Spinnerte Geschichte: Ein ganz gefährlicher Zauber

Bild: pixabay.com/Kayla Schroeder

Etienne Vogelsand legt sich mit Mecklenburg an. Das hätte sie besser bleiben lassen, denn Mecklenburg ist ein mächtiger Zauberer.

Drei Tage, ehe die Hexe Siebenwurz nach Indien aufbrach, um die Einladung des indischen Prinzen Harappa und seines Zauberers anzunehmen, bekam sie selbst Besuch. Es klingelte an der Haustür, und als die Hexe Siebenwurz aufmachte, stand Etienne Vogelsand vor der Tür, eine Großnichte achten Grades.

Das passte der Hexe Siebenwurz gar nicht, denn sie hatte noch viel zu tun. Am liebsten hätte sie die kleine Hexe wieder nach Hause geschickt – aber Hexen sind gastfreundliche Leute, also bat sie das Hexlein in ihre Hütte. Etienne Vogelsand erzählt ihr atemlos von der Hexenschule, die sie besuchte und davon, dass sie schon ganz toll zaubern könne. Sie wollte es vor lauter Begeisterung ihrer berühmten Verwandten sofort zeigen und schaute sich in der kleinen Hütte der Hexe Siebenwurz um. Sie wollte sehen, was es hier zu zaubern gab.

Leichtsinniger Zauber

Da sah sie den Zauberfisch Mecklenburg, der friedlich in seinem Käfig auf der Stange saß und schlief, den Kopf unter seiner linken Kiemenflosse. Genau den suchte sich das Hexlein Vogelsand aus, um ihre Zauberkunst zu zeigen. Das war dumm. Denn erstens zaubert man sowieso nicht, wenn man es noch nicht so gut kann (und sich das nur einbildet). Zweitens zaubert man schon gar nicht in der Hütte einer berühmten Hexe, ohne dazu eingeladen zu sein – weil da nämlich allerhand Zauber in der Luft liegt und man nie so genau weiß, worauf der eigene Zauber am Ende trifft und welche Wirkung das entfaltet.

Und drittens war es eine höchst dämliche Idee, ausgerechnet dem Zauberfisch Mecklenburg einen Zauber auf die Schuppen zu brennen – denn der war eigentlich kein normaler Fisch, sondern ein mächtiger Zauberer, der sich in der Gestalt eines Fisches am wohlsten fühlte. Welcher Fisch sitzt schon auf einer Stange im Vogelkäfig? Eben.

Der große Zauberer wollte viel lernen

Dem Zauberfisch gefiel es bei seiner Freundin, der Hexe Siebenwurz, ausgesprochen gut. Für ihn war sie die größte Zauberin aller Zeiten und er wollte noch eine Menge Tricks von ihr lernen. Aber er selbst war auch nicht schlecht, wie wir gleich sehen werden. All das wusste das kleine Hexlein Vogelsand nicht, als sie so leichtsinnig in der Hütte ihrer Großtante achten Grades zauberte. Sie hob den Zauberstab, ehe die Hexe Siebenwurz noch eingreifen konnte und murmelte: »Abra Ben Nemsi.«

Das war ein durchaus korrekter Zauberspruch und hätte dazu geführt, einen Papagei in eine Perserkatze mit Hasen-Schlappohren zu verwandeln. Nun war aber der Zauberfisch Mecklenburg kein Papagei, sondern höchstens ein Fisch. Und eigentlich auch kein Fisch, sondern in Wirklichkeit ein mächtiger Zauberer mit ganz unwahrscheinlichen Reflexen. Jeder Zauberer schützt sich für gewöhnlich mit einem Zauber, den er als Schutz um sich zieht: mindestens, wenn er schläft.

Tolle Reaktionen

Der Zauber sitzt fest wie eine zweite Haut und verhindert, dass der Zauberer von einem bösen Zauber überrumpelt wird und Schaden nimmt. Der Zauber schützt ihn für einen Moment oder zwei, bis der Zauberer wach genug ist, um sich zu verteidigen. Nicht so Mecklenburg: Der Zauberer war stolz auf seinen tollen Reaktionen und wohl auch ein wenig eitel. Er verzichtete auf jeden Schutzzauber – sehr zum Missfallen seiner Freundin, der Hexe Siebenwurz, die immer mit ihm schimpfte.

Es war aber vollkommen unnötig. Der Zauberfisch Mecklenburg hatte wirklich tolle Reflexe. Er spürte im Schlaf die Gefahr und lenkte den Zauber des Hexleins im Erwachen an die Wand hinter sich. Von dort zischte der Zauber an die Decke und wieder zurück zu Etienne Vogelsand. Es gab einen lauten Knall und einen Lichtblitz, schwefelgelber Rauch stieg auf.

Aus dem Schlaf gerissen

Als er sich verzogen hatte, sah man das kleine Hexlein Vogelsand: Es hatte den Kopf eines Nashorns auf. Der Zauber hatte nicht nur seine Richtung geändert, sondern auch seine Kraft. »Du Rhinozeros!«, rief die Hexe Siebenwurz, »was machst du da?« Doch dann musste sie herzlich lachen und in ihr Gemecker stimmte der Zauberfisch Mecklenburg ein, der sich von seinem Schrecken erholt hatte, so jäh aus dem Schlaf gerissen zu werden.

»Hübsch«, sagte die Hexe Siebenwurz, die beschlossen hatte, das Hexlein für ihren Übermut ein wenig zu bestrafen. Sie hätte es zwar sofort von ihrem Nashornkopf befreien können, sagte aber nur trocken: »Liebes Kind, dich hat ein Zauber der Kategorie X 1 9 im Fledermausregister getroffen. Den Gegenzauber findest du im blauen Teil.« Damit ließen die beiden das Hexlein in ihre Schule zurückgehen. Ihre Mitschüler lachten sie arg aus, bis sie ihren seltsamen Kopf wieder los war. Aber von dem Tag an lernte die kleine Hexe Etienne Vogelsand wie besessen und wurde schließlich die beste Zaubereilehrerin weit und breit. Sie lehrte ihre Schüler, vor allem sehr vorsichtig mit dem Zaubern zu sein – denn man kann nie wissen, ob ein mächtiger Zauberer in der Nähe ist und wie der sich tarnt …

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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