Spinnerte Geschichten: Liebe zwischen zwei Gespenstern

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Bild: pixabay.com / ClkerFreeVectorImages

Die Liebe macht selbst vor Gespenstern nicht Halt. Diese spinnerte Geschichte erzählt, wie zwei Gespenster glücklich wurden.

Vor vielen, vielen Jahren lebte auf dem Schloss über der kleinen Stadt ein edler Junker mit Namen Trudbert. Seine Frau hieß Mathilda. Die beiden waren noch nicht lange verheiratet, da gab es Krieg: Trudberts König nahm mit seinen Männern am zweiten Kreuzzug in die Heilige Stadt Jerusalem teil und Trudbert musste mit. Er liebte zwar seinen König und den Papst und den lieben Gott, für die er alle in den Krieg zog (wie man ihm versicherte) – aber mehr noch liebte er seine Mathilda und wollte eigentlich gar nicht mit.

Der geliebte Junker kam nicht nach Hause

Aber als edler Junker musste er einfach, sonst hätte ihm sein König die Hammelbeine lang gezogen. Kurz vor Jerusalem, in das das Heer nach vielen, vielen Monaten kam, verletzte sich Trudbert bei einem Scharmützel. Der Junker geriet in Gefangenschaft, sein König glaubte, er sei tot. Zu Hause wartete Mathilda in ihrer Burg auf ihren geliebten Junker – aber er kam nicht mit dem Heer zurück. Stattdessen bekam sie vom König einen Brief, dass der edle Trudbert heldenhaft im Kampf für ein freies Jerusalem gefallen sei.

Mathilda war sehr traurig über diese Nachricht, es zerriss ihr das Herz. Sie aß nicht mehr, sie schlief nicht mehr, sondern wanderte Tag und Nacht in den Gängen des Schlosses wie ein Gespenst umher. Es dauerte nicht lange und sie starb – und dann war sie wirklich ein Gespenst, das nachts in den Gängen des Schlosses hin und her spukte. So blieb sie immerhin in dem geliebten Schloss, das sie mit ihrem Gatten Trudbert bewohnt hatte.

Der alte Ritter

Etliche Jahre später kam ein abgezehrter und krank aussehender Ritter im Schloss an. Sein altes Pferd hinkte und hatte kaum mehr Zähne im Maul. Der Ritter fand das Tor offen vor, den Garten verwildert und das Schloss verlassen. Nur ein altes Mütterchen jätete Unkraut in einem kleinen Beet. Sie sah dem alten Ritter zu, wie er mühsam und ächzend vom Pferd stieg. Als er näher kam, sah sie, dass er gar nicht so alt war, aber sehr krank. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sie gab ihm einen kühlen Schluck Wassers aus dem Krug, dann setzten sie sich auf die Bank.

Für eine Weile schwiegen sie, dann fragte sie: »Bist du das, Herr?« Als er nickte, wartete sie seine weitere Antwort nicht ab und warf sich weinend zu seinen Füßen. »Steh auf«, sagte Trudbert zu ihr und half ihr auf. Sie setzten sich auf die Bank und das Mütterchen, das Paula hieß und früher die Köchin auf dem Schloss gewesen war, erzählte dem Ritter Trudbert, was sich alles in den Jahren seiner Abwesenheit ereignet hatte. Trudbert lauschte atemlos – und nur, als Paula berichtete, wie seine geliebte Mathilda gestorben war, da stöhnte er leise und verbarg sein Gesicht zwischen den Händen.

Das Gespenst Mathilda

Lange saßen sie auf der Bank und schwiegen; nur manchmal trank einer von ihnen aus seinem Tonbecher mit kühlem Brunnenwasser. Die Sonne ging unter, der Mond ging auf – und auf einmal war es Mitternacht und die Uhr der nahen Kirchenglocke schlug zwölf Mal. Plötzlich kam eine weiße Gestalt durch die Tür des Schlossturmes hindurch – und auf sie zugeschwebt. Es war Mathilda, das Gespenst, doch keiner der beiden fürchtete sich vor ihm. Mathilda umarmte Trudbert voller Leidenschaft, ihre Gestalt schien zunächst an ihm abzugleiten, und auch Trudbert konnte sie nicht umarmen, seine Arme gingen durch das weiße Gespinst des Gespenstes hindurch.

Liebe zwischen zwei Gespenstern

Das schien die beiden nicht zu stören, so freuten sie sich über das Wiedersehen. Bald jedoch schien Trudberts Körper noch schwächer zu werden, als er eh schon war. Er sank zur Seite, und plötzlich löste sich aus ihm ein zarter Nebel, sein kranker Körper zerfiel – und der Junker war ebenso ein Gespenst wie seine geliebte Frau Mathilda. Sie hielten sich an den Händen und schwebten gemeinsam auf den Bergfried zu, wo sie zusammen als Gespenster lebten. In mondhellen Nächten sah man sie manchmal – in der Geisterstunde – auf einer Aussichtsplattform über dem Fluss stehen und sich zärtlich umarmen. Dort hatten sie sich, als junge Menschen, das erste Mal getroffen.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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