Spinnerte Geschichten: Pfarrer Husslein besiegt den Teufel

Pfarrer Husslein

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Pfarrer Husslein besiegt den Teufel und seinen Hass – mit einem erstaunlichen Mittel.

Eines Tages kam der Teufel in die kleine Stadt. Das merkte Pfarrer Husslein sofort. Er spürte plötzlich einen kalten Hauch durch die Hauptstraße wehen, obwohl doch Sommer war. Er drehte sich um und sah einen feinen Herren auf sich zukommen, artig den Hut ziehen und an ihm vorbeigehen. Und mit dem feinen Herren zog der kalte Hauch an Pfarrer Husslein vorbei. Am anderen Tag, einem Sonntag, war es auch ungemütlich kalt – der feine Herr saß in der ersten Bankreihe und hörte hintersinnig lächelnd Pfarrer Husslein zu, der auf der Kanzel stand und predigte.

Die Moral geriet aus den Fugen

Pfarrer Husslein dachte nach: Für ihn stand außer Frage, dass der Teufel in die kleine Stadt gekommen war, nur beweisen konnte er es nicht. Allmählich aber geriet die Moral der Leute in der kleinen Stadt aus den Fugen: Die Bäcker nahmen für ihre Brote und Brötchen immer weniger Mehl und immer schlechtere Zutaten – aber sie verlangten jetzt mehr Geld für ihre Waren.

Die Metzger nahmen immer sehnigeres Fleisch und viel schlechtes Fett für ihre dünnen Würste. Die Krämer und Apotheker schummelten beim Abwiegen und manche benutzten sogar falsche Gewichte, die Schneider und Schuster stellten nur noch teuren Pfusch her.

Jeder betrog jeden

Und die Ärzte kassierten erst, ehe sie ihre Patienten behandelten. Jeder dachte nur noch daran, wie er ohne Mühen, aber mit viel List und Tücke, sehr schnell sehr reich werden konnte. Jeder in der kleinen Stadt betrog jeden, so gut er es vermochte.

Und inmitten des Lugs und Trugs ging der fremde, feine Herr herum und lächelte hintersinnig. Pfarrer Husslein ärgerte sich, dass er den Fremden nicht auf frischer Tat ertappen konnte – der lief nur lächelnd durch die kleine Stadt. Und mit ihm zog eine Welle der Kälte. Die Schäflein des Pfarrers gingen sehr wohl noch in die Kirche und beichteten ihre Sünden, aber sie versuchten sich zu rechtfertigen und sagten, ihr Nach- bar betrüge sie auch, sie würden sich nur wehren.

Der Teufel kam zu Pfarrer Husslein

Selbst der feine Herr kam eines heißen Sommertages zur Beichte. Pfarrer Husslein erschrak sehr, als er ihn sah. Wie sollte das gehen, dem Teufel die Beichte abzunehmen? Aber der Pfarrer nahm sich ein Herz und bat den Fremden in seinen Beichtstuhl. Der Fremde beichtete seine Sünde – es war nur eine: Wo immer er hinkam, sagte er, würden die Menschen plötzlich böse. Einfach so, ohne sein Zutun. Und er wisse nicht, warum das so sei.

»Manche halten mich sogar für den Teufel«, sagte der Fremde, und an seiner Stimme hörte Pfarrer Husslein, dass er fies grinste. »Und was können wir dagegen tun?«, fragte der Gottesmann atemlos. »Vielleicht fehlt mir einfach jemand, der mich versteht. Der genau weiß, wer ich bin, und der trotzdem meinen Weg mit mir geht.« Diesmal grinste der Fremde nicht.

Pfarrer Husslein gab dem Teufel die Absolution

Kurz darauf gab der Priester dem Teufel die Absolution, der Fremde ging aus der Kirche heraus, ein eiskalter Hauch folgte ihm. Den ganzen Tag ging der eine Satz des Fremden Pfarrer Husslein nicht aus dem Kopf – man müsste tatsächlich den Weg mit ihm gehen, dachte er.

Da kam ihm eine Idee. Am nächsten Tag folgte er dem Fremden, immer in dichtem Abstand und hartnäckig. Nach einer Weile drehte sich der feine Herr um – er lächelte und ging ungerührt weiter. So schritten die beiden durch die Stadt, der Fremde und Pfarrer Husslein. Den ganzen Tag taten sie das und noch fünf weitere Tage. Der Gottesmann folgte beharrlich dem Weg des Fremden. Die Wirkung war ermutigend: Allmählich hörten die Leute in der kleinen Stadt damit auf, ihre Nachbarn zu betrügen und ihre Kunden übers Ohr zu hauen.

Die Krämer benutzten wieder die richtigen Gewichte und wogen korrekt ab, die Apotheker schummelten nicht mehr und mischten wieder gute Zutaten in ihre Pülverchen und Mixturen, die Metzger nahmen wieder das gute Fleisch und ließen das schlechte Fett weg – und das Sägemehl. Auch die Bäcker waren wieder ordentliche Leute. Selbst die kalte Welle, die von dem Fremden ausging, erschien Pfarrer Husslein immer wärmer zu werden.

Der Fremde lächelte

So war am Ende des sechsten Tages fast alles wieder so wie früher. Die Nacht brach herein, die Sonne versank hinter den Baumwipfeln jenseits der Stadt, und Pfarrer Husslein sah, dass sie mittlerweile am äußeren Stadttor angelangt waren. Der Fremde stand in einem roten Sonnenstrahl, blickte sich um und sah den Pfarrer an. Er lächelte wieder einmal hintergründig. Dann verbeugte er sich leicht – halb dankbar, halb anerkennend. Und ging durch das Stadttor hinaus. Er verließ die Stadt und kam nie wieder zurück. Pfarrer Husslein hatte den Fremden besiegt, den er vom ersten Tag an für den Teufel gehalten hatte. Aber er fühlte sich nicht als Sieger – er hatte nur das getan, was der Teufel ihm geraten hatte. Das fand Pfarrer Husslein nicht weiter schlimm, schließlich ist der Teufel auch nur ein gefallener Engel.
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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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