Spinnerte Geschichte – Susanne und ihr großer Schatz

Schatz

Bild: pixabay.com/Rondell Melling

Heute lernen wir Susanne kennen, die einen großen Schatz hat … doch der ist nicht von dieser Welt.

In der kleinen Stadt lebte eine junge Frau, die hieß Susanne. Ihre Eltern hatten sich in mühevoller Arbeit eine Wäscherei aufgebaut und dafür Tag und Nacht geschuftet. Susanne half ihnen gerne – für sie waren Geschäft und Eltern ihr einziger Schatz.

Dann machten die Eltern, nach vielen Jahren, ihren ersten Urlaub und fuhren mit der Eisenbahn. Das war die große Mode, weil es sie erst seit wenigen Jahren gab. Und obwohl die Eisenbahnen damals nur sehr langsam fuhren, verunglückte der Zug, in dem Susannes Eltern saßen – und die Eltern starben.

Reiches Mädchen

So erbte also Susanne die Wäscherei ihrer Eltern und arbeitete auch Tag und Nacht. Bis sie eines Tages den jungen Ritter Ferdinand von Harprecht traf, der vor Kurzem in die kleine Stadt gekommen war. Der Ritter sah schneidig aus in seiner schicken blauen Uniform und dem weißen Pferd, auf dem er saß. Doch Ritter Ferdinand von Harprecht hieß eigentlich Thomas Müller und war ein Hallodri und hatte nicht einen Knopf am Rock, der ihm gehörte – auch das Pferd war geliehen. Aber das ahnte Susanne nicht.

Und wenn Ferdinand von seinen vielen weißen Pferden erzählte, die angeblich in seinem prächtigen Schloss nicht weit von der kleinen Stadt standen, dann hörte er sich wirklich nach einer guten Partie für ein fleißiges, etwas spätes Mädchen an, wie Susanne eines war. Der Ritter Ferdinand von Harprecht versprach, Susanne zu heiraten, und Susanne war glücklich. Sie war die glücklichste Frau in der ganzen Stadt – denn niemand ging mit so einem schicken jungen Mann in Uniform. Und niemand ihrer Freundinnen würde einmal in einem schönen Schloss wohnen – nur sie. Und nur sie würde eines Tages auf schönen, weißen Pferden ausreiten.

Ein Ritter in Schwierigkeiten

Allerdings gab es bis dorthin ein paar Schwierigkeiten, wie ihr der Ritter Ferdinand von Harprecht sehr bald eröffnete – er war leider ein wenig klamm. Das Geld, sie verstehe. Es lag dummerweise bei einem unfähigen Verwalter fest – ob sie ihm nicht ein wenig und kurzfristig aushelfen könne. Das tat Susanne gerne – die Wäscherei warf genug ab, und in ihre strahlende Zukunft investierte die junge Frau mit vollen Händen. Zusammen mit seinem Vater, einem Abenteurer, war ihr Ferdinand, der Thomas Müller, um die halbe Welt gezogen und hatte wirklich viel erlebt. Wenn nur das Geld nicht wäre, das ihnen stets entscheidend fehlte.

Und so war das weiße Schlösschen in der besten Wohnlage mit dem geräumigen Park und den vielen weißen Pferden nur ein Hirngespinst – das alles gab es nicht. Die verliebte Susanne aber gab ihm gerne ihr Geld. Und der noble Ritter war sich nicht zu fein, reichlich von der jungen Frau zu nehmen. Erst gab sie es ihm in kleinen Umschlägen direkt in die Hand, ergänzt um einen Liebesbrief, später sagte Ferdinand, sie könnten sich eine Zeit lang nicht miteinander sehen lassen – der Standesunterschied, sie verstehe doch. Die Leute munkelten schon …

Susannes Schatz

Daraufhin versteckte Susanne das Geld im Wald – für ihren Schatz, den Ferdinand, sie legte es an einer verabredeten Stelle unter einem Stein. Bis eines Tages ihr Geld doch verbraucht war – und die Bank ihre verschuldete Wäscherei verkaufte. Am nächsten Tag war der Ferdinand weg. Susanne blieb nichts mehr als ein alter Kanten Brot. Sie packte ihn ein und ging in den Wald – an die Stelle, an die sie immer das Geld gelegt hatte. Dort setzte sie sich traurig auf den Stein und dachte darüber nach, wie dumm sie gewesen war.

Da kam eine alte Frau vorbei und lächelte sie an. Dann sah sie sehnsüchtig auf den Kanten Brot, den Susanne in Händen hielt. Susanne brach ihn in der Mitte entzwei und gab der Alten die eine Hälfte. Das Mütterlein dankte und aß das trockene Brot mit Heißhunger. Danach stand sie auf und schenkte Susanne zum Dank drei weiße Kieselsteine. Die junge Frau freute sich sehr über das einfache Geschenk. Auch, wenn es nichts wert war, wie sie dachte. Doch wie staunte sie, als sie in die Stadt zurückkam: Da waren die drei großen Steine aus purem Gold. Damit konnte sich Susanne ihre Wäscherei zurückkaufen und sie richtig ausbauen. Sie blieb fleißig und lebte glücklich und zufrieden in der kleinen Stadt. Nur junge Männer in blauen Uniformen auf weißen Pferden ließ sie von nun an links liegen.
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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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