Spinnerte Geschichten: Eine Puppe verfolgt Otto

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Ein frommer junger Mann bekommt von seinen Eltern Schwierigkeiten – nur weil er fromm ist. Sie hetzen eine Puppe auf ihn. 

In der kleinen Stadt lebte ein junger Mann, der hieß Otto. Er wuchs auf als Sohn eines reichen Kaufmanns und entstammte einer stolzen Reihe von Kaufleuten. Die waren fleißig und schlau gewesen und hatten ihren Besitz ausgeweitet, bis sie die halbe Stadt besaßen.

Die Familie Muller

Alle hießen sie Muller – nicht Müller. Müller hießen viele, Muller nur wenige, deshalb hatten die stolzen Kaufleute irgendwann die beiden Tüttelchen auf dem »U« weggelassen. Nun war es aber so, dass Otto der letzte der Mullers war, seine Eltern hatten nur den einen Sohn – und ihn sehr spät bekommen.

Otto wollte Priester werden

Aber so sehr sie ihn auch drängten, Otto wollte kein Kaufmann werden. Ihn reizten nicht die vielen Waren in den Kaufhäusern seiner Eltern, er machte sich nichts aus Geld. Otto wollte Priester werden. Das hatte ihm der Priester der kleinen Stadt in den Kopf gesetzt; kein Wunder, Otto war gut in der Schule gewesen, hatte ein Stipendium erhalten und auf dem Gymnasium das Abitur gebaut.

Der Priester hatte Otto als glaubensfesten jungen Mann kennen gelernt, der ungewöhnlich begabt war für religiöse Betrachtungen. So also hatte Otto das Priesterkonvikt bezogen und seine armen Eltern in eine tiefe Verzweiflung gestürzt. Der Vater, ein bulliger, zupackender Mann, hatte seine Drohung wahr gemacht und war aus der Kirche ausgetreten. Aber auch das hatte nichts genützt, den Priester ließ das kalt – der alte Muller war sowieso kein besonders gläubiger Mensch gewesen.

Keine Drohung half

Sein Sohn Otto ließ sich außerdem von keiner Drohung seines Vaters mehr einschüchtern – das war einmal. Der alte Kaufmann Muller war am Ende mit seinem Latein. Er begann zu trinken – aber Alkohol war wirklich keine Lösung – und der Kaufmann Muller fühlte sich immer leerer. Bis seine Schwiegermutter sagte: »So geht das nicht weiter – wenn die Kirche nicht helfen kann, dann müssen wir eben zur Konkurrenz gehen.«

»Zur Konkurrenz?«, fragte Kaufmann Muller verdattert? »Natürlich – wir gehen zu meiner Freundin, der Hexe Siebenwurz.« »Siebenwurz – das ist doch die Dame, die den Kräuterladen an der Ecke zur Küfergasse hat, nicht wahr?«, fragte der alte Muller, jetzt schon mit etwas mehr Hoffnung. »Ja, und im Nebenberuf ist meine Freundin eine erfolgreiche Hexe«, sagte seine Schwiegermutter.

Zur Hexe

So gingen Kaufmann Muller und seine Schwiegermutter zur Hexe Siebenwurz – und die versprach, ihnen zu helfen. Am nächsten Tag, als Seminarist Otto aufstand, um das Konvikt zu verlassen, traute er seinen Augen nicht: Auf dem Boden seines Zimmers lag – eine Puppe. Wie sie in den Schaufenstern von Papas Modengeschäft standen – und diese hatte ein schreiend buntes Kleid an. Ottos Knie wurden weich, er ließ sich auf den Boden nieder und kroch langsam zu der Puppe hin.

Plötzlich schlug die Puppe die Augen auf und hob den Kopf. Otto sprang auf, die Puppe auch. Otto rannte aus dem Konvikt, die schrille Puppe hinterher. Unterwegs brüllte sie nach Leibeskräften: »Platz da, hier kommt Otto, der viel versprechende Priesterkandidaten! Platz da, hier kommt Otto!«

Otto schlug Haken

Otto rannte, so schnell er konnte, schlug Haken wie ein Hase, überwand so manche Mauer und manchen Zaun und riss sich dabei die Hosen auf und die Beine blutig – aber die vermaledeite Puppe ließ sich nicht abschütteln. Sie war erstaunlich schnell und erstaunlich laut. Die Leute drehten sich nach dem seltsamen Paar um und stecken, als sie vorbei waren, die Köpfe zusammen und tuschelten.

Otto war wütend – er war in der Unistadt bekannt als ein hart arbeitender junger Priesterkandidat, der sich keiner Ablenkung hingab, nicht in die Kneipen ging wie seine Studienkollegen – und jetzt das. Eine schrille Schaufensterpuppe, die wohl die wenigsten als Puppe erkannten, denn die wenigsten Puppen rannten durch die Stadt und schrien dazu. Und er bekam die Puppe nicht los.

Der Priester hilft

Otto floh in die Kirche – in seiner Not fiel ihm nichts anderes ein. Aber das machte die Sache nur noch schlimmer: Denn da standen die fromme Witwe Butterhuth und – sein Priester. Otto wäre am liebsten vor Scham in den Boden versunken und bremste scharf ab. Die Puppe konnte nicht mehr bremsen und stürzte über Otto. Das war zu viel für die Witwe Butterhuth; sie fiel in Ohnmacht. Doch der Priester blieb ruhig. Er hob sein Kreuz, das er um den Hals trug und hielt sie der Puppe entgegen. Sie zerfiel zu Staub. »Zeit fürs Morgengebet«, sagte der Priester trocken und half Otto auf die Beine …

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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