Spinnerte Geschichten: Eine Prinzessin will alles … und bekommt nichts

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Die Prinzessin ist fies. Immer will sie haben, was sie sieht – und quält andere Menschen. Bis sie eines Tages an die Falsche kam.

Bei der kleinen Stadt lebte ein alter König mit seiner verwöhnten Tochter. Sie wollte immer alles sofort haben, was sie sah. Das konnte sie verlangen, – fand sie: Schließlich war sie reich und schön, und ihr Vater war der König. Ihr Vater jedoch war, trotz seiner Macht, ein bescheidener Mann geblieben – was selten ist.

Und so kam es, dass der König wegen seiner verwöhnten Tochter schier verzweifelte. Woher hat sie nur ihren Hochmut?, grübelte er. Wahrscheinlich hatte die Königin ihrer Tochter ein schlechtes Beispiel gegeben. Denn sie hatte ihren Mann verlassen und war zu dem jungen König in das Nachbarreich gezogen. Die Königin hatte sich auch immer genommen, was sie wollte.

Die Prinzessin hatte alles, was sie brauchte

Der alte König jedenfalls fand, seine Tochter habe bei Weitem alles, was sie brauchte. Doch anstatt sich um ihre Ausbildung zu kümmern und fleißig Sprachen, Geschichte, Wirtschaft, Gesetze und Politik zu studieren, damit sie eines Tages das Königreich ordentlich regieren konnte – beschäftigte sie sich ständig nur mit sich und ihrer Gier.

Eines Tages war sie mit ihrer Zofe und fünf schwer bewaffneten Soldaten in ihrer Kutsche in der kleinen Stadt unterwegs, als sie den Fischerjungen Hermann traf. Der hatte fünf stattli- che Fische in seinem Korb, die er auf dem Markt verkaufen wollte. Damit ernährte er sich, seine Mutter und seine fünf Geschwister – denn Hermanns Vater, der ihm das Fischerhand- werk gelehrt hatte, war vor ein paar Monaten gestorben.

Die Prinzessin will Fische

Als die Prinzessin Hermann sah, ließ sie die Kutsche anhalten und sagte zu dem Fischerjungen: »Du hast aber schöne Fische – die will ich haben.« Zuerst freute sich Hermann, denn er dachte, die Prinzessin wollte die Fische abkaufen – genug Geld hatten sie ja. »Gerne, das kostet euch nur drei Taler«, antwortete der Fischerjunge fix, »weil Ihr es seid, Exzellenz.«
»Wie kannst du es wagen, von deiner Herrin Geld zu verlangen!«, fuhr die Prinzessin auf. »Ich erwarte von dir, dass du mir die Fische schenkst. Es sollte dir eine Ehre sein. Als Zeichen deiner Wertschätzung, du Wicht!«

Hermann merkte, woher der Wind wehte – er wusste auch, dass es gefährlich war, der verwöhnten Prinzessin zu widersprechen. Die fünf Soldaten sahen nicht aus, als wäre mit ihnen zu spaßen … Aber er wollte die Fische nicht kampflos hergeben – immerhin brauchte er das Geld, und außerdem fand er den hochnäsigen Wunsch der Prinzessin himmelschreiend ungerecht. »Natürlich verehre ich euch«, antwortete er also mutig, »aber ihr müsst verstehen, ich brauche das Geld. Meine Familie ist sehr arm und wir leben vom Verkauf der Fische.«

Nehmt den Kerl fest

»Würdest du mich wirklich verehren, wie du behauptest, dann wäre dir kein Opfer zu hoch für deine Prinzessin. Wache, nehmt diesen Kerl hier fest!« Gleich darauf hatte Hermann ein paar Schwierigkeiten: Er stolperte gebunden zwischen den Soldaten hinter der Kutsche her, die Prinzessin hatte ihm den Korb abnehmen lassen und die weiteren Aussichten des Jungen waren auch nicht besser. Sie würden ihn in den tiefsten Kerker werfen, den sie hatten – und aus dem kam er wohl nie wieder ans Tageslicht. Und keiner könnte ihm helfen, nicht einmal der alte König, denn die Prinzessin war die Herrin über die Palastwache. So weit hatte sie es schon gebracht.

Um Hermann stand es schlecht. Er sorgte sich um seine Familie: Wer sollte die jetzt ernähren?
»Hallo«, hörte er plötzlich ein dünnes, doch vernehmliches Stimmchen. Er blickte sich um, sah aber niemanden, der ihn angesprochen haben könnte.
»Hier unten bin ich.« Er sah nur eine Mücke auf seinem löchrigen Wams sitzen. »Genau, ich bin’s, Esmeralda, die Stechmücke. Mensch, bist du langsam von Begriff.«
»Woher soll ich wissen, dass Mücken sprechen können«, flüsterte Hermann.
»Selbstverständlich können wir das«, antwortete Esmeralda. »Wenn wir wollen. Soll ich dich übrigens befreien?«
»Klar«, flüsterte Hermann, »wenn du das kannst«.
»Kein Problem«, antwortete die Mücke, »zu einer Bedingung.« Hermann verdutzt: »Und die wäre?«

Wir finden eine Lösung

»Du musst das Fischen sein lassen. Das ist die Bedingung von uns Tieren. Dann helfen wir dir.«
»Und wovon soll ich meine Familie ernähren?«, fragte der Fischerjunge.
»Da finden wir eine Lösung. Also, was ist?«, fragte die Mücke. Hermann nickte – im gleichen Moment gab es einen peitschenden Knall, und er war eine Mücke und entkam seinen verdutzten Häschern. Der Strick, mit dem er gefesselt war, fiel zu Boden.

Hermann lebte glücklich und zufrieden als Mücke in den Gemächern der Prinzessin. Zusammen mit Mutter und Geschwistern, die auch in Mücken verwandelt worden waren. So entkam die Familie der Rache der tobenden Prinzessin. Und die Stechmücken ernährten sich jede Nacht vom Blut der hochnäsigen Königstochter, das sie aus ihr heraussaugten. Und die konnte nichts dagegen machen. Die Mücken erwischte sie nie.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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