Spinnerte Geschichten – der Metzger als Halsabschneider

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Zeichnung: klk

Welche eigentümlichen Geschichten der junge Bauer Michael erlebt.

Es war einmal ein Bauer, der hieß Mittelwann und war ein ehrlicher Mann. Seinem König zahlte er pünktlich und auf den Heller genau den Zehnten. Seine vier Mädchen und den einen Sohn erzog er streng und zur äußersten Ehrlichkeit.

Vor allem sein Sohn Michael bekam die Knute seines Vaters zu spüren. Ein Bauer, so fand Vater Mittelwann, musste ehrlich sein. Und Michael sollte einmal Bauer werden und den Hof erben.

Der lange Krieg brach aus

Doch es kam alles ganz anders: Ein langer Krieg brach aus, Soldaten zogen durch das Land. Den wohl versteckten Bauernhof aber fanden sie nicht. Auch allerlei fahrendes Volk war unterwegs wie der Pfeiffer Hanns. Der tauchte eines Tages auf dem Bauernhof auf, und niemand wusste, wie er ihn gefunden hatte. Hanns spielte wunderbar auf einer kleinen, silbernen Flöte. Das gefiel vor allem Michael, der plötzlich den unstillbaren Wunsch verspürte, auch Musiker zu werden. Was den Vater außer Rand und Band brachte.

Eines Tages, Michael hütete gerade die Schafe, da fanden Soldaten den Hof des Bauern Mittelwann. Michael hatte auf der silbernen Flöte geblasen, die ihm der Pfeiffer Hanns geschenkt hatte – das hörten die Soldaten. Und gerade, als seine Flöte schwieg, ritten sie an Michael vorbei, der hinter einem Gebüsch saß.

Kein Bauersmann

Es dauerte nicht lange und Michael mussten kein Bauersmann mehr werden – weil es keinen Bauernhof mehr gab. Doch Michael hörte und sah nichts, er blies auf seiner Flöte.

Kurze Zeit später hetzte ein Mann durch das Gebüsch. Es war der Pfeiffer Hanns. Er brachte den jungen Mann weg aus der Gefahr. Mit ihm zog Michael um die Welt.

Nach vielen Wochen kamen sie ins Morgenland. An einem Mittwoch gelangten sie in eine Stadt am Rande der Wüste. Die beiden wandernden Gesellen quartierten sich bei einem reichen Wirt und Metzger ein. Als der ihnen das Essen auftischte, klagte er sein Leid: »Oh Effendis, ich weiß nicht weiter. Irgend jemand bezahlt mein gutes Fleisch, das ich meinem Geschäft anbiete, regelmäßig mit Falschgeld. Falschgeld, Effendis, welch gottloser Frevel! Dieser gottlose Wicht beraubt mich schamlos. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich und meine Brut ernähren soll.«

Fünf Frauen, zwei Katzen und ein Rollmops

In diesem Moment teilte sich der Vorhang im Hintergrund des Gastraumes und die ganze Familie des Wirtes erschien. Eines nach dem anderen trippelten zehn Kinder, sieben Schwestern, sechs Brüder, fünf Frauen, vier Musiker, drei Hunde, zwei Katzen und ein Rollmops herein. Und jeden einzelnen stellte der Wirt als Mitglied seiner weit verzweigten Familie vor; selbst den Rollmops. Und alle waren sie drall und rund und wohlgenährt.

»Wie soll ich sie alle ernähren?« klagte der gute Wirt, wenn mir ein Bösewicht nur Falschgeld für mein gutes Fleisch in die Kasse wirft! Wir müssen alle verhungern.« Der Pfeiffer Hanns antwortete: »Nimm’ eine Schale mit Wasser und wirf’ das Geld dort hinein, das deine Kunden dir geben«.

Der Metzger brüllt

So geschah es am nächsten Morgen: Kaum hatte der erste Kunde den Metzgerladen betreten, hörten sie den feisten Wirt brüllen. Sie eilten hinzu. Der dicke, reiche Mann hatte einen Kerl am Kragen gepackt, dessen Kleider löchrig waren. Der zappelte und schrie um Hilfe.

»Da!« rief der dicke Fleischverkäufer und Wirt ihnen zu, als die beiden seinen Laden betraten – und wirklich, das vermeintliche Goldstück schwamm oben auf dem Wasser der Schale; es war falsch.

»Ich werde dich dem König übergeben!« brüllte der Metzger und schüttelte den armen Mann. »Der wirft dich seiner Schwiegermutter zum Fraß vor!«

Die Schwiegermutter des Königs musste ein arger Drachen sein, denn der Gefangene begann Herz zerreißend zu wimmern. Dazu jammerte er, wie schlecht es ihm gehe und wie viele Mäuler er zu stopfen habe. Bei den hohen Abgaben, die der König erhob.

Viele zahlen mit falschem Geld

»Außerdem«, sagte er dann und blitzte dem Metzger frech ins Gesicht, »zahlen viele hier mit falschem Geld.«

Wie vom Donner gerührt ließ der dicke Metzger den dünnen Kerl zu Boden stürzen.

»Wie? Viele?« fragte der Dicke verblüfft. Dann bekam er einen roten Kopf und brüllte, dass der Vorbeter des königlichen Tempels von seinem Türmchen fiel:

»Wie! Viele! Was heißt das, viele? Viele, wer ist das? Wenn ich sie erwische, die vielen, dann röste ich sie auf allen Feuern der Hölle! Zum Teufel mit den vielen. Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele! Ich hasse viele!« Der Metzger holte Luft, bis er immer dicker wurde, langsam vom Boden abhob und davon segelte.

Das Goldstück versinkt

»Warum beschummelt ihr den Metzger?«, fragte Pfeiffer Hanns. »Er bekommt das Fleisch billig, behält die besten Stücke und wir müssen das Fleisch teuer bezahlen. Der Metzger ist ein Halsabschneider«, erklärte der dünne Mann.

»So ist das«, sagte der fahrende Musikant. Er nahm ein Goldstück aus seinem Beutel und legte es in die Schale mit Wasser. Es versank.

»Äh«, sagte Michael, »du willst den Strolch bezahlen? Für die Übernachtung in den stinkenden Kissen, für das widerliche Essen und die fetten Töchter, die uns fortwährend angrinsten? Also wirklich.«

Heinrich schüttelte den Kopf.

»Es ist Falschgeld«, antwortete der Musikant und grinste.

»Wie, Falschgeld? Aber es ist doch gesunken?« fragte der Dünne erstaunt.

»Ich habe einen Kieselstein hinein getan«, antwortete der Fremde. Hanns und Michael setzten sich auf die Kamele und ritten davon.

 

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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