Spinnerte Geschichten: Mädchen kneift man nicht

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Auch Lehrer müssen sich benehmen – denn Mädchen kneift man nicht. Und wenn doch, wird es unangenehm. Für den Lehrer.

In der kleinen Stadt lebte und unterrichtete ein Lehrer, der hieß Ferdinand Böcklein. Er war ein strenger Lehrer, bei dem man viel lernte. Doch er kniff. Und zwar jeden seiner Schüler- innen oder Schüler, der Hausaufgaben nicht gemacht hatte oder mehr als fünf Fehler in seinen Mathetests oder den Diktaten hatte: Dem kniff Lehrer Böcklein furchtbar in den Oberarm.

Der arme Wicht

Der arme Wicht von Schüler musste dazu vor das Lehrerpult treten, wurde verspottet und bekam einen sehr schmerzhaften Kniff. Manche Missetäter hatten schon etliche blaue Flecken auf ihren Armen. Aber damals war es so üblich, dass Lehrer ihre Schüler züchtigten, denn alle meinten, das gehöre zu einer guten Erziehung dazu. Das meinten auch die Eltern. Sie fanden, die Kneiferei des Lehrers Böcklein sei nichts Besonderes.

Susanne war geschockt

Bis zu dem Tag, da Susanne Hanfhäusl in die Klasse kam. Sie war ein aufgewecktes Mädchen mit blonden Zöpfen und Sommersprossen. Ihre Mutter hatte sich von ihrem Vater getrennt, was damals unerhört war – bis dahin trennten sich nur die Väter von den Müttern. Susannes Mutter aber war eine moderne Frau, von Züchtigungen ihrer Kinder hielt sie nichts. So war Susanne geschockt, als sie sah, wie Lehrer Böcklein ihre Mitschüler kniff.

Susanne war eine gute und gewissenhafte Schülerin. Sie bekam nie die Kniffe des Lehrers zu spüren. Aber sie war empört, dass Böcklein ihre Mitschüler auf diese Weise strafte. Vor allem, weil sie sich bald mit Eva-Maria anfreundete, dem Nachbarmädchen. Eva-Maria hatte sechs Geschwister, ihre Mutter war krank, ihr Vater hatte oft keine Arbeit – und die ganze Familie war bitterarm. Eva-Maria hatte manchmal einfach keine Zeit, sich um ihre Hausaufgaben zu kümmern – doch der Lehrer beschimpfte sie als dumm und faul.

Sie hielt den Mund

Das empörte Susanne noch mehr als die sonstigen Strafen. Doch sie hielt ihren Mund, denn Widerspruch durfte ein Kind damals nicht wagen. Bis zu jedem Dienstag im November. Eva-Maria hatte wieder mal ihre Hausaufgaben nicht ganz geschafft, weil sie ihre kranke Mutter pflegen und auf ihre beiden jüngeren Geschwister hatte aufpassen müssen. Und dann hatte sie auch noch ihren Vater, der wieder mal seine Arbeit verloren hatte, aus der nahe gelegenen Kneipe nach Hause geholt. Das alles wusste Susanne, weil sie Eva-Maria zum Teil bei ihren Aufgaben geholfen hatte. Nur an Eva-Marias Hausaufgaben hatte niemand gedacht.

Und jetzt verspottete Lehrer Böcklein Eva-Maria, weil sie ihrer Aufgaben nicht vollständig hatte. »Na, wieder mal zu faul gewesen, die Hausaufgaben zu machen, wie?«, fragte er spöttisch. Eva-Maria schwieg eisern. »Vielleicht werden dir ein paar Kniffe auf die Sprünge helfen. Nach vorn zu mir!« »Du gehst nicht!«, sagte Susanne scharf und hielt ihre Freundin und Banknachbarin am Arm fest. In die verblüffte Stille fügte sie mutig hinzu: »Herr Böcklein, wissen Sie eigentlich, was Eva-Maria alles zu tun hat zu Hause?« Als Lehrer Böcklein seine Sprache wieder gefunden hatte über die Unverschämtheit seiner Schülerin, sagte er kalt und scharf: »Das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur, dass eure Aufgaben gewissenhaft und gut gemacht sind. Wie ihr das schafft, ist eure Sache.«

Der Zauberspruch

Dann fuhr wer noch ein wenig kälter, aber gleichsam triumphierend fort: »Und du, Susanne, kommst am besten auch gleich mit. Ein paar Kniffe werden dich lehren, deinen vorwitzigen Schnabel zu halten.« Nun war es aber so, dass Susanne zaubern konnte. Sie hatte vor einiger Zeit auf dem Dachboden ihrer Großmutter ein altes Zauberbuch entdeckt. Damit hatte sie das Zaubern gelernt und heimlich geübt. Heimlich deshalb, weil Susanne für nichts Besonderes gehalten werden wollte. Sie wollte einfach nur mit ihren Freundinnen spielen. Wenn alle gewusst hätten, dass sie zaubern konnte, hätte sie keine ruhige Minute mehr gehabt. Die Sprüche im Zauberbuch waren mächtig – man musste sie nur ganz leise vor sich hinmurmeln und sich deren Wirkung vorstellen – und schon war der Zauber geschehen.

Der Lehrer war eine Krabbe

Und genau so machte sie das jetzt. Und schwupp war Lehrer Böcklein eine alte, rote Krabbe, die seitwärts auf dem Lehrerpult herumstolzierte und mit den Scheren die Luft zwickte. Das war das erste Tier, das Susanne beim Zaubern eingefallen war – und irgendwie passte ja eine kneifende Krabbe zum kneifenden Lehrer Böcklein. Mit dessen Karriere als Lehrer war es vorbei – vor allem, weil niemand wusste, was aus ihm geworden war.

Susannes Zauberei hatte kein Mensch mitbekommen. Der Rektor der Schule ließ die Krabbe in den nahen See bringen; woher sollte er auch wissen, dass sie eigentlich ein Mensch war und Böcklein hieß? Die Klasse bekam Frau Käsemilch als Lehrerin – und die war ziemlich gut. Bei ihr lernte jeder gerne, weil sie so spannend erzählen konnte und so lieb war. Alle strengten sich an. Und wer einmal seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, der holte sie bis zum nächsten Mal nach. Kniffe gab es keine mehr. Nur die Krabbe im See zwickte hin und wieder wütend ein paar Wasserpflanzen ab, wenn sie an die vielen Kinder dachte, die sie jetzt nicht mehr kneifen konnte.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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