Spinnerte Geschichte: Onkel Albert

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Onkel Albert hat im langen Krieg die Sprache verloren. Doch dann braucht Eva seine Hilfe …

Der lange Krieg war zu Ende, und Onkel Albert kam in die kleine Stadt zurück. Er lächelte freundlich, aber er schwieg. Vor dem Krieg hatte er als Gärtner gearbeitet, hatte die vielen Beete der Gemeinde gepflegt und gerne mit den Menschen geplaudert.

Keine Lust auf Blumen

Aber jetzt brauchte niemand mehr Blumen. Alle hatten nur im Sinn, etwas zu essen und ein wenig Brennholz zum Heizen aufzutreiben. Auf einen Plausch hielt niemand mehr inne.

Die kleine Stadt war in dem furchtbaren Krieg nicht zerstört worden. So fand Onkel Albert alles an gewohntem Platz, als er durch den Ort ging. Aber er fühlte sich hier nicht mehr zu Hause. Eher als Flüchtling aus einem anderen Leben, das nie wiederkehren würde. Etwas war in ihm zerbrochen. Albert war mager geworden, seine Augen lagen in dunklen Höhlen. Er zog ein Bein nach beim Gehen. All sein Hab und Gut hatte er in seinem Soldatentornister auf dem Rücken. Seine Uniform war zerrissen. Onkel Albert, den die Kinder der kleinen Stadt so genannt hatten, weil er immer Zeit für sie fand und ihnen Geschichten erzählt hatte, ging schweigsam und grußlos durch die Stadt. Er traf sowieso niemanden, den er kannte. Wie ein Flüchtling. Am Ende der Stadt ging Onkel Albert die steile Steige in den Wald hinauf und verschwand.

Die Menschen vergaßen Albert

Er ließ sich lange nicht mehr blicken. Die Menschen in der kleinen Stadt  vergaßen ihn. Bis Albert eines Tages mit einer selbst gebauten, primitiven Ladekutsche, gezogen von einem Esel, in die Stadt hinunter rumpelte. Er hatte eine Glocke dabei, die er ab und zu läutete. Er verkaufte Kohlen, die er selbst gebrannt hatte. Er hatte im Wald einen alten Köhler getroffen, der seiner Arbeit müde war und raus aus dem Wald wollte, raus ans Licht für seine letzten Jahre. Der hatte ihm in vielen Wochen und Monaten im Wald das Handwerk des Köhlers beigebracht.

Gute Kohlen im kalten Winter

Die Leute freuten sich, in diesem kalten Winter gute Kohlen zu bekommen – und nicht nur feuchtes Holz zum Heizen. Onkel Albert verkaufte die Ladung auf seinem Leiterwagen lächelnd und zu einem guten Preis. Doch er sprach kein Wort.

Auch, wenn ihn ein junger Mensch begrüßte, dem er früher Geschichten erzählt hatte. Onkel Albert nickte freundlich und huldvoll, sagte aber nichts. Bald dachten die Menschen, Onkel Albert sei im Krieg wohl ein wenig seltsam geworden.

Aber nicht sein Verstand hatte gelitten, sondern sein Gemüt. Deshalb hatte er seine Sprache verloren. Er fand keine Worte mehr für das Grauen, das er erlebt hatte.

Der seltsame Köhler

So kauften die Leute dem seltsamen Köhler zwar seine Kohlen ab, mieden aber den Umgang mit ihm.

Nur die kleine Eva begleitete ihn auf seinem Weg durch den kleinen Ort. Das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen und der Arbeitsschürze erwartete ihn jeden Freitag um 14 Uhr am äußeren Tor. Wenn Onkel Albert mit dem Wägelchen durch die Stadt ging, begleitete sie ihn.

Sie half den alten Leuten, die  Kohlen gekauft hatten und schleppte die schweren Körbe in deren Häuser. Von vielen bekam sie etwas geschenkt dafür. Einen Apfel, eine Handvoll Nüsse, selten einmal einen Groschen. Aber von Onkel Albert bekam sie am Schluss immer ein Säcklein mit Kohlen geschenkt, das ihrer sparsamen Mutter reichte, das Häuschen eine Woche lang zu heizen. Evas Eltern waren bitter arme Leute.

Kohlen für Evas Mutter

Blieb einmal ein wenig Kohle in der Kutsche liegen, fuhr Onkel Albert Eva zu ihrem Häuschen und lud die Kohlen in den Keller ihrer Mutter.

Aber eines Freitags, an Heiligabend, stand Eva nicht am äußeren Stadttor. An diesem Tag war es bitterkalt und es schneite. Onkel Albert trug seine Kohlen aus, schleppte selbst die Einkäufe der Kunden in deren Keller und besuchte dann Eva in ihrem Haus. »Sie ist sehr krank«, sagte ihre Mutter traurig. »Der Arzt sagt, er kann ihr nicht helfen. Er würde mir sogar die Medizin schenken, weil ich sie nicht bezahlen kann. Aber sie ist knapp, er bekommt sie selbst nicht. Und ohne die Medizin muss Eva sterben.«

Dann weinte Evas Mutter bitterlich, gab aber die Türe frei, damit Onkel Albert ins Haus treten konnte. Eva lag in ihrem kleinen Zimmer im Bett. Ihr Gesicht war fahl und eingefallen, sie hatte die Augen geschlossen. Die Bettdecke auf ihrer Brust hob und senkte sich ganz sacht, Eva atmete sehr flach, es rasselte. Doch als Onkel Albert sich an ihr Bett setzte, schlug das Mädchen die Augen auf und versuchte zu lächeln. »Onkel Albert, erzähl mir eine Geschichte«, sagte es mit leiser Stimme.

Onkel Albert erzählte

Onkel Albert zögerte kurz, doch dann begann er leise zu erzählen. Am Anfang war seine Stimme ganz kratzig, so eingerostet war sie, doch bald gewann sie an Kraft. Der Kohlenhändler erzählte die Geschichte von einem kleinen, kranken Mädchen, das eine Zaubergeschichte erzählt bekam – und so wieder gesund wurde. Ganz ohne Medizin. Und bald war Frühling, und das Mädchen sprang wieder auf den Wiesen herum und freute sich über die Sonne und die Blumen und die Bienen. Eva lächelte.

»Eine schöne Geschichte«, sagte sie leise. »Da will ich auch wieder gesund werden. Nach deiner Zaubergeschichte.« Und sie schlief ein.

Eva wird gesund

Am anderen Tag kam Onkel Albert wieder aus dem Wald und jeden Tag bis Freitag. Und erzählte immer eine Zaubergeschichte. Und er brachte ihr Waldhonig mit, den er im Sommer gesammelt hatte. Jeden Tag war Eva ein wenig gesünder. Und eine Woche nach Heiligabend war Eva wieder ganz gesund. Es war Freitag, und sie half Onkel Albert wieder beim Kohle verkaufen. Und immer erzählte Onkel Albert Geschichten dabei. Bald kamen alle Kinder zusammengelaufen und hörten sich die Geschichten an. Es war wieder so wie vor dem langen Krieg. Denn auch Onkel Alberts Herz war gesund geworden – weil er Eva mit seinen Zaubergeschichten das Leben gerettet hatte. Seine Geschichten waren stärker als der Tod. Und die Gräuel des Krieges. Und ein Flüchtling war Onkel Albert nun auch nicht mehr, er war wieder in der kleinen Stadt angekommen.

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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