Spinnerte Geschichten: Jans Geschichten machen reich

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Bild: pixabay.com/Unsplash

Das ist die Geschichte, wie der junge Jan Kasper sein Glück fand; mit seinen Geschichten, die er schrieb.

Die kleine Stadt besuchte ab und zu ein alter Mann, der hieß Jan Kasper. In jungen Jahren war er um die Welt gezogen und eines Tages mit dem Schiff zu einer Insel im Mittelmeer gekommen. Die Insel gefiel ihm – sie war sonnig und warm, die Menschen waren arm und freundlich; und das Meer lud fast das ganze Jahr über zu Schwimmen ein. Jan verdingte sich als Lastenträger, Schafhirte und Bursche für alles. Er hörte den Menschen zu, wenn sie abends an den Lagerfeuern oder auf den Plätzen von ihrem Leben erzählten. Und von früher, als die Insel ein Hort von Piraten war, die Inselbewohner waren alle Nachkommen der Freibeuter – verwegen und stolz.

Jan schrieb Geschichten

Jan schrieb Geschichten vom Meer, von Liebe, von Freiheit und Tod auf – er wollte Schriftsteller werden, und da kamen ihm die Geschichten gerade recht. Obwohl er noch nicht recht wusste, ob er es als Schriftsteller zu etwas bringen sollte – es war ein schwieriges Handwerk. Aber er liebte Geschichten über alles.

Eines Tages hatte er frei und wanderte auf die andere Seite der Insel. Er hatte schon gehört, dass auf dieser Seite die reichen Leute wohnten. Jetzt sah er ihre Häuser. Aufgereiht wie Perlen lagen sie oben an der weißen Küste, direkt über dem tiefblauen Meer. Ihre Anwesen waren groß, die Häuser stattlich, die Gärten reichten direkt ans Meer.

Häuser wie Perlen aufgereiht

Oft gab es noch einen kleinen, befestigten Weg zu einem Steg, wo zwei oder drei Boote lagen und auf den Wellen schaukelten. An der weißen Küste entlang gab es einen kleinen, gewundenen Weg, der sich an den Mauern der Häuser entlang schlängelte. Jan war neugierig und wollte sich die Häuser und Grundstücke der Reichen einmal aus der Nähe anschauen. Er ging vorsichtig den Weg entlang. Es dämmerte.

Über manche der Mauern hingen Kakteen mit großen Blättern, in sie waren Namen und Herzen von Menschen geritzt, die vor Jan hier gewesen waren. Plötzlich stockte der junge Mann – er hörte feurige Musik und ausgelassenes Lachen. Vorsichtig ging er weiter. In der ockerfarbenen Mauer stand eine grüne Türe offen. Der Garten dahinter war dicht bewachsen und wild; das Lachen drang heraus – sehr fröhlich und aufreizend. Und die Musik war voller Leben.

Feurige Musik, ausgelassenes Lachen

In den Garten führte ein gewundener Weg, den Fackeln beleuchteten, die rechts und links im Gras steckten. Jan ging vorsichtig den Weg entlang, die Musik wurde lauter. Jan hörte Geigen seufzen, ein bauchiger Kontrabass gab seinen Teil dazu, klatschende Hände peitschten den Rhythmus weiter und dann wieder dieses Lachen, das Jan verzauberte. Am Ende des Weges sah er eine Terrasse aus Holz, auf ihr stand ein großer Kessel, in dem ein Feuer brannte, das so hoch loderte wie die Finca dahinter.

Um das Feuer herum tanzten ausgelassen junge Leute, braun gebrannt, so weit er das in dem Schein des Feuers erkennen konnte; und offensichtlich arm. Sie hatten einfache, doch bunte Kleider an. Etwas abseits von ihnen saß ein alter Mann mit weißen Haaren. Er saß in eine Decke gehüllt, obwohl es ein warmer Sommerabend war und schaute missmutig dem lustigen Treiben um ihn herum zu. Er trank roten Wein, den ihm eine schöne Frau einschenkte, er nahm hin und wieder einen Bissen vom Tablett, das ihm ein wohl gekleiderter junger Mann reichte. Ansonsten war er muffig in seine grauen Decken versunken.

Die Musik war magisch

Jan war fasziniert, ihn zog die Musik magisch an, die so schön war, wie er sie selten gehört hatte. Sie hob ihn empor, beflügelte seine Seele – und er trat noch einen Schritt vor. Da hörte er ein scharfes »Halt!« in der Sprache der Insel. Die Musik erstarb, die Tänzerinnen und Tänzer erstarrten. Nur der alte Mann im Sessel war noch wichtig: Seine Augen schienen zu glühen, sein gebrechlicher Körper war gespannt. Unwillkürlich ging Jan zu ihm hin, dabei hatte der nur einmal mit seinem rechten Zeigefinger gewunken.

Als der junge Mann vor ihm stand, fragte der Alte: »Wer bist du?« »Jan Kasper«, antwortete Jan Kasper und ihn schauderte es, als er die schwarzen Augen des Mannes sah, die wie ein schwarzes Feuer glühten.

»Und was willst du hier?«, ging das Verhör weiter.

»Ich habe die Musik gehört.«

»Scheußlich langweilig, nicht?«, seufzte der alte Mann.

»Nein gar nicht. Ich finde sie fantastisch.« Der Alte schaute ihn nachdenklich an. »Hm«, war alles, was er sagte. Und dann: »Mich langweilt sie. Ich finde sie scheußlich. Wie den Wein und das Essen und all die Menschen hier.« Wieder schaute der alte Mann Jan Kasper an. »Und was tust du hier?« »Ich sammle Geschichten«, antwortete der junge Mann.

Jan sollte erzählen – spinnerte Geschichten

Die Augen des Alten glühten plötzlich auf in einem unbändigen Feuer: »Erzähl!«, war alles, was er sagte.

Und Jan erzählte, wie er noch nie erzählt hatte. Erst ein wenig zaghaft, dann gewann er an Sicherheit – und am Schluss, als der Alte mit geschlossenen Augen bewegt nickte, wusste er: Er war ein Schriftsteller. Diese Kunst beherrschte er. Jan erzählte die ganze Nacht – alle Geschichten, die er von den armen Leuten gehört hatte. Nach dieser Nacht schickte der Alte die Tänzer und die Musiker weg. Nur Jan Kasper durfte bleiben.

Jan Kasper erzählte dem Alten alle Geschichten, die er auf der Insel gehört hatte – und erfand neue dazu.

Als nach drei Jahren der Alte starb, hinterließ er Jan die Finca und den paradiesischen Garten, der bis zu blauen Meer reichte. Und sein unendliches Vermögen. Jan Kasper lebte auf der Insel, beschenkte die Armen – und manchmal kam er in die kleine Stadt zurück, um dort seine Geschichten zu erzählen. Und auch dort liebte man den Geschichtenerzähler über alles.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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