Spinnerte Geschichten: Muenchhausen und die Kugel

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Bild: pixabay.com/takazart

In dieser spinnerten Geschichte erleben wir, wie ein Steinmetz dem Baron Münchhausen eine Lehre erteilt.

In der kleinen Stadt lebte der Steinmetz Heinrich. Er verdiente wenig Geld mit seiner Kunst – aber er war glücklich, die kühlen Steine zu bearbeiten und mit seiner Kunst zu verschönen. Eines Tages fand er in den Aufzeichnungen seiner Großmutter einen Zauberspruch. Und mit dem konnte er Steinkugeln fliegen lassen.

Das hätte Baron Münchhausen auch gerne gekonnt. Zum siebten Mal versuchte er, sich auf eine Kanonenkugel zu schwingen, die unter seinem Hosenboden abgefeuert wurde. Er gab das Kommando »Feuer!« und sprang. Er landete wirklich auf der Kugel, doch ihr Schwung war so groß, dass er sich nur mühsam an ihr festklammern konnte. Der eitle Baron hing in Rückenlage auf dem pfeifenden Ding, hielt sich mit einer Hand daran fest, drückte sich mit der anderen den Dreispitz an den Kopf und ließ ein lang gezogenes »Aaahhh« hören.

Der Dreispitz des Barons Muenchhausen purzelt zu Boden

Dann purzelte sein Dreispitz zu Boden. Den Baron schließlich hielt es auch nicht länger auf seinem Reisemittel, er kippte gurgelnd nach hinten weg und krachte ins Unterholz. Seine Diener hasteten herbei. Der Baron fluchte wie ein Rohrspatz – das mit dem Kanonenkugelflug wollte einfach nicht klappen. Doch am anderen Tag überbrachte ihm ein Bote die Nachricht von Heinrich und seinem Zauberspruch. Der Baron witterte seine Chance und brach in die kleine Stadt auf.

Bald darauf pochte es mächtig an Heinrichs Türe. Und gleich standen struppige Männer, die nach Schweiß und Pferdedung rochen, in seiner Werkstatt. Doch ehe sie etwas sagen konnten, drängte sich ein kleiner Geck mit bunten Federn am Hut an ihnen vorbei.

Die Soldaten suchen die Kugel

»Wo ist die Kugel?«, fragte der Baron ohne Umschweife – denn er war es. »Hier. Und hier. Und hier«, antwortete Heinrich und zeigte auf die Kugeln, die in seiner Werkstatt herumlagen. Der Kleine mit den bunten Federn am Hut sah sich verwirrt um, dann brüllte er mit seiner hellen Stimme los: »Er will mich wohl für dumm verkaufen! Wo ist die Kugel, wo ist der Zauberspruch?«

Der Kopf des Gecken sah aus wie eine reife Tomate, die jeden Augenblick zu platzen drohte. Münchhausen ließ ein paar kleine Münzen auf die Werkbank rollen: »Nehme er das als Anzahlung. Ich will, Er versteht, die Kugel erst einmal Probe fliegen.« Heinrich sah die Gier in den Augen des Gecken und er wusste: Der bezahlte das Geheimnis des Steinmetzen nicht, auch wenn er jetzt mit ein paar Goldmünzen klimperte. Also sann er sich eine List aus.

Sonst wird der Fall tief

»Meine Herren«, sagte er, »meine Großmutter verriet mir auf dem Sterbebett jenen Spruch, der Steinkugeln fliegen lässt …« »… wie lautet er, Kerl?« unterbrach ihn der Baron grob. Heinrich beugte sich vor und flüsterte dem Baron Münchhausen den Spruch ins Ohr. Der Geck wollte schon auf die nächst beste Steinkugel zustürzen, da zupfte ihn Heinrich am Rock: »Herr Baron!« »Was ist denn?« »Gebt Acht, Herr! Nur, wenn Ihr reinen Herzens seid, setzt Euch die Kugel dort ab, wo Ihr es wünscht. Sonst aber wird Euer Fall tief.«

»Äh, wird schon schief gehen«, antwortete der Edelmann verschlagen. Der Baron wollte wirklich Spruch und Kugel stehlen. Er schwang sich auf die Kugel und sprach den Zauberspruch:

Merse. Merse. Lieg –

mach wohl, dass ich flieg!

Und hui brausten beide, Baron und Kugel, zur Werkstatt hinaus. Heinrich lächelte.

Baron Muenchhausen rauscht durch die Luft.

Bald rauschte es über ihnen in der Luft. Es waren Baron und Kugel. Mit einem Arm fuchtelte er wild, Bart und Haare verfilzt und über und über mit kleinen Eiszapfen bedeckt, während in den Rockschößen der Wüstensand klebte. Die Augen des Herrn Baron waren Schreck geweitet. Er konnte gerade noch etwas brüllen, was sich anhörte wie »runter!« – dann war er über den Kamm des Waldes verschwunden.

»Du«, knurrte der Hüne, »lass sofort meinen Herrn herunter, ja!« »Das geht aber nur sehr ruppig«, wandte der Steinmetz ein. »Egal, Kerl, er ist es gewohnt.« »Gut, ich warte aber, bis er wieder hier ist, sonst fällt er vielleicht noch einem Untier in den Rachen.«

Und so geschah es. Bald pfiff es wieder in der Luft, und Baron Münchhausen erschien, samt Kugel, jetzt beinahe selbst zum Eiszapfen erstarrt und er winkte müde nach unten, eine Spur Wüstensand hinter sich herziehend. Heinrich rief:

Merse. Merse. Ginster –

hol mich die Gespinster.

Und fast augenblicklich war die Steinkugel verschwunden. Der Baron flog noch ein kleines Stück weiter, ehe auch sein Flug zu Ende ging und er in den nahen Stadtpark prasselte. Seit dieser Zeit ließ der Baron keine Steinkugeln mehr fliegen. Und den Steinmetz ließ er auch in Ruhe.

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Über Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....