Spinnerte Geschichten: Die Sache mit der Unterhose

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Was ein tumber Bürgermeister alles anrichten kann! Die  Sache mit der Unterhose jedenfalls ging gründlich in die Hose.

Eines Tages bekam die kleine Stadt Besuch. Vor der Stadtmauer hielt eine Kutsche, die sieben weiße Pferde zogen. Die Kutsche war weiß-blau und hatte goldene Zierleisten. Auf dem Dach war eine goldene Krone angebracht. Hinten auf der Kutsche war eine Menge Gepäck gestapelt. Und vorn auf dem Kutschbock saßen ein adrett gekleideter Kutscher und ein piekfein ausstaffierter Diener, der steif und sehr aufrecht neben ihm saß.

Kutsche vor den Toren der Stadt

Die Kutsche hielt an einem frühen Junimorgen vor den Toren der kleinen Stadt. Der Diener räusperte sich, aber das Tor blieb zu. Ferdinand und Wolfram, die am Stadttor gerade Wache standen, standen nämlich nicht Wache, sondern sie lagen in der Wachstube. Sie schliefen, wie das jeder tat, der Wache schob.

Nun war es so, dass es auch damals schon keine Kutschen, Könige und Wachen mehr gab – aber die kleine Stadt war berühmt für ihr märchenhaftes Erscheinungsbild. So hatte der Stadtrat beschlossen, das hintere Stadttor zu schließen und dort die ganze Nacht über Wachen zu postieren. So wie früher, als es noch Kutschen und Könige gab und allerlei Strauchdiebe, die die kleine Stadt überfallen wollten. Bürgermeister Schmalzahn versprach sich davon mehr Touristen.

Die Kutsche trug Krone

So stand also an diesem frühen Junitag in der ersten Morgendämmerung die weiß-blaue Kutsche mit der Krone auf dem Dach vor den Toren der Stadt. Die sieben Schimmel scharrten unruhig mit den Hufen, der feine Diener räusperte sich unentwegt – aber alles, was passierte, war der ohrenbetäubende Lärm, der aus dem Wartehäuschen drang und nichts weiter war als das Schnarchen der Wächter. Der Kutscher setzte jetzt seine Trompete an die Lippen und stieß so gewaltig hinein, dass die beiden pflichtvergessenen Schläfer in der Wachtstube mit zwei dumpfen Schlägen aus ihren Betten fielen.

Der Bürgermeister war schnell am Stadttor

Auch der Bürgermeister erwachte. Der war schneller am Stadttor, als sich der dicke Ferdinand angezogen hatte – so sah das Stadtoberhaupt, dass die beiden Spießgesellen sicher keine Wache gehalten hatten. Aber darum würde er sich später kümmern. Der Bürgermeister gab den beiden verschlafenen Wächtern einen Wink, sie öffneten das Stadttor, der Kutscher ließ die Pferde anziehen und lenkte sein weiß-blau-goldenes Gefährt in die Stadt.

Es wird ein König sein

Vor dem Bürgermeister hielt er an und stieg ab. Er verbeugte sich tief, ging dann zum Verschlag der Kutsche, öffnete ihn und verbeugte sich ein zweites Mal und das noch tiefer. Dann trat er zurück. Der Bürgermeister schaute interessiert zu, wer da wohl jetzt aus der weiß-blau-goldenen Kutsche mit der goldenen Krone auf dem Dach steigen würde. Na ja, es wird ein König sein, dachte der Bürgermeister, was durchaus etwas Besonderes war in der kleinen Stadt – denn Kutschen gab es kaum noch und Könige schon gar nicht.

Huch, eine Unterhose

Bürgermeister Schmalzahn versuchte, seine Unsicherheit zu überspielen und so zu tun, als käme jeden Tag ein König in seine Stadt. Aber das gelang ihm nicht – im Gegenteil, er stieß einen erstaunten Seufzer aus, der sich anhörte wie »hach!«. Dann sagte er nichts mehr. Er staunte Bauklötze. Denn der König, der aus der Kutsche mit den goldenen Zierleisten stieg, war eine besondere Erscheinung: Er war nicht nur sehr klein und reichte dem Bürgermeister nur an die Brust – er hatte dazu auch noch eine Unterhose an. Eine sehr große, sehr rosafarbene – und sonst nichts, außer natürlich seiner goldenen Krone und einer Brille. Der kleine König musste die Hose festhalten.
Dennoch sagte er freundlich: »Guten Tag. Bitte verzeihen Sie, dass ich Ihnen nicht die Hand reiche. Aber wenn ich das tue, rutscht mir meine prachtvolle Unterhose, ein Erbstück meiner Großtante, der Gräfin Emilia von Sausewind, bis auf die Knöchel herunter.« Der Bürgermeister machte so etwas wie eine halbe Verbeugung – mehr bekam er nicht zustande. Aber auch diesen ungenügenden, eigentlich unhöflichen Versuch nahm der kleine König gnädig mit einem leichten Nicken entgegen.

Geschichten der kleinen Stadt

Dann fuhr er fort: »Meine Unterhose ist auch der eigentliche Grund meines Besuches in Ihrer reizenden Stadt. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen – denn wie ich hörte, ist Ihre Stadt berühmt für Geschichten.«
»Geschichten? Meine Stadt?« Der Bürgermeister hatte tatsächlich noch nicht mitbekommen, dass die vielen Geschichten des Freiherrn Bock von Wülfingen über seine Stadt diese berühmt gemacht hatten. Das kam daher, weil der Bürgermeister zu sehr mit sich, seinem Regieren und seiner Hasenzucht beschäftigt war und Geschichten gar nicht mochte.
»Wir haben hier keine Geschichten!«, polterte er. »Woher sollen die denn kommen?«
»Na, von Ihnen und Ihren Untertanen, Herr König«, sagte der kleine König.
»Ich bin kein König, ich bin ein Bürgermeister«, antwortete Schmalzahn. »Und Geschichten gibt es hier nicht.«
»Dann verzeihen Sie bitte«, antwortete der kleine König Unterhose, verbeugte sich leicht, ging in die Kutsche zurück und fuhr los. So werden wir nie erfahren, warum der kleine König die Unterhose seiner Großtante trug.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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