Spinnerte Geschichten: Der Zauberer Schnappauf

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Bild: pixabay.com/OpenClipartVectors

Nun ja, es gibt nettere Zeitgenossen als den Zauberer Schnappauf. Die kleine Stadt hat er jedenfalls ziemlich durcheinander gebracht.

Eines Tages bekam die kleine Stadt Besuch vom Zauberer Schnappauf. Niemand aber wusste, dass er ein Zauberer war. Das sah man ihm nämlich gar nicht an. Er trug Anzug und Krawatte und war immer wie aus dem Ei gepellt. Sein blondes Haar trug er stets gegelt und gescheitelt. So jedenfalls stellte man sich einen Zauberer nicht vor. Herr Schnappauf lächelte von früh bis spät. Er sah so aus, als sei er wohl erzogen und zu allen Menschen nett. Er sah so aus, als liebte er nichts so sehr wie den Frieden zwischen allen Menschen. Aber das täuschte.

Der Zauberer liebte Streit

In Wirklichkeit liebte er nichts so sehr wie den Streit zwischen allem und jedem. Er weckte nichts so gerne wie Neid, Streit und Missgunst – und wenn er das erreicht hatte, dann rieb er sich hämisch die Hände – heimlich, versteht sich. Der Zauberer Schnappauf hatte eine Amsel. Esmeralda hieß sie. Die schickte Herr Schnappauf auf die Dächer der kleinen Stadt. Dort flog sie herum, bis sie hörte, dass zwei Menschen stritten. Dann setzte sich Esmeralda auf den Schornstein der entsprechenden Wohnung und schnappte sich die bösen Worte, die aus dem Schornstein zum Himmel flogen.

Böse Gedanken

Sie schnappte auch die bösen Gedanken auf und trug das alles zum Zauberer Schnappauf. Der verwandelte die bösen Wörter und Gedanken und all den Zwist in einen feinen Nebel, den niemand sah. Nur hören konnte man ihn, wenn man genau hinhörte. Er zischte leise. Und fühlen konnte man ihn auch: Er wehte wie ein kalter Hauch durch den Raum, wenn der Zau- berer ihn losließ. Etwa beim Empfang des Kirchenvereins. Kaum traf der Nebel den Pfarrer und den Kirchenvorstand, die eben noch friedlich miteinander geplaudert hatten, ging der Streit schon los. Pfarrer und Kirchenvorstand lagen sich bald in den Haaren und stritten auf Teufel komm raus. Man musste sie gewaltsam trennen.

Der Zauberer lächelte

Der Zauberer Schnappauf stand inmitten des Tumultes und schüttelte lächelnd sein wohl frisiertes Haupt. Heimlich genoss er den Streit in vollen Zügen. Das trieb der Herr Schnappauf eine ganze Weile so und brachte alle Leute in der kleinen Stadt gegeneinander auf. Niemand wusste, warum das so kam. Und niemand hatte eine Lösung. Da schickte die Bürgermeisterin Liesel Rübenkraut nach der Hexe Siebenwurz. »Ich kümmere mich darum«, antwortete die weise, alte Frau.

Besuch der Zauberin

Noch am selben Abend besuchte sie Herrn Schnappauf – doch danach war sie so schlau wie zuvor. Sie hatte heimlich geprüft, ob er ein Zauberer war. Aber ihr Zauberaufspürring hatte nicht geleuchtet. Dennoch war die Hexe Siebenwurz davon überzeugt, dass Herr Schnappauf ein Zauberer war. Er hatte sich wohl gegen den Zauberaufspürzauber mit einem Gegenzau- ber geschützt. Siebenwurz verabschiedete sich höflich vom freundlich lächelnden Herrn Schnappauf. Noch in derselben Nacht schickte sie ihren Zauberfisch Mecklenburg aus. Der beobachtete heimlich den Herrn Schnappauf und kam dann zur Hexe Siebenwurz zurück.

Ein fieser Zauberer

»Der Schnappauf ist ein fieser Zauberer«, sagte er und setzte sich gemütlich auf die Stange in seinem Vogelkäfig. Dort berichtete er, dass er den Herrn Schnappauf dabei beobachtet hatte, wie seine Amsel zurückkam und den Streit vorbei brachte. Und wie der Zauberer daraus den feinen, kalten Streitnebel formte. Mecklenburg konnte das alles sehen – er war ja ein Zauberer. Und er hatte den Herrn Schnappauf heimlich auf eine Versammlung verfolgt und gesehen, wie der Zauberer dort den Nebel fliegen ließ und wie es dort plötzlich Streit gab. Die Hexe Siebenwurz entwickelte ein Gegenmittel. Das brachte der Zauberfisch Mecklenburg heimlich ins Labor des Zauberers Schnappauf. Er tauschte alle Zaubermittel gegen das Mittel der Hexe Siebenwurz. Und plötzlich hatten sich alle Menschen in der Versammlung furchtbar gerne und luden sich gegenseitig ein.

Verwirrter Fiesling

Herr Schnappauf stand verwirrt in all der Zuneigung und Nettigkeit und starrte alle an. Zwei Mal versuchte er es noch mit seinem Nebel und mischte ihn neu zusammen. Aber der stiftete immer nur Frieden, nicht Streit. Verwirrt, verbittert und unfrisiert verließ der fiese Zauberer Schnappauf die kleine Stadt …

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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