Spinnerte Geschichten: Ein Apotheker wird verrückt

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Bild: pixabay.com/ClkerFreeVectorImages

Wenn ein staubtrockener und naturwissenschaftlicher Mensch plötzlich einem Gespenst begegnet, ist das ein großer Schreck. Ein sehr großer. Hier erleben wir mit, wie ein Gespenst dem Apotheker Schmalenberg den Rest gibt. Am Schluss ist er ein verrückter Apotheker.

Schauerliches Stöhnen

In der kleinen Stadt lebte ein Apotheker, der hieß Schmalenberg. Er entstammte einer alten Familie von Pillendrehern. Ihre Apotheke hatten sie in einem schmucken Haus am Marktplatz – direkt hinter dem Brunnen. Das Haus war mit Blattgold verziert und mit blauer Farbe geschmückt. Die Schmalenbergs waren ein stolzes Geschlecht von Apothekern. Bis sie eines Tages ihre Apotheke verkauften und die kleine Stadt fluchtartig verließen.

Ein Gespenst, ein Gespenst!

Und das kam so: Eines Abends ging der Apotheker Schmalenberg an der Burg spazieren – da hörte er ein schauerliches Stöhnen in dem alten Gemäuer. Der Mond schien rund durch die verwitterten Fensterbögen, ein Käuzchen schrie, die Kirchenglocke in der Stadt schlug 12 Uhr – Mitternacht. Und gleich darauf hörte der Apotheker Schmalenberg wieder das schauerliche Jammern in der alten Burg. Schmalenberg war ein nüchterner Mensch – Naturwissenschaftler und Kaufmann durch und durch.

Der Apotheker ist neugierig

Das Stöhnen beunruhigte ihn nicht weiter, es machte ihn neugierig. Er ging durch den Torbogen. Plötzlich verwandelte sich die alte Ruine vor seinen Augen in eine stattliche Burg. Schmalenberg schaute sich um – er sah einen prachtvollen Speisesaal mit einer langen Eichentafel und vielen erlesenen Köstlichkeiten darauf … und er sah ein Gespenst, das direkt auf ihn zuschwebte. Gespenster kamen in Schmalenbergs wissenschaftlicher Welt nicht vor – normalerweise hätte er den Gedanken an Gespenster weit von sich gewiesen. Und doch gefror ihm jetzt, als er es sah, das Blut in den Adern.

Der Geist Horstig

»Ich bin Horstig«, grollte der Geist. »Oh, äh«, antwortete der Apotheker Schmalenberg, »Horstig – waren Sie nicht ein Erfinder der Kurzschrift?«

»Genau«, antwortete der geisterhafte Horstig geschmeichelt. Schmalenberg fuhr fort: »Und Sie haben hier auf der Burg, als sie, äh, noch eine echte Burg war, eine Kunstschule errichten wollen. Habe ich Recht?«

»Ja«, knurrte der Geist wütend, »und warum habe ich sie nicht errichtet, he? Nun, warum nicht? Weil Ihr Urgroßvater, der olle Johannes Schmalenberg, die Kunstschule im Stadtrat lächerlich machte! Schmaaaalenberg, ich hasse Schmaaaaaalenberg!«, grollte der Geist gedehnt. Dann fuhr er fort: »So – und jetzt werde ich Sie unterrichten.« Der Apotheker Schmalenberg riss Augen und Mund auf – und schloss den Mund wieder, ohne einen Ton herauszubringen. Das Gespenst fuhr fort: »Beginnen wir mit unserer ersten Lektion«, und warf dem Apotheker einen Zeichenblock und eine Blechschachtel mit stummeligen Zeichenstiften in den Schoß. »Los, zeichnen. Eine Kuh!«

Jetzt wird eine Kuh gezeichnet

»Eine Kuh?«, fragte Schmalenberg verdattert. »Jawohl. Schon mal was von ihr gehört? Ein Tier mit Euter. Und bitte, das Euter peinlich genau zeichnen.« So machte sich der Apotheker an die Arbeit. Das Gespenst schwebte in der Zwischenzeit vor ihm auf und ab. Als Schmalenberg fertig war, riss ihm das Gespenst den Block aus den Händen und schrie: »Liederlich! Unglaublich, was für eine Schlamperei! Los! Von vorne! Und wenn ich noch einmal so ein schlampiges Euter sehe, werfe ich dich sofort die Burgzinnen hinunter!« Was soll ich sagen? Schmalenberg zeichnete die ganze Nacht. Kühe, Kühe, Kühe. Und Euter. Es war zum Verrücktwerden. Das Gespenst Horstig war mit nichts zufrieden – einmal war ihm das Horn zu krumm, ein anderes Mal die Klaue zu schief, aber immer war das Euter nicht genau genug. Am Euter hatte der Geister-Horstig einen Narren gefressen.

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Gespenst Horstig ist weg

Als es dämmerte, war das Gespenst plötzlich verschwunden. Schmalenberg merkte es allerdings erst eine ganze Zeit später, weil er in die letzte Kuh vertieft war. Der Apotheker erhob sich steif, um seinen Schemel herum lagen eine Menge Zeichenblätter und alle waren mit Kühen gefüllt. Furchtbar.

Eine Kuh!  Der verrückte Apotheker

Seither wachte Schmalenberg jede Nacht um Mitternacht auf und lag dann bis zum Morgengrauen wach. Und dachte ohne Unterlass an Kühe. Er konnte kaum mehr schlafen. Und wenn er auf der Weide eine Kuh sah, rannte er schreiend davon. Es war fürchterlich. Und es wurde immer schlimmer. Schmalenberg wurde wenige Wochen nach dem Erlebnis mit dem Gespenst auf der Burg vollkommen verrückt. Der ehrenwerte Apotheker stand in seiner Apotheke und muhte – wann immer ein Kunde das Geschäft betrat. Seine Familie musste die Apotheke schließen. Der Apotheker Schmalenberg verbrachte seinen Lebensabend glücklich in der großen Stadt, wohin man ihn brachte – dort traf er selten eine Kuh.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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