Spinnerte Geschichten: Drei alte Schachteln

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Drei alte Schachteln oder: Wie alte Damen das Fernsehen besiegten.

In der kleinen Stadt lebte die Kaufmannswitwe Olga Fingerlein. Sie wohnte in einem kleinen, windschiefen Häuschen mitten in der Stadt, direkt am ältesten Theater weit und breit. Ihr Sohn arbeitete in der großen Stadt beim Rundfunk – und als das Fernsehen erfunden wurde, wechselte er dorthin. Beim nächsten Besuch in der kleinen Stadt brachte er einen Fernseher mit: einen großen, schwarzen Kasten, der nur schwarz-weiße Bilder zeigte.

Auf ihm liefen die beiden Fernsehsender, die es damals gab. Rosa Fingerlein schaute sich den klobigen Kasten von drei Seiten an, ließ ihren Sohn ihn anschalten und verließ den Fern- sehsessel nicht mehr, bis das Programm zu Ende ging – was allerdings damals sehr bald am Abend war. Sie schaute gebannt auf den flimmernden Kasten mit seinen schwarz-weißen Bildern. Ihr Sohn fragte sie immer wieder: »Und? Gefällt es dir?« Denn sie war streng und ihr Urteil unbestechlich.

Wortlos ging sie zu Bett

Aber Rosa Fingerlein schwieg, und das bedeutete nichts Gutes. Wortlos ging sie zu Bett. Am nächsten Tag sagte Olga Fingerlein nur: »Nimm’ den Kasten wieder mit. Da wird einem ja schwindelig im Kopf!« Das sagte sie so streng, wie sie nun einmal war – ihr Sohn wagte keinen Widerspruch, es war ja sowieso zwecklos. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, brachte sie niemand davon ab.

Er fuhr beleidigt nach Hause in die große Stadt und besuchte seine Mutter nur noch, wenn es unbedingt sein musste. Etwa zu ihren runden Geburtstagen. Olga Fingerlein hatte für einen Tag den ersten Fernseher der Stadt gehabt. Aber kurze Zeit später stand der zweite beim Bürgermeister, der bis dahin ein Radiogeschäft gehabt hatte – und von da an auch Fernseher verkaufte. Und da er das mit der ganzen Autorität tat, die er als Bürgermeister hatte, gab es bald mehr und mehr Fernseher in der kleinen Stadt.

Unerträglicher Flimmerkasten

Deren Zahl nahm zu – und die Leute gingen immer weniger zu Konzerten und ins Theater. Da rief Olga Fingerlein ihre zwei Freundinnen Berta Hummel und Edith Bienenstich zu sich. »Ist das nicht furchtbar?«, fragte sie, »diese Flachheit in dem Flimmerkasten! Unerträglich«, schimpfte sie.

»Da kann man wohl nichts machen«, antwortete Berta Hummel, »das ist der Lauf der Zeit. Den halten wir nicht auf.«

»Das mag der Lauf der Zeit sein und vielleicht halten wir ihn nicht auf. Aber wir setzen etwas dagegen. Ein Zeichen.«

»Ein Zeichen?«, fragte Edith Bienenstich. »Ja, ein Zeichen gegen den Verfall der Kultur. Wir treten auf«, sagte Olga Fingerlein.

»Wir treten auf? Als was?«, fragte Berta Hummel. »Nun, wir erzählen dem Publikum Geschichten und machen Musik dazu.«

Berta schimpfte wie ein Rohrspatz

»Waaaas?«, fragte Berta Hummel verblüfft und schimpfte eine Weile wie ein Rohrspatz über die eigenartige Idee ihrer Freundin. Aber Edith Bienenstich sagte in einer Pause von Berta: »Naja, sooo dumm ist die Idee wirklich nicht.« Berta Hummel ließ sich überzeugen.

Und so kam es, dass die drei alten Damen jeden Freitag in der alten Mühle nahe der kleinen Stadt auftraten. Sie nannten sich »Die drei alten Schachteln«, sangen voller Inbrunst und manchmal nicht sehr tonsicher, machten Musik und trugen Gedichte und Geschichten vor. Am Anfang hatte der Bürgermeister noch versucht, die Auftritte der drei alten Schachteln zu verhindern, indem er die Gasthöfe der Stadt sperren ließ.

Erfolg in der Alten Mühle

Aber die drei Damen wichen in die alte Mühle aus – und die lag außerhalb der Stadt. Das Publikum war begeistert – jeden Freitag kamen mehr Besucher. Der Verkauf der Fernseher geriet ins Stocken, der Bürgermeister war sauer. Und das Beste: Das Fernsehen brachte bald selbst die Geschichte der drei alten Schachteln, obwohl die ja auftraten, weil sie das Fernsehen schrecklich fanden. Jetzt waren sie berühmt. Aber das störte sie nicht weiter – sie traten ungerührt auf. Kurz darauf entdeckte das Radio die drei alten Schachteln und übertrug ihre Auftritte live. Die Radioapparate im Geschäft des Bürgermeisters gingen plötzlich wieder weg wie warme Semmeln. Da setzte er sich an die Spitze der Bewegung und verbannte die Fernseher aus der Stadt. Von da an interessierte sich das Fernsehen nur noch für den Bürgermeister und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Nach den drei alten Schachteln fragte bald keiner mehr. Aber das war denen herzlich egal – sie hatten ihr Ziel erreicht, die kleine Stadt war fernsehfrei.

Fly high !

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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