Spinnerte Geschichte: Lukas, der Fiedler

In der kleinen Stadt lebte ein Musiker mit Namen Lukas, der Fiedler. Der spielte bei vielen Gelegenheiten: lustige Töne bei Hochzeiten, traurige bei Beerdigungen – davon lebte er ganz gut. Doch plötzlich kam die Pest. Mitten im schönsten August wurden die Menschen krank und starben. Der König riegelte die Stadt ab und ließ niemanden mehr heraus – die Menschen waren gefangen und verzweifelt.

Tod eines Kaufmanns

Der Kaufmann Silberling starb als Erster. Am 13. August sollte er  40 Jahre alt werden und hatte schon Lukas, den Fiedler, für seine Feier engagiert. Doch als Lukas am 13. August zur verabredeten Zeit zum Haus des Kaufmanns kam, waren Türen und Fenster verrammelt. Zwei königliche Wachposten standen vor der Türe und ließen niemanden mehr hinein. Und statt lustigem Lachen und Geschirrgeklapper hörte Lukas, der Fiedler, herzzerreißendes Weinen. Der Kaufmann Silberling war am Vorabend seines 40. Geburtstags an der Pest gestorben.

Pülverchen gegen die Pest

Scharlatane boten teure Pülverchen gegen die tödliche Krankheit an, Astrologen deuteten jedem einzelnen für säckeweise Gold, Silber und Schmuck die persönliche Zukunft. Und auf einmal gingen die Leute der kleinen Stadt wieder eifrig in die Kirche und beteten – aber der liebe Gott hatte seine eigenen Pläne, die Pest ging ungebremst um. Viele starben.

Die Reichen flohen

Wer Geld hatte, bestach die Wächter auf den Mauern, an den Toren und um die kleine Stadt herum und schlüpfte durch die Absperrung. So kam die Pest ins ganze Land.
Lukas, der Fiedler, ließ sich aber das Leben nicht verdrießen. Er und seine Freunde trafen sich jeden Tag und machten Musik. „Was hilft es, traurig zu sein?“ sagte er immer, wenn die Leute der kleinen Stadt ihn fragten, ob er keine Angst vor der Pest habe. „Wenn der liebe Gott uns ins Himmelreich holt, dann holt er uns“, sagte er. Freuen wir uns doch über jeden Tag, an dem wir leben dürfen.“

Musizieren am Fluss

Die Freunde setzten sich ans Ufer des Flusses, der durch die kleine Stadt floss und musizierten. Und es kamen immer mehr Menschen, die Musik machten oder ihr nur lauschten, die tanzten, aßen und tranken und die miteinander ihre Freude, aber auch ihre Sorgen und Nöte teilten.
Das Seltsamste war: Aus dieser Gruppe starben nur wenige. Viel mehr aber von denen, die sich in ihren Häusern vor dem schwarzen Tod verstecken wollten.
So schnell, wie die Pest gekommen war, verschwand sie ein paar Wochen später. Die Menschen öffneten zaghaft ihre Häuser, die Kirchen leerten sich wieder, die Scharlatane mit ihren Pülverchen und die Astrologen mit ihren Sterndeutereien zogen weiter in die nächste bedrohte Stadt.

Anklage gegen Lukas

Zwei Tage später kamen Soldaten zur Holzhütte von Lukas, dem Fiedler – der Königliche Statthalter hatte Anklage gegen den Musiker erhoben. Er stehe mit dem Teufel im Bunde und habe in seinen Treffen am Ufer des Flusses die Pest erst heraufbeschworen. Das war zwar gelogen, aber mancher der einflussreichen Leute in der kleinen Stadt behauptete das. Denn wie kam es, fragten einflussreiche Leute, dass Lukas und seine Freunde von der Pest verschont blieben – und so viele von den anderen Bürgern starben? Der Königliche Statthalter wollte der Sache nachgehen und den Fiedler erst mal in den Kerker werfen und ihn dann streng befragen lassen.

Lukas haut ab

Doch Lukas, der Fiedler, darauf keine Lust. Er hatte von der geplanten Verhaftung Wind bekommen und war in der Nacht zuvor auf seinem Esel heimlich aus der Stadt geritten. Der König hatte einen Tag zuvor die Wachen wieder abziehen lassen. Das ist wohl etwas schief gelaufen. Pech für den König. Und so brauchte Lukas, der Fiedler, nicht einmal Geld oder Goldmünzen, um seine Freiheit zu erkaufen. Er musizierte bald glücklich und zufrieden in einer anderen Stadt – wo man ihn mehr schätzte als die kleine.
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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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