Spinnerte Geschichten: Der Zauberer Konrad Müller

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Zeichnng: klk

Was zwei Jungen mit einer alten Krähe erleben.

In der kleinen Stadt lebte Hansi mit seinen Eltern und drei Geschwistern. Hansi war ein frecher Junge, der gerade das erste Jahr auf das Gymnasium der kleinen Stadt ging. Nun hatte er Sommerferien und freute sich schon auf die zwei Wochen Ferien auf dem Bauernhof im Schwarzwald.

Kein Urlaub

Doch es kam anders: Sein Onkel, dem der Bauernhof gehörte, musste plötzlich selbst verreisen, also konnten Hansi und seine Schwestern nicht zu ihm kommen. Dafür bekam Hansi seinen Cousin Karl-Friedrich aus der Hauptstadt als Besuch verpasst. Schon, als Hansi seinen Cousin am Bahnhof zum ersten Mal seit vielen Jahren wiedersah, mochte er ihn nicht. Karl-Friedrich war groß und dünn und bestimmt einen Kopf größer als Hansi. Er hatte einen Haufen Pickel im Gesicht und schaute sehr hochmütig drein.

Was ist das hier?

Karl-Friedrich blickte sich am Bahnhof abschätzig nach allen Seiten um und rümpfte die Nase. »Was ist das hier? Kleinposemuckel?«, fragte er seinen Cousin. Hansi ärgerte sich sehr über den arroganten Pinsel, der sich kurz darauf vor Lachen kaum noch halten konnte, als er in eine Pferdekutsche einsteigen sollte. »Habt ihr denn hier keine Autos? Oder wenigstens eine Elektrische?«, fragte er von oben herab. In der kleinen Stadt gab es damals nur ein Auto, das Kommerzienrat von Rührmilch fuhr.

Interessante Schurken

Auf der ganzen Fahrt zu Hansis Haus schwärmte Karl-Friedrich von der großen Stadt, in der flitzten viele tolle Autos. Und sogar Züge fuhren auf den Straßen. Die Züge hießen »Elektrische«. Und von den tollen Häusern und den fantastischen Menschen und den vielen interessanten Schurken und überhaupt. Hansi versank immer tiefer in seine Polster. Auch nach dem Essen schwärmte Karl-Friedrich von seiner Hauptstadt, was Hansi immer wütender machte, bis die Großmutter, die bei ihnen wohnte, augenzwinkernd sagte: »Willst du Karl-Friedrich nicht ein bisschen die Stadt zeigen, Hansi?« Großmutters helle Augen schauten ein wenig spitzbübisch. »Geht doch zu Konrad Müller. Du kannst es mir auf die Rechnung setzen lassen.«

Nur Hohn und Spott

Beim anschließenden Gang durch die Stadt am Nachmittag hatte Karl-Friedrich nur Hohn und Spott übrig für alles, was er sah. Aber es machte Hansi jetzt viel weniger aus. Dann kamen sie zum äußeren Stadttor. Hansi sagte: »Du musst dich umdrehen.«

»Umdrehen? Warum sollte ich das?«, fragte Karl-Friedrich hochmütig.

»Ganz einfach, weil du dann ein ganz tolles Abenteuer erleben wirst«, antwortete Hansi möglichst gleichgültig. Das machte selbst Karl-Friedrich neugierig, er drehte sich um. Hansi erklärte die ganze Sache: »Wir müssen die 77 Schritte zum Marktplatz rückwärts gehen. Dann zeig ich dir was Tolles.«

»Rückwärts?«, wunderte sich Karl-Friedrich laut und wollte schon protestieren, da fiel ihm Hansi ins Wort: »Oder kannst du das nicht?«

»Klar kann ich das«, antwortete Karl-Friedrich großspurig, obwohl er ein wenig unsicher war, ob er wirklich 77 Schritte rückwärts gehen konnte.

Rückwärts durch das Stadttor

Also schritten die beiden Jungen rückwärts durch das Stadttor und die verwinkelten Gässchen bis zum Marktplatz – die Leute beachteten sie kaum, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Am Marktplatz angekommen, drehte sich Hansi wieder um, Karl-Friedrich tat es ihm erleichtert nach; das Rückwärtsgehen war doch ein wenig ungewohnt. Sie standen vor einem alten, windschiefen Häuschen, das sich eng an die Stadtmauer schmiegte. Oben, an der Hauswand, sahen die beiden eine Mutter-Gottes-Statue hinter Glas. Zur Haustür führte eine steile Holzstiege hinauf.

Zauberer

Oben war ein Schild angebracht. Dar- auf stand: »Konrad Müller, Zauberer.« Darüber wunderte sich Karl-Friedrich sehr, stand da doch einfach »Zauberer« auf einem alten Messingschild, mitten in der Stadt. Sehr seltsam, das alles. Doch das stand nicht immer da – sondern nur, wenn man die 77 Schritte vom äußeren Stadttor bis zum Häuschen des Zauberers Konrad Müller rückwärts ging. Kam man vorwärts zu dem Häuschen, wie normale Leute das normalerweise immer tun, stand da nur »Konrad Müller, Schustermeister«.

Knarzende Tür

Die beiden Jungs gingen, diesmal vorwärts, durch die knarzende Tür, die nur angelehnt war, dann weiter die ebenso knarzende und steile Holzstiege zu einem düsteren Raum ganz unterm Dach – sonst waren da keine Zimmer. An einem klei-nen Holztischchen saß ein alter Mann, der ganz schwarz angezogen war und ein langes, fahles Gesicht hatte mit einer langen Nase, die aussah wie ein Schnabel. »Nur herein«, krächzte er, »wenn es keine Erwachsenen sind.«

Grüße von der Großmutter

»Sind wir nicht«, antwortete Hansi und bestellte schöne Grüße von seiner Großmutter mit dem Wunsch, Herr Müller möge ihr den Besuch auf die Rechnung setzen. Der Zauberer nickte, erhob sich mühsam, streckte sich und schlurfte dann zu einer dunklen Couchgarnitur, die nahe am Fenster stand. »Eine Runde reicht?«, fragte er. Hansi nickte.

Als Krähe

Nun ging alles ganz schnell: Der Zauberer nuschelte einen Spruch, den Karl-Friedrich nicht verstand und zog dabei die Hand über die Augen. Dann krächzte der Zauberer Konrad Müller drei Mal – und hüpfte als Krähe auf der Lehne des alten Sofas, während er mit den Flügeln schlug. Die beiden Knaben schauten sich an – und auch sie waren Krähen. Noch ehe sie weiter nachdenken konnten, öffnete sich das kleine Fenster wie von Geisterhand und die drei Krähen flogen über die Stadt. Sie schwebten leicht und frei dahin – für die beiden Knaben war das ein wunderbares Gefühl. Und sie sahen Dinge von dort oben, die ihnen als Menschen verborgen geblieben wären. Als sie wieder zu Hause bei Hansi waren, spottete Karl-Friedrich nicht mehr über die kleine Stadt. So etwas wie den Zauberer Konrad Müller gab es nicht ein- mal in der Hauptstadt …

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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