Spinnerte Geschichten: Die Rache des alten Hexleins

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Bild: pixabay.com(HebiFot

Betrug lohnt sich nicht – auch nicht für den Bürgermeister.

Es war einmal ein altes Hexlein, das lebte am Rande der kleinen Stadt. Es war immer freundlich zu den Bewohnern gewesen und hatte den Leuten in der Stadt viel Gutes getan: Ihnen Salben gemischt, wenn sie ihr Zipperlein hatten, ihnen die hohen Stadtmauern verhext, so dass keine Feinde die Stadt erobern konnten.

Das alles machte das alte Hexlein, weil es mit der Schultheisin befreundet war.

Der kleinen Stadt ging es gut

Nun muss ich wohl erklären, was eine Schultheisin ist. Ein Schultheis ist nichts anderes als ein Bürgermeister, der Chef der Stadt. Eine Schultheisin ist also die Frau des Bürgermeisters. In der kleinen Stadt war das anders: Hier war die Schultheisin die Chefin der Stadt, der Schultheis bloß ihr Mann, der ansonsten nichts zu sagen hatte. Das alte Hexlein war ihre Freundin. Und weil das alte Hexlein gut hexen konnte, ging es der kleinen Stadt gut. Bis zu dem Tag, als sich der Mann der Schultheisin selbst zum Bürgermeister wählen ließ. Bei der Wahl ging es wohl nicht mit rechten Dingen zu, aber der neue Bürgermeister erklärte die Wahl für gültig.

Hexlein sann auf Rache

Die Schultheisin war empört, das alte Hexlein stinksauer. Und sann auf Rache. Der Tag der Rache kam bald. Kurze Zeit später rückten fremde Soldaten auf die kleine Stadt zu. Damals herrschte schon lange Krieg und viele Soldaten zogen durchs Land und zerstörten Dörfer und Städte. Nur die kleine Stadt war bisher von Eroberungen und Zerstörungen verschont geblieben.

Und das hatte sie dem alten Hexlein und ihrem Schutzzauber zu verdanken. Die Mauer war einfach nicht zu überwinden – auch nicht von Kanonenkugeln.

Als die Trommeln der Soldaten ertönten, versammelten sich die Einwohner der kleinen Stadt, wie gewohnt, auf den Zinnen ihrer unbezwingbaren Stadtmauer – um gelangweilt das Heer vor ihren Toren zu begaffen. Aber sie gafften nicht lange. Die fremden, wilden Soldaten würden sowieso die Stadtmauer nicht überwinden.

Frauen wollten streiken

Die Bewohner hatten Wichtigeres zu tun: Nach der verlorenen Wahl hatten sich die Frauen im Hexenturm versammelt und diskutierten das Ergebnis. Das Ergebnis war eindeutig: Die Frauen witterten Betrug und wollten streiken. Ihren Männern nicht mehr die Hemden waschen und die Socken stopfen und Essen kochen; und das so lange, bis die Schultheisin wieder Chefin in der Stadt war. Als das ihr Mann erfuhr, eilten er und seine Ratsherren zum Hexenturm. Er tobte: »Tusnelda! Du kommst sofort da raus. Ich hab’ gewonnen! Was soll der Unfug?«

Aber er hatte keinen Erfolg, die Frauen blieben im Turm.

Kein Zauber mehr

Inzwischen geschah am anderen Ende der Stadt etwas Ungewohntes: Die fremden Soldaten feuerten eine Kanonenkugel ab – und sie schlug im Marktplatz ein. Das war noch nie geschehen, eigentlich hätte der Zauber des kleinen Hexleins die Stadt schützen müssen. Tat er aber nicht. Denn das Hexleins hatte ihn zurückgenommen. Und dazu noch mehr getan. Denn nach dem Kanonenschuss öffnete sich wie von Geisterhand das Stadttor. Die fremden Soldaten zogen in die Stadt; vorweg ein stolzer Jüngling.

Am anderen Ende der Stadt stand der Bürgermeister unter Schock. Soldaten in der Stadt – das durfte doch nicht wahr sein! Aber er sah sofort ein, dass jetzt alles zu spät war. Nun gut – wenn schon nichts mehr zu retten war, so wollte er wenigstens die Fremden angemessen begrüßen. So eilte der Bürgermeister mit wehendem Rock durch die Stadt, zum anderen Ende, den Truppen entgegen. Da waren sie schon, und voran ritt ein Jüngling in schmucker Uniform und spitzem Bart. Der Schultheiß eilte herbei, mit fliegendem Rock, verbeugte sich tief, und auch der grün gewamste Jüngling zog seinen Hut mit bunten Federn und sprach:

Ein wilder Schmerz

»Er richte sich auf!« Der Schultheis versuchte es, doch ihn durchzuckte ein wilder Schmerz. Er stürzte vor den fremden Soldaten in den Staub, alle lachten. Vom Rathausgiebel hörte man ein spitzes Lachen. Da saß nämlich das alte Hexlein und hatte dem Bürgermeister einen Hexenschuss hingehext.

Am nächsten Tag trat der Schultheis von seinem Amt zurück. Jeder erwartete, dass der Jüngling den Posten übernahm – aber dem erschien nachts die Hexe als Gespenst. Hals über Kopf zogen er und die Soldaten davon.

Von da an war alles wie immer: Die Frau Schultheisin war die Chefin, ihr Mann hatte nichts zu sagen. Und das Hexlein hexte immer nur Gutes für die kleine Stadt.

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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