfallen wurde.

Das Gemetzel der Piraten

Mitten im Gemetzel sah Tönchen Wolke einen Jungen mit Turban, der vor einem fetten Piraten über das Deck des Schiffes floh. Da gab Tönchen Wolke einen Ton von sich, wie er das noch nie getan hatte – dem Piraten wuchsen vor Entsetzen Elefantenohren, die sich eng um seinen Kopf legten – blind stürzte er von Bord. Und so ging es allen Piraten. Das Schiff war gerettet. Der Junge mit dem Turban war der Sohn des osmanischen Sultans, seitdem waren der Sohn des Sultans und Tönchen Wolke dicke Freunde. Sie lebten am Hof des Sultans, Tönchen heiratete die drei schönsten Töchter des Sultans – denn das machte man so im Osmanischen Reich.

Die Abenteuer fehlten

Tönchen Wolke ging es gut. Aber allmählich fehlte ihm das Abenteuer. Selbst drei schöne Frauen waren ihm nicht abenteuerlich genug. Da erinnerte er sich an seine Jugendliebe Rotraut Hinterseer – die war zwar klein und dick und hatte Zahnlücken, aber mit ihr hatte er die wildesten Abenteuer erlebt: Sie hatten einmal sogar das Gespenst aus der Burg vertrieben. Also nahm Tönchen Wolke seinen Abschied, seine drei schönen Frauen weinten genauso wie sein Freund, der Sohn des Sultans. Tönchen reiste aus dem Morgenland in die kleine Stadt zurück. Als er nach vielen Monaten an die Tür von Rotraut Hinterseer klopfte – öffnete sie ihm mit einem kleinen Baby auf dem Arm. Da merkte auch Tönchen Wolke, dass Rotraut Hinterseer für ihn kein Abenteuer mehr übrig hatte.

Tönchen ist traurig

Was tun? Der junge Mann ging traurig hinauf in den Wald und setzte sich unter eine große Eiche. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, Tönchen Wolke hatte ein Ränzel voller Gold (das ihm der Sultan für seine treuen Dienste geschenkt hatte) – aber er war traurig. Als Tönchen Wolke so saß und traurig ins Tal schaute, landete auf seinem Arm ein gelber Schmetterling. Der klappte die Flügel drei Mal auf und zu – und sagte zu Tönchen: »Hallo, ich bin eine wunderschöne Fee.« Tönchen Wolke antwortete: »Hallo, und ich bin ein Ameisenbär.«

»Das kannst du haben!«, schrie der Schmetterling mit einer hohen Stimme. Es gab einen scharfen Knall, ein Wölkchen stieg auf – und eine blonde Frau stand vor Tönchen auf der Waldlichtung. Sie war wunderschön, fand Tönchen – aber sie funkelte ihn an und sagte scharf: »Ich habe dich veräppelt. Ich bin keine schöne Fee, sondern eine garstige Hexe!« Tönchen Wolke seufzte: »Ach wo, du bist eine schöne Hexe.« Die Hexe war verblüfft – sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie auf die Schnelle in die Gestalt einer schönen Frau geschlüpft war. Sie dachte wirklich, dass sie so hexengarstig wie immer aussehe.

Tönchen hat einen Wunsch frei

Gerührt sagte sie zu Tönchen Wolke: »Du hast einen Wunsch frei!« Tönchen wünschte sich, dass er ein schöner gelber Schmetterling sei, und immer und immer mit seiner schönen Hexe von Blume zu Blume schaukeln würde. Die Hexe erfüllte ihm den Wunsch – plötzlich machte es »piff«, und Tönchen und die Hexe verwandelten sich in gelbe Schmetterlinge. Gemeinsam schaukelten sie von Blüte zu Blüte – und erlebten eine Menge wilder Schmetterlingsabenteuer.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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